Die Unabhängigkeitserklärung

Zugegeben, besonders originell ist das nicht – aber unvermeidbar: Wenn Borussia Dortmund heute den Einstieg der bisherigen Nur-Sponsoren Puma und Signal Iduna als Auch-Finanzinvestoren im Rahmen einer Kapitalerhöhung bekanntgibt, muss man die Uhr zurückdrehen. Man muss eine ganze Weile drehen – und kommt irgendwann am 17. Februar 2005 an. Ein Donnerstag. Der Tag, an dem der BVB der Fußball- und der Börsenwelt eine „existenzbedrohende Situation“ eingestehen musste. Will sagen: Der Klub war pleite. Zahlungsunfähig. Er hatte 120 Millionen Euro Schulden und verfügte, weil Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier bis hin zu Transferrechten und sogar dem Vereinslogo alles verramscht oder verpfändet hatten, über keinerlei Werte mehr, die er diesem Berg an Verbindlichkeiten hätte entgegen stellen können. „Wir lagen im Vorzimmer der Pathologie“, hat Vorstandsvorsitzender Hans-Joachim Watzke nach geglückter Rettung einmal gesagt – und in den Jahren seither den Beweis angetreten: Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod!

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Die Entwicklung von Borussia Dortmund seither ist weniger ein sportliches Märchen als vielmehr eine der formidabelsten Leistungen im deutschen Sport-Management. In den zehn Jahren seit der Nahtod-Erfahrung war der BVB nicht nur zweimal Deutscher Meister, zweimal Vizemeister; er stand nicht nur dreimal im DFB-Pokal- und einmal im Champions-League-Finale. Er steht längst auch wirtschaftlich wieder auf einem grundsoliden Fundament, ist praktisch schuldenfrei und längst klar die Nr. 2 in Deutschland hinter dem Branchenprimus FC Bayern München.

Den zu attackieren – wie manche Medien es heute angesichts des aktuellen Frischgeldzuflusses von Evonik, Puma und Signal Iduna formulieren – ist nicht das vorrangige Ziel. Vielmehr will die Klubführung die zusätzlichen Mittel nutzen, um die Borussia nach ihren Vorstellungen weiter zu entwickeln. Etwas unabhängiger vom sportlichen Erfolg. Vor allem aber, ohne sich und ihre Philosophie verkaufen zu müssen.

Denn auch wenn viele Fußballpuristen und –romantiker in der Kapitalerhöhung einen weiteren Nagel im Sarg des Fußballs sehen; auch wenn die Südtribünen-Blöcke 12 und 13 niemals ein Puma-Trikot überstreifen werden und in Signal Iduna jenes Unternehmen sehen, dass dem Westfalenstadion seinen Namen stahl und nun mindestens bis 2026 beanspruchen wird: Das Gegenteil ist richtig! Nur dank der Millionen und Abermillionen, die diese Unternehmen in den BVB investieren, kann der es sich auch künftig leisten, wenigstens ein Mindestmaß an Fußball-Romantik zu pflegen und zu erhalten. Er kann es sich leisten, im eigenen Stadion rund 30.000 preisgünstige Stehplätze anzubieten, 25.000 davon für die eigenen Fans, und so eine außergewöhnliche, in der Welt einzigartige Atmosphäre zu kreieren.

Weil Evonik, Puma und Signal Iduna – übrigens: über ihr eigentliches Sponsoring hinaus – einen gigantischen Millionenbetrag in den BVB stecken, wird dieser auch künftig nicht gezwungen sein, für Kohle jeden Marketing-Mist mitzumachen. Vor allem aber bleibt er Herr im eigenen Hause. Denn das ist vielleicht das Erstaunlichste am Einstieg der drei Konzerne: Sie vertrauen Borussia Dortmund ihr Geld an, obwohl sie ganz genau wissen, dass sie operativ keinerlei Einfluss nehmen können. Anders als Dietmar Hopp in Hoffenheim. Anders als Dietrich Mateschitz in Leipzig. Anders als VW in Wolfsburg. Auch die unterliegen qua Reglement zwar der 50+1-Regel, die in Deutschland eine Fremdbestimmung von Fußballklubs ausschließt. De facto aber sind sie die Bestimmer oder wenigstens doch die Mitbestimmer.

Dass Evonik, Puma und Signal Iduna redliche Absichten verfolgen, kann man auch daran festmachen, dass sie sich bereits seit Jahren bei Borussia Dortmund engagieren. Und dass sie, jedenfalls im Fall von Evonik und Signal Iduna, zu einem Zeitpunkt einstiegen, als der BVB weit davon entfernt war, sportliche Erfolge zu feiern und ein sexy Image aufzubauen. Es handelt sich um regionale Unternehmen mit langer Tradition, fest verankert im Revier. Sie passen zu Borussia wie die Faust aufs Auge. Besser allemal als russische Energiekonzerne oder umstrittene Wettanbieter.

Die neue Situation sollte die Verantwortlichen aber auch mahnen, Maß zu halten. Das ist nicht anders als im Privatleben auch. Wer schon einmal das Glück hatte, unverhofft zu Geld zu kommen – sei es durch einen neuen, besser dotierten Job, eine kleine Erbschaft oder einen Lottogewinn –, weiß: Man muss deshalb ja nicht gleich durchdrehen. Kluge Menschen werden dann anstelle des alten VW Passat einen Audi A4 fahren. Aber keinen Ferrari. Sie werden für den Urlaub eine Finca auf Mallorca buchen – statt des Wohnwagens in Holland. Aber sie werden keine Villa auf den Malediven kaufen.

Übertragen bedeutet das: Der BVB darf (und wird) auch künftig nicht im Poker um Luis Suarez, Diego Costa und Angel di Maria mitmischen. Das ist eine andere Welt, die zu Dortmund nicht passt. Aber vielleicht kann Borussia Marco Reus und Mats Hummels halten. Vielleicht kann sie Kalle Rummenigge den Mittelfinger zeigen, wenn die Bayern Reus anbaggern. Und muss nicht – wie bei Mario Götze und Robert Lewandowski – klein beigeben. Übrigens: Reus ist, wie Trainer Jürgen Klopp, ein Image-Anker von Puma. Auch vor diesem Hintergrund ist der Einstieg der Traditionsmarke aus Bayern (!) in Dortmund nur zu begrüßen. Der Verbleib von Reus über den Sommer 2015 hinaus ist mit dem gestrigen Tag zumindest nicht unwahrscheinlicher geworden.

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2 Kommentare zu “Die Unabhängigkeitserklärung

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