Vorfreudentränen – oder: Warum der BVB 2014/15 Meister werden kann!

Triple 2013. Double 2014. Frühestermeisterallerzeiten.

Keine Frage, der FC Bayern München hat die schwarzgelben Spielzeiten 2010/11 und 11/12 so wütend wie eindrucksvoll gekontert und geht auch in die neue Saison als Top-Favorit. Aber: Die meisten Experten erwarten nach den Münchener Sololäufen der beiden zurückliegenden Jahre diesmal ein echtes, ein offenes, ein bis zum Schluss spannendes Titelrennen.

Zurecht!

Und sie erwarten den BVB als Hauptkonkurrenten des Rekordmeisters.

Zurecht!

Die Startvoraussetzungen . . .

. . . könnten besser sein. Alle reden derzeit vom immensen Verletzungspech des FC Bayern und den übergroßen WM-Strapazen der Münchener. Richtig ist: Die Ausfälle von Thiago Alcantara, Javi Martinez, Bastian Schweinsteiger und Rafinha schmerzen. Franck Ribery ist nun schon seit Monaten nicht richtig fit; Holger Badstuber hat nach zwei Kreuzbandrissen fast zwei Jahre lang nicht vor den Ball getreten. Zudem stecken Philipp Lahm, Jerome Boateng, Thomas Müller, Manuel Neuer und Arjen Robben die WM-Strapazen in den Knochen. Toni Kroos ist nach Madrid abgewandert. Könnte alles besser sein.

Aber!

So viel anders und vor allem besser sieht es bei Borussia Dortmund aktuell auch nicht aus. Die WM-Teilnehmer Mats Hummels und Roman Weidenfeller stießen so spät zum Kader, dass sie noch keine einzige Einsatzminute zu Buche stehen haben. Hummels hatte sich als WM-Souvenir obendrein muskuläre Probleme mitgebracht. Die drei anderen „Weltmeister“ Kevin Großkreutz, Erik Durm und Matthias Ginter stießen (freiwillig) etwas früher zum Kader und insbesondere Ginter hat im Supercup gegen die Bayern eine ganz starke Leistung gezeigt. Doch auch sie stehen noch nicht voll im Saft. Ein echtes Problem: Mit Ilkay Gündogan, Nuri Sahin und Oliver Kirch muss Trainer Jürgen Klopp vorerst drei Akteure für die Positionen 6 und 8 ersetzen. Marcel Schmelzers Verletzungsmisere aus der Vorsaison setzt sich offenbar fort – noch das kleinste Problem, weil mit Durm ein Weltmeister als „Back up“ bereit steht. Dafür fällt in der Offensive Dong-Won Ji vier Wochen aus; Adrian Ramos klagt über Knieprobleme und Ciro Immobile braucht noch Zeit, um das System Klopp zu lernen und umzusetzen. Dass auch Ramos und Immobile nach der WM erst später zum Kader stießen, hat ihre Integration nicht erleichtert.

Das Startprogramm:

Zugegeben, die Bayern haben es nicht leicht getroffen. Das Saisoneröffnungsspiel gegen den VfL Wolfsburg ist bereits ein echter Prüfstein und die folgende Aufgabe auf Schalke auch kein Selbstläufer. Gleiches gilt allerdings auch für den BVB. Der hätte zum Auftakt kaum einen undankbareren Gegner als Bayer Leverkusen erwischen können. Die Pillendreher haben schon 2013/14 vier von sechs Punkten gegen Dortmund geholt, sich personell teuer und gut verstärkt, leiden weniger unter den WM-Spätfolgen und haben – weil am vergangenen Dienstag in der CL-Qualifikation in Kopenhagen (erfolgreich) im Einsatz – bereits einen höheren Rhythmus.

Die Perspektive:

Trotzdem kann und wird Borussia Dortmund die favorisierten Bayern 2014/15 in der Liga wieder ernsthaft herausfordern. Weil . . .

. . . der BVB inzwischen auf allen Positionen mindestens doppelt und gleichwertig stark besetzt ist. In der Innenverteidigung buhlen mit Hummels, Ginter, Papa Sokratis und dem wieder genesenen Neven Subotic gleich vier Nationalspieler um zwei Plätze. Rechts in der Abwehrkette konkurrieren Großkreutz und Lukasz Piszczek, links Marcel Schmelzer und Erik Durm. Im Notfall kann Großkreutz auch dort aushelfen. Das zentrale Mittelfeld ist – wenn dann mal alle Spieler fit sind – ein echtes Prunkstück: Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Milos Jojic, Sebastian Kehl, Olli Kirch, Sven Bender. Eine Klassebesetzung – wie auch in der Offensive mit Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan, Pierre-Emerick Aubameyang, Ciro Immobile, Adrian Ramos, Jakub Blaszczykowski, Jonas Hofmann und Dong-Won Ji.

Die neuen Möglichkeiten:

In den zurückliegenden beiden Spielzeiten hechelte der BVB den Bayern vor allem deshalb meilenweit hinterher, weil dem Kader die Breite fehlte. Im direkten Duell und auch in vielen Champions-League-Spielen gegen Top-Klubs wie Real Madrid war die Borussia sehr wohl in der Lage, auf Augenhöhe zu agieren. Über die Gesamtstrecke einer Saison aber war der Substanzverlust zu groß und die Stabilität zu gering. Während die Bayern personell fast nach Belieben rotierten, ohne dass dies negative Auswirkungen auf ihre Ergebnisse gehabt hätte, ließ der BVB immer wieder mal Federn. Die langfristigen Ausfälle von Gündogan, Kuba, Subotic, Piszczek und das zwischenzeitliche Fehlen von Hummels und Schmelzer waren auf Dauer nicht zu kompensieren. Mit der größeren Dichte im Kader und dem wachsenden internen Konkurrenzkampf werden die Dortmunder personelle Rückschläge künftig besser verkraften können.

Ebenso wichtig: Das Spielermaterial, das Jürgen Klopp nun zur Verfügung steht, gibt eine weitaus größere taktische Flexibilität her. Gewiss, das 4-2-3-1 mit aggressivem Spiel gegen den Ball und schnellem Umschalten hatte Borussia Dortmund perfektioniert. 2010/11 und 11/12 war es innovativ und der Schlüssel zu den Titelgewinnen bei gleichzeitig spektakulär-attraktiver Spielweise. Auch in den Folgejahren trug es den BVB bis ins CL-Finale, ins DFB-Pokal-Endspiel und zu zwei Vizemeisterschaften. Will sagen: Auch für die bevorstehende Saison ist diese taktische Ausrichtung eine Erfolg versprechende Option. Der Nachteil ist, dass sich immer mehr Gegner immer besser auf das System Klopp eingestellt bzw. es kopiert haben.

Künftig kann und wird Jürgen Klopp daher taktisch variieren. In der Vorbereitung hat er mit dem 4-4-2 experimentiert – und zwar sowohl in der „flachen“ Variante als auch mit „Raute“. Jonas Hofmann, Milos Jojic und Marco Reus haben dabei vorgezogen zentral hinter/zwischen den Spitzen – wahlweise Immobile/Aubameyang oder Ramos/Aubameyang – agiert. Auch ein 4-3-3 ist denkbar. Je nach Gegner. Vielleicht sogar während des laufenden Spiels als Reaktion auf die aktuelle Spiel- und Ergebnissituation.

Die Prognose:

Die Bundesliga wird 2014/15 ein echtes Meisterschaftsrennen zwischen dem FC Bayern und dem BVB erleben. Entscheidung: erst auf der Zielgeraden. Die Münchener werden im Laufe der Saison erkennen und akzeptieren müssen, dass Lahm, Ribery (beide 31), Robben und Schweinsteiger (beide 30) nicht mehr stärker werden. Sie haben ihre beste Zeit vermutlich hinter sich. Dass Lahm und Ribery ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt haben, um sich auf den Klub zu konzentrieren, ist ein deutliches Signal: Beide wissen, dass sie nicht mehr parallel auf allen Hochzeiten auf höchstem Niveau tanzen können. Schweinsteiger und Ribery sind enorm verletzungsanfällig. Bei Schweinsteiger und Lahm stellt sich obendrein die Frage: Fallen sie möglicherweise mental in ein Loch, nachdem sie nun wirklich alles erreicht haben, was man als Fußballer erreichen kann? Robben wiederum, der in früheren Jahren verletzungsanfällig war, ist inzwischen fast schon beängstigend lange von muskulären und Rückenproblemen verschont geblieben. Lauter Unbekannte – was die These zulässt: Für Pep Guardiola wird es noch schwieriger als bisher ohnehin schon, dieses Superstar-Ensemble zu führen. Mario Götze wird Ansprüche stellen, Thomas Müller ohnehin. Und bei Robert Lewandowski droht jederzeit Ungemach von Seiten seiner Berater.

Beim BVB hingegen ist Luft nach oben. Zwei Neuzugänge des Sommers 2014 waren die großen Gewinner der Vorbereitung: Mkhitaryan und Aubameyang lassen hoffen, dass sie sich in der neuen Saison noch einmal deutlich steigern, vor allem aber kontinuierlicher auf Top-Niveau agieren können. Um Reus muss man sich ohnehin keine Sorgen machen; Jojic hat noch Steigerungspotenzial; mit Ginter hat Borussia in der Defensive erheblich an Qualität gewonnen. Und mit Ilkay Gündogan stößt in den nächsten Wochen ein Mann endlich wieder zum Team, der die Kugel seine Freundin nennt. Mal ganz ehrlich: Die Perspektive, Gündogan, Mkhitaryan und Reus gemeinsam im Mittelfeld zu erleben, muss jedem Fußball-Ästheten – ganz gleich, ob BVB-Fan oder nicht – die Vorfreudentränen in die Augen treiben. Bleibt letztlich als Unsicherheitsfaktor die Frage, ob und wie es gelingt, den Weggang von Lewandowski zu kompensieren. Prognose: Das kann nur im Verbund funktionieren. Immobile, Ramos, Reus, Mkhitaryan und Aubameyang haben allesamt das Potenzial, in einer Bundesliga-Saison 15 Tore zu erzielen. Plus x. Sie werden dieses Potenzial abrufen müssen. Gelingt ihnen das, ist alles drin. Sogar die Meisterschaft.

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Ein Kommentar zu “Vorfreudentränen – oder: Warum der BVB 2014/15 Meister werden kann!

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