Weltmeister-Lotto „6 aus 32“: Diese 26 werden’s nicht!

(Update, 18. Juni, 23 Uhr: Da waren’s nur noch fünf. Adios, Espana!)
(Update, 27. Juni, 0 Uhr: Da waren’s nur noch vier. Ciao, Italia!)

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist eine Woche alt. Alle 32 Teilnehmer haben mindestens einmal gespielt. Der fachkundige Beobachter weiß spätestens jetzt: Nur sechs Teams kommen für den Titel in Frage. Damit sind zumindest schon einmal jene 26 Teilnehmer klar, denen FIFA-Gott Sepp Blatter früher oder später sagen wird: „Für euch habe ich heute leider keinen Pokal!“

KÖNNEN JOGIS JUNGS WIRKLICH WELTMEISTER WERDEN?

Jau! Können sie. Können sie aber eigentlich immer. Hätten sie auch 2006 gekonnt, wenn Italiens Grosso, sonst eher ein Grobmotoriker, in der 118. Minute nicht diesen genialen Moment gehabt hätte. Hätten sie auch 2010 gekonnt, wenn sie im Halbfinale gegen Spanien nur annähernd die Leistung aus dem Achtel- (England) und Viertelfinale (Argentinien) bestätigt hätten. Sie hätten auch 2012 Europameister werden können, wenn Löw sich im Halbfinale gegen Italien nicht bei Personal und Taktik vergriffen hätte. Kurz und gut: Deutschland kann bei großen Turnieren (fast) immer gewinnen. Das ist aber keine neue Erkenntnis. Das wussten wir alle auch vor dem Abflug nach Brasilien schon. Das – zugegeben unerwartet deutliche – 4:0 gegen Portugiesen, die vermutlich den schwärzesten Tag ihrer jüngeren Länderspielgeschichte erwischten, hat an dieser Einschätzung nichts geändert. Auch nicht zum Positiven. 

Bei halbwegs sachlicher Betrachtung, wird man attestieren müssen: Klar, die DFB-Auswahl hat bei einem 4:0 gegen den Vierten der Weltrangliste weit mehr richtig als falsch gemacht. Das heißt aber beileibe nicht, dass sie alles richtig gemacht haben. Die Art und Weise, wie Khedira, Özil und Götze klarsten Chancen kläglich vergaben, kann sich in engeren Duellen bitter rächen. Und in der zweiten Halbzeit kannte das DFB-Team nur noch eine Gangart: Trab! Auch bei 30 Grad, 80 Prozent Luftfeuchte und einem 3:0 im Rücken, ist es nicht verboten, gelegentlich mal vom dritten in den vierten Gang hoch zu schalten. Den fünften und sechsten hätte man dann immer noch schonen können.

Außerdem: Deutschland hatte Glück! Dass der Schiedsrichter den Elfmeter zum 1:0 gab. Zwingend war der nämlich nicht. Portugal wurde später im Spiel ein viel klarerer Strafstoß verweigert. Zudem schieden beim Gegner mit Almeida und Coentrao zwei Leistungsträger verletzt aus. Das Gefüge geriet völlig durcheinander. Auch, weil Pepe vom Platz flog – zurecht, sagen die einen; zu hart, sagen die anderen. Wenn man die Deutschland-Brille mal für einen Moment absetzt und sich vorstellt, die Partie wäre in allen Szenen exakt anders herum gelaufen – vermutlich hätte die BILD am Tag danach getitelt: „Skandal-Schiri klaut Jogis Jungs den Sieg!“

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass dieses erste Gruppenspiel keine echte Standortbestimmung gewesen sein kann, weil die Deutschen gerade dort, wo es zuletzt häufig zwickte, in der Defensive nämlich, kaum geprüft wurden. Gut möglich, dass auch die nächsten Gegner, Ghana, die USA und im Achtelfinale eines der Teams aus dem Quartett Belgien, Russland, Algerien, Südkorea, dazu nicht in der Lage sind, weil ihnen schlicht das Potenzial fehlt. Gut möglich, dass der erste Dickfisch erst im Viertelfinale auf Jogis Jungs wartet. DANN müssen sie auf den Punkt beweisen, dass sie nicht nur Weltmeister werden könnten, sondern auch Weltmeister werden können! Bis dahin sind alle Möglichkeiten nur Konjunktive.

WER KÖNNTE SONST WELTMEISTER WERDEN?

Brasilien. Natürlich.

Klar, hatten die Gastgeber Dusel, dass sie im Eröffnungsspiel gegen Kroatien durch ein Elfmetergeschenk in die Spur geschoben wurden. Und klar, war das 0:0 gegen Mexiko nicht das, was die Fans von ihrer Selecao erwarten. Aber: Die Zeit, da Brasilien Fußball getanzt und gezaubert hat, die Zeit also von Pele und Garrincha, von Zico und Falcao, die ist unendlich lange vorbei. Schon die letzten WM-Titel 1994 und 2002 haben die Südamerikaner mit einem eher pragmatischen Spielstil gewonnen, in dem herausragende Individualisten immer wieder mal Sahnehäubchen platzierten. Das Kroatien-Spiel war so ungewöhnlich daher nicht; die Leistung gegen Mexiko wiederum beileibe nicht so schwach wie von vielen Analysten behauptet. Brasilien hatte, ohne dabei vor Spielfreude gesprüht zu haben, ein halbes Dutzend Chancen und hätte dieses Spiel an 99 von 100 Abenden auch gewonnen. Dummerweise hatte Mexikos Torwart Ochoa den EINEN von 100 Abenden, an dem er auch unhaltbare Bälle hielt.

Worüber die Gastgeber stolpern und stürzen könnten, ist der gewaltige Druck, der auf ihnen lastet und der ihnen nicht nur jegliche Leichtigkeit nimmt, sondern ihnen buchstäblich ins Gesicht gemeißelt ist. Symbolhaft: Die Inbrunst, mit der die Spieler die Nationalhymne schmettern – Superstar Neymar war dabei gegen Mexiko emotional so aufgeladen, dass ihn kurz ein Weinkrampf schüttelte. Das zeigt, wie sehr Brasilien den Titel gewinnen will. Aber eben auch, wie sehr es ihn gewinnen muss. Das ist mehr Druck als gesund ist.

Spanien. Vielleicht.

Heute Abend vielleicht schon nicht mehr, wenn sie gegen Chile verlieren. Dann wäre der Weltmeister vermutlich raus. Und selbst bei einem Unentschieden wird es eng. Klar ist: Das 1:5 gegen die Niederlande war ein Schock für das perfekte Kollektiv, das die EM-Turniere 2008 und 2012 und die WM 2010 mit seinem Stil geprägt und mit seiner Dominanz beherrscht hat, das aber eben auch in die Jahre gekommen ist. Fünf Gegentreffer für jenes Team, das über drei Turniere hinweg fast keine Tore kassiert hat. Dem häufig ein einziger eigener Treffer zum Sieg reichte – heftig! Aber: Bringen die Spanier den Teamgeist auf, sich aus dieser Krise zu beißen, könnte der Fehlstart sie stärker machen. Angereist sind sie satt – nach dem 1:5 könnten sie noch einmal Hunger entwickeln. Das Potenzial zu neuen Großtaten haben sie allemal. Selbst in einem möglichen Achtelfinale gegen Brasilien. Der #FifaWorldCup 2014 wäre nicht das erste wichtige Turnier, das ein vorweg genommenes Endspiel so früh erlebt. Aus deutscher Sicht für alle Zeiten in Erinnerung: Das 2:1 gegen den amtierenden Europameister Holland im Achtelfinale 1990 – der mit Abstand schwerste Brocken auf dem Weg zum Titelgewinn.

Apropos Holland. Sowieso.

Jau. Die Niederlande können Weltmeister werden. Können sie aber – siehe Deutschland – eigentlich auch immer. Wenn sie nicht gerade die Quali verpassen. Dreimal waren sie’s ja auch schon fast: 1974 in Deutschland spielten sie den spektakulärsten Fußball und scheiterten im Finale. Vier Jahre später in Argentinien scheiterten sie im Finale – wiederum am Gastgeber. 2010 gegen Spanien spielten sie im Finale nicht gut, eher unholländisch, eher wie auf einer Holzauktion. Dennoch hätten sie gewinnen können, wenn, ja wenn nicht Arjen Robben die Megagigahyper-Chance gegen Iker Casillas verdaddelt hätte.

Was für Holland spricht: Robbens Über-Form. Die Offensivstärke. Die Kreativität und Schnelligkeit ihres Spiels. Die qualitativ gute Bank.

Was gegen Holland spricht: Dass sie im entscheidenden Moment meist an sich selber scheitern. Weil ihnen offenbar das Sieger-Gen fehlt.

Italien. Blöderweise auch.

Wir haben sie bei einem Turnier bis heute nicht geschlagen. WM 1970. WM 1982. WM 2006. EM 2012: Duelle mit Italien sind aus deutscher Sicht nachgerade traumatisch. Besser wäre es daher, wenn jemand sie aus dem Weg räumen würde, bevor es zum direkten Duell kommt. Und wenn nicht? Dann würde es auch diesmal wieder kompliziert. Weil es immer noch unglaublich schwer ist, gegen sie Tore zu erzielen, auch wenn sie schon seit Jahren nicht mehr den zerstörerischen Catenaccio spielen, der sie einst berühmt und berüchtigt gemacht hat. Dafür sind sie im Spiel nach vorne flexibler und schwerer ausrechenbar. Mit Balotelli und dem Neu-Dortmunder Immobile verfügen sie über zwei völlig unterschiedliche Torjäger, die es Trainer Prandelli erlauben, auch während eines laufenden Spiels taktisch zu variieren.

Was Italiens Problem werden könnte: Das Divenhafte von Balotelli – seine Überheblichkeit in Tateinheit mit seiner bisweilen mangelhaften Disziplin. Und das Alter von Andrea Pirlo. Der Mittelfeldspieler ist noch immer die Seele der Squadra Azzura. Schwächelt Pirlo, lahmt das italienische Spiel. Gelingt es dem Gegner – wie Spanien im EM-Finale 2012 (im Gegensatz zu Sonderbewacher Kroos im Halbfinale) – Pirlos Wirkkreise einzuengen, hat die Mannschaft ein Kreativproblem. Dann bringen sie den Ball nicht mehr in die gefährliche Zone. Pirlo ist 35. Die Saison mit Juventus Turin in der Serie A und der Europa League war lang. Die WM kann mit maximal sieben Spielen binnen vier Wochen bei klimatisch schwierigsten Bedingungen lang werden. Trainer Prandelli weiß um dieses Risiko. Deshalb muss Pirlo auf dem Platz nicht arbeiten. Das tun andere für ihn. Das kann funktionieren. Muss es aber auch. Weil sonst nicht viel funktioniert beim vierfachen Champion.

Argentinien. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Sie haben den Heimvorteil. Argentinien spielt nicht ganz, aber fast zu Hause. Gleich nebenan. Das nimmt ihnen den Druck, wie Brasilien Weltmeister werden zu müssen, verschafft ihnen aber die Unterstützung ihrer Fans. Die sind unfassbar. Niemand singt schöner und niemand lauter als die argentinischen Anhänger. Das kann, insbesondere in den K.O.-Spielen, ein entscheidender Faktor werden. Und dann diese Offensive: Der mehrfache Weltfußballer Lionel Messi, Maradona-schwiegersohn Agüero, Real Madrids Turbo di Maria. Im ersten Spiel gegen Bosnien saßen internationale Klassestürmer wie Higuain (Ex-Real, bald wohl Barca) und Lavezzi (Paris) nur auf der Bank. Gar keine Frage: Mehr PS als die Argentinier bringt kein anderer WM-Teilnehmer an den Start. Die Frage: Bekommen sie ihre Power auch auf die Piste? Glänzt das Genie Messi, groß geworden im Barca-Tiki-Taka, endlich auch einmal im Nationalteam? Sind die anderen Superstars endlich einmal bereit, sich Messi zumindest ein Stück weit unterzuordnen? Insbesondere Agüero fiel das in der Vergangenheit schwer. Tritt Argentinien als Einheit auf, ist die Mannschaft schwer zu schlagen. 28 Jahre liegt der letzte Titel zurück. Damals führte der geniale Diego Maradona sein Land in Mexiko zum Titel. Und man ist geneigt zu fragen: Wenn nicht jetzt – wann dann will Argentinien den Pokal gewinnen?

Sonst noch wer?

Nein. Brasilien. Argentinien. Italien. Spanien. Deutschland. Die Niederlande. 6 aus 32. Einer wird’s werden. Auflösung am 13. Juli um kurz vor Mitternacht MESZ.

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Ein Kommentar zu “Weltmeister-Lotto „6 aus 32“: Diese 26 werden’s nicht!

  1. Ich denke, dass Brasilien sind die Weltmeister, weil sie viele Zahlen der Jackpot haben. Und sie haben auch einige sehr glückliche Spieler. Also meine Stimme geht an Brasilien.

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