A40 – rollst du noch oder stehst du schon? (Versuch einer literarischen Annäherung)

Wer jemals mit dem Berufsverkehr auf der A40 zwischen Dortmund und Duisburg oder zwischen Duisburg und Dortmund unterwegs war, wird sich in diesem Versuch einer literarischen Annäherung an das Thema möglicherweise wiederfinden.

(. . .)

Manchmal träumte er diesen grotesk-skurillen Albtraum, an dessen Beginn er sich im stockfinsteren, warmweichklebrigstinkenden Darm eines viel zu fetten Mannes mittleren Alters befand. Ein wabbelnder, schweißtriefender Berg von gigantischen Ausmaßen, ein glibberiges Monstrum aus 250 Kilogramm Fleisch und Speck und Knochen. Aufgedunsen über Jahre und Jahrzehnte, in denen er Unmengen von Burgern und Fischstäbchen, Pommes Frites mit Mayonnaise, Buttercreme- und Sahnetorte, Pizza, Paprikachips, Mettwürstchen, Gummibärchen, Windbeutel, Schokolade, Schmelzkäse, Vanilleeis und Kekse mit Hektolitern von Cola, Milchshakes und Bier die Speiseröhre hinunter in den Magen gespült hatte, von wo aus sich das mörderische Gemisch auf den acht Meter langen Weg durch Dünndarm und Dickdarm machte, dessen Verdauungsfähigkeiten hoffnungslos überforderte, was anfangs lediglich schreckliche Blähungen, später schmerzhafte Verstopfungen und schließlich einen Verschluss verursachte.

Weil der Koloss dennoch weiter stopfte und presste und hinein kippte, was hinein passte, platzte der Darm irgendwann mit großem Getöse und brachialer Gewalt auseinander. Er wurde vom Druck der unverdaulichen Masse und der leicht entzündbaren Gase nachgerade zerfetzt. Und genau so, wie sich der ekelhafte, nach Tod und Verwesung stinkende Brei aus Halbverdautem und Kot im gesamten Bauchraum verteilte und die Vitalfunktionen des Mannes ausknipste; genau so breitete sich in seinem Traum der Stau auf der A40 aus und legte den Verkehr in ganz Nordrhein-Westfalen lahm. 

Es begann mit einem harmlosen Auffahrunfall im Kreuz Bochum. Verursacht durch Laub auf regennasser Fahrbahn in Tateinheit mit einer WhatsApp-Nachricht auf viel zu kleinem Displey. Keine große Sache eigentlich, blöderweise aber im freitäglichen Feierabendverkehr, in dem sich grundsätzlich viel zu viele Fahrzeuge auf viel zu wenig Straße bewegten. Wenn sie sich denn bewegten. Wahrscheinlich wäre alles gewohnt glimpflich abgelaufen, hätte nicht wenige Minuten nach dem ersten Crash in Gegenrichtung ein Lkw die Mittelleitplanke durchbrochen – übrigens nur deshalb, weil der Fahrer unbedingt hatte gaffen müssen.

Binnen Minuten staute sich der Verkehr auf dem Ruhrschnellweg auf mehreren Kilometern Länge, während von Venlo/Duisburg/Essen im Westen und Dortmund im Osten weiterhin tausende und abertausende Pkw und Lkw auf die Unfallstelle zu fuhren. Noch während der Verkehrsdienst des Westdeutschen Rundfunks im Anschluss an die 17-Uhr-Nachrichten eindringlich empfahl, die Unfallstelle über die A42 oder – besser noch – die A2 weiträumig zu umfahren, waren auch die verstopft. Ebenso die in Nord-Süd-Richtung verlaufende A43, die diese drei Schnellstraßen miteinander verband. In Richtung Osten wuchs der Stau bis zur A44 an, pflanzte sich über die Abbiegespur auf die A1 fort und legte um 17.48 Uhr das Kamener Kreuz still – die Folge: Stop-and-Go auf der A2 bis Bielefeld und im weiteren Verlauf des Abends bis Hannover. Im Westen breitete sich das Chaos über A52 und A1 bis nach Düsseldorf und schließlich über die A57 und A3 bis nach Köln aus. Um kurz nach 19 Uhr meldete der WDR für das Sendegebiet Staus in einer Gesamtlänge von mehr als 540 Kilometern. Der Verkehr in NRW war komplett zum Erliegen gekommen.

 Nun lösen sich solche Staus, so ärgerlich sie auch sein mögen, gemeinhin nach einiger Zeit wieder auf. Manchmal geht das schnell, manchmal dauert es Stunden. Was diesen Stau von allen Staus vor ihm unterschied und den Traum zum schrecklichsten Alptraum aller Zeiten machte, war: Dieser Stau blieb ein Stau. Wer einmal hinein geraten war, blieb sein Gefangener.

 Als Erste tauchten nach einigen Stunden freiwillige Helfer des Deutschen Roten Kreuzes auf. Sie reichten heißen Tee und warme Decken, schließlich war Herbst und die Nächte wurden bereits empfindlich kühl. Am nächsten Morgen kamen die Helfer erneut. Mit Toast und Marmelade; mittags schoben ehrenamtliche Kräfte des Technischen Hilfswerks Gulaschkanonen zwischen den Fahrzeugreihen hindurch, aus denen sie Erbsensuppe in Plastiktellern austeilten. Inzwischen hatten sich die Stau-Gefangenen untereinander bekannt gemacht … (wird fortgesetzt oder nicht) …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s