Hilfe, WM-Sprech! – Wenn das gefühlte Momentum episch wird

Die Bundesliga-Saison 2013/14 ist weit weg. Vielleicht, weil es, wenn man nicht gerade Anhänger des FC Bayern München oder des Hamburger SV ist, keine Saison war, an die man sich sehr lange zurückerinnern muss. Vielleicht aber auch ganz einfach nur deshalb, weil sehr bald nach Saisonende ein Ereignis begann, das gemeinhin alles andere verschlingt – sogar Diskussionen über Mindestlohn, Pkw-Maut und Spionage-Affären; von den Dutzenden (Bürger-)Kriegsschauplätzen auf der Welt ganz zu schweigen. Gemeint ist – Überraschung! – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Bis es einem aus den Ohren heraus kommt

So weit ist die Bundesliga-Saison entfernt, dass sich kaum mehr jemand an das (Un-)Wort der Saison erinnern kann. Ja, ganz richtig, jede Spielzeit hat nicht nur einen Meister, einen Torschützenkönig, zwei Absteiger, zwei Aufsteiger und einen HSV, sondern auch einen Begriff, der sie prägt. Meistens hat irgend jemand (sehr oft: ein Trainer) ihn irgendwann in der Frühphase der Saison mal in einem Interview eingestreut. Sodann greifen die Sportjournalisten, froh über die kreative Bereicherung ihres Sprachschatzes, ihn auf, verbreiten ihn weiter und weiter, penetrieren ihn in die Alltagssprache hinein, bis, ja bis er uns buchstäblich aus den Ohren heraus kommt und einfach nur noch nervt.

Immer auf deiner Seite – oder eben nicht: das Momentum!

Der Begriff der Bundesliga-Saison 2014/15 war „das Momentum„. Wann immer einem Spieler, einer Mannschaft oder einem Trainer etwas besonders gut oder eben auch gar nicht gelang, war garantiert „das Momentum“ entweder auf seiner/ihrer Seite oder eben nicht. Vor der Saison 2014/15 nannte man so etwas einen „psychologischen Vorteil“. Oder Nachteil. Oder wahlweise einen „mentalen Vorteil“. Oder Nachteil. Nun also: Momentum, was übrigens aus dem Lateinischen kommt und nichts anderes bedeutet als (richtiger/falscher/geeigneter/ungeeigneter) Augenblick/Zeitpunkt.

Ein EPISCHer Siegeszug

Dass die WM 2014 in Brasilien der geeignete Zeitpunkt sein würde, via Sportjournalismus ein neues Modewort in die Berichterstattung zu implantieren, war so erwartbar wie das Ausscheiden Englands in der Vorrunde. Und noch bevor das Turnier mit den Halbfinals in seine entscheidende Phase eintritt, können wir erleichtert feststellen: Die weltmeisterliche Neuschöpfung ist vollbracht. Sie lautet: EPISCH – und trat einen epischen Siegeszug an.

Die Torwartleistung von Mexikos Ochoa gegen Brasilien: EPISCH!

Die Gala der Niederlande gegen Titelverteidiger Spanien: EPISCH!

Die Elfmeter-Dramen BRA vs. MEX und NED – COS: EPISCH!

Der heldenhafte Kampf der USA gegen Belgien: EPISCH!

Das Traumtor von Kolumbiens James Rodriguez gegen Uruguay: Megaoberhyper-EPISCH!

Und Deutschlands 1:0 gegen Frankreich: selbstverständlich EPISCH! (Früher hätte man gesagt: Arbeitssieg! Allenfalls pragmatisch.)

 

Kein Zweifel: „Episch“ ist das neue „Momentum“ ist das neue „gefühlt“ ist das neue „Potenzial abrufen“…

Interviews und Texte werden austauschbar

So weit, so lustig. Das Problem daran: Sieben von zehn Interviews klingen gleich. Sieben von zehn Texten lesen sich gleich. Ein Sportjournalismus, der diesen Trends hinterher läuft, wird austauschbar. Kein Wunder, dass Techniker inzwischen Computer-Programme mit solchen Phrasen und Floskeln füttern und so dressieren, dass sie automatisiert Texte ausspucken. Eine Vorschau auf das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien kann man leicht auf diese Weise verfassen. Glaubt Ihr nicht? – Dann lest mal das hier:

Der Textbeweis: ein Halbfinal-Vorbericht

Belo Horizonte. Bundestrainer Joachim Löw ist zuversichtlich, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das WM-Finale am Sonntag im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro erreichen wird. Nach dem Ausscheiden von Neymar (verletzt) und Silva (gesperrt) könnte das Momentum auf Seiten der DFB-Auswahl liegen. Beide Teams begegnen sich auf Augenhöhe, haben eine extrem hohe Qualität im Kader und sind auf allen Positionen doppelt stark besetzt. Wenn sie ihr Potenzial abrufen, so Löw, könne das Halbfinale ein episches Duell werden. Der Bundestrainer rät seinen Spielern, den Moment zu genießen und einfach Spaß zu haben. Bei gefühlten 40 Grad vor gefühlten 200.000 enthusiastischen Zuschauern erwartet er ein intensives, physisch geprägtes Spiel, in dem sein Team einen hohen Rhythmus gehen und jeder Einzelne 120 Prozent geben müsse. Natürlich entscheide am Ende auch die Tagesform. Aber, so Löw: Jedes Spiel beginnt bei Null, und wenn die Null auch am Ende steht, haben wir eine Fifty-Fifty-Chance auf den Finaleinzug!“

Eine Aneinanderreihung von Floskeln und Phrasen. Journalistisch ein Null-Text. Den wir so oder ähnlich aber schon oft gelesen haben und noch oft lesen werden. Manchmal sogar in EPISCHER Länge auf GEFÜHLTEN 1000 Zeilen.

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Geht’s noch, Kollegen?!

Die K.O.-Runde läuft. Da ist es letztlich ja nur konsequent, dass auch die Debatte über das Auftreten und Abschneiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien – kurz: ihre Performance – in eine neue Phase eingetreten ist. Diskutiert wird seit dem 2:1-Zittersieg gegen die Fußball-Großmacht Algerien nicht mehr allein über die taktische Grundaufstellung, die Joachim Löw seinen Spielern verpasst hat, ohne dass diese eine echte Chance gehabt hätten, sich dagegen zu wehren. Es wird auch nicht zuvorderst über die Aufstellung fabuliert, in der gleich ein halbes Dutzend Akteure auf Positionen zum Einsatz kommen, die sie im Klub entweder nicht oder SO nicht bekleiden.

Diskutiert wird, ob das Diskutieren erlaubt ist
Nein, diskutiert wird – nachdem die erste Aufregung über die schlechteste Halbzeit einer DFB-Auswahl in einem Pflichtspiel seit Menschengedenken ein wenig verraucht war – vor allem darüber, ob es richtig oder überhaupt legitim ist, darüber zu diskutieren. Das Ergebnis, zu dem erstaunlicherweise gar nicht so wenige Journalisten kommen, lautet: nein! Es ist nicht legitim. Wir Deutschen sind zu motzig. Der Jogi wird’s schon richten!

Der Jogi denkt sich schließlich was dabei
Der denkt sich ja schließlich was dabei, wenn er ein 4-3-3 spielen lässt, das kein deutscher Spitzenklub spielt. Dass die meisten seiner Spieler also nicht kennen und nicht können. Woher sollten sie’s auch können können?!
Er denkt sich sicherlich etwas dabei, dass er den vorgeblich besten Rechtsverteidiger der Welt beharrlich im zentralen defensiven Mittelfeld aufstellt, weil er ihm dort wichtiger erscheint. Komisch nur, dass Löw für diesen Erkenntnisgewinn den Fußballlehrer Pep Guardiola benötigte, der aus Lahm einen „Sechser“ machte. Bei Löw hatte der Bayern-Star zuvor jahrelang rechts verteidigt . . .
Natürlich denkt er sich etwas dabei, vier Innenverteidiger in die Abwehrkette zu stellen, obwohl Boateng und Höwedes diese Rolle im Verein nicht spielen und als körperlich robuste Innenverteidiger von den kleineren, schnellen gegnerischen Außenstürmern regelmäßig über- und von den gegnerischen Außenverteidigerkollegen regelmäßig hinterlaufen werden. Und das, obwohl diese WM laut Löw keine wird, „bei der Außenverteidiger 90 Minuten lang die Linie rauf und runter rennen“.
Schließlich denkt sich Löw auch etwas dabei, mit dem Rechtsfuß Götze auf Links und dem Linksfuß Özil auf Rechts zu spielen. Beide können gar nicht bis zur Grundlinie durchstoßen und aus dem Tempo heraus in den Rücken der Abwehr flanken. Sie müssen erst abstoppen und sich den Ball auf den richtigen Fuß legen. Arjen Robben kann das. Er ist aber zurzeit auch der Einzige.

Journalisten reagieren mit dem Verzicht auf Jobausübung
Ich schweife ab. Es soll hier ja gar nicht um Kritik in der Sache gehen. Also um fundierte Klugscheißerei. Sondern um Kritik daran, dass sich Journalisten das Kritisieren verbieten lassen. Also gewissermaßen auf ihre Jobausübung verzichten. Kollegen wie Bayern-Fachmann Uli Köhler, der bei SkySportNews HD den Dortmunder Kickern Kevin Großkreutz und Erik Durm die WM-Tauglichkeit abspricht – und zwar in einer Art und Weise, dass man sich fragt: Wird Herr Köhler nun von SSNHD bezahlt – oder von den Bayern oder vom DFB? Die Frage, die ich von ihm hätte hören und beantwortet bekommen wollen, lautete: Warum nimmt Joachim Löw Spieler wie Durm, auch Draxler, Ginter und Kramer (selbst wenn der gegen Algerien ein paar Minuten spielen durfte) überhaupt mit, wenn er selbst in genau den Notsituationen, für die sie vorgesehen sind, positionsfremde Akteure vorzieht? Es geht um Kolleginnen wie Kathrin Müller-Hohenstein, die sich bei ihren launigen After-Game-Kränzchen mit Löw mit der Rolle der charmant lächelnden Stichwortgeberin zufrieden gibt. Und solche Kollegen, die vor laufender Kamera auf die Frage, ob man Özil oder Götze nicht vielleicht doch mal aus der Startelf nehmen sollte, allen Ernstes antworten: „Das kann man doch nicht machen. Das wäre den Spielern gegenüber nicht fair!“ Kollegen, die ihrem Selbstanspruch offenbar schon dadurch gerecht werden, dass sie vor laufenden Kameras herunter rattern, wann der Bus zum Team-Hotel abfährt und was es beim Mittagessen auf die Gabel gab.

Es geht zum Glück auch anders
Dass es durchaus auch anders geht, beweisen viele Kollegen Tag für Tag mit hintergründiger und analytischer Berichterstattung. Das hat auch der ZDF-Kollege Boris Büchler im inzwischen legendären Interview mit Per Mertesacker gezeigt. Er hat sich dafür eine verbale Watschn eingefangen. Ja und?! Das kann passieren, und die Reaktion von Mertesacker war sogar genau so okay wie Büchlers Frage. Weil der „Big fucking German“ kurz nach dem Schlusspfiff noch vollgepumpt war mit einem Cocktail aus Adrenalin und Glückshormonen. Weil er wusste, dass er und seine Teamkollegen alles andere als eine Glanzleistung abgeliefert hatten. Weil er darüber vermutlich enttäuscht oder sogar ein wenig sauer war. Boris Büchler wird beim nächsten Mal hoffentlich wieder kritisch nachfragen – wenn er es für angemessen und erforderlich hält. Wenn er Journalist ist, MUSS er wieder kritisch nachfragen. Und er darf erst locker lassen, wenn die Frage zumindest beantwortet ist.

Bewerten und Einordnen ist unsere Kernaufgabe
In aller Deutlichkeit: Wenn Journalisten kritisieren, ist das kein Motzen, kein Schlecht- oder gar Niedermachen. Es ist schlicht und ergreifend das, was unsere Leser, Hörer und Zuschauer von uns erwarten. Sie bezahlen dafür, dass wir, die uns im Optimalfall ein wenig besser auskennen, weil wir vielleicht näher dran sind an den Themen und den handelnden Personen, die Dinge bewerten und für sie einordnen. Wenn Journalisten eine Meinung haben, müssen sie die sagen. Man nennt das dann „Kommentar“. Den gibt’s nicht nur in der politischen oder Wirtschaftsberichterstattung. Es gibt ihn auch im Sport. Ob das den Löws, den Sammers, Guardiolas und Klopps dieser Welt nun passt oder nicht.