G8? – Geh wech!

Heute reden sie also immerhin mal miteinander. Über das Turbo-Abi. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hat nach Düsseldorf eingeladen. Politiker, Lehrer, Vertreter aus Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft. Nicht eingeladen hatte sie: Schülervertreter! Unfassbar eigentlich – aber auch besser so, denn diejenigen, um die es in der Debatte geht, haben so viel Stress, dass derlei Termine ohnehin keinen Platz mehr im Kalender finden würden.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe die Idee vom Abitur in acht Jahren immer für groben Unfug gehalten. Und ich halte sie heute mehr denn je für groben Unfug – auch deshalb, weil ich zwei Söhne auf dem Gymnasium habe. Stufen acht und sieben. Ich bekomme ziemlich hautnah mit, was das Turbo-Abi mit unseren Kindern macht. Wenig Gutes nämlich.

Das Argument der Befürworter war und ist: Die deutschen Schulabgänger seien im internationalen Vergleich zu alt.

Schwachsinn! Hinter diesem Satz steckt vielmehr die Pisa-Panik einiger Wirtschafts-Lobbyisten. Dieselben Funktionäre rühren das Thema gerne mit dem Fachkräftemangel zusammen, der viele Branchen inzwischen hemmt. Auch hier gilt: Schwachsinn! Fachkräftemangel haben wir ja nicht, weil die Schüler ein Jahr länger zur Schule gehen, sondern weil in Deutschland generell zu wenig Kinder geboren werden. Die Gesellschaft überaltert – was wiederum an einer in vielen Bereichen (Kinderbetreuung!) katastrophal schlechten Familienpolitik liegt. Hinzu kommt, dass die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern und die gezielte Qualifizierung von (Langzeit-)Arbeitslosen in unserem Land noch immer nicht den Stellenwert genießen, den sie längst genießen müssten. Um Fachkräftemangel wirksam zu bekämpfen, muss man in Mitarbeiter investieren. Nicht Kinder hetzen.

Dass man jetzt vom G8 zum G9 zurück kehrt, sei, sagen die Befürworter, undenkbar. Weil dann ja ein ganzer Abi-Jahrgang ausfallen würde. Das, behaupten sie, würde der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Ich sage: Schwachsinn! Die deutsche Wirtschaft würde darunter so wenig zusammenbrechen wie die deutschen Hochschulen zusammengebrochen sind, als der doppelte Abi-Jahrgang auf sie einstürmte.

Und noch etwas, ihr lieben Lobbyisten: Ich bin nicht zweimal Vater geworden, damit meine Söhne die deutscher Wirtschaft retten. Das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre aktuelle Aufgabe ist: Spaß und Freude haben, möglichst unbeschwert aufwachsen, so lange das möglich ist.

Aber wir hetzen unsere Kinder ja lieber durchs Leben, setzen sie viel zu früh einem viel zu großen Leistungs- und Erwartungsdruck aus und rauben ihnen einen guten Teil ihrer Kindheit und Jugend.

Sprachtests schon im Kindergarten. Einschulung immer öfter mit fünf Jahren. Lernstandserhebungen in der Schule. Die besonders Begabten überspringen gerne mal ein Schuljahr. Dann Turbo-Abi. Danach ein Bachelor-Studium. Ergebnis: Im zarten Alter von 20 oder 21 Jahren sitzen die jungen Leute von heute mit einem Hochschulabschluss in der Tasche, als Akademiker also, vor einem Personalchef. Ihre Vorstellung: Einen Job angeboten zu bekommen, der ihren Qualifikationen angemessen ist – und der auch ihren Qualifikationen angemessen bezahlt wird.

Sie blicken dann häufig in ein Gesicht, das ihnen vermittelt: Kommen Sie doch noch einmal wieder, wenn sie erwachsen sind. Was sie tatsächlich angeboten bekommen, sind Praktika. Um Erfahrungen zu sammeln. Oder schlecht dotierte und zeitlich befristete Verträge. Die nach dem Auslaufen nicht verlängert oder zeitlich noch einmal befristet werden.

„Abitur“ – dieser Begriff wird gerne mit „Reifezeugnis“ übersetzt.

Wie soll denn man „reifen“, wenn man im Turbo-Tempo durch ein Bildungssystem geprügelt wird, das selbst völlig überfordert damit ist, hinter den eigenen Reformen, Reform-Reformen und Reform-Reform-Reformen her zu kommen?!

Wie soll man „reifen“, wenn die gymnasialen Jahre bis zum Reifezeugnis von neun auf acht reduziert, die Lehrpläne aber nicht ausgedünnt und die Lehrmaterialien nicht angepasst werden?!

Wie soll man „reifen“, also Lebenserfahrung sammeln, wenn ein Studium verschulter ist als die Schule selbst?! Wenn man nicht mehr einfach mal ein Seminar belegen kann, um es mitten im Semester wieder zu schmeißen, weil man festgestellt hat, dass es einen 0,0 interessiert?!

Ich gestehe: Ich war fast 27, als ich 1996 ins Volontariat ging – und ich schäme mich nicht. Abi mit 19. Dann sechs Monate gejobbt, um die Wartezeit bis zum Grundwehrdienst zu überbrücken. Nach der Bundeswehr neun Monate gejobbt, um die Wartezeit bis zum Studium zu überbrücken. Dann elf Semester studiert, weil ich parallel so intensiv journalistisch gearbeitet habe, dass das Studium in manchem Semester nur „nebenher“ lief. Als ich dann schließlich meine Magister-Urkunde in den Händen hielt, war ich nicht nur Akademiker. Ich war auch erwachsen. Heute, nach Abschaffung der Wehrpflicht, kann man einen solchen Abschluss mit 21 haben. Aber wie erwachsen ist man dann? Ich war mit 21 jedenfalls ein Grünschnabel.

Liebe Bildungspolitiker, wenn ihr demnächst mal wieder zusammensitzt und über die Zukunft des Bildungswesens diskutiert, denkt doch vielleicht einfach mal nicht daran, wie ihr euch mit vermeintlich großartigen Reformen profilieren könnt. Denkt einfach mal nicht daran, was die Schüler zur Mehrung eures Ansehens tun können, sondern was ihr tun könnt, damit Schule und Studium nicht nur zu einem möglichst schnellen Abschluss führen, sondern die jungen Menschen auch in jeder Weise für das qualifizieren, was danach von ihnen erwartet wird.

Vielleicht gelangt ihr dann ja zu der Erkenntnis, dass die Kollegen in Niedersachsen gar nicht so blöd sind. Die schaffen das Turbo-Abi nämlich wieder ab.

Und wenn ihr dann noch ein bisschen weiter denkt und gaaanz viel Mut habt, dann gelangt ihr vielleicht sogar zu der Erkenntnis, dass es heutzutage nicht mehr zielführend ist, die Bildungshoheit komplett bei den Bundesländern zu belassen. Die zentralen Probleme müssen auch zentral, also auf Bundesebene, geregelt werden. Dann bräuchte man ein fehlerbehaftetes Bürokratiemonster wie das „Zentralabitur“ und die „Verbindlichen Vergleichsarbeiten“ (VerA-Tests) nämlich gar nicht. Aber nein, auf diese Idee kommt ihr ganz sicher nicht. Denn ihre Umsetzung würde ja eure Kompetenzen beschneiden.

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Ein Kommentar zu “G8? – Geh wech!

  1. Das spricht mir so aus der Seele. Leider kann ich das soooo treffend nicht formulieren. Ich war so frei, den Link mal an den WDR weiterzuleiten.

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