Da ist der Durm drin!

Was? Für. Eine. Ganz und gar. Fabelhafte!!! Geschichte!

Als die Bundesliga-Saison 2013/14 im August vergangenen Jahres startete, war der Name Erik Durm nur wenigen besonders gut Informierten in Dortmund und der näheren Umgebung geläufig.

Als sich dann BVB-Linksverteidiger Marcel Schmelzer verletzte, schwante selbst Experten Böses. Schließlich fehlte auf der rechten Abwehrseite schon Lukasz Piszczek nach einer Hüft-OP langfristig. Und Borussias Allzweckwaffe Kevin Großkreutz kann zwar Vieles – aber auf beiden Flügeln gleichzeitig verteidigen, gegen Ribery UND Robben, gegen Ronaldo UND Bale, nein, dass bekommt selbst KG19 nicht hin.

Doch Trainer Jürgen Klopp zauderte nicht, sondern zauberte einen aus der „Pöhler“-Kappe, der zur Spielzeit 2012/13 von den Mainzer Amateuren an die Strobelallee gewechselt war, um sich dort als Stürmer in der U23 zu beweisen und für höhere Aufgaben zu empfehlen: Erik Durm.

Dessen Talent war Klopp nicht verborgen geblieben. Gleichwohl verortete er es auf einer völlig anderen Position. Außen. Und hinten. Und so ersetzte Durm den bis dahin über Jahre hinweg gesetzten und verlässlich fitten Marcel Schmelzer nicht nur. Er vertrat ihn in 19 BL- und 7 CL-Spielen sogar so gut, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn erst in den vorläufigen und nun auch in den endgültigen WM-Kader berief. Während „Schmelle“ neben Hoffenheims Volland und dem Wahl-Italiener Mustafi gestrichen wurde und den Koffer nun ganz anders packen muss: Badehose statt Fußballschuhe.

Eine Entscheidung, die man, so hart sie kurz vor dem Abflug nach Brasilien auch ist, nachvollziehen kann. Schmelzer, der bei Löw ohnehin nie großen Kredit hatte und – ein NO-GO! – einmal sogar öffentlich von ihm kritisiert wurde, blickt auf eine Seuchen-Saison zurück. Immer wieder zwangen ihn Verletzungen zum Zuschauen und warfen ihn zurück. Der 26-jährige konnte in keiner Phase der Saison wirklich Rhythmus aufnehmen. Als er nun auch noch die Trainingslager-Woche in Südtirol vornehmlich mit individuellem Aufbau-, statt mit Mannschaftstraining verbrachte, wurde dem Bundestrainer das Risiko offenbar zu groß.

Gewiss, mit dem gleichen Argument, mit dem er nun Schmelzers Ausbootung begründet, hätte Löw auch Neuer und Schweinsteiger, allemal aber Khedira und Klose zu Hause lassen können, wenn nicht müssen. Aber dieses Quartett hat mithin einen ganz anderen Stand – und sich den über Jahre hinweg wohl auch verdient.

Ausgerechnet vom eigenen Klubkollegen verdrängt worden zu sein, macht die Sache für Marcel Schmelzer natürlich besonders bitter. Ironie des Schicksals: Vor vier Jahren war es Schmelzer selbst, der den seinerzeit häufig und langfristig verletzten Publikumsliebling Dédé aus der ersten Elf verdrängte. Schmelzer avancierte im Meisterjahr 2010/11 zum Leistungsträger; Dédé erlebte die Saison weitgehend aus der Zuschauerperspektive. Wie Schmelzer nun die WM.

Was aber bedeutet Durms WM-Teilnahme und Schmelzers Ausbootung für Borussia Dortmund und Jürgen Klopp?

Erstens, dass der BVB auf einer Position, auf der die meisten Bundesligisten allergrößte Not haben, gleich über zwei exzellente Spieler verfügt, von denen einer (Schmelzer, 26 Jahre) seine beste Zeit noch lange nicht hinter sich haben muss und der andere (Durm, 22) sie definitiv noch vor sich hat.

Zweitens: Ganz gleich, wie die WM läuft; ganz gleich, ob Durms kometenhafter Aufstieg in Brasilien andauert oder abgebremst wird: Bei Jürgen Klopp ist der Shooting-Star keinesfalls ab sofort die Nr. 1 auf der linken Defensivseite und Schmelzer die Nr. 2. Dazu hat „Schmelle“ zu lange und in zu vielen Spielen seinen Wert bewiesen. Klopp weiß, dass er mit ihm Titel gewinnen kann. Zwischen den beiden ist über die Jahre ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Zu erwarten ist dennoch . . .

. . . drittens: Dass es vor der kommenden Saison und auch während der Spielzeit einen packenden internen Konkurrenzkampf geben wird. Der kann letztlich nur förderlich sein. Zudem ermöglicht die Doppelbesetzung Klopp auch ein häufigeres Rotieren. Gerade auf der extrem laufintensiven Position des Außenverteidigers ein Mega-Plus. Zumal sich dem BVB auf der anderen Seite mit Piszczek/Großkreutz eine ähnlich komfortable Situation bietet.

Viertens handelt es sich faktisch ja sogar um eine Dreifach-Besetzung, denn auch Großkreutz kann links spielen. Mehr noch: Da Löw vor Schmelzer schon den Hamburger Marcell Jansen ausgemustert hatte, plant er offenbar mit KG19 sowohl als Alternative für die rechte Abwehrseite wie auch als Durm-Back-Up. Einen anderen ausgewiesenen Linksverteidiger nimmt er nicht mit nach Brasilien – und Philipp Lahm, das hat der Bundestrainer mehrfach angekündigt, wird er nichts links spielen lassen. Lahm ist auf der „Sechs“ oder auf der rechten Abwehrseite gesetzt. Genau genommen ist Schmelzer also nicht allein an Durm gescheitert, sondern auch an Großkreutz. Erst dessen Flexibilität ermöglichte es Löw, „Schmelle“ zu Hause zu lassen.

Fünftens bedeutet genau das für Erik Durm, den jungen Mann, der vor einem Jahr noch Stürmer in der dritten Liga war und am Sonntag gegen Kamerun sein erstes (!) A-Länderspiel bestritt. Er darf nicht nur mit nach Brasilien fliegen und sich – wie Ginter, Kramer, Draxler und Zieler – für den Fall fit halten, dass eine Tropenseuche den Rest des Kaders niederstreckt. Nein, Durm steht, so er selbst nicht Opfer eine Seuche wird, im ersten Gruppenspiel gegen Portugal in der Startelf. Die Augen der Fußball-Welt werden auf ihn gerichtet sein – und angesichts des Mangels an starken Linksverteidigern werden sie sogar ganz besonders auf ihn gerichtet sein. Mit einer starken WM könnte Durm seinen Marktwert, den das Portal transfermarkt.de jetzt schon mit 3 Millionen Euro veranschlagt, noch einmal deutlich steigern. Der BVB hat bereits angekündigt, Durms Vertrag, der noch bis 2017 läuft, vorzeitig verlängern zu wollen. Dass das Jahreseinkommen des „Geringverdieners“ dabei erheblich angehoben wird, versteht sich von selbst.

„Als der Trainer (Klopp) zu mir sagte, du spielt jetzt Außenverteidiger, war das für mich auch erst eine ziemliche Umstellung. Aber letztlich war es natürlich mein Glück“, sagte Durm unlängst im DFB-Trainingslager im Interview mit SPIEGEL-Online. „Als Stürmer, da bin ich ehrlich, hätte ich es nie im Leben hierhin geschafft.“ Als Stürmer hätte sich Durm vor einigen Wochen über den Drittliga-Klassenerhalt von Borussias U23 gefreut. Mit Recht. Als Linksverteidiger nimmt er jetzt den WM-Titel in Angriff.

Was. Für. Eine. Ganz und gar. Fabelhafte. Geschichte!

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Ein Kommentar zu “Da ist der Durm drin!

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