Die WM trägt Gelb – Schwarzgelb trägt sie nicht!

Zugegeben, der optische Eindruck schmeichelt dem Auge des Dortmunder Betrachters. Gelb. Viel Gelb. Lauter gelbe Wände in den Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft. Gelb – das ist Brasilien. Auch Kolumbien, Ecuador, Ghana und Kamerun bringen oder brachten jede Menge Gelb ins Spiel. Doch so schön der Eindruck ist: Er täuscht. Es fehlt das Schwarz. Schwarzgelb ist keine Farbe der WM 2014. Will sagen: Am BVB geht dieses Turnier bislang weitgehend vorbei. Die Profis von Borussia Dortmund, aktuelle, ehemalige und künftige, spielen – Ausnahmen: Mats Hummels und Papa Sokratis – nur Nebenrollen. Anders als die des FC Bayern München: Thomas Müller (4 Tore) und Arjen Robben (3) drücken der WM ihren Stempel auf; auch Xherdan Shaqiri (3), Mario Mandzukic (2) und Mario Götze (1) trafen bereits ins Schwarze; Manuel Neuer, Philipp Lahm, Jerome Boateng sind Stammspieler in der DFB-Elf, Götze und Bastian Schweinsteiger gehören zum engen Kreis. Der FC Bayern ist in Brasilien omnipräsent – der BVB schaut zu.

Ein wenig hatte sich diese Entwicklung ja schon angedeutet, als Ilkay Gündogan aufgrund seiner Rückenprobleme die komplette Saison verpasste. Als Bundestrainer Joachim Löw den ebenfalls durch Verletzungen zurückgeworfenen Marcel Schmelzer aus dem Kader strich. Als im letzten Test gegen Armenien auch noch der für Brasilien gesetzte „Spieler der Saison“, Marco Reus, umknickte und sich am Sprunggelenk verletzte. Seine Dynamik, seine Torgefahr und seine Klasse bei Standards fehlen der deutschen Mannschaft an allen Ecken und Enden. Die Einschätzung, Löw habe auf der linken Seite mehr Alternativen als auf jeder anderen Position, erweist sich bislang als Trugschluss. Ohne Reus lahmt das Spiel links erheblich.

Als einzige schwarzgelbe Stammkraft im Nationaltrikot blieb Mats Hummels. Der Innenverteidiger hat eine exzellente Vorrunde gespielt und ist – nachdem seine ersten Gehversuche in der DFB-Auswahl nicht immer glücklich waren – inzwischen neben Per Mertesacker etabliert. Den Dreikampf um die zwei Plätze in der Abwehrzentrale hat Jerome Boateng verloren. Der Münchner muss nach rechts ausweichen. Solange Löw sich weigert, Philipp Lahm auf seiner Schokoladenposition einzusetzen, hat Boateng den Platz dort wohl sicher. Dabei hatte der Bundestrainer als Alternative für diese Seite eigentlich den Dortmunder Kevin Großkreutz mitgenommen. Doch als er im Eröffnungsspiel gegen Portugal wegen Hummels‘ Oberschenkelblessur wechseln und umstellen müsste, brachte Löw nicht etwa KG19, sondern Shkodran Mustafi. Einen gelernten Innenverteidiger. Und auf der linken Abwehrseite zog im letzten Test der Schalker Benedikt Höwedes, ein gelernter Innenverteidiger, am Dortmunder Shooting-Star Erik Durm vorbei. Vier Innenverteidiger in der Vierer-Abwehrkette: Was als „Das Löw-Experiment“ in die Taktik-Geschichte eingehen wird, birgt gegen quirlige Offensivspieler erhebliche Gefahren, weil Boateng und Höwedes eher hölzern und antrittslahm daher kommen. Und es lähmt das deutsche Offensivspiel, weil Boateng/Höwedes als gelernte Verhinderer (logischerweise) wenig Alarm nach vorne veranstalten. Auch deshalb kommen die offensiven Flügelspieler noch nicht wie gewohnt zum Zuge. Ein Hinterlaufen oder Durchstoßen bis zur gegnerischen Grundlinie findet kaum statt. Durm und Großkreutz könnten das, weil sie es aus dem Klub kennen. Im System Löw jedoch ist es zurzeit nicht gewünscht.
Die Folge: Erik Durm muss auf eine Gelbsperre von Höwedes hoffen. Für Kevin Großkreutz ist ein WM-Einsatz derweil so wenig wahrscheinlich wie für Roman Weidenfeller. Letzterem war seine Rolle als Nr. 2 hinter Manuel Neuer klar. Er geht souverän damit um und genießt das Abenteuer Brasilien als Aktivurlaub. Bei KG19 wurde spätestens in dem Moment, als sich Löw für Mustafi entschied, deutlich, dass er dem BVB-Allrounder nicht vertraut. Großkreutz ist WM-Tourist wie es bei früheren Turnieren die Dortmunder Frank Mill und Lars Ricken waren.
Ein ähnliches Schicksal teilte in Brasilien Mitch Langerak. Die Nr. 2 im Tor der Borussia ist auch im Tor Australiens Ersatzmann hinter Maty Ryan. Bei der WM kam er nicht einmal im dritten Gruppenspiel gegen Spanien zum Einsatz – obwohl das Ausscheiden der „Socceroos“ vorher feststand. Ein unfreundlicher wie unverständlicher Akt seines Trainers.
Bei Japan bestritt der Ex-Dortmunder Shinji Kagawa zwar 204 der 270 Vorrundenminuten, flog aber zwischenzeitlich aus der Startelf und schied mit dem insgesamt enttäuschenden Team sang- und klanglos aus. Zweifelsfrei steht Kagawa mit Mitte 20 an einem Knackpunkt seiner Karriere, nachdem er sich bei Manchester United nicht hat durchsetzen können und nun mit Luis van Gaal einen Trainer bekommt, von dem nicht anzunehmen ist, dass er bei seinem Neuaufbau auf den Japaner zählen wird.
Ein anderer Ex-Borusse, Ivan Perisic, stand für Kroatien zwar 258 Minuten auf dem Platz, erzielte zwei Tore und war ein ständiger Gefahrenherd. Doch auch er ist inzwischen längst im Urlaub. Kroatien versagte im entscheidenden Gruppenspiel gegen Mexiko und schied aus.
Wer geglaubt hat, sich bei der WM einen Eindruck über die Leistungsstärke der beiden BVB-Sturmzugänge Ciro Immobile und Adrian Ramos verschaffen zu können, wurde ebenfalls enttäuscht. Italiens Torschützenkönig verlor, trotz dreier Tore im letzten Test vor der WM, den internen Konkurrenzkampf gegen Mario Balotelli. Beim 2:1-Auftaktsieg gegen England kam Immobile erst 17 Minuten vor Schluss, als die Squadra Azurra längst nur noch verteidigte. Beim 0:1 gegen Costa Rica wechselte Trainer Cesare Prandelli nicht etwa Immobile ein, sondern Cassano, Insigne und Cerci. Erst im entscheidenden Gruppenspiel gegen Uruguay durfte der Neu-Dortmunder von Anfang an ran – neben Balotelli. Schnell wurde deutlich: Dieses Duo harmoniert überhaupt nicht. Immobile blieb blass. Balotelli fiel wenigstens durch eine gelbe Karte und zur Schau getragene Lustlosigkeit auf.
Adrian Ramos, sein künftiger Sturmpartner/-konkurrent beim BVB, schmorte während der ersten beiden Gruppenspiele Kolumbiens ebenfalls auf der Bank. Erst als der Achtelfinaleinzug perfekt war, durfte der Ex-Herthaner im dritten Spiel ran – und überzeugte! Beim 4:1 gegen Japan holte er einen Strafstoß heraus und bereitete einen Treffer vor. Nicht auszuschließen, dass er zu Saisonbeginn beim BVB die Nase vorn haben wird, weil er ein Pressing-Stürmer ist, während Immobile das Klopp-System erst lernen und verinnerlichen muss. Im Achtelfinale gegen Uruguay allerdings wird Ramos‘ Platz voraussichtlich wieder auf der Bank sein.
Bleibt aus Dortmunder Sicht nur noch einer: der Papa. Papa Sokratis hat mit Griechenland nicht nur erstens auf den letzten Drücker und zweitens überraschend erstmals eine WM-Vorrunde überstanden. Er stand dabei auch die vollen 270 Minuten auf dem Platz, hielt die Abwehr zusammen und ist einer der wenigen Griechen, die internationale Klasse repräsentieren. Dabei macht Sokratis seinen Job so, wie man das aus Dortmund kennt: seriös, unspektakulär – aber effektiv. Gegen das Überraschungsteam aus Costa Rica hat Griechenland nun sogar die Chance aufs Viertelfinale.
Bleiben also vor Beginn der dritten WM-Woche zwei schwarzgelbe Hoffnungen: „Mats macht’s!“ & „Der Papa wird’s schon richten!“

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Weltmeister-Lotto „6 aus 32“: Diese 26 werden’s nicht!

(Update, 18. Juni, 23 Uhr: Da waren’s nur noch fünf. Adios, Espana!)
(Update, 27. Juni, 0 Uhr: Da waren’s nur noch vier. Ciao, Italia!)

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist eine Woche alt. Alle 32 Teilnehmer haben mindestens einmal gespielt. Der fachkundige Beobachter weiß spätestens jetzt: Nur sechs Teams kommen für den Titel in Frage. Damit sind zumindest schon einmal jene 26 Teilnehmer klar, denen FIFA-Gott Sepp Blatter früher oder später sagen wird: „Für euch habe ich heute leider keinen Pokal!“

KÖNNEN JOGIS JUNGS WIRKLICH WELTMEISTER WERDEN?

Jau! Können sie. Können sie aber eigentlich immer. Hätten sie auch 2006 gekonnt, wenn Italiens Grosso, sonst eher ein Grobmotoriker, in der 118. Minute nicht diesen genialen Moment gehabt hätte. Hätten sie auch 2010 gekonnt, wenn sie im Halbfinale gegen Spanien nur annähernd die Leistung aus dem Achtel- (England) und Viertelfinale (Argentinien) bestätigt hätten. Sie hätten auch 2012 Europameister werden können, wenn Löw sich im Halbfinale gegen Italien nicht bei Personal und Taktik vergriffen hätte. Kurz und gut: Deutschland kann bei großen Turnieren (fast) immer gewinnen. Das ist aber keine neue Erkenntnis. Das wussten wir alle auch vor dem Abflug nach Brasilien schon. Das – zugegeben unerwartet deutliche – 4:0 gegen Portugiesen, die vermutlich den schwärzesten Tag ihrer jüngeren Länderspielgeschichte erwischten, hat an dieser Einschätzung nichts geändert. Auch nicht zum Positiven. 

Bei halbwegs sachlicher Betrachtung, wird man attestieren müssen: Klar, die DFB-Auswahl hat bei einem 4:0 gegen den Vierten der Weltrangliste weit mehr richtig als falsch gemacht. Das heißt aber beileibe nicht, dass sie alles richtig gemacht haben. Die Art und Weise, wie Khedira, Özil und Götze klarsten Chancen kläglich vergaben, kann sich in engeren Duellen bitter rächen. Und in der zweiten Halbzeit kannte das DFB-Team nur noch eine Gangart: Trab! Auch bei 30 Grad, 80 Prozent Luftfeuchte und einem 3:0 im Rücken, ist es nicht verboten, gelegentlich mal vom dritten in den vierten Gang hoch zu schalten. Den fünften und sechsten hätte man dann immer noch schonen können.

Außerdem: Deutschland hatte Glück! Dass der Schiedsrichter den Elfmeter zum 1:0 gab. Zwingend war der nämlich nicht. Portugal wurde später im Spiel ein viel klarerer Strafstoß verweigert. Zudem schieden beim Gegner mit Almeida und Coentrao zwei Leistungsträger verletzt aus. Das Gefüge geriet völlig durcheinander. Auch, weil Pepe vom Platz flog – zurecht, sagen die einen; zu hart, sagen die anderen. Wenn man die Deutschland-Brille mal für einen Moment absetzt und sich vorstellt, die Partie wäre in allen Szenen exakt anders herum gelaufen – vermutlich hätte die BILD am Tag danach getitelt: „Skandal-Schiri klaut Jogis Jungs den Sieg!“

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass dieses erste Gruppenspiel keine echte Standortbestimmung gewesen sein kann, weil die Deutschen gerade dort, wo es zuletzt häufig zwickte, in der Defensive nämlich, kaum geprüft wurden. Gut möglich, dass auch die nächsten Gegner, Ghana, die USA und im Achtelfinale eines der Teams aus dem Quartett Belgien, Russland, Algerien, Südkorea, dazu nicht in der Lage sind, weil ihnen schlicht das Potenzial fehlt. Gut möglich, dass der erste Dickfisch erst im Viertelfinale auf Jogis Jungs wartet. DANN müssen sie auf den Punkt beweisen, dass sie nicht nur Weltmeister werden könnten, sondern auch Weltmeister werden können! Bis dahin sind alle Möglichkeiten nur Konjunktive.

WER KÖNNTE SONST WELTMEISTER WERDEN?

Brasilien. Natürlich.

Klar, hatten die Gastgeber Dusel, dass sie im Eröffnungsspiel gegen Kroatien durch ein Elfmetergeschenk in die Spur geschoben wurden. Und klar, war das 0:0 gegen Mexiko nicht das, was die Fans von ihrer Selecao erwarten. Aber: Die Zeit, da Brasilien Fußball getanzt und gezaubert hat, die Zeit also von Pele und Garrincha, von Zico und Falcao, die ist unendlich lange vorbei. Schon die letzten WM-Titel 1994 und 2002 haben die Südamerikaner mit einem eher pragmatischen Spielstil gewonnen, in dem herausragende Individualisten immer wieder mal Sahnehäubchen platzierten. Das Kroatien-Spiel war so ungewöhnlich daher nicht; die Leistung gegen Mexiko wiederum beileibe nicht so schwach wie von vielen Analysten behauptet. Brasilien hatte, ohne dabei vor Spielfreude gesprüht zu haben, ein halbes Dutzend Chancen und hätte dieses Spiel an 99 von 100 Abenden auch gewonnen. Dummerweise hatte Mexikos Torwart Ochoa den EINEN von 100 Abenden, an dem er auch unhaltbare Bälle hielt.

Worüber die Gastgeber stolpern und stürzen könnten, ist der gewaltige Druck, der auf ihnen lastet und der ihnen nicht nur jegliche Leichtigkeit nimmt, sondern ihnen buchstäblich ins Gesicht gemeißelt ist. Symbolhaft: Die Inbrunst, mit der die Spieler die Nationalhymne schmettern – Superstar Neymar war dabei gegen Mexiko emotional so aufgeladen, dass ihn kurz ein Weinkrampf schüttelte. Das zeigt, wie sehr Brasilien den Titel gewinnen will. Aber eben auch, wie sehr es ihn gewinnen muss. Das ist mehr Druck als gesund ist.

Spanien. Vielleicht.

Heute Abend vielleicht schon nicht mehr, wenn sie gegen Chile verlieren. Dann wäre der Weltmeister vermutlich raus. Und selbst bei einem Unentschieden wird es eng. Klar ist: Das 1:5 gegen die Niederlande war ein Schock für das perfekte Kollektiv, das die EM-Turniere 2008 und 2012 und die WM 2010 mit seinem Stil geprägt und mit seiner Dominanz beherrscht hat, das aber eben auch in die Jahre gekommen ist. Fünf Gegentreffer für jenes Team, das über drei Turniere hinweg fast keine Tore kassiert hat. Dem häufig ein einziger eigener Treffer zum Sieg reichte – heftig! Aber: Bringen die Spanier den Teamgeist auf, sich aus dieser Krise zu beißen, könnte der Fehlstart sie stärker machen. Angereist sind sie satt – nach dem 1:5 könnten sie noch einmal Hunger entwickeln. Das Potenzial zu neuen Großtaten haben sie allemal. Selbst in einem möglichen Achtelfinale gegen Brasilien. Der #FifaWorldCup 2014 wäre nicht das erste wichtige Turnier, das ein vorweg genommenes Endspiel so früh erlebt. Aus deutscher Sicht für alle Zeiten in Erinnerung: Das 2:1 gegen den amtierenden Europameister Holland im Achtelfinale 1990 – der mit Abstand schwerste Brocken auf dem Weg zum Titelgewinn.

Apropos Holland. Sowieso.

Jau. Die Niederlande können Weltmeister werden. Können sie aber – siehe Deutschland – eigentlich auch immer. Wenn sie nicht gerade die Quali verpassen. Dreimal waren sie’s ja auch schon fast: 1974 in Deutschland spielten sie den spektakulärsten Fußball und scheiterten im Finale. Vier Jahre später in Argentinien scheiterten sie im Finale – wiederum am Gastgeber. 2010 gegen Spanien spielten sie im Finale nicht gut, eher unholländisch, eher wie auf einer Holzauktion. Dennoch hätten sie gewinnen können, wenn, ja wenn nicht Arjen Robben die Megagigahyper-Chance gegen Iker Casillas verdaddelt hätte.

Was für Holland spricht: Robbens Über-Form. Die Offensivstärke. Die Kreativität und Schnelligkeit ihres Spiels. Die qualitativ gute Bank.

Was gegen Holland spricht: Dass sie im entscheidenden Moment meist an sich selber scheitern. Weil ihnen offenbar das Sieger-Gen fehlt.

Italien. Blöderweise auch.

Wir haben sie bei einem Turnier bis heute nicht geschlagen. WM 1970. WM 1982. WM 2006. EM 2012: Duelle mit Italien sind aus deutscher Sicht nachgerade traumatisch. Besser wäre es daher, wenn jemand sie aus dem Weg räumen würde, bevor es zum direkten Duell kommt. Und wenn nicht? Dann würde es auch diesmal wieder kompliziert. Weil es immer noch unglaublich schwer ist, gegen sie Tore zu erzielen, auch wenn sie schon seit Jahren nicht mehr den zerstörerischen Catenaccio spielen, der sie einst berühmt und berüchtigt gemacht hat. Dafür sind sie im Spiel nach vorne flexibler und schwerer ausrechenbar. Mit Balotelli und dem Neu-Dortmunder Immobile verfügen sie über zwei völlig unterschiedliche Torjäger, die es Trainer Prandelli erlauben, auch während eines laufenden Spiels taktisch zu variieren.

Was Italiens Problem werden könnte: Das Divenhafte von Balotelli – seine Überheblichkeit in Tateinheit mit seiner bisweilen mangelhaften Disziplin. Und das Alter von Andrea Pirlo. Der Mittelfeldspieler ist noch immer die Seele der Squadra Azzura. Schwächelt Pirlo, lahmt das italienische Spiel. Gelingt es dem Gegner – wie Spanien im EM-Finale 2012 (im Gegensatz zu Sonderbewacher Kroos im Halbfinale) – Pirlos Wirkkreise einzuengen, hat die Mannschaft ein Kreativproblem. Dann bringen sie den Ball nicht mehr in die gefährliche Zone. Pirlo ist 35. Die Saison mit Juventus Turin in der Serie A und der Europa League war lang. Die WM kann mit maximal sieben Spielen binnen vier Wochen bei klimatisch schwierigsten Bedingungen lang werden. Trainer Prandelli weiß um dieses Risiko. Deshalb muss Pirlo auf dem Platz nicht arbeiten. Das tun andere für ihn. Das kann funktionieren. Muss es aber auch. Weil sonst nicht viel funktioniert beim vierfachen Champion.

Argentinien. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Sie haben den Heimvorteil. Argentinien spielt nicht ganz, aber fast zu Hause. Gleich nebenan. Das nimmt ihnen den Druck, wie Brasilien Weltmeister werden zu müssen, verschafft ihnen aber die Unterstützung ihrer Fans. Die sind unfassbar. Niemand singt schöner und niemand lauter als die argentinischen Anhänger. Das kann, insbesondere in den K.O.-Spielen, ein entscheidender Faktor werden. Und dann diese Offensive: Der mehrfache Weltfußballer Lionel Messi, Maradona-schwiegersohn Agüero, Real Madrids Turbo di Maria. Im ersten Spiel gegen Bosnien saßen internationale Klassestürmer wie Higuain (Ex-Real, bald wohl Barca) und Lavezzi (Paris) nur auf der Bank. Gar keine Frage: Mehr PS als die Argentinier bringt kein anderer WM-Teilnehmer an den Start. Die Frage: Bekommen sie ihre Power auch auf die Piste? Glänzt das Genie Messi, groß geworden im Barca-Tiki-Taka, endlich auch einmal im Nationalteam? Sind die anderen Superstars endlich einmal bereit, sich Messi zumindest ein Stück weit unterzuordnen? Insbesondere Agüero fiel das in der Vergangenheit schwer. Tritt Argentinien als Einheit auf, ist die Mannschaft schwer zu schlagen. 28 Jahre liegt der letzte Titel zurück. Damals führte der geniale Diego Maradona sein Land in Mexiko zum Titel. Und man ist geneigt zu fragen: Wenn nicht jetzt – wann dann will Argentinien den Pokal gewinnen?

Sonst noch wer?

Nein. Brasilien. Argentinien. Italien. Spanien. Deutschland. Die Niederlande. 6 aus 32. Einer wird’s werden. Auflösung am 13. Juli um kurz vor Mitternacht MESZ.

FIFA = FUSSBALL IS‘ FÜRN ARSCH

Bill Shankly war ein großer Trainer. Von 1959 bis ’74 coachte der Schotte den FC Liverpool und führte die „Reds“ aus der zweiten englischen Liga bis in die erste Etage des europäischen Fußballs. Nach seinem Tod haben sie ihm zu Ehren vor dem legendären Stadion an der Anfield Road eine lebensgroße Bronzestatue aufgestellt. Grund für die Verehrung sind aber nicht die sportlichen Erfolge allein. Was die Fans in Liverpool an Shankly schätz(t)en, ist vielmehr seine Bodenständigkeit. „Ich bin ein Mann des Volkes – nur das Volk zählt“, hat der Teammanager einmal gesagt. Und er hat das auch genau so gemeint. Die Anhänger waren ihm so wichtig wie seine Spieler. 

So hatte Bill Shankly das aber nicht gemeint

Weit berühmter freilich ist ein Zitat, das seinen ausgeprägten Sinn fürs Humoristische belegt: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Ein Satz, der Sepp Herbergers Weisheiten vom Ball, der rund ist, und vom Spiel, das 90 Minuten dauert, locker toppt. Und ein Satz von nachgerade prophetischer Tragweite. Denn wenn man sich anschaut, was die nationalen und internationalen Fußballverbände aus dem Fußball gemacht haben und mutmaßlich in Zukunft weiter aus ihm machen werden, muss man feststellen: Shankly hatte Recht! Es geht längst nicht mehr nur um Leben und Tod. Es geht um viel mehr. Es geht um Geld. Viel Geld. Immer mehr Geld. 

Blickt Bill Shankly heute aus dem Fußball-Himmel herab auf die WM 2014 in Brasilien; blickt er herab auf den Fifa-Kongress und lauscht den Reden der Funktionäre, dann bekommt er vermutlich eitrigen Ausschlag. Denn Shankly hat stets auch die gesellschaftliche Aufgabe des Fußballs gesehen. Er war ein politisch denkender Mensch und als solcher ein überzeugter Sozialist. „Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben.“ Vom Fußball-Leben anno 2014 ist diese romantische Überzeugung so weit entfernt wie Kroatien nach dem Elfmeter-Betrug im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Brasilien vom Gewinn des WM-Titels.

1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker

Sepp Blatter, der gottgleiche Fifa-Boss, hat unter der Woche noch einmal deutlich gemacht, was er von Kritik und von Kritikern hält. Wäre er Staatschef, so wäre sein Staat eine Diktatur. Kritiker würde er wegsperren lassen – aber nur an Tagen, an denen er milde gestimmt ist. Dass er, wie von ihm selbst angekündigt, 2015 auf eine neuerliche Kandidatur verzichten werde: Mumpitz! Er sei der Mann der Zukunft. Sagte der Mann, der bei seiner Wiederwahl fast 80 Jahre alt wäre. Er sei der Mann, der den Fußball in die Zukunft tragen werde. Ohnehin frage er sich, „ob Fußball auch auf anderen Planeten gespielt wird“ – und kündigte an: „Wir werden nicht mehr nur Weltmeisterschaften ausspielen, sondern interplanetarische Wettbewerbe.“ Spielvereinigung Klon-Krieger gegen Red Bull Enterprise? 1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker? Es scheint, als benötige da jemand dringend psychiatrische Hilfe . . .

In den brasilianischen Stadien sitzt privilegiertes Klatschpappen-Publikum

Doch Spaß beiseite, weil das alles ja gar nicht lustig ist. Seit der WM 2006 in ‚Schland gab es nur noch abenteuerliche Vergaben. Südafrika 2010 war möglicherweise gut gemeint. Aber „gut gemeint“ ist die freundliche Umschreibung für „nicht durchdacht“. Südafrika hatte und hat ganz andere Probleme als die Durchführung einer Fußball-WM. Heute stehen die Stadien von damals als Ruinen da und sind dem langsamen Verfall preisgegeben. 2014 also Brasilien. Der Fußball sollte nach Hause zurückkehren, so die Idee. Doch erstens kommt er so wenig aus Brasilien wie Caipirinha aus England. Und zweitens wollen die Brasilianer ihn gar nicht zurück haben. Jedenfalls die nicht, die, abgeschnitten von Bildungschancen und medizinischer Mindestversorgung, in bitterer Armut in Blechhütten an den Rändern der Gigastädte leben. Milliarden hat Brasilien diese WM gekostet. Milliarden verdient die Fifa an ihr. Das Volk aber hat wenig bis nichts davon. Im Gegenteil: Das Geld fehlt an anderer Stelle. Das Volk kann nicht einmal live dabei sein, wenn die eigene Mannschaft spielt. Weil es sich die Tickets fürs Stadion nicht leisten kann. Das ist auch der Grund dafür, dass die Stimmung beim Eröffnungsspiel über weite Strecken bescheiden blieb. Es sind nicht die brasilianischen Fußball-Fans, die dort auf den Tribünen sitzen, sondern die privilegierten, wohlhabenden Brasilianer, die auf ihrem Sitz gerne eine Klatschpappe inkl. Gebrauchsanweisung vorfinden würden und dann sicherlich auch bereit wären, während der 90 Minuten gelegentlich zur Entwicklung eines Fußball-typischen Geräuschpegels beizutragen.

Blatters Wertesystem: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Damit nicht genug. 2016 werden auch noch die Olympischen Sommerspiele in Brasilien stattfinden, in Rio de Janeiro, weil auch das Internationale Olympische Komitee in seinem Missionierungseifer und dem „Erschließen neuer Märkte“ unbremsbar ist. Fifa- und IOC-Funktionäre überbieten sich gegenseitig darin, aus ihren „Premiumprodukten“ mit brutaler Gewalt jeden noch so versteckten Cent heraus zu quetschen und dabei das politische Gewissen komplett auszuschalten. Blatter hat so ein Gewissen nicht. Er hat auch kein Wertesystem, das mit dem von Bill Shankly kompatibel wäre. Blatter kennt nur drei Werte: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Menschenrechte? Demokratische Strukturen? – Drauf geschissen!

Ob die Gastgeberländer Menschenrechte achten und demokratische Strukturen haben: drauf geschissen! Olympia in Peking und Sotchi lassen grüßen. Und die nächsten beiden Fußball-Weltmeisterschaften auch: 2018 in Russland bei König Putin, dem Erfinder der Demokratie. Und 2022 in Katar bei den Öl-Scheichs, die ihr Land so regieren, wie wir es in Deutschland aus guten Gründen nicht mehr ganz so gerne hätten. Die Bauarbeiter knechten und verrecken lassen und Menschenrechte, vor allem aber Frauenrechte, mit eben jenen Körperteilen treten, die bei einer Fußball-WM unverzichtbar sind. Dass 2022 bei 50 Grad gekickt wird, ist noch das kleinste Problem. Gewiss wird es am Spielfeldrand ausreichend Defibrillatoren geben, um kollabierte Spieler wieder zu beleben. 

. . . und wann gibt’s den ersten virtuellen Weltmeister?

Doch, ich gucke die WM-Spiele trotzdem. Weil ich das Spiel liebe. Und weil man ja auch nicht weiß, wie lange man solche Turniere überhaupt noch sehen kann; wie weit die „Blatterisierung“ des Fußballs noch führt. Wer weiß, vielleicht spielt die Fifa ihren Weltmeister 2026 ja schon virtuell aus. An der Konsole. Und die Welt schaut gegen Gebühr online zu. Kein Theater um die Ticketvergabe. Keine Angst, dass die Stadien nicht rechtzeitig fertig werden. Keine nervtötenden Zuschauer. Keine Proteste, keine Ausschreitungen. Für Josef Blatter, den Mann, der den Fußball in die Zukunft und ins Weltall tragen will, muss das wie die Verheißung klingen. Zumal man zwei WM-Turniere veranstalten könnte – eines an der Playstation und eines an der XBox. Neue Märkte. Mega-Einnahmen – Mini-Kosten. Profitmaximierung.

Wenn Blatter dann doch abtritt, so um das Jahr 2035 herum, wird die Abkürzung des Weltverbandes eine neue Bedeutung haben: FIFA = Fußball is’ fürn Arsch!

Ciro Immobile: Keine Spielchen – außer auffem Platz

Zuvorderst: keine Wortspielereien mit seinem Namen! Die sind alle durch. Von „Ciro d’Italia“ über das „Cirokonto“ bis „Immobilescout22.de“ – wobei die Zahl als Anspielung auf jene 22 Treffer zu verstehen ist, die Ciro Immobile in der abgelaufenen Saison für den italienischen Serie-A-Klub FC Turin erzielte und sich damit zum Torschützenkönig krönte.

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Gewiss, ein Fußballprofi mit Nachnamen Immobile – da ist was doof gelaufen. Als Zahnarzt heißt man ja auch nicht gerne Bohrer. Immobile bedeutet übersetzt „unbeweglich“. Weil der 24-jährige Angreifer, der am Montagnachmittag einen Fünf-Jahres-Vertrag bei Borussia Dortmund unterschrieb, jedoch exakt das Gegenteil davon ist, nämlich äußerst beweglich, also „mobile“, darf man die Wortkreationen, die in den vergangenen Wochen ins Kraut schossen und längst nur noch langweilen, getrost einfrieren. Zumindest so lange, bis Immobile – was hoffentlich nicht passieren wird – seinem Namen verletzungsbedingt mal Ehre macht. Zu erwarten ist freilich das Gegenteil: dass Marcel Reif, Fritz von Thurn und Taxis & Co-Kommentatoren den Sommer über einen ganzen Stenoblock mit Immobile-Sprachblüten voll schreiben, um ihn mit Anpfiff des ersten Testspiels aufzuklappen und Eintrag für Eintrag akribisch abzuarbeiten.

Kann er Lewandowski ersetzen? – Nein, kann er nicht, aber . . .

Die alles entscheidende Frage ist doch ohnehin: Kann der 1,85 Meter große, physisch starke Stürmer den zum FC Buyern München wechselnden Bundesliga-Torschützenkönig Robert Lewandowski ersetzen? Klare Antwort: Kann er nicht! Jedenfalls nicht eins zu eins. Kann aber auch kein anderer. Mit dem Unterschied, dass viele der anderen, die es auch nicht können, noch einmal deutlich teurer gewesen wären als Ciro Immobile. Und der war mit einer Ablösesumme in undementierter Höhe von 19 Millionen Euro plus/minus ein bisschen schon der drittteuerste Transfer der BVB-Vereinsgeschichte. Noch tiefer griffen die Schwarzgelben allein für Henryk Mkhitaryan und Marcio Amoroso in die Tasche.

. . . die anderen, die es auch nicht können, sind mehr als doppelt so teuer!

Wer ist in den zurückliegenden zwölf Monaten nicht alles als potenzieller Lewandowski-Nachfolger gehandelt worden: Mario Mandzukic, Diego Costa, Karim Benzema, Luis Suarez, Romelu Lukaku und – weil er vor laufender Kamera mit BVB-Trainer Jürgen Klopp gescherzt hat – natürlich auch Zlatan Ibrahimovic. Doch ganz abgesehen von der Frage, ob Klopp einen der Genannten überhaupt hätte haben wollen, ist, abgesehen vielleicht von Lukaku, keiner von ihnen für Borussia Dortmund finanzierbar. Wer in dieser Kategorie mitbieten will, steigt bei der Ablösesumme unter 40 Millionen Euro gar nicht erst ein. Für etwa diesen Betrag wird Diego Costa zum CL-Finalisten Atletico Madrid zum FC Chelsea wechseln. Und auch Immobiles Marktwert könnte schon während der WM in Brasilien weiter steigen. Deshalb war es wichtig und richtig, dass der BVB den Transfer noch vor Turnierbeginn wasserdicht gemacht hat.

Noch weit gravierender aber ist dies: Profis, die einmal bei einem der Scheich- oder Oligarchen-Klubs wie Paris, Monaco, Chelsea, ManU, ManCity, bei Real Madrid, dem FC Barcelona oder den Buyern als Leistungsträger unter Vertrag standen, ziehen unter 10 Millionen Euro Jahresgage morgens gar nicht erst die Schlafzimmer-Jalousie hoch. Mit einem solchen Gehalt würde sich der BVB sein Gefüge total zerschießen. Vor Michael Zorcs Bürotür würden aktuelle Leistungsträger wie Hummels, Reus, Mkhitaryan u.v.a. Schlange stehen und nachverhandeln wollen – getreu dem Motto: „Wenn der Neue so viel kriegt, will ich auch!“

Kommt auch noch Ginter, investiert der BVB 50 Millionen Euro in den Kader

Kurzum: Das ist nicht Borussias Preisklasse! Immobile bewegt sich schon im Grenzbereich. Zumal der BVB zuvor bereits rd. 10 Mio. € für seinen künftigen Sturmpartner Adrian Ramos (Hertha BSC) und 7 Mio. € für Rückkehrer Nuri Sahin (Real Madrid) überwiesen hat. Den Augsburger Dong-Won Ji gab’s ablösefrei; dafür wird noch einmal ein hoher einstelliger Millionenbetrag fällig, wenn es Sportdirektor Michael Zorc gelingen sollte, Defensivtalent Matthias Ginter in Freiburg loszueisen. In diesem Fall hätte der Vizemeister in der laufenden Wechselperiode fast 50 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Man darf Vorstandschef Hans-Joachim Watzke also getrost attestieren, dass er die angekündigte Transferoffensive in die Tat umgesetzt hat. Das ist durchaus eine Kampfansage – und es setzt Trainer und Team durchaus unter Druck.

Hinzu kommt: Anders als in den vergangenen Jahren (Sahin, Kagawa, Götze) stehen den Ausgaben diesmal keine nennenswerten Transfereinnahmen gegenüber. Jedenfalls bislang nicht. Was sich wiederum auf das Geschäftsergebnis auswirken und den einen oder anderen Aktionär vielleicht eher missmutig stimmen wird. Es sei denn, Borussia refinanziert die Investitionen über sportliche Erfolge, mit denen wiederum die Einnahmen steigen.

Mit Immobile/Ramos flexibler und variantenreicher 

Rein sportlich, so weit lehne ich mich aus dem Fenster, könnte der BVB mit dem Duo Immobile/Ramos am Ende sogar besser, weil flexibler und schwerer ausrechenbar, funktionieren als mit dem Duo Lewandowski/Schieber, das aufgrund fehlender Klasse und Torgefahr bei Schieber doch eher ein Solo war.

Ciro Immobile – diverse youtube-Videos leisten da gerne Aufklärungsarbeit – ist ein echter Vollstrecker mit Killerinstinkt. Keiner wie Lewandowski, der die 50-Meter-Pässe von Hummels, Sokratis oder Sahin mit dem Rücken zum Tor annimmt, behauptet und entweder selbst verarbeitet oder klug weiterverteilt. Der Italiener hält sich im „letzten Drittel“ des Spielfeldes auf. Seine Tore erzielt er mit rechts wie links, gerne aus der (Halb-)Distanz, aber auch per Kopf. Ein antrittsschneller Typ, der sich im Zweikampf robust behauptet. Mit Nebenleuten wie Reus und Mkhitaryan sollte er wunderbar harmonieren können und für den wieder genesenen Ilkay Gündogan ein dankbarer Passabnehmer sein.

Warum eigentlich Immobilie ODER Ramos?

Adrian Ramos hingegen ist ein Pressing- und Konterstürmer mit ausgewiesenen Stärken im Kopfballspiel, also auch bei Standards, bei denen der BVB zwar auch bisher schon gefährlich war – allerdings eher selten durch Lewandowski. Beide, Immobile und Ramos, sind in ihrer Spielweise so unterschiedlich, dass man sie sich nicht zwingend alternativ vorstellen muss. Sie könnten in einem 3-5-2 oder 4-4-2 auch neben- und miteinander funktionieren. Jürgen Klopp hat gegen Ende der Saison 2013/14 taktisch schon einige Male variiert. Möglich, dass er in Zukunft situations- und gegnerbezogen vom erfolgreichen, von den meisten Gegnern inzwischen aber gut analysierten 4-2-3-1, abweicht – und sei es, um im laufenden Spiel neue, zusätzliche Impulse zu setzen und den Gegner zur Reaktion zu zwingen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Von mir aus könnte es morgen schon wieder los gehen! (Auch) dank Ciro Immobile herrscht in Dortmund „anticipazione massima„. Maximale Vorfreude.

Da ist der Durm drin!

Was? Für. Eine. Ganz und gar. Fabelhafte!!! Geschichte!

Als die Bundesliga-Saison 2013/14 im August vergangenen Jahres startete, war der Name Erik Durm nur wenigen besonders gut Informierten in Dortmund und der näheren Umgebung geläufig.

Als sich dann BVB-Linksverteidiger Marcel Schmelzer verletzte, schwante selbst Experten Böses. Schließlich fehlte auf der rechten Abwehrseite schon Lukasz Piszczek nach einer Hüft-OP langfristig. Und Borussias Allzweckwaffe Kevin Großkreutz kann zwar Vieles – aber auf beiden Flügeln gleichzeitig verteidigen, gegen Ribery UND Robben, gegen Ronaldo UND Bale, nein, dass bekommt selbst KG19 nicht hin.

Doch Trainer Jürgen Klopp zauderte nicht, sondern zauberte einen aus der „Pöhler“-Kappe, der zur Spielzeit 2012/13 von den Mainzer Amateuren an die Strobelallee gewechselt war, um sich dort als Stürmer in der U23 zu beweisen und für höhere Aufgaben zu empfehlen: Erik Durm.

Dessen Talent war Klopp nicht verborgen geblieben. Gleichwohl verortete er es auf einer völlig anderen Position. Außen. Und hinten. Und so ersetzte Durm den bis dahin über Jahre hinweg gesetzten und verlässlich fitten Marcel Schmelzer nicht nur. Er vertrat ihn in 19 BL- und 7 CL-Spielen sogar so gut, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn erst in den vorläufigen und nun auch in den endgültigen WM-Kader berief. Während „Schmelle“ neben Hoffenheims Volland und dem Wahl-Italiener Mustafi gestrichen wurde und den Koffer nun ganz anders packen muss: Badehose statt Fußballschuhe.

Eine Entscheidung, die man, so hart sie kurz vor dem Abflug nach Brasilien auch ist, nachvollziehen kann. Schmelzer, der bei Löw ohnehin nie großen Kredit hatte und – ein NO-GO! – einmal sogar öffentlich von ihm kritisiert wurde, blickt auf eine Seuchen-Saison zurück. Immer wieder zwangen ihn Verletzungen zum Zuschauen und warfen ihn zurück. Der 26-jährige konnte in keiner Phase der Saison wirklich Rhythmus aufnehmen. Als er nun auch noch die Trainingslager-Woche in Südtirol vornehmlich mit individuellem Aufbau-, statt mit Mannschaftstraining verbrachte, wurde dem Bundestrainer das Risiko offenbar zu groß.

Gewiss, mit dem gleichen Argument, mit dem er nun Schmelzers Ausbootung begründet, hätte Löw auch Neuer und Schweinsteiger, allemal aber Khedira und Klose zu Hause lassen können, wenn nicht müssen. Aber dieses Quartett hat mithin einen ganz anderen Stand – und sich den über Jahre hinweg wohl auch verdient.

Ausgerechnet vom eigenen Klubkollegen verdrängt worden zu sein, macht die Sache für Marcel Schmelzer natürlich besonders bitter. Ironie des Schicksals: Vor vier Jahren war es Schmelzer selbst, der den seinerzeit häufig und langfristig verletzten Publikumsliebling Dédé aus der ersten Elf verdrängte. Schmelzer avancierte im Meisterjahr 2010/11 zum Leistungsträger; Dédé erlebte die Saison weitgehend aus der Zuschauerperspektive. Wie Schmelzer nun die WM.

Was aber bedeutet Durms WM-Teilnahme und Schmelzers Ausbootung für Borussia Dortmund und Jürgen Klopp?

Erstens, dass der BVB auf einer Position, auf der die meisten Bundesligisten allergrößte Not haben, gleich über zwei exzellente Spieler verfügt, von denen einer (Schmelzer, 26 Jahre) seine beste Zeit noch lange nicht hinter sich haben muss und der andere (Durm, 22) sie definitiv noch vor sich hat.

Zweitens: Ganz gleich, wie die WM läuft; ganz gleich, ob Durms kometenhafter Aufstieg in Brasilien andauert oder abgebremst wird: Bei Jürgen Klopp ist der Shooting-Star keinesfalls ab sofort die Nr. 1 auf der linken Defensivseite und Schmelzer die Nr. 2. Dazu hat „Schmelle“ zu lange und in zu vielen Spielen seinen Wert bewiesen. Klopp weiß, dass er mit ihm Titel gewinnen kann. Zwischen den beiden ist über die Jahre ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Zu erwarten ist dennoch . . .

. . . drittens: Dass es vor der kommenden Saison und auch während der Spielzeit einen packenden internen Konkurrenzkampf geben wird. Der kann letztlich nur förderlich sein. Zudem ermöglicht die Doppelbesetzung Klopp auch ein häufigeres Rotieren. Gerade auf der extrem laufintensiven Position des Außenverteidigers ein Mega-Plus. Zumal sich dem BVB auf der anderen Seite mit Piszczek/Großkreutz eine ähnlich komfortable Situation bietet.

Viertens handelt es sich faktisch ja sogar um eine Dreifach-Besetzung, denn auch Großkreutz kann links spielen. Mehr noch: Da Löw vor Schmelzer schon den Hamburger Marcell Jansen ausgemustert hatte, plant er offenbar mit KG19 sowohl als Alternative für die rechte Abwehrseite wie auch als Durm-Back-Up. Einen anderen ausgewiesenen Linksverteidiger nimmt er nicht mit nach Brasilien – und Philipp Lahm, das hat der Bundestrainer mehrfach angekündigt, wird er nichts links spielen lassen. Lahm ist auf der „Sechs“ oder auf der rechten Abwehrseite gesetzt. Genau genommen ist Schmelzer also nicht allein an Durm gescheitert, sondern auch an Großkreutz. Erst dessen Flexibilität ermöglichte es Löw, „Schmelle“ zu Hause zu lassen.

Fünftens bedeutet genau das für Erik Durm, den jungen Mann, der vor einem Jahr noch Stürmer in der dritten Liga war und am Sonntag gegen Kamerun sein erstes (!) A-Länderspiel bestritt. Er darf nicht nur mit nach Brasilien fliegen und sich – wie Ginter, Kramer, Draxler und Zieler – für den Fall fit halten, dass eine Tropenseuche den Rest des Kaders niederstreckt. Nein, Durm steht, so er selbst nicht Opfer eine Seuche wird, im ersten Gruppenspiel gegen Portugal in der Startelf. Die Augen der Fußball-Welt werden auf ihn gerichtet sein – und angesichts des Mangels an starken Linksverteidigern werden sie sogar ganz besonders auf ihn gerichtet sein. Mit einer starken WM könnte Durm seinen Marktwert, den das Portal transfermarkt.de jetzt schon mit 3 Millionen Euro veranschlagt, noch einmal deutlich steigern. Der BVB hat bereits angekündigt, Durms Vertrag, der noch bis 2017 läuft, vorzeitig verlängern zu wollen. Dass das Jahreseinkommen des „Geringverdieners“ dabei erheblich angehoben wird, versteht sich von selbst.

„Als der Trainer (Klopp) zu mir sagte, du spielt jetzt Außenverteidiger, war das für mich auch erst eine ziemliche Umstellung. Aber letztlich war es natürlich mein Glück“, sagte Durm unlängst im DFB-Trainingslager im Interview mit SPIEGEL-Online. „Als Stürmer, da bin ich ehrlich, hätte ich es nie im Leben hierhin geschafft.“ Als Stürmer hätte sich Durm vor einigen Wochen über den Drittliga-Klassenerhalt von Borussias U23 gefreut. Mit Recht. Als Linksverteidiger nimmt er jetzt den WM-Titel in Angriff.

Was. Für. Eine. Ganz und gar. Fabelhafte. Geschichte!