Plädoyer fürs Pfeifkonzert

Man könnte die Frage auch einfach ignorieren. Erstens, weil sie so dämlich ist. Und zweitens, weil deshalb nur die Zeitung mit den vier Großbuchstaben auf die Idee kommen konnte, sie überhaupt zu stellen:

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„Darf man WM-Held Mario Götze auspfeifen?“

Folgendes war vorausgegangen: Beim Spiel um den Supercup im Dortmunder Westfalenstadion hatten die Fans des BVB die Einwechselung und fortan auch jeden Ballkontakt des Bayern-Profis mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitet. Sie haben ihrem einstigen Liebling eben nicht verziehen, dass er nach der Saison 2012/13 für die festgeschriebene Ablösesumme von 37 Millionen Euro nach München wechselte. Sie haben es ihm deshalb nicht verziehen, weil er wenige Wochen zuvor noch erklärt hatte, er könne sich durchaus vorstellen, beim BVB in Fußball-Rente zu gehen. Und weil sein Wechsel seinerzeit ausgerechnet vor dem wichtigen Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid publik wurde. Wofür Götze zwar gar nichts konnte – vielmehr hatten Bayern-Verantwortliche die Info bewusst zu diesem Zeitpunkt gestreut, um im Umfeld der Dortmunder Unruhe zu schüren. Dennoch ist Mario Götze seither an der Strobelallee eine persona non grata und für jeden echten BVB-Anhänger ein rotes Tuch. Das wird auch so bleiben. Die Annahme, er sei jederzeit rückhol-, als „verlorener Sohn“ mühelos vermittelbar und würde in diesem Fall umgehend wieder von den Fans gefeiert, ist kühn.

Aber das ist hier nicht das Thema. Sondern die Frage aus der BILD: Darf man Götze, der Deutschland mit seinem Treffer in der Verlängerung des WM-Finals gegen Argentinien zum vierten Stern und ein ganzes Land damit in den schwarzrotgeilen Himmel schoss; darf man einen solchen Helden auspfeifen?

In Dortmund könnte man die Fans auch fragen: Darf man Bier trinken? Darf man Bauchfleisch grillen? Darf man blau doof finden? Die Antwort ist klar: Man darf nicht, man muss!

Denn erstens: Nationalmannschaft ist Nationalmannschaft und Bundesliga ist Bundesliga.

Zweitens: Die engere Fanszene der Fußball-Bundesligisten, die aktiven Fans also; die, die für die Stimmung in den Stadien sorgen und ihre Teams auch auswärts begleiten, hat mit der Nationalmannschaft herzlich wenig am Hut. Viele gucken gar nicht zu, wenn Jogis Jungs bei EM, WM oder in irgendwelchen Freundschaftsspielen herumknödeln, von denen dann schlimmstenfalls auch noch die besten Spieler der Klubs verletzt zurückkehren. Ihnen käme niemals in den Sinn, Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Jerome Boateng, die sie noch beim DFB-Pokalfinale im Mai in Berlin in die Fußball-Hölle gewünscht haben, wenige Tage später toll zu finden, nur weil sie im „Campo Bahia“ den Bundesadler auf der Brust tragen und gemeinsam mit Mats Hummels, Kevin Großkreutz, Roman Weidenfeller und Erik Durm eine WG von nationalem Interesse bilden. Dieses ganze post-weltmeisterliche „piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“-Gesumse von den 23 ziemlich besten Freunden, ist ihnen suspekt. Und wenn der Kevin (Großkreutz) und der Basti (Schweinsteiger) plötzlich die dicksten Facebook-, Twitter- und Instragram-Buddies sind, wissen diese Fans genau: Spätestens, wenn der Kevin und der Basti in der Liga im realen Zweikampf aufeinander treffen, ist Schluss mit lustig. Dann krachen notfalls die Schienbeinschoner.

Drittens: Wenn Mario Götze, der in diesem Fall ja nur stellvertretend für Reizfiguren in der gegnerischen Mannschaft steht, in Dortmund nicht mehr ausgepfiffen werden darf. Darf dann auch Großkreutz auf Schalke nicht mehr ausgepfiffen werden? Dürfen Kölner und Gladbacher, Bremer und Hamburger, Bayern und Nürnberger keine Rivalitäten mehr pflegen? Oder gilt ein Auspfeif-Verbot nur für verdiente Helden des DFB.? Also Weltmeister-Macher wie Mario Götze. Aber nicht für Sami Khedira, weil der im Finale ja verletzt passen musste. Oder doch für alle Kader-Mitglieder, auch die, die gar nicht gespielt haben? Was dem Neu-Dortmunder Matthias Ginter für seine Rückkehr nach Freiburg schon jetzt eine Auspfeif-Freiheit garantieren würde?  

Auspfeifen ist Fankultur

Was für eine scheinheilige Diskussion! Auspfeifen gehört zum Fußball – und zwar bis hinunter in die Kreisliga. Mehr noch: Pfeifen ist Fankultur. Wenn wir das Pfeifen einstellen, sind im Dortmunder Stadion auch künftig weiterhin Spiel für Spiel 80.667 Zuschauer. Menschen also, die zum Fußball gehen, um zuzuschauen. Aber keine Fans mehr. Menschen also, die zum Fußball gehen, um sich am Spiel zu beteiligen. Um die eigene Mannschaft anzufeuern, den Gegner einzuschüchtern und das Schiedsrichtergespann zu beeinflussen. Zuschauer, die ihr Team in die Spur brüllen, wenn’s nicht rund läuft oder den Unterschied machen, wenn’s eng wird. Wenn wir das Pfeifen einstellen, wird es leise und langweilig. Und irgendwann werden dann auch die zuschauenden Zuschauer ausbleiben, weil ihnen aufgeht, dass sie nicht nur gerne den Kickern auf dem Rasen, sondern auch dem Spektakel auf den Rängen zuschauen. Und zuhören. Wenn sie schon nicht selber mitmachen. 

Große Spieler ziehen Nutzen aus dem Pfeifkonzert

Ganz nebenbei: Die Spieler selbst, jedenfalls die großen und souveränen unter ihnen, können mit solchen Pfeifkonzerten gut leben. Sie ziehen sogar Nutzen daraus, indem sie sich zusätzlich motivieren. Ein Spieler, der gegen ein solches Pfeifkonzert anspielt (wie Götze in der vergangenen Saison, als er beim Stand von 0:0 eingewechselt wurde und das vorentscheidende 1:0 erzielte, oder Olli Kahn, der Jahr ein, Jahr aus vor dem Anpfiff stets mehrere Kilogramm Bananen in seinem Strafraum einsammelte) wird von den eigenen Fans um so mehr geliebt und von den Medien ob seiner Nervenstärke und Coolness um so mehr gefeiert.

Gemein? Fies? – Fußball!

Übrigens: Lange bevor die BVB-Fans Mario Götze ausgepfiffen haben, sangen die Bayern-Fans voller Häme „Ohne Schmelzer fahr’n wir zur WM“. Gemein, oder? Und hätte Marco Reus nicht verletzungsbedingt gefehlt, dann hätten sie auch gesungen: „Ohne Reus fahr’n wir zur WM.“ Das ist fies, ja. Aber das ist Fußball. Und wenn Schmelzer und Reus richtig coole Jungs sind, dann hauen sie den Bayern beim nächsten Aufeinandertreffen einfach die Kugel ins Netz.

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Ein Kommentar zu “Plädoyer fürs Pfeifkonzert

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