Operation #freeShinji und die Ballermann-Bayern

Mehdi Benatia.

Xabi Alonso.

Shinji Kagawa.

Drei Namen, die Fußball-Deutschland seit Tagen reineweg dull machen. Doch während in Dortmund die 2013 gegründete digitale Befreiungsorganisation #freeshinji die bevorstehende Rückkehr des verlorenen Sohnes feiert, als habe der BVB soeben den Nachbarn aus Herne-West in die zweite Liga geschossen, mischen sich im Süden der Republik durchaus kritische Töne und Zweifel in die Bewertung der Buyern-Personalpolitik unter Pep Guardiola. Insbesondere die Verpflichtung des demnächst 33-jährigen Xabi Alonso – nach Javi Martinez, Thiago Alcantara, Pepe Reina und Juan Bernat bereits der fünfte Iberer im aktuellen Kader – kommt so manchem spanisch vor. Schon machen Klubnamen wie „Fútbol Club Baviera Múnich“ (Augsburger Allgemeine Zeitung) oder CF Balneario Múnchen die Runde. Der Ballermann lässt grüßen. Plötzlich ist nicht mehr Mallorca das 17. deutsche Bundesland, sondern Bayern eine Provinz in Spanien. Selbst Edel-Lederhose Stefan Effenberg kritisiert den Alonso-Deal: „Das macht nicht wirklich Sinn!“.

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Binnen 24 Stunden 80 Mio. € rausgehauen

Bleiben wir noch einen Moment beim Rekordmeister. Der hat, vorgeblich als Reaktion auf die schwere Verletzung von Martinez (Kreuzbandriss), gleich doppelt reagiert – weil Martinez ja auch doppelt einsetzbar ist: als Verteidiger und als Defensivmann im zentralen Mittelfeld. In Wahrheit ist der spektakuläre Doppelschlag auf dem Transfermarkt auch eine Reaktion auf die wiederholten Verletzungen des zwar brillanten, aber selten fitten Thiago und die permanenten Verletzungen von Bastian Schweinsteiger. Dass der Erstgenannte verlässlich und der Zweitgenannte überhaupt noch einmal auf Top-Niveau zurückkommt, darauf will sich Guardiola offenbar nicht verlassen.

Also hauen die Bayern binnen 24 Stunden mal eben rund 80 Millionen Euro raus. So groß ist nämlich das Volumen der Verpflichtungen von Benatia und Alonso, wenn man Ablösesummen, erfolgsabhängige Nachzahlungen und Gehälter für die Vertragslaufzeit addiert.

Benatia ist „Weltklasse“. Wirklich?

Allein gut 50 Millionen Euro entfallen auf Benatia. Einen Spieler, dem Bayerns Sportdirektor Matthias Sammer und im Gefolge auch viele so-called „Experten“ bescheinigen, er repräsentiere auf seiner Position „Weltklasse“. Das ist eine kühne These und provoziert die legitime Gegenfrage: Wie kommen die eigentlich alle darauf? – Fakt ist, dass Benatia mit 27 Jahren gerade 15 Europacup-Einsätze absolviert hat. In der Champions League spielte er noch nie, und von seinen 10 Länderspielen für Marokko datieren 5 aus dem Jahr 2009. Fakt ist, dass Benatia in Udine und zuletzt beim italienischen Vizemeister AS Rom Leistungsträger war. Fakt ist aber auch, dass die Serie A im Vergleich zur Primera Division, zur Premier League und auch zur Bundesliga technisch und taktisch einigermaßen den Anschluss verloren hat.

Ob Benatia also wirklich „Weltklasse“ ist, wird man sehen, wenn er in der Liga regelmäßig auf hohem Niveau und vor allem in der CL auf Top-Niveau gefordert wird.

Mehr und größere Fragezeichen wirft die Verpflichtung von Xabi Alonso auf. War es über viele Jahre und Jahrzehnte eine der größten Stärken des Bayern-Managements, sich – mitunter gegen Widerstände nicht nur aus Fan-Kreisen – von Spielern zu trennen, bevor diese ihren Zenit überschritten hatten (Effenberg, Mario Basler u.a.m. können darüber Auskunft geben), holen sie nun einen fast 33-Jährigen. Und das, obschon sie mit Schweinsteiger, Philipp Lahm, Arjen Robben und Franck Ribery bereits einige Leistungsträger im Kader haben, bei denen die „3“ vorne steht. Die also sicher nicht mehr besser werden.

Xabi Also ist „Weltklasse“. Wirklich. Aber auch fast 33.

Keine Frage: Xabi Alonso ist das, was Sammer von Benatia behauptet: Weltklasse! Der EM/WM/EM-Titelhattrick Spaniens zwischen 2008 und 2012, der zuvorderst den Barca-Stars Xavi Hernandez und Andres Iniesta gutgeschrieben wird, wurde zu einem gewichtigen Teil auch vom zentralen Real-Mann getragen, den sie daheim „El Profesor“ nennen, weil seine Spielweise nachgerade akademisch klug ist. Nur ist der Herr Professor eben in die Jahre gekommen. Als er zuletzt seinen Vertrag bei den „Königlichen“ bis 2016 verlängert hatte, schrieb die spanische Sportzeitung „El Pais“: „Das Bernabeu kommt in den Genuss, der Pensionierung eines seiner Idole beiwohnen zu können.“ So lange wollte die sportliche Leitung des amtierenden CL-Gewinners aber nicht warten. Also lockte Madrid im Sommer Toni Kroos von den Bayern weg. Für den 24-jährigen Weltmeister wollte München keine 10 Millionen Euro Jahresgehalt zahlen. Genau die Summe erhält nun Xabi Alonso. Das verstehe, wer will.

Die zweieinhalb Fraktionen im Bayern-Kader: Große Koalition oder grantelnde Opposition?

Das größte Risiko dieses Transfers aber ist kein sportliches. Vielmehr droht das Gleichgewicht im Kader empfindlich gestört zu werden. Der freundliche Herr Guardiola hat künftig auf der einen Seite eine Bayern/Weltmeister-Fraktion um die beliebten und einflussreichen Lahm, Müller, Schweinsteiger, Neuer. Er hat eine Spanien-Fraktion. Und er hat ein paar Profis, die zwar fraktionslos sind, aber ein hohes Unzufriedenheits- und Nörgelpotenzial besitzen. Mario Götze ist so einer, der nirgendwo richtig dazugehört. Robert Lewandowski ebenfalls – wobei der wohl am wenigsten fürchten muss, auf der Bank zu sitzen. Und wenn doch: Lernen RumeniggeSammerGuardiola seine Berater kennen. Viel Spaß! 

Große Koalition oder grantelnde Opposition? – So lange es sportlich rund läuft, stellt sich die Frage nicht. So lange ist die heikle Gemengelage kontrollierbar. Kompliziert wird es erst, wenn all die aktuell verletzten Spieler wieder zur Mannschaft stoßen und obendrein die Ergebnisse nicht stimmen. Und bei einem Klub, der insbesondere in den vergangenen beiden Jahren die totale Dominanz ausgestrahlt hat, stimmen Ergebnisse sehr schnell nicht, weil alles andere als ein souveräner Sieg bereits als Krisenanzeichen interpretiert wird. Kommt schließlich noch hinzu: Die Iberisierung der Mannschaft birgt auch das hohe Risiko einer Entfremdung zwischen Fans und Klub. Ankerpunkte der Identifikation findet man em ehesten in der Bayern/Weltmeister-Fraktion. Wenn die sportlich nicht mehr die Rolle spielt wie bisher, kann die Stimmung bei den Bayern sehr schnell kippen.

Kagawas Rückkehr bietet Chancen – sie birgt aber auch Risiken 

600 Kilometer nördlich, bei der (von Kalle Rummenigge so bezeichneten) billige(re)n Bayern-Kopie in Dortmund, haben die Verantwortlichen solche Probleme nicht. Im Gegenteil: Mit Shinji Kagawa holen sie nun offenbar nach Nuri Sahin einen weiteren verlorenen und während seiner Abwesenheit schmerzlich vermissten Sohn zurück. Einen weiteren Spieler, der nach großen Erfolgen mit dem BVB in die ganz große Fußball-Welt ausgezogen war. Sahin versuchte sich in Madrid und Liverpool. Kagawa in Manchester. Beide fanden sich nicht zurecht. Sahin kehrte reumütig und geläutert zurück. Seither fühlt er sich wieder menschlich geborgen und sportlich wohl. Aber die gewaltigen Erwartungen der Fans, die auf seinen Zauberleistungen in der Meistersaison 2010/11 beruhten, hat er bislang nicht erfüllen können.

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Sahin spielt gut, keine Frage. Aber selten brillant. Er läuft viel, arbeitet fleißig, ist wertvoll für die Mannschaft. Aber entzückte „Ooohs“ und „Aaahs“ für geniale Pässe in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehrreihen entlockt er den Zuschauern nur noch gelegentlich. Auch deshalb, weil sich das Spiel des BVB seither geändert hat und weiter ändern wird. Auch deshalb, weil sich die Gegner besser auf das BVB-Spiel und auf ihn, Sahin, eingestellt haben.

Für Shinji Kagawa gilt mehr noch als für Sahin. Wer erwartet, dass der Japaner nach seiner Rückkehr auf Anhieb wieder brilliert wie in den Jahren 2010/11 und 11/12; dass er seinen Gegnern wieder Knoten in die Beine dribbelt, dem sei in Erinnerung gerufen: Kagawa hat in den vergangenen beiden Jahren auf der Insel selten gespielt und noch seltener überzeugt. In der ersten Saison unter Sir Alex Ferguson kam er noch leidlich zurecht. Für eine Premierenspielzeit in der Premier League war das gar nicht mal so übel. Doch als er im zweiten Jahr den Durchbruch hätte schaffen sollen und müssen, geriet ManU unter Trainer David Moyes in die schwerste sportliche Krise seit zwei Jahrzehnten – und Kagawa wurde im Strudel mit nach unten gezogen. Dass Moyes-Nachfolger Luis van Gaal, ein Taktik- und Disziplin-Fanatiker, kein Freund von Shinjis Spielweise ist, hätte dem Japaner sofort klar sein müssen. Dennoch wollte er sich dem Holländer stellen, ihn überzeugen. Ohne Erfolg. Am Ende von Vorbereitung und Transferperiode sortierte der holländische General den japanischen Feingeist aus. Kagawa ist, das muss man so nüchtern konstatieren, bei seinem Traumklub ManU gescheitert – aus welchen Gründen auch immer. Er kehrt mit Frusterlebnissen und angeknackstem Selbstbewusstsein nach Dortmund zurück. 

Was dennoch dafür spricht, die „Operation #freeShinji“ zum Abschluss zu bringen:

  1. Die emotionale Komponente: Bei den Fans von Borussia Dortmund ist Kagawa so beliebt wie es vor ihm zuletzt Leonardo Dédé war. Seit die Transfergerüchte am Mittwoch wieder Fahrt aufnahmen, drehte die schwarzgelbe Familie bei facebook, Twitter und in den Online-Fanforen buchstäblich durch. Ein irrer Hype, der durchaus positiv auf die Gesamtstimmung durchschlagen kann. Jedenfalls muss man sich, wenn der Japaner beim Heimspiel gegen den SC Freiburg erstmals mit aufläuft, ernsthafte Sorgen machen, dass das Westfalenstadion den Jubelorkan ohne bauliche Schäden übersteht.
  2. Die kaufmännische Komponente: Kagawa kam seinerzeit für 350.000 Euro aus seiner Heimat nach Dortmund. Bei seinem Wechsel nach Manchester machte der BVB rund 16 Millionen Euro Gewinn. Wenn er ihn nun für einen hohen einstelligen Millionenbetrag zurück holt, weist die individuelle Transferbilanz aus Sicht des BVB immer noch eine satte schwarze Zahl aus. Hinzu kommt, dass Borussia Dortmund auf dem asiatischen Markt expandieren will und zu diesem Zweck bekanntlich eine Niederlassung in Singapur eröffnet. Dass der Klub neben Neuzugang Dong-Won Ji mit Kagawa künftig einen zweiten Sympathieträger aus Asien im Team hat, wird diese Aktivitäten nicht nur unterstützen, sondern sich auch ganz konkret in Euro und Cent niederschlagen.
  3. Die sportliche Komponente: Irgendwie ja auch nicht ganz unwichtig. Ein Kagawa in Top-Form ist natürlich eine Verstärkung. Der Japaner ist ballsicher, dribbelstark und torgefährlich. Er ist in der Offensive flexibel einsetzbar und kann dank seiner Kreativität den Unterschied machen. Wenn es Jürgen Klopp also gelingt, seinen Musterschüler wieder in die Spur zu bekommen – und wem, wenn nicht Klopp sollte das gelingen?! – wird Shinji den BVB besser machen. Aber Vorsicht! Kagawa konkurriert auf seiner Position direkt mit Henrikh Mkhitaryan. Und der Armenier ist ein äußerst sensibler Spieler, der das unbedingte Vertrauen des Trainers spüren muss. Er ist eher keiner von denen, die durch größeren internen Konkurrenzkampf stärker werden. Den aber hat Borussia in der Offensive, wenn – siehe Bayern – alle aktuell verletzten Spieler wieder dabei sind. Reus, Kagawa, Mkhitaryan, Aubameyang, Immobile, Ramos, Ji, Hofmann, Blaszczykowski: Was wie eine Offenbarung und ein großes Versprechen klingt, kann auch schnell zum Fluch werden. Klopp weiß das. Klopp kann das händeln. Und wer weiß: Vielleicht findet er sogar eine Lösung mit Kagawa (auf der „10“), Mkhitaryan (links) UND Reus (wie einst in Gladbach als Hälfte einer Doppelspitze in vorderster Front). 
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Ein Kommentar zu “Operation #freeShinji und die Ballermann-Bayern

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