Högschd verantwortungslos!

Mein Maserati fährt 210,
schwupp,  die Polizei hat’s nicht geseh’n.
Das macht Spaß!
Ich geb‘ Gas, ich geb‘ Gas!
. . . Will nicht spar’n,
will nicht vernünftig sein,
tank‘ nur das gute Super rein.
Ich mach‘ Spaß!
Ich geb‘ Gas, ich geb‘ Gas!
. . . Ich schubs die Enten aus dem Verkehr,
ich jag‘ die Opels vor mir her.
Ich mach‘ Spaß! Ich mach‘ Spaß,
ich mach‘ Spaß!
Oliver Bierhoff, der Teammanager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, fand das alles offenbar eher lustig. Der Bundestrainer, versuchte er zu beschwichtigen, sei ja schließlich kein Raser. Und überhaupt werde man demnächst darauf achten, dass Joachim Löw nur noch Dienstwagen mit Tempomat fahre.
Selten so gelacht!
Löw selbst stellte sich den Fragen der Journalisten lieber nicht. Auf die Berichterstattung darüber, dass er wegen wiederholten Überschreitens von Geschwindigkeitsbegrenzungen und Handytelefonierens am Steuer für sechs Monate den Führerschein abgeben und sich irgendwann nach der WM einem „Idiotentest“ stellen muss, ließ er lediglich verlauten: „Ich habe meine Lektion gelernt und werde mein Fahrverhalten ändern.“
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Widerspruch, Herr Bierhoff! Und mindestens mal ernsthafte Zweifel, Herr Löw!
Denn erstens: Wer den Führerschein – übrigens zum zweiten Mal nach 2006 – verliert, weil er im Laufe der Zeit sage und schreibe 18 (in Worten: ACHTZEHN!!!) Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei angesammelt hat, der ist sehr wohl ein Raser und Verkehrsrowdy. Und zwar ein notorischer.
Und bevor die Bibelfesten jetzt mit dem obligatiorischen „Wer noch nie . . ., der werfe den ersten Stein“ kontern, sei gesagt: Na klar, jeder von uns ist schon einmal zu schnell gefahren. Auch ich habe ein paar Schwarz-Weiß-Fotos von mir, auf denen ich doof gucke, weil vorher niemand „Cheeeeeese!“ oder „Spagheeeeetiiiiie! gerufen hat. Aber in den 27 Jahren, die ich nunmehr Auto fahre, habe ich es auf EINEN Punkt in Flensburg gebracht. Nicht auf ACHTZEHN! Um diese Punktzahl zu erreichen, muss man in der Fußball-Bundesliga nur sechs Spiele gewinnen – im Straßenverkehr hingegen sehr häufig gegen die Regeln verstoßen. Löw scheint es also egal zu sein, dass er nicht nur sich selbst, sondern auch andere durch sein högschd verantwortungsloses Verhaltenin Lebensgefahr bringt. Gerade das Handytelefonieren ist inzwischen eine der häufigsten Unfallursachen – und mehr noch: Es ist häufig Ursache für besonders schwerwiegende Unfälle. Das Land Niedersachsen fährt genau deshalb gerade eine groß angelegte Aufklärungskampagne.
Und zweitens: Dass Löw seine Lektion gelernt hat, muss man ihm vorerst nicht glauben. Er hat sie ja auch nach dem ersten Führerscheinentzug (damals behauptete er noch: Jürgen Klinsmann habe ihn zur Eile getrieben!) nicht gelernt. Er hat sie nach den ersten Punkten auf seinem Flensburg-Konto nicht gelernt. Und nicht nach den nächsten Punkten. Auch noch nicht nach den übernächsten. Erst jetzt, da die Fleppe weg und die Angelegenheit an die Öffentlichkeit geraten ist, gibt er sich kleinlaut.
Konsequenzen muss Joachim Löw offensichtlich nicht befürchten. Niemand fordert seinen Rücktritt. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach liest ihm nicht die Leviten. Jedenfalls nicht öffentlich. Nur zur Erinnerung: Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, musste seinerzeit unter dem Druck der Öffentlichkeit von allen Ämtern zurücktreten, als sie mit 1,54 Promille Alkohol im Blut hinter dem Steuer erwischt wurde. Nun kann man mit Recht sagen: Alkohol am Steuer – das ist noch einmal eine ganz andere Qualität! Aber ist wiederholte Raserei so viel weniger schlimm?
Letztlich geht es in solchen Diskussionen über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens immer um zweierlei: die Vorbildfunktion und die Glaubwürdigkeit. Als Vorbild taugt Löw, dem man ja manchmal ein paar Ecken und Kanten in seinem aalglatten Auftreten wünschen würde (aber doch nicht solche!), nur noch bedingt. Und glaubwürdiger ist er auch nicht unbedingt geworden, wenn er zum Beispiel Max Kruse erklärt, dass Frauenbesuch auf dem Zimmer eines Nationalmannschafts-Hotels unerwünscht ist. Oder wenn er Kevin Großkreutz (übrigens mit Recht) maßregelt, weil der im besoffenen Kopf eine Hotellobby mit dem stillen Örtchen verwechselt hat.
Konsequenzen muss Löw nicht fürchten? – Vielleicht doch. Denn die Führerschein-Nummer hat sein Standing und seine Autorität geschwächt. Löw-Gegner, die sich ob der starken Position des Bundestrainers bisher allenfalls halbherzig aus dem Gebüsch getraut haben, werden künftig mutiger agieren. Und auch wenn das Eine mit dem Anderen letztlich nichts zu tun hat: Sollte es bei der WM nicht so laufen wie erhofft, wird seine üppige Punktausbeute Löw noch in Abstiegsgefahr bringen. Und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.
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Der Unaussprechliche – oder: Warum Dortmunds „Florian“-Turm einen neuen Namen braucht

F- L-O-R-I-A-N

Herkunft: von lateinisch florus (blühend / glänzend / prächtig) bzw. florere (blühen / mächtig sein / prangen / schimmern / glänzen)

Bedeutung: „der Blühende“, „der Prächtige“, „der Mächtige“, „der Glänzende“

Verbreitung: Der Name Florian ist traditionell in Bayern (!!!) und Oberösterreich weit verbreitet.

Er wurde 1959, also kurz nach Schalkes letzter Meisterschaft, erbaut. Zur Bundesgartenschau im Westfalenpark. Er ragt 208,56 Meter hoch in den Himmel und ist damit nicht nur Dortmunds höchstes Bauwerk, sondern auch eines der Wahrzeichen der Stadt. Majestätisch thront er über dem Westfalenpark, und sein langer Schatten scheint auch die Westfalenhalle und das Westfalenstadion schützen zu wollen. Deshalb haben die Dortmunder ihren Fernsehturm lieb. Ganz gleich, aus welcher Himmelsrichtung sie auf ihre Stadt zu fahren, signalisiert er ihnen: zu Hause! Heimat! #wiederhier

FlorianSeit dem vergangenen Samstag allerdings hat Dortmund mit seinem Turm ein ernsthaftes Problem. Denn der Turm heißt „Florian“. Wie Florian Silbereisen – was zweifellos schlimm genug wäre. Vor allem aber wie Florian Meyer. Jener Schiedsrichter, der dem ruhmreichen BVB im Pokalfinale gegen Buyern München die Anerkennung des glasklaren Führungs- und mutmaßlichen Siegtreffers durch Mats Hummels verweigerte, weil er und sein Linienrichter als einzige unter fast 80.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion nicht gesehen hatten, dass der Ball sowas von hinter der Linie war. Jener Schiedsrichter, der dem BVB kurz darauf nach Foul von Rafinha an Lukasz Piszczek einen klaren Elfmeter verweigert hat – eine Szene, die übrigens allein der „Kicker“ gesehen zu haben scheint. http://37.media.tumblr.com/3b93813e4785d54edfe937ae302eeb78/tumblr_n5smlpcuwj1qbiykfo1_500.gif

Flo-ri-an! So kann ab sofort natürlich kein Dortmunder Wahrzeichen mehr heißen. Denn ganz gleich, aus welcher Himmelsrichtung man neuerdings auf die Stadt zu fährt, erinnert der Turm zwangsläufig an den geklauten Pott. Gerade Berufspendlern, die – Urlaub und Wochenenden abgezogen – an rund 250 Tagen zweimal täglich, also 500-mal im Jahr, über die A40 am Turm vorbei fahren, ist das unter psychologischen Aspekten nicht zuzumuten. Da hilft es auch wenig, dass – je nach Fahrtrichtung – kurz vor oder kurz nach dem „Florian“ die Pylone des Westfalenstadions strahlend gelb leuchten.

Es führt kein Weg daran vorbei: Der Fernsehturm braucht einen neuen Namen. Nur welchen? – Einige scheiden kategorisch aus: Felix (Brych), Deniz (Aytekin), Peter (Gagelmann), Manuel (Gräfe) und Knut (Kircher) etwa. Zu groß wäre das Risiko, dass der Betonspargel nach einem Fehlpfiff eines dieser Referees in wenigen Monaten schon wieder umbenannt werden müsste und so eine allmähliche Entfremdung der Bürger von ihrem Wahrzeichen eintreten könnte.

Vielleicht sollte man sicherheitshalber auf einen Frauennamen ausweichen. Da geht bis auf Bibiana (Steinhaus) eigentlich alles. „Kloppo“ ginge sowieso. Vielleicht lässt sich aber auch ein treffender Kunstnamen kreieren. Sowas wie Schiriwirwissenwodeinautosteht-Turm.

Oder, ein ernsthaft zu prüfender Vorschlag meines geschätzten facebook-Freundes Lutz Könnecke: Man bleibt bei „Florian“, streicht den Turm aber gelb an und malt drei schwarze Punkte darauf . . .

A40 – rollst du noch oder stehst du schon? (Versuch einer literarischen Annäherung)

Wer jemals mit dem Berufsverkehr auf der A40 zwischen Dortmund und Duisburg oder zwischen Duisburg und Dortmund unterwegs war, wird sich in diesem Versuch einer literarischen Annäherung an das Thema möglicherweise wiederfinden.

(. . .)

Manchmal träumte er diesen grotesk-skurillen Albtraum, an dessen Beginn er sich im stockfinsteren, warmweichklebrigstinkenden Darm eines viel zu fetten Mannes mittleren Alters befand. Ein wabbelnder, schweißtriefender Berg von gigantischen Ausmaßen, ein glibberiges Monstrum aus 250 Kilogramm Fleisch und Speck und Knochen. Aufgedunsen über Jahre und Jahrzehnte, in denen er Unmengen von Burgern und Fischstäbchen, Pommes Frites mit Mayonnaise, Buttercreme- und Sahnetorte, Pizza, Paprikachips, Mettwürstchen, Gummibärchen, Windbeutel, Schokolade, Schmelzkäse, Vanilleeis und Kekse mit Hektolitern von Cola, Milchshakes und Bier die Speiseröhre hinunter in den Magen gespült hatte, von wo aus sich das mörderische Gemisch auf den acht Meter langen Weg durch Dünndarm und Dickdarm machte, dessen Verdauungsfähigkeiten hoffnungslos überforderte, was anfangs lediglich schreckliche Blähungen, später schmerzhafte Verstopfungen und schließlich einen Verschluss verursachte.

Weil der Koloss dennoch weiter stopfte und presste und hinein kippte, was hinein passte, platzte der Darm irgendwann mit großem Getöse und brachialer Gewalt auseinander. Er wurde vom Druck der unverdaulichen Masse und der leicht entzündbaren Gase nachgerade zerfetzt. Und genau so, wie sich der ekelhafte, nach Tod und Verwesung stinkende Brei aus Halbverdautem und Kot im gesamten Bauchraum verteilte und die Vitalfunktionen des Mannes ausknipste; genau so breitete sich in seinem Traum der Stau auf der A40 aus und legte den Verkehr in ganz Nordrhein-Westfalen lahm. 

Es begann mit einem harmlosen Auffahrunfall im Kreuz Bochum. Verursacht durch Laub auf regennasser Fahrbahn in Tateinheit mit einer WhatsApp-Nachricht auf viel zu kleinem Displey. Keine große Sache eigentlich, blöderweise aber im freitäglichen Feierabendverkehr, in dem sich grundsätzlich viel zu viele Fahrzeuge auf viel zu wenig Straße bewegten. Wenn sie sich denn bewegten. Wahrscheinlich wäre alles gewohnt glimpflich abgelaufen, hätte nicht wenige Minuten nach dem ersten Crash in Gegenrichtung ein Lkw die Mittelleitplanke durchbrochen – übrigens nur deshalb, weil der Fahrer unbedingt hatte gaffen müssen.

Binnen Minuten staute sich der Verkehr auf dem Ruhrschnellweg auf mehreren Kilometern Länge, während von Venlo/Duisburg/Essen im Westen und Dortmund im Osten weiterhin tausende und abertausende Pkw und Lkw auf die Unfallstelle zu fuhren. Noch während der Verkehrsdienst des Westdeutschen Rundfunks im Anschluss an die 17-Uhr-Nachrichten eindringlich empfahl, die Unfallstelle über die A42 oder – besser noch – die A2 weiträumig zu umfahren, waren auch die verstopft. Ebenso die in Nord-Süd-Richtung verlaufende A43, die diese drei Schnellstraßen miteinander verband. In Richtung Osten wuchs der Stau bis zur A44 an, pflanzte sich über die Abbiegespur auf die A1 fort und legte um 17.48 Uhr das Kamener Kreuz still – die Folge: Stop-and-Go auf der A2 bis Bielefeld und im weiteren Verlauf des Abends bis Hannover. Im Westen breitete sich das Chaos über A52 und A1 bis nach Düsseldorf und schließlich über die A57 und A3 bis nach Köln aus. Um kurz nach 19 Uhr meldete der WDR für das Sendegebiet Staus in einer Gesamtlänge von mehr als 540 Kilometern. Der Verkehr in NRW war komplett zum Erliegen gekommen.

 Nun lösen sich solche Staus, so ärgerlich sie auch sein mögen, gemeinhin nach einiger Zeit wieder auf. Manchmal geht das schnell, manchmal dauert es Stunden. Was diesen Stau von allen Staus vor ihm unterschied und den Traum zum schrecklichsten Alptraum aller Zeiten machte, war: Dieser Stau blieb ein Stau. Wer einmal hinein geraten war, blieb sein Gefangener.

 Als Erste tauchten nach einigen Stunden freiwillige Helfer des Deutschen Roten Kreuzes auf. Sie reichten heißen Tee und warme Decken, schließlich war Herbst und die Nächte wurden bereits empfindlich kühl. Am nächsten Morgen kamen die Helfer erneut. Mit Toast und Marmelade; mittags schoben ehrenamtliche Kräfte des Technischen Hilfswerks Gulaschkanonen zwischen den Fahrzeugreihen hindurch, aus denen sie Erbsensuppe in Plastiktellern austeilten. Inzwischen hatten sich die Stau-Gefangenen untereinander bekannt gemacht … (wird fortgesetzt oder nicht) …

09 Gründe dafür, dass der BVB den Pott gewinnt

Gestern Jogis WM-Nominierung. Morgen noch ein letzter Bundesliga-Spieltag. Doch spätestens ab 17.20 Uhr am Samstag reden alle nur noch vom Pokalfinale. Dabei wird es viel um die aktuelle Form gehen und um individuelle Klasse. Um Aufstellung und Taktik. Alles Quatsch. In Wahrheit gibt es 1909 Gründe dafür, dass Borussia Dortmund den Pott zurück in den Pott holt – die neun wichtigsten stehen hier:

01

MARIA HÖFL-RIESCH

Als Borussia Dortmund 2012 im DFB-Pokal-Finale auf den FC Buyern München traf, trug Magdalena Neuner im güldenen Gewand den Pokal ins Olympiastadion. Eine Ex-Wintersportlerin also, die gerade ihren Rücktritt vom aktiven Sport vollzogen hatte und obendrein Fan der Münchner ist. Der BVB triumphierte mit 5:2. Wenn die Dortmunder am 17. Mai 2014 erneut auf den FC Buyern treffen, trägt Maria Höfl-Riesch den Pott ins Stadion. Eine Ex-Wintersportlerin, die gerade ihren Rücktritt vollzogen hat und Bayern-Fan ist. Noch Fragen . . .?

02

MOMENTUM, das

Keine Ahnung, wer den Begriff im zeitgenössischen Sport-Sprech eingeführt hat. Fakt ist: Seit einigen Monaten ist ein sportjournalistischer Beitrag, ganz gleich ob 30 Sekunden kurz oder 10 Seiten lang, in dem nicht mindestens fünfmal „das Momentum“ auftaucht, kein sportjournalistischer Beitrag mehr. „XY hat das Momentum auf seiner Seite“ ist schon jetzt die Un-Floskel des Jahres 2014. Sie löst als solche die Phrase „XY hat einen Lauf“ ab – und meint im Grunde genau dasselbe. Weshalb mit Blick auf das Pokalfinale klar ist: Das Momentum, als der Lauf spricht für Borussia Dortmund. Der BVB gewann unlängst 3:0 in München. Er verlor auch nicht 0:4, sondern gewann 2:0 gegen Madrid. Er ist schlicht besser drauf.

03

PEP, der

Gewiss, die Buyern haben den freundlichen, gut gekleideten, eloquenten Herrn Pep. Mehr Pep aber hat der BVB. Das liegt nicht zuletzt am peppigen Herrn Klopp, dessen Pressing-Fußball Spektakel und Drama garantiert, während die Buyern mit Peps Tiki-Taka nicht mehr den Gegner, sondern zunehmend sich selbst einlullen.

03+1

KLOPPS GARTEN

Vor vielen, vielen Monden, in der Bundesliga zeichnete sich gerade vorsichtig ab, dass es mit der nächsten schwarzgelben Meisterschaft wohl nichts werden würde, ist Jürgen Klopp auf kritische Fragen hin mal eben kurz aus der Haut gefahren. Wenn der BVB am Saisonende Vizemeister sei und sich niemand mit ihm darüber freuen würde, miete er sich eben einen Truck und fahre damit alleine durch den eigenen Garten.

Vermutlich hat der BVB-Trainer diese Idee nicht ganz bis zu Ende gedacht. Andernfalls hätte ihm schon damals geschwant, dass Frau Klopp einigermaßen missmutig reagieren könnte, wenn der Herr Gemahl mit dem Lkw vorweg und 100.000 BVB-Fans im Gefolge die Blumen- und Kräuterbeete in eine Schlammwüste verwandelt. Womöglich käme zufällig auch noch ein vierter Offizieller (in Polizeiuniform) vorbei, der den „Klopper“ (Klopp+Trucker) zwar nicht auf die Tribüne, dafür aber in eine Zelle schickt.

Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist: Der Pokalsieg – und tags darauf ein echter Jubelkorso durch die Dortmunder Innenstadt. Da kannste eh nix mehr kaputt machen.

05

DIE WM

Der Bundes-Jogi gilt ja nicht unbedingt als Freund von Borussia Dortmund. Zu Unrecht, wie er bei der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders bewiesen hat. Neben Mats Hummels und Marco Reus gehören mit Roman Weidenfeller, Kevin Großkreutz, Marcel Schmelzer und Erik Durm vier BVB-Profis zum Aufgebot, die damit nicht unbedingt rechnen mussten. Und die sich jetzt natürlich wie Bolle auf den fremdfinanzierten Strandurlaub freuen. Eine zusätzliche Motivationsspritze vor dem Pokalfinale, die der FC Buyern nicht hat. Dessen Kicker waren ohnehin alle für Brasilien gesetzt. Dass sie nach der Finalniederlage wie schon 2012 bei der EM den Sommer mit einer Horde übermütiger Dortmunder verbringen müssen, wird ihnen eher die Laune verhageln.

06

DER DÖNER

Kevin Großkreutz kann bekanntlich jede Position spielen. Nicht bekannt war bis vor wenigen Tagen, dass er neben dem Fußball eine weitere Disziplin für sich entdeckt hat: den Döner-Weit- und Zielwurf. Für das Pokalfinale eröffnet das neue Perspektiven. Sollte beim BVB wider Erwarten nicht viel zusammenlaufen oder gar Buyerns frustrierter Franzose meinen, er müsse mal wieder Ellenbogen-Checks oder Ohrfeigen verteilen, wird KG19 seine Geheimwaffe ziehen: den Döne, mit alles, auch scharf.

07

50.000 BORUSSEN AN DER SPREE

„Wir machen Berlin schwarzgelb!“ – So lautete 2012 das Motto für das Pokalwochenende. Und wie wir Berlin schwarzgelb gemacht haben!!! 30.000 Dortmunder im Stadion, 15.000 beim Public Viewing in der Waldbühne, Tausende mehr vor Fernsehern über die ganze Stadt verteilt. Der Breitscheidplatz heißt im Untertitel längst „Borsigplatz II“ und die Gedächtniskirche „Nobby-Dickel-Gedächtniskirche“. Das Motto diesmal ist etwas moderner. In Zeiten, da Fußball nicht mehr nur gespielt, sondern auch gezwitschert wird, heißt es #wiederhier. Die Buyern haben Gerüchten zufolge auch schon ein Motto, das aber erst am späteren Abend des 17. Mai bekannt gegeben werden soll: #nixwiewechhier

08

HERR H.

Eigentlich war Uli H. ja der Erste, der für den Finaltag einen Sitzplatz sicher hatte – in der Justizvollzugsanstalt Landsberg. Nun aber sitzt er noch immer nicht ein, sondern weiter bei den Buyern rum. Vielleicht, damit er das Pokalfinale noch als Libero (freier Mann)erleben kann. Womöglich sogar vor Ort in Berlin. Das würde darauf schließen lassen, dass diejenigen, die über den Einfahrtermin von Uli H. befinden, einen gewissen Hang zum Sadismus ausleben. Schließlich ließen sie ihn schon das surreale 0:4 gegen sehr reale Madrider in Freiheit genießen. Anderseits könnte eine weitere Live-Klatsche im deutschen Cup-Finale auch zur Folge haben, dass in der Justiz jemand auf die Idee kommt, Hoeneß die Reststrafe zu erlassen. Begründung: genug gelitten!

09.1 bis 09.19

Weidenfeller, Piszczek, Hummels, Sokratis, Schmelzer, Sahin, Jojic, Mkhitaryan, Reus, Großkreutz, Lewandowski, Langerak, Durm, Kehl, Bender, Aubameyang, Schieber, Sarr, Duksch.

G8? – Geh wech!

Heute reden sie also immerhin mal miteinander. Über das Turbo-Abi. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hat nach Düsseldorf eingeladen. Politiker, Lehrer, Vertreter aus Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft. Nicht eingeladen hatte sie: Schülervertreter! Unfassbar eigentlich – aber auch besser so, denn diejenigen, um die es in der Debatte geht, haben so viel Stress, dass derlei Termine ohnehin keinen Platz mehr im Kalender finden würden.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe die Idee vom Abitur in acht Jahren immer für groben Unfug gehalten. Und ich halte sie heute mehr denn je für groben Unfug – auch deshalb, weil ich zwei Söhne auf dem Gymnasium habe. Stufen acht und sieben. Ich bekomme ziemlich hautnah mit, was das Turbo-Abi mit unseren Kindern macht. Wenig Gutes nämlich.

Das Argument der Befürworter war und ist: Die deutschen Schulabgänger seien im internationalen Vergleich zu alt.

Schwachsinn! Hinter diesem Satz steckt vielmehr die Pisa-Panik einiger Wirtschafts-Lobbyisten. Dieselben Funktionäre rühren das Thema gerne mit dem Fachkräftemangel zusammen, der viele Branchen inzwischen hemmt. Auch hier gilt: Schwachsinn! Fachkräftemangel haben wir ja nicht, weil die Schüler ein Jahr länger zur Schule gehen, sondern weil in Deutschland generell zu wenig Kinder geboren werden. Die Gesellschaft überaltert – was wiederum an einer in vielen Bereichen (Kinderbetreuung!) katastrophal schlechten Familienpolitik liegt. Hinzu kommt, dass die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern und die gezielte Qualifizierung von (Langzeit-)Arbeitslosen in unserem Land noch immer nicht den Stellenwert genießen, den sie längst genießen müssten. Um Fachkräftemangel wirksam zu bekämpfen, muss man in Mitarbeiter investieren. Nicht Kinder hetzen.

Dass man jetzt vom G8 zum G9 zurück kehrt, sei, sagen die Befürworter, undenkbar. Weil dann ja ein ganzer Abi-Jahrgang ausfallen würde. Das, behaupten sie, würde der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Ich sage: Schwachsinn! Die deutsche Wirtschaft würde darunter so wenig zusammenbrechen wie die deutschen Hochschulen zusammengebrochen sind, als der doppelte Abi-Jahrgang auf sie einstürmte.

Und noch etwas, ihr lieben Lobbyisten: Ich bin nicht zweimal Vater geworden, damit meine Söhne die deutscher Wirtschaft retten. Das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre aktuelle Aufgabe ist: Spaß und Freude haben, möglichst unbeschwert aufwachsen, so lange das möglich ist.

Aber wir hetzen unsere Kinder ja lieber durchs Leben, setzen sie viel zu früh einem viel zu großen Leistungs- und Erwartungsdruck aus und rauben ihnen einen guten Teil ihrer Kindheit und Jugend.

Sprachtests schon im Kindergarten. Einschulung immer öfter mit fünf Jahren. Lernstandserhebungen in der Schule. Die besonders Begabten überspringen gerne mal ein Schuljahr. Dann Turbo-Abi. Danach ein Bachelor-Studium. Ergebnis: Im zarten Alter von 20 oder 21 Jahren sitzen die jungen Leute von heute mit einem Hochschulabschluss in der Tasche, als Akademiker also, vor einem Personalchef. Ihre Vorstellung: Einen Job angeboten zu bekommen, der ihren Qualifikationen angemessen ist – und der auch ihren Qualifikationen angemessen bezahlt wird.

Sie blicken dann häufig in ein Gesicht, das ihnen vermittelt: Kommen Sie doch noch einmal wieder, wenn sie erwachsen sind. Was sie tatsächlich angeboten bekommen, sind Praktika. Um Erfahrungen zu sammeln. Oder schlecht dotierte und zeitlich befristete Verträge. Die nach dem Auslaufen nicht verlängert oder zeitlich noch einmal befristet werden.

„Abitur“ – dieser Begriff wird gerne mit „Reifezeugnis“ übersetzt.

Wie soll denn man „reifen“, wenn man im Turbo-Tempo durch ein Bildungssystem geprügelt wird, das selbst völlig überfordert damit ist, hinter den eigenen Reformen, Reform-Reformen und Reform-Reform-Reformen her zu kommen?!

Wie soll man „reifen“, wenn die gymnasialen Jahre bis zum Reifezeugnis von neun auf acht reduziert, die Lehrpläne aber nicht ausgedünnt und die Lehrmaterialien nicht angepasst werden?!

Wie soll man „reifen“, also Lebenserfahrung sammeln, wenn ein Studium verschulter ist als die Schule selbst?! Wenn man nicht mehr einfach mal ein Seminar belegen kann, um es mitten im Semester wieder zu schmeißen, weil man festgestellt hat, dass es einen 0,0 interessiert?!

Ich gestehe: Ich war fast 27, als ich 1996 ins Volontariat ging – und ich schäme mich nicht. Abi mit 19. Dann sechs Monate gejobbt, um die Wartezeit bis zum Grundwehrdienst zu überbrücken. Nach der Bundeswehr neun Monate gejobbt, um die Wartezeit bis zum Studium zu überbrücken. Dann elf Semester studiert, weil ich parallel so intensiv journalistisch gearbeitet habe, dass das Studium in manchem Semester nur „nebenher“ lief. Als ich dann schließlich meine Magister-Urkunde in den Händen hielt, war ich nicht nur Akademiker. Ich war auch erwachsen. Heute, nach Abschaffung der Wehrpflicht, kann man einen solchen Abschluss mit 21 haben. Aber wie erwachsen ist man dann? Ich war mit 21 jedenfalls ein Grünschnabel.

Liebe Bildungspolitiker, wenn ihr demnächst mal wieder zusammensitzt und über die Zukunft des Bildungswesens diskutiert, denkt doch vielleicht einfach mal nicht daran, wie ihr euch mit vermeintlich großartigen Reformen profilieren könnt. Denkt einfach mal nicht daran, was die Schüler zur Mehrung eures Ansehens tun können, sondern was ihr tun könnt, damit Schule und Studium nicht nur zu einem möglichst schnellen Abschluss führen, sondern die jungen Menschen auch in jeder Weise für das qualifizieren, was danach von ihnen erwartet wird.

Vielleicht gelangt ihr dann ja zu der Erkenntnis, dass die Kollegen in Niedersachsen gar nicht so blöd sind. Die schaffen das Turbo-Abi nämlich wieder ab.

Und wenn ihr dann noch ein bisschen weiter denkt und gaaanz viel Mut habt, dann gelangt ihr vielleicht sogar zu der Erkenntnis, dass es heutzutage nicht mehr zielführend ist, die Bildungshoheit komplett bei den Bundesländern zu belassen. Die zentralen Probleme müssen auch zentral, also auf Bundesebene, geregelt werden. Dann bräuchte man ein fehlerbehaftetes Bürokratiemonster wie das „Zentralabitur“ und die „Verbindlichen Vergleichsarbeiten“ (VerA-Tests) nämlich gar nicht. Aber nein, auf diese Idee kommt ihr ganz sicher nicht. Denn ihre Umsetzung würde ja eure Kompetenzen beschneiden.