„Mythos BVB“ – eine TV-Kritik

Der nächste Anlauf. Ein neuer Versuch. Eben dem auf die Spur zu kommen, was der Autor selbst als „Mythos BVB“ bezeichnet und die Latte damit schon im Titel maximal hoch legt. Um es vorweg zu nehmen: Er reißt sie – weil er sie zwangsläufig reißen muss. Und dennoch sind öffentlich-rechtliche Rundfunkgebühren schon deutlich sinnbefreiter verwendet worden als für die Dokumentation, die der Spartenkanal ZDFInfo am Montagabend um 18.50 Uhr erstausstrahlte. Dem schwarzgelb sozialisierten Zuschauer bescherte der 30-Minuten-Film die eine oder andere Gänsehaut bei vergleichsweise geringem Wissenszuwachs. Wer Tiefgang erwartet und neue Erkenntnisse erhofft hatte, wurde eher enttäuscht.

Der Knackpunkt solcher Dokus liegt im Konzept: Entweder man pickt sich einen Einzelaspekt heraus und geht in die Tiefe – wie Klaus Mertens in der abendfüllenden WDR-Doku „Wir die Wand“ über die Südtribüne des Westfalenstadions. Oder das Trio Lefeber/Grundmann/Bodenröder, das 2005 unter dem Titel „Bis zur bitteren Neige“ ebenfalls für den WDR aufgearbeitet hat, wie Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier den BVB den BVB in ihrem Größenwahn an den Rand der Insolvenz steuerten.

105 Jahre in 30 Minuten – das kann nur oberflächlich werden

Wer hingegen, wie Uli Weidenbach mit seiner Doku „Mythos BVB – die Dortmund-Story“, die generalistische Ambition hegt, 105 Jahre überaus bewegter Klubgeschichte in ein halbstündiges Sendeformat zu pressen, parallel vom Aufstieg und Fall der Kohle-, Stahl- und Bierindustrie zu erzählen und dabei gleich auch noch mehrere Jahrzehnte Einwanderungsgeschichte einzubinden, kann das alles nur sehr oberflächlich bewerkstelligen. Das wiederum macht er ordentlich.

Weidenbach steigt ein mit der Geschichte der Mutter aller Derbys. Wie aus schwarzgelber Bewunderung für den in den 1930er Jahren dominierenden Schalker Kreisel im Laufe von Jahrzehnten ganz allmählich die heutige Rivalität wurde. Das legendäre 3:3 (nach 0:3-Rückstand) aus der ersten Klopp-Saison 2008/09 als sportlichen Kronzeugen heranzuziehen, ist nicht ungeschickt. Das Spiel ist vielen noch frisch in Erinnerung und erklärt in der Tat Manches.

Klopp, Kehl, Dickel – das kann nur gut werden

Überhaupt: Wer Jürgen Klopp, Norbert Dickel und Sebastian Kehl, dazu Aki Schmidt als Gesprächspartner für eine BVB-Doku vor die Kamera bekommt, müsste sich schon ziemlich dilettantisch anstellen, wollte er das Ergebnis tatsächlich noch versemmeln. Geht gar nicht. Und von allen Promi-Fans, die man sich für einen solchen Beitrag aussuchen kann, ist Schauspieler Joachim Król vermutlich auch derjenige, der am authentischsten und also am wenigsten als Mode- und/oder Erfolgsfan rüberkommt.

Bis dahin: alles gut!

Die O-Töne garniert Weidemann mit ein paar schönen alten Bildern von Titelkorsos am Borsigplatz und dem Neubau des Westfalenstadions. Bewegtbild-Sequenzen aus jener Zeit, als es im Ruhrgebiet nur zwei Farben gab: Kohlrabenschwarz und tristgrau. Als das Gelb des BVB und das gelegentliche Blau des Himmels auch nur Abstufungen auf der Grauskala waren.

Die Gänsehaut ist kalkuliert – nicht kreiert

Gänsehaut-Momente kreiert der Autor nicht durch einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen, sondern durch den nicht minder geschickten Rückgriff auf die sportlichen Highlight-Momente der Klubgeschichte. Das ist risikolos. Funktioniert immer. Und der Fan vor dem Fernseher wird am Ende sagen: Schön war’s! Natürlich senkt sich Stan Libudas Bogenlampe im Europacup-Finale 1966 auch im Weidemann-Film zum 2:1-Siegtor ins Netz. Und natürlich trifft Lars Ricken 1997 im Champions-League-Finale auch in der ZDF-Doku 14 Sekunden nach seiner Einwechselung zum 3:1-Endstand. Bilder von spektakulären Fan-Choreographien der vergangenen Jahre streifen kurz das Faszinosum Südtribüne. Dass Weidemann den Netradio-Original-Kommentar vom entscheidenden 3:2 gegen Malaga fälschlicherweise Norbert Dickel anstelle von Danny Fritz zuordnet: verziehen!

Die unprominenten Kronzeugen sind die besten

Wirklich stark ist der Film immer dann, wenn die Kronzeugen vor der Kamera unprominenter werden. Stadtführerin Annette Kritzler (Borsigplatz VerFührungen) und insbesondere Karsten Haug geben Einblicke ins Innenleben der Anhänger. Haug, Referent der Dreifaltigkeits-Gemeinde, jener katholischen Kirchengemeinde also, deren Kaplan Dewald anno 1909 den Jungs das Kicken verbieten wollte, ihr Aufbegehren und in letzter Konsequenz die Gründung von Borussia Dortmund provozierte, hat gar nicht viel Redeanteil. Er sagt aber zwei Sätze, die substanziell sind, wenn man dem Mythos BVB wirklich auf die Pelle rücken will.

Erstens: „Ich gehe dahin (ins Stadion/d. Autor), um meine Mannschaft nach vorne zu peitschen – und, ja, mit ihr traurig zu sein, wenn sie verliert.“

Zweitens: „Ich bin stolz, Borusse zu sein!“ – Eine Aussage, die er exakt auf jenen Moment im Mai 2013 bezog, als der italienische Schiedsrichter Rizzolli das Champions-League-Finale in Wembley abpfiff und die BVB-Niederlage gegen den FC Bayern zementiert war. Es war exakt das, was 30.000 Borussen in London empfanden. Eine kurze, heftige Enttäuschung und Leere nach Arjen Robbens spätem Siegtor – und dann sogleich den unwiderstehlichen Drang, ihre Mannschaft weiter und jetzt erst recht zu feiern.

Wer dem Mythos BVB wirklich gerecht werden will, müsste genau das vielleicht einmal versuchen: Die Fans nach Niederlagen wie jener in Wembley oder auch in diesem Jahr im Pokalfinale in Berlin mit der Kamera begleiten und Situationen festzuhalten, in denen sich in Frust und Trotz die wahre Tiefe der Verbundenheit zeigt. Das wäre mal ein anderer und vielversprechender Ansatz.

Vorfreude auf den Franz-Jacobi-Film

Echten Borussen winkt vielleicht noch in diesem Jahr, spätestens dann aber zu Beginn des nächsten, eine weitere Dokumentation, die weit mehr Tiefgang verspricht als Uli Weidenbachs netter Beitrag: Jan-Hendrik Gruszecki, Marc Quambusch und Gregor Schnittker haben vor wenigen Tagen mit den Dreharbeiten für ihren Crowd-finanzierten Film über den Gründervater der Borussia begonnen: „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ verspricht neben Gänsehaut auch Erkenntniszugewinn. Wenn die oft und völlig zurecht hochgelobte Gruszecki/Quambusch-Doku „Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires“ über Fankultur in Argentinien den Maßstab bildet, darf man sich amtlich vorfreuen.

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Kevin Großkreutz – Erinnerungen an ein ganz besonderes Derby

Es ist das 167. von allen und das 85. Revierderby in der Fußball-Bundesliga. Wenn der FC Schalke 04 am Samstag Borussia Dortmund empfängt, hält das Ruhrgebiet wieder einmal für 90 Minuten den Atem an. Der Ruhepuls der Fans beider Klubs bewegt sich seit Tagen auf ein Maß zu, das spätestens morgen um 15.30 Uhr in den ungesunden Bereich vorstoßen wird.

Viele der bisherigen Duelle waren aus den unterschiedlichsten Gründen bemerkenswert. Einige spannende Zahlen, Fakten und Statistiken findet Ihr hier: http://bit.ly/1uLyTGy

Kein Derby aber war und ist vergleichbar mit jenem am 12. Mai 2007. Der vorletzte Bundesliga-Spieltag. Schalke kann Meister werden. Im aus Dortmunder Sicht ungünstigsten Fall sogar vorzeitig. Im Westfalenstadion. Die ultimative Horror-Vorstellung.

Doch es kam ja ganz anders. Wie, das könnt Ihr nachlesen in meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ (Klartext-Verlag, 19,95 Euro). Dort findet Ihr auch den folgenden Text, einen Gastbeitrag von Kevin Großkreutz. Darin erinnert sich der „Dortmunder Jung'“, wie er das Duell seinerzeit auf der Südtribüne – wo sonst?! – erlebte.

Kevin Großkreutz:

Vom Auslaufen in Ahlen direkt

zum Derbymarsch nach Dortmund

Das Derby am 12. Mai 2007 war zweifelsfrei eines der spektakulärsten überhaupt. Ein Mega-Spiel!

Ich war damals erst 18 Jahre alt und hatte mich gleich in meiner ersten Saison im Seniorenbereich bei Rot-Weiß Ahlen in der Regionalliga, damals die dritthöchste Klasse, als Stammspieler durchgesetzt. Am Vorabend des Derbys zwischen Borussia und den Blauen mussten wir bei Holstein Kiel antreten, verloren 1:2 – und ich flog zehn Minuten vor Schluss zu allem Überfluss vom Platz. Samstagmorgen stand in Ahlen noch das Auslaufen auf dem Programm. Sofort danach bin ich zum Bahnhof, um den Zug nach Dortmund zu erwischen und pünktlich zum Derbymarsch dort zu sein.

Die Anspannung unter uns Fans war riesengroß. Zwar ging es für Borussia sportlich um nichts mehr, weil die Mannschaft eine Woche zuvor in Wolfsburg den Klassenerhalt klargemacht hatte. Und nun war der BVB im Prinzip der letzte Klub, der noch zwischen den Blauen und ihrem ersten Titelgewinn seit 1958 stand, denn dass sie sich am letzten Spieltag daheim gegen Bielefeld die Butter noch würden vom Brot nehmen lassen, war nicht wirklich anzunehmen.

In der Woche vor dem Spiel baute sich die Spannung von Tag zu Tag mehr auf. Schließlich kündigte Gerald Asamoah auch noch an, er werde zu Fuß über die A40 von Dortmund nach Gelsenkirchen laufen, wenn sie bei uns Meister werden. Der Spruch hat all die Fans natürlich zusätzlich motiviert – und einige BVB-Spieler haben mir später erzählt, dass auch sie sich dadurch bei der Ehre gepackt fühlten.

Als Alex Frei dann kurz vor der Pause das 1:0 machte, ist das Stadion buchstäblich explodiert. Ich bin auf der Südtribüne mindestens fünf oder sechs Stufen nach unten geflogen. In der zweiten Halbzeit sickerte durch, dass Stuttgart die Partie in Bochum gedreht hat – und dann machte Ebi Smolarek kurz vor Schluss auch noch das 2:0 für Borussia. Nach dem Spiel sind  alle zusammen in die Stadt und haben bis zum nächsten Morgen durchgefeiert.

 

Als der BVB am 13. September 2008 sein erstes Derby unter Jürgen Klopp spielte, war ich immer noch in Ahlen, inzwischen in der zweiten Liga. Es war meine letzte Saison dort, bevor ich zur Borussia wechselte – und wieder hatten wir am Vorabend ein Spiel. Wir haben bei Rot-Weiß Oberhausen gewonnen; Marco Reus hat kurz vor der Pause den Ausgleich erzielt und ich selbst kurz vor Schluss das 3:1.

Samstagnachmittag stand ich wieder auf der Südtribüne. Meine Güte, ging das schlecht los. 0:2 zur Pause, dann sogar 0:3 – und Kevin Kuranyi muss eigentlich das vierte Tor für die Blauen machen. Der BVB war total unterlegen. Ein ganz bitteres Spiel bis dahin, fast eine Demütigung. Da stehst du als Fan auf der Tribüne, empfindest nur noch Verzweiflung und Leere und bringst auch kaum noch die Kraft zur Anfeuerung auf. In Wahrheit willst du nur noch, dass es bald vorbei ist.

Aber Jürgen Klopp hatte zur zweiten Halbzeit Alex Frei eingewechselt, und nach gut einer Stunde kippte das Ding plötzlich. Erst machte Neven Subotic das 1:3, kurz darauf Alex den Anschluss – ein Doppelschlag, und prompt kochte die Bude wieder. Wir haben die Mannschaft förmlich zum dritten Treffer gebrüllt. Der Jubel als Frei in der 89. Minute direkt vor unserem Block den Elfmeter zum 3:3 ins Netz drosch, war unbeschreiblich. Solche Spiele zeigen auch, dass du im Fußball nie aufgeben darfst; dass immer noch irgendwas geht.

Ich kann mich erinnern, dass es in dem Spiel einige Fehlentscheidungen gegeben hat. Frei stand vor dem 2:3 im Abseits? – Niemals! Der Handelfmeter zum 3:3 soll fragwürdig gewesen sein? – Niemals! Wenn du im Derby ein 0:3 aufholst, war jede Schiedsrichterentscheidung richtig.

Im Jahr darauf habe ich übrigens meine ersten beiden Derbys im BVB-Trikot gespielt. Wir haben zu Hause 0:1 und auswärts 1:2 verloren. Ein bescheidenes Gefühl. Schon eine normale Niederlage gegen jeden anderen Klub schleppst Du ein paar Tage mit dir herum, bevor du sie aus den Klamotten geschüttelt bekommst. Aber eine Niederlage gegen die Blauen kannst du nur durch einen Sieg im nächsten Derby aufwiegen.

Den Fußball quälen die Geister, die er rief

 Folgende Rechnung:

Der Fußballprofi Michael Mustermann gewinnt in einer Saison mit seinem Klub und der Nationalmannschaft alles, was es zu gewinnen gibt und kommt dabei in jedem Spiel zum Einsatz. Er bestreitet also 34 Bundesliga- und 6 DFB-Pokalspiele, dazu 13 Champions-League-Duelle und 17 Länderspiele. Er steht im nationalen und europäischen Supercup-Finale auf dem Platz und muss zweimal bei der Klub-WM ran. Macht 74 Einsätze. Inklusive Test-/Freundschaftsspielen in der Sommer- und Wintervorbereitung, einige davon sogar in Übersee, kommt er schließlich auf 80 bis 85 Partien.

Ein Hammer-Pensum – das jetzt wieder die Kritiker auf den Plan ruft. Zu viele Länderspiele! So lautet ihre Diagnose. Aber stimmt die überhaupt? Eher nicht. Der langjährige Vergleich zeigt: Die Zahl der Begegnungen im Vereinsfußball ist stärker gestiegen als die der Ländervergleiche. Der Grund: Geld! Im Wesentlichen.

Doch der Reihe nach.

Pep Guardiola mag’s martialisch. Verbal, versteht sich. Erst warnte der Trainer des FC Bayern München, Neuzugang Xabi Alonso sei „in wenigen Wochen tot“, wenn er weiter so beansprucht werde. Dann holte der Katalane zum Rundumschlag gegen das System aus: „Wir killen die Spieler, wir verlangen zu viel von ihnen!“ Der Drei-Tage-Rhythmus, in dem viele Profis der Top-Klubs, die in Meisterschaft, Europacup, DFB-Pokal und Nationalmannschaften gefragt sind, auflaufen müssen, sei mörderisch. Guardiolas Forderung: „Die Spieler brauchen Zeit zum Atmen. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für Dortmund und Leverkusen.“

Die Flankendeckung aus Westfalen, selten genug, kam sogleich. Auch BVB-Trainer Jürgen Klopp, der derzeit das vermutlich größte Lazarett der Klubgeschichte beklagt und nach jedem Spiel neue Ausfälle vermelden muss, leidet unter der häufigen Abstellung von Spielern an die Nationalmannschaften. Zumal ihr Fehlen den Trainingsbetrieb in den Klubs quasi lahmlegt. In Länderspielwochen haben Trainer wie Guardiola und Klopp bisweilen Mühe, eine Elf zusammen zu bekommen – geschweige denn zwei. Strukturiert trainieren, taktische Konzepte einstudieren, Automatismen einüben können sie nicht. Insbesondere das umstrittene Test-Länderspiel nach dem ersten Bundesliga-Spieltag ist dem BVB-Coach und den meisten seiner Kollegen ein Dorn im Auge. Klopp ahnt gleichwohl: „Das Rad drehen wir nicht mehr zurück.“ Jede Klage sei daher verpulverte Energie. „Das kann ich genau so gut meiner Mikrowelle erzählen.“

Ärger: ja! Gejammere: nein – in Dortmund. In München ist das etwas anders, denn in München gibt es Karl-Heinz Rummenigge. Und der hat sich offenkundig zum Ziel gesetzt, die haftbedingte Abwesenheit von Uli Hoeneß zu nutzen, um in dessen Rolle als Lautsprecher der Nation einen verbalen Kreuzzug gegen alles und jeden zu führen. „Die Belastung der Spieler hat ein gesundes Maß längst überschritten. Sie ist am absoluten oberen Limit angelangt. Dafür sind die Dachverbände mit ihrer Flut von Länderspielen verantwortlich“, kritisierte der Bayern-Vorstand unlängst im Vorwort des Klub-Magazins zum Paderborn-Spiel.

Rummenigge, in Personalunion auch Vorsitzender der Europäischen Klub-Vereinigung ECA fordert deshalb den Weltverband FIFA und die UEFA auf, „dieser Entwicklung dringend Einhalt zu gebieten“. Er appelliert, „den Fußball zugunsten der Spieler zu verbessern und dieser Hatz ein Ende zu setzen. Qualität und nicht Quantität muss das Ziel sein“.

Aber hat Rummenigge eigentlich Recht? Hat die Zahl der Länderspiele tatsächlich so dramatisch zugenommen?

Vergleicht man, wie der FCB-Boss, das Jahr 2014 mit den 70-er Jahren, in denen „ein Franz Beckenbauer (und übrigens auch ein Karl-Heinz Rummenigge/der Autor) im Schnitt 8,5 Länderspiele im Jahr“ bestritten hat, ist die Kritik berechtigt. In den vergangenen 25 Jahren aber hat sich die Anzahl der DFB-Einsätze nicht mehr oder zumindest nicht signifikant verändert.

Zwei Beispiele:

– Im Jahr der WM 1990 bestritt die Nationalmannschaft 15 Länderspiele, 1996 waren es 16, 2002 und 2006 je 18 (die Spitzenwerte) – 2014 sind es 17, inklusive der sieben Partien bei der WM in Brasilien.

– Signifikant weniger Spiele waren es früher vor allem im den ungeraden Jahren ohne Turniere. So trat die Nationalelf 1991 nur siebenmal an und 1997 neunmal. Aber: 1993 waren es elf Länderspiele – so viele wie 2003 und 2009 und nur eines weniger als 2007 und 2013.

Die Entwicklung seit 1990 im Überblick:

1990 15 Spiele (davon 7 WM) – 1991 7 Spiele – 1992 14 Spiele (5 EM) – 1993 11 Spiele – 1994 15 Spiele (5 WM) – 1995 12 Spiele – 1996 16 Spiele (6 EM) – 1997 9 Spiele – 1998 17 Spiele (5 WM) – 1999 13 Spiele (3 Confed-Cup) – 2000 12 Spiele (3 EM) – 2001 11 Spiele – 2002 18 Spiele (7 WM) – 2003 11 Spiele – 2004 16 Spiele (3 EM) – 2005 15 Spiele (5 Confed-Cup) – 2006 18 Spiele (7 WM) – 2007 12 Spiele – 2008 16 Spiele (6 EM) – 2009 11 Spiele – 2010 17 Spiele (7 WM) – 2011 13 Spiele – 2012 14 Spiele (5 EM) – 2013 12 Spiele – 2014 17 Spiele (7 WM).

Signifikant zugenommen hat weniger die Anzahl an Länder- als vielmehr die an Klubspielen.

In der Saison 1974/75 musste der FC Bayern gerade sieben Partien bestreiten, um den Europapokal der Landesmeister zu gewinnen. Beim HSV waren es 1983 inkl. Finale neun Begegnungen. Der erste Gewinner der UEFA Champions League, Olympique Marseille, holte den Titel mit dem 11. Spiel – ebenso vier Jahre später Borussia Dortmund. Heute sind es bis zum Titel 13 Spiele – immerhin hat man den Schwachsinn mit Vor- und Zwischenrundengruppen, der dazu führte, dass der FC Bayern 2000/2001 17 (!) Mal ran musste, ehe er den Pott in den Händen hielt, inzwischen wieder abgeschafft.

Immer schon deutlich aufwändiger war die Europa League. Als sie noch UEFA-Cup hieß, gewannen Borussia Mönchengladbach 1974/75, Bayer Leverkusen 1987/88 und der FC Schalke 04 1996/97 sie in jeweils zwölf Spielen – der FC Sevilla benötigte 2013/14 15 Begegnungen.

Dazu wurde aus dem früheren Weltpokal-Finale zwischen Champions-League-Sieger und Südamerikameister eine Klub-WM mit Halbfinale und Finale. Der nationale und der europäische Supercup sowie der nationale Vereinspokal runden das Tableau an Wettbewerben ab.

Das alles dient der Monetarisierung des Premiumprodukts Fußball. Umsatz- und Gewinnmaximierung. Damit die Fans möglichst viele Spiele live sehen können, das Produkt also noch besser vermarktet werden kann, werden die Spieltage auseinander gerissen. Früher spielte die Bundesliga samstags. Der Mittwoch war Europacup-Tag. Heute wird ständig und ohne jeden Rhythmus gespielt. In der Liga mal freitags, mal samstags, mal sonntags; in der Champions League mal dienstags, mal mittwochs – und in der Nationalmannschaft neuerdings irgendwann. Für die Klubs ist gerade die Champions League wie ein Sechser im Lotto. Wer weit kommt, kann 30, 40, sogar 50 Millionen Euro in nur einer Saison aus diesem Wettbewerb ziehen. Niemand beklagt sich darüber, dass er inkl. CL-Finale 13 Spiele bestreiten muss, wo die Bayern 74/75 doch nur siebenmal ran mussten.

Auch das gehört also zur Wahrheit über die zunehmende Belastung der Profis.

Und dies: Weil sie Märkte in Nordamerika und Asien erobert wollen, muten dieselben Klubverantwortlichen, die sich über zu viele Länderspiele echauffieren, ihrem kickenden Personal auch noch sportlich sinnlose und sportmedizinisch bedenkliche Ausflüge zu. So jettete der FC Bayern im Sommer mal eben für zwei Freundschaftsspiele in die USA. Wiederholung in 2015 ist sicher. Dann wird mutmaßlich auch der BVB in den Flieger steigen. Richtung Asien. Die wirtschaftlichen Interessen obsiegen – die Trainer beißen in die Tischkante, die Spieler ins Gras.

Und dies: Anderseits sind die Profis heute ganz anders trainiert als vor 30 oder 40 Jahren. Ihre Fitness wird permanent medizinisch und der Trainingsaufbau sportwissenschaftlich begleitet. Nichts wird dem Zufall überlassen. Kein Vergleich zur Ära Beckenbauer, als viele Spieler rauchten und die Kiste Bier nach dem Training selbstverständlich in die Kabine gehörte.

Schließlich noch dies: Sind 60 bis 70 Spiele, die letztlich ja auch kein Spieler komplett absolviert, wirklich zu viel, wenn Athleten in den US-Major-Sportarten wie Eishockey und Basketball einschließlich Play-Offs an die 100 Partien bestreiten und dabei aufgrund der großen Inlands-Entfernungen auch noch gewaltige Reisestrapazen verkraften müssen?

Man könne das nicht vergleichen, werden Trainer wie Pep Guardiola und Jürgen Klopp anführen. Und sie haben Recht. Derlei Vergleiche hinken so heftig, dass sie zwar plakativ, aber auch unzulässig sind. Nur: Es sind letztlich die Geister, die der Fußball rief; die Geister, die letztlich die Klubs selber gerufen haben, die nun durch Kabinengänge, Rehazentren und Krankenstationen spuken.

Wiesn-Trikots oder Die Lächerlichmachung des Sports

Über Jahrzehnte hinweg war es einfach nur ein Schmähgesang, wenn auch ein besonders gern gesungener:

„ZIEHT DEN BAYERN DIE LEDERHOSEN AUS, Lederhosen aus, Lederhosen aus!“

Und dann, mit einem Mal, ging das wirklich. Plötzlich konnte man ihnen ihr liebstes Kleidungsstück nicht nur im übertragenen Sinne vom Leibe reißen, sondern buchstäblich. Weil irgendein besonders pfiffiger – will sagen: geschäftstüchtiger – MarketingMerchandisingMonetarisierungsMitarbeiter auf die bahnbrechende Idee gekommen war, eigens zur „Wiesn“ (für nicht Freistaatler: zum Oktoberfest) eine Trikotkollektion auf den Fan-Markt zu werfen.

Ein Spanier in Ledertracht: „Habe die Ehre“

So gab es nicht länger nur das Heimtrikot, das Auswärtstrikot – beim USA-orientierten Weltklub von der Säbener Straße gerne auch „Away“-Trikot genannt – und das Champions-League-Trikot, sondern auch das Wiesn-Trikot. Mit großem Promi-Aufmarsch wurde die Bekleidungslinie im Herbst 2013 vorgestellt. Was dann u.a. dazu führte, dass ein peinlich berührter Spanier (Javier Martinez) in einem Trainingsanzug im Trachtenlook zum Medientermin kam und Sätze wie „Habe die Ehre“ stammelte. Jedenfalls liefen die Bayern während der Wiesn-Wochen mit Trikothosen im braunen Lederlook auf. Echtes Leder war’s gleichwohl nicht. Das hätte die Geschmeidigkeit der Bewegungen des kickenden Edel-Personals dann doch beeinträchtigt. Aber immerhin konnte man Schweini & Co. etwas ausziehen, dass zumindest aussah wie eine Krachlederne.

Gerechte Strafe für die Löwen: Noch nie in Tracht gewonnen

Nun muss ich zu meiner journalistischen Schande gestehen, dass ich nicht weiß, ob der ruhmreiche FC Bayern oder gar der unwesentlich weniger ruhmreiche TSV 1860 München zuerst auf die Tracht gekommen ist. Immerhin spielen die „Löwen“ heuer (für nicht Freistaatler: in diesem Jahr) bereits zum dritten Mal nach 2012 und 2013 im Wiesn-Outfit, wobei das Trikot aussieht, als habe jemand eine Tischdecke von der Theresienwiese recycelt. Die gerechte Strafe für derlei Geschmacklosigkeiten: Gewonnen haben die Sechziger in ihren Oktoberfest-Kostümen noch kein einziges Spiel.

1860

(Screenshot http://www.abendzeitung-muenchen.de)

Was die Kicker können, können die Kufencracks schon lange

Was die Kicker können, können wir schon lange – dachten sich in München dann auch die Verantwortlichen des DEL-Klubs Rasenballsport München. Der aktuelle Tabellenführer, mit österreichischen Brausemillionen personell zum Titelanwärter aufgepumpt, hat auf den Trikots – und da wird die Lächerlichmachung des Sports dann endgültig auf die Spitze getrieben – auch noch stilisierten Latz und Hosenträger zur Lederhose. Deutsche Volkstümelei und so-called „Brauchtumspflege“, zur Schau getragen von Wander-Profis, die vornehmlich aus Nordamerika kommen. Wobei man im Fall des DEL-Klubs als mildernden Umstand anführen darf, dass die weiß-blauen Tischdecken-Trikots immerhin hübscher sind als die eigentlichen mit den beiden roten Stieren auf der Brust. Das ändert freilich alles nichts daran, dass der Urvater (oder wahlweise die Urmutter) des Trachtentrikots eine ordentliche Tracht Prügel verdient hat.

DEG

(aus: NRZ Düsseldorf)

Und demnächst: Das Schützen- oder Fischmarkt-Trikot

Konsequent zu Ende denken darf man das alles natürlich nicht. Nachdem einige Klubs, darunter auch der BVB, sich in der Vergangenheit bereits an Winter-, Advents- oder Weihnachtstrikots heran gewagt und solche Experimente inzwischen weitestgehend wieder eingestellt haben, könnte der 1. FC Köln ja zum Start der Bundesliga-Rückrunde zwecks Traditions- und Brauchtumspflege im Narrenkostüm mit Pappnase auflaufen. Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 könnten ja, weil Westfalen gerne Schützenfest feiern, demnächst im grünen Rock mit Orden und Dienstgrad-Abzeichen Eindruck schinden. Dem HSV würde ein Matrosen- oder Fischmarkt-Dress ganz sicher prima stehen – und was der Reeperbahn-Klub FC St. Pauli auf seine Leibchen drucken lassen könnte, darf in diesem FSK0-Text nicht weiter ausgeschmückt werden. Leichter hat’s da ohnehin der SC Paderborn: Der Klub aus der erzkatholischen Bischofsstadt kann sich bei der Motivwahl am Kirchenjahr orientieren. Wobei: Vor Ostern mit dem gekreuzigten Jesus oder vor Weihnachten mit Jesus in der Krippe aufzulaufen, wird auch nicht jedermanns Geschmack sein.

Auch ein Mode-Fan muss nicht jede Mode mitmachen!

Mal wieder im Ernst, ihr Vermarkter, ihr Den-Fans-auch-noch-den-letzten-Cent-aus-der-Tasche-Zieher: Erspart uns diesen Mist! Fußball ist Fußball ist Fußball. Und nicht Kirmes. Oder Zirkus. Oder Karneval. Und auch kein Oktoberfest. Jeder halbwegs ernst zu nehmende Fan wird diese limitierten „Sonder“-Trikots ohnehin nicht anfassen. Und allen Mode-Fans sei gesagt: Man muss nicht jede Mode mitmachen! Wenn eure Klubs sich also schon lächerlich machen, macht ihr euch nicht auch noch selbst zum Kasper!

#BVBAFC – die Nacht, die den Nebel vertrieb

Es war ein Fest. Ein rauschendes sogar. Eine Spätsommerparty für 65.851 Gäste.

65.851 – exklusive der 90 Minuten lang weitgehend geräuschlosen Anhänger des FC Arsenal. Stumme Zeugen der Demontage ihrer ohnmächtigen, vielleicht konzept-, jedenfalls aber an diesem Abend mittellosen Mannschaft, die vom erwarteten „Duell auf Augenhöhe“ deutlich weiter entfernt war als Dortmund von London. Man fragte sich allerdings auch, der kurze Schlenker sei erlaubt, warum diese „Fans“ (?) überhaupt mit über den Kanal gereist waren. Ihr Team zu unterstützen, war offensichtlich zu keinem Zeitpunkt ihr Plan. Vielleicht ist die englische Fankultur inzwischen aber auch so kaputt, dass man Anfeuerung gar nicht mehr erwarten kann. „You only sing, when you’re winning . . .“

65.851 – exklusive der Engländer also, dafür aber inklusive einiger hundert Journalisten. Die sind zwar von Berufs wegen zu Objektivität verpflichtet. Aber irgendwie eben auch Sport-Fans im Allgemeinen und Fußball-Fans im Besonderen. Will sagen: Das Spiel des BVB und die prickelnde Atmosphäre im Stadion ließen auch sie nicht kalt. Und wenn Sportjournalisten emotional einmal so richtig angefixt sind, berichten sie gerne von einer „Gala“, einem „Feuerwerk“, schreiben von „Perfektion“ oder gar von „Champagner-Fußball“.

Eine Nacht später, die Adrenalin- und Endorphin-Anteile im Blut haben sich auf Normalmaß herunter gepegelt, bleiben neben der Begeisterung einige nüchterne Erkenntnisse. Die zweifellos wichtigste: Borussia Dortmund 2014/15 ist eine Mannschaft mit ungeheuer großem Potenzial.

Bis Dienstag, bis zu diesem 2:0 über den FC Arsenal, war Nebel. Ein zäher, hartnäckiger Spätsommerfrühherbst-Nebel, gegen den sich die Sonne brutal quälte. Da war ein überzeugender 2:0-Erfolg im Supercup-Spiel gegen den FC Bayern München. Da war ein durchaus mühevoller, wenn auch letztlich souveräner Pokalsieg beim Drittligisten Stuttgarter Kickers (3:0). Da war der eher etwas ernüchternde Saisonstart gegen allerdings auch bärenstarke Leverkusener (0:2). Da waren zwei hart erarbeitete Siege in Augsburg (3:2) und gegen Freiburg (3:1) – zwei Gegner, die, bei allem Respekt, am Ende der Saison in der unteren Bundesliga-Tabellenhälfte zu suchen und zu finden sein werden.

Da waren nach fünf Pflichtspielen unterm Strich noch immer mehr Frage- als Ausrufezeichen.

Denn da waren ja auch noch haufenweise Widrigkeiten. Zuvorderst eine komplett strubbelige Saisonvorbereitung, beeinträchtigt durch das Fehlen der Weltmeister Mats Hummels, Roman Weidenfeller, Kevin Großkreutz, Erik Durm und Matthias Ginter. Zusätzlich beeinträchtigt durch die schwere Verletzung von Marco Reus, durch die langwierige Reha von Ilkay Gündogan. Und jedesmal, wenn man gerade das Gefühl hatte, langsam komplettiere sich der Kader und Trainer Jürgen Klopp könne endlich so etwas Ähnliches wie ein geregeltes Training aufnehmen, folgten neue Hiobsbotschaften: Nuri Sahin musste operiert werden. Mats Hummels‘ muskuläre Probleme, ein WM-Souvenir, erwiesen sich als so hartnäckig, dass er bis heute keine Einsatzminute zu Buche stehen hat. Marco Reus, kaum wieder fit und in Form, verletzte sich neuerlich bei der Nationalelf. Jakub Blaszczykowski, nach ausgeheiltem Kreuzbandriss auf dem Sprung zurück ins Team, erlitt einen muskulären Rückschlag. Neuzugang Dong-Won Ji ist ebenfalls seit Wochen verletzt, dazu Oliver Kirch . . . und so weiter und so weiter.

Haufenweise Fragezeichen. Und nur DIESES EINE Ausrufezeichen!

Die Rückkehr von Shinji Kagawa zum BVB, mit dem er 2012 vor seinem Wechsel zu Manchester United das erste Double der schwarzgelben Klubgeschichte gefeiert hatte, wurde zum gleißenden Hoffnungsstrahl im tiefen Dunkel all dieser Negativschlagzeilen gehyped. Dabei war es bei Licht betrachtet zunächst nicht mehr als die Rückholaktion eines Helden von gestern, der in der Premier League (mehr an den Umständen als an sich selbst) gescheitert war – und von dem nun alle hofften, dass sie ihn in der Nestwärme der BVB-Familie schnell wieder aufgepäppelt bekommen würden. Als Kagawa gleich bei seinem Comeback gegen Freiburg auf Anhieb das 1:0 brillant vorbereitete und das 2:0 selbst erzielte, ehe er nach gut einer Stunde unter Krämpfen und Jubelstürmen ausgewechselt wurde, war tagelang nur noch von Super-Shinji die Rede – und man musste fast den Eindruck gewinnen: Das sportliche Schicksal der Borussia liegt allein auf den schmalen Schultern des kleinen Japaners. Bei aller Wertschätzung für die neue Nummer 7 ehrlich gesagt keine Mut machende Perspektive.

Viele, viele Fragezeichen also vor der ersten echten Standortbestimmung gegen den FC Arsenal. Englisches Spitzenteam. Zum 17. Mal für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Gruppenkopf, aus Topf 1 gezogen. Favorit also, zumindest der Papierform nach. Allemal eine echte Herausforderung.

Und dann DIESES Ausrufezeichen. Ein 2:0-Sieg, der an sich schon überraschte. Mehr aber noch die Art und Weise, wie der BVB ihn erzwungen, herausgespielt, ihn sich verdient hatte. Mit Aggressivität, Tempo, Zweikampfhärte, konsequentem Pressing, Willenskraft, Geduld, blitzschnellem Umschaltspiel und hoher Kreativität. Eine Vorführung, die – mal abgesehen von der noch verbesserungsfähigen Chancenverwertung – nah an der Perfektion war. Eindrücke, sagte Trainer Jürgen Klopp später, die er sich „abheften“ werde. Und zwar im Aktenordner für die sehr, sehr guten Spiele.

Das alles OHNE Kagawa, der gegen Freiburg vermutlich ein wenig überpaced hatte. OHNE Adrian Ramos und Milos Jojic, die später von der Bank kamen. Und sowieso OHNE Hummels. OHNE Reus. OHNE Gündogan. OHNE Sahin. OHNE Piszczek. OHNE Kuba. OHNE Kirch. Stattdessen mit einer gegenüber dem Freiburg-Spiel auf fünf Positionen veränderten Aufstellung. Mit Erik Durm als Rechts-, statt Linksverteidiger. Mit einer echten Doppel-Sechs (Kehl/Bender) im zentralen Mittelfeld – also ohne eigentlichen „Achter“. Und mit einem Ciro Immobile in der Spitze, der nicht nur wegen seines grandiosen Sololaufs zum 1:0 all jene verstummen ließ, die vielleicht an seiner Bundesliga-Tauglichkeit gezweifelt hatten. Immobile hatte auch darüber hinaus zahlreiche gute Szenen; in der Offensive wie in der Defensive, wo er häufig mit aushalf. Der Italiener arbeitete unermüdlich, machte lange Wege, fraß Gras – so wird man in Dortmund zum Publikumsliebling.

Der besondere Zauber dieses Abends lag vermutlich darin, dass nur die Wenigsten dem BVB zum jetzigen Zeitpunkt angesichts der Personalsituation eine solche Leistung zugetraut hätten. Es war, als sei eine Wundertüte geplatzt – und habe lauter Hauptgewinne über den Rasen verstreut. Wie Weihnachten Mitte September. Irgendwie magisch.

Mit der geplatzten Wundertüte im Müll entsorgt wurden nach Spielende die vielen Fragezeichen. Das Arsenal-Spiel hat den hartnäckigen Herbstnebel durchbrochen und vertrieben. Seit Dienstagabend haben die BVB-Fans klare Sicht. Sie wissen jetzt: In dieser Mannschaft steckt – zumal dann, wenn sich in den nächsten Wochen nach und nach die Verletzten zurückmelden werden – schier unglaubliches Potenzial. Man stelle sich nur vor, die Spieleröffnung bei der Borussia beginnt wieder bei Hummels und Gündogan . . .

Drehbuch für den perfekten BVB-Samstag

Mal unter uns Schwarzgelben: Lustig geht anders!

Erst muss Nuri Sahin unters Messer.

Dann erleidet Jakub Blaszczykowski, kurz bevor er nach Kreuzbandriss und Reha ins Team zurückkehren soll, einen muskulären Rückschlag – bis zu sechs Wochen Pause.

Marco Reus zieht sich, erneut im Nationalmannschafts-Einsatz, in der Nachspielzeit des Schottland-Spiels eine Fußverletzung zu und fällt voraussichtlich für vier Wochen aus – in dieser Zeit spielt der BVB u.a. in der Champions League gegen den FC Arsenal und in der Liga auf Schalke. Keine 48 Stunden später wird Ciro Immobile im Nationalmannschafts-Einsatz in der Nachspielzeit mit der Trage vom Platz gebracht: Hüftprellung! Mats Hummels hat aufgrund von muskulären Problemen, die er von der WM mitgebracht hat, also – genau – vom Nationalmannschafts-Einsatz, seit dem Finale im Maracana keine Einsatzminute mehr bestritten. Da fragt man sich doch allmählich: Wer zahlt eigentlich die Gehälter der Spieler: die nationalen Verbände? Und wer zahlt den Schaden, wenn der BVB seine Saisonziele verpasst, weil ein Leistungsträger nach dem anderen verletzt von seiner Nationalelf zurückkehrt: der DFB? Wohl eher nicht.

Mal unter uns Schwarzgelben: Das Leben in diesen Tagen und Wochen ist ein einziges schreckhaftes Zusammenzucken. Wir zucken zusammen, wenn wir via Twitter vernehmen, dass Henrikh Mkhitaryan, natürlich im Nationalmannschafts-Einsatz, nach einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart vorzeitig den Platz verlassen und dass Shinji Kagawa, ja, jetzt also auch schon #welcomehomeshinji, vorzeitig das Training beenden musste – nach einem Griff an die Leiste. Wir schlafen schlecht oder gar nicht, wenn wir den Satz vernehmen, dass „ein MRT/eine Kernspintomographie morgen Aufschluss über die schwere der Verletzung geben soll“ und wir bekommen spontanen Ausschlag, wenn Bundestrainer Jogi Löw mit all seiner medizinischen Kompetenz prophezeit, bei Marco Reus werde es wohl nicht ganz so schlimm sein wie zuletzt im Juli. Zugegeben, schlimmer als eine WM zu verpassen, bei der die Teamkollegen dann auch noch den Titel gewinnen, geht’s ja wohl auch nicht.

Wir lesen mittlerweile täglich, dass Spieler xyz „individuell trainiert“ hat – und wissen: Das ist nur die Umschreibung für „konnte nicht mit der Mannschaft trainieren“. Wir warten auf den Tag, an dem Borussia Dortmund ein neues Trainingsgelände gleich neben dem Knappschaftskrankenhaus baut. Oder das Knappschaftskrankenhaus seine Orthopädie von Wambel direkt ans Trainingsgelände des BVB in Brackel verlegt. Pressekonferenzen mit Trainer Jürgen Klopp dauern seit einigen Wochen doppelt so lange wie normalerweise, weil sie stets mit einem mehrminütigen medizinischen Bulletin beginnen.

Wir wollen, dass das aufhört! Sofort!!!

Wir wollen endlich mal wieder NUR Fußball und NUR positiv.

Deshalb hier das Drehbuch für das Heimspiel gegen den SC Freiburg (bitte auswendig lernen):

15.23 Uhr: Nachdem die letzten Töne von „You’ll never walk alone“ verklungen sind, brüllt Norbert Dickel die Mannschaftsaufstellung des BVB ins Mikro. Er endet „mit der Nummer 37 Eriiiiiik“ – die Fans ergänzen „Duuuurm“. Da fällt Nobbie plötzlich ein, dass er einen Spieler vergessen hat. Schnell schiebt er nach: „Erstmals nach seiner Rückkehr aus Manchester heute wieder dabei mit der Nummer 7 Kaaaaaa-gaaaaaa-waaaaaa“ – und 75.000 brüllen „Shinjiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“ Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

15:30 Uhr: Schon zehn Sekunden gespielt und immer noch kein Gegentor. Läuft!

15:irgendwas Uhr: Kagawa auf Immobile, Immobile müsste schießen, Immobile schießt. Tor!

16:irgendwas Uhr: Mkhitaryan auf Kagawa, Kagawa müsste schießen, Kagawa schießt. Tor!

16:17 Uhr: Halbzeit. Der BVB führt mit 2:0. Hans-Joachim Watzke und Marco Reus geben Reus’ vorzeitige Vertragsverlängerung bekannt. Bis 2019. Ohne Ausstiegsklausel. 75.000 singen „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ und „ . . . es gibt nie, nie niiiiiiiiie einen anderen Verein“. Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

16:irgendwas: Borussia Dortmund erhöht auf 3:0. Torschütze – mir doch egal.

17:irgendwas: Borussia Dortmund erhöht auf 4:0. Torschütze – auch egal.

17:09 Uhr: Jürgen Klopp wechselt Ilkay Gündogan ein. Sein erster (Kurz-)Einsatz nach zwölfmonatiger Verletzungspause. Gündogan strahlt übers ganze Gesicht. 75.000 auf den Tribünen drehen völlig durch. Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

17:10 Uhr: Mkhitaryan auf Kagawa, Kagawa auf Gündogan, Gündogan müsste schießen, Gündogan . . . . stopp, stopp, stopp, lasst uns realistisch bleiben!

17:19 Uhr. Abpfiff.

17:19 Uhr: Der VfB Stuttgart hat in München mit 2:1 gewonnen. Siegtorschütze: Moritz Leitner in der Nachspielzeit.

20:19 Uhr: Borussia Mönchengladbach hat gegen Sch*** mit 2:1 gewonnen.

(Die Regie wird gebeten, sich exakt an das Drehbuch zu halten)

Plädoyer gegen das Pfeifkonzert

Ja, spinnt er denn jetzt völlig?, werdet Ihr angesichts der Überschrift wahrscheinlich fragen. Und bei oberflächlicher Betrachtung liegt dieser Verdacht durchaus nahe. Schließlich ist es gerade erst drei Wochen her, dass ich in diesem Blog ein vehementes „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“ gehalten und sogar behauptet habe, das Pfeifen sei Fankultur.

http://fliggwerk.com/2014/08/15/pladoyer-furs-pfeifkonzert/

Anlass war das deutsche Supercup-Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, bei dem, Ihr erinnert euch, der Ex-Dortmunder Mario Götze eingewechselt und gnadenlos ausgepfiffen wurde.

Darf man das? – fragte tags darauf die BILD. Darf man einen WM-Helden auspfeifen? Den Siegtorschützen von Rio, den Vier-Sterne-Mario. Die Antwort, jedenfalls meine: Jau! Man darf.

Und nun also die Rolle rückwärts? – Mitnichten! Das „Plädoyer gegen das Pfeifkonzert“ rückt inhaltlich keinen Millimeter ab vom „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“. Wir haben vielmehr eine neue Lage, eine erneute Frage und eine neue Antwort.

Die neue Lage: Als Mario Gomez beim 2:4 gegen Argentinien nach drei dilettantisch verdaddelten Größtchancen ausgewechselt wurde, pfiffen ihn die Zuschauer aus. So, wie sie in der jüngeren Vergangenheit gelegentlich auch schon Mesut Özil im Nationaltrikot ausgepfiffen haben.

Die erneute Frage: Darf man das?

Die neue Antwort: Nein, darf man nicht! Sagt Bundestrainer Joachim Löw. Und hat schon wieder Recht.

Und um die nächste Frage gleich mit aufzugreifen, die spätestens am Sonntagabend beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schottland in Dortmund mit der Laustärke eines startenden Düsenjets aufploppen wird:

Darf man Mario Götze in Dortmund auspfeifen, wenn er das Nationaltrikot trägt?

Antwort: Nein, darf man nicht!

Götze ist nämlich nicht gleich Götze.

Wenn Mario Götze mit dem FC Bayern München in Dortmund spielt, sind 70.000 der 80.000 Zuschauer im Westfalenstadion BVB-Fans. Als solche müssen sie Götze nicht mögen. Sie dürfen ihn doof finden und Schilder hochhalten, auf denen Götze mit dem Euro-€ geschrieben wird – Götz€. Weil sie ihm vorwerfen, er sei nur der Kohle wegen von Dortmund nach Norditalien gewechselt. Sie dürfen ihm legitimerweise diesen Wechsel nachtragen. Und pfeifen!

Wenn Mario Götze mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Dortmund spielt, sind gut 60.000 Zuschauer Fan des Weltmeisters. Die anderen paar Tausend sind Schotten. Das sind die, die Mario Götze auspfeifen dürfen. Wenn sie wollen. Wollen sie aber vermutlich gar nicht. Unter den 60.000 sind vermutlich manche, die ihn auspfeifen wollen. Dürfen sie aber nicht. Sie dürfen ihn so wenig auspfeifen wie ein BVB-Fan Großkreutz oder Kuba auspfeifen darf. „Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier . . .“ – diese Grundhaltung muss bei Länderspielen in Deutschland für das @DFB_Team gelten wie es beim Heimspielen von Borussia Dortmund für den @BVB gilt. 

Der Punkt ist doch: Jeder, der am Sonntag im Stadion ist; jeder, der sich generell ein Spiel der Nationalmannschaft live anschaut, tut das freiwillig. Niemand wird gezwungen. Wer keinen Bock hat, soll einfach zu Hause bleiben. Statt die eigenen Spieler im eigenen Land auszupfeifen. Das gilt für Götze wie für Gomez wie für Özil . . .

Ich hoffe jedenfalls, dass es am Sonntag keine Pfiffe gegen Götze geben wird. Andernfalls müsste ich mich fremdschämen.

Warum der Weltmeister wie ein Kreismeister aussah

Wir sind Weltmeister. WIR ALLE. Immerhin gehört UNS ALLEN ja auch dieser vierte Stern. Hat der Jogi gesagt, und was der Jogi sagt, ist spätestens seit dem späten Abend des 13. Juli 2014 Gesetz.

Fußball-Experten waren wir ja schon vorher. Also, bevor WIR ALLE Weltmeister wurden. 80 Millionen Bundestrainer. Bedauerlicherweise werden Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei aller vorhandenen Expertise dennoch auf Stammtisch-Niveau diskutiert. Oberflächlich und polemisch. Nach dem 2:4 bei der finalen Revanche gegen Argentinien klang das dann so:

Mannmannmann, war die Abwehr schlecht!

Nun könnte man das im Vorfeld grenzenlos überhöhte Spektakel in Düsseldorf durchaus auch etwas differenzierter betrachten. Das ist ungleich anstrengender, lohnt aber, weil es zu Ergebnissen führt, die mit Blick auf die anstehende EM-Qualifikation den einen oder anderen Schluss zulassen.

Richtig ist: Die Abwehr war nicht gut. Das konnte sie allerdings auch gar nicht sein – und zwar aus mehreren Gründen. Erstens hat sie in dieser Formation noch nie auch nur im Ansatz zusammengespielt. Selbst die drei Dortmunder Eric Durm, Matthias Ginter und Kevin Großkreutz sind sich als Nebenleute (noch) fremd, weil Ginter neu in Dortmund ist. Durm und Großkreutz sind zwar Weltmeister, waren in Wahrheit aber WM-Touristen und haben also, weil sie auch noch später wieder zum BVB-Kader stießen, seit Mitte Mai kaum Spielpraxis. Mit dem Schalker Benedikt Höwedes hat keiner von ihnen je zusammengespielt. Wenn eine solche, aus der personellen Not (Mertesacker-Rücktritt, Hummels- und Boateng-Verletzung) zusammengebastelte Abwehr auf einen gegnerischen Weltklasse-Sturm trifft, kann es hier und da schon einmal wacklig werden.

Viel entscheidender aber ist: Jede Abwehrreihe dieser Welt sieht schlecht aus, wenn die Mitspieler vor ihr nicht helfen. Erfolgreich bist du im modernen Fußball nur noch dann, wenn bei eigenem Ballbesitz ALLE ZEHN Feldspieler offensiv denken und handeln und bei Ballverlust ALLE ZEHN defensiv. Das war am Mittwoch in Düsseldorf nicht einmal ansatzweise so.

Christoph Kramer und Toni Kroos waren keine Doppel-Sechs, sondern eine Doppel-Acht. Beide hatten starke Szenen im Spielaufbau – weshalb die deutsche Nationalmannschaft ja auch ein halbes Dutzend hochkarätiger Chancen kreierte (allein Mario Gomez verdaddelte in Halbzeit 1 drei davon). Das Mittelfeld-Zentrum aber riegelten Kramer/Kroos nicht ab. So wenig, wie der früh verletzte und zu spät ausgewechselte Julian Draxler (nachher: Lukas Podolski) seinem Hintermann Erik Durm zu Hilfe kam. So wenig, wie Andre Schürrle (nachher: Thomas Müller) auf der anderen Seite Kevin Großkreutz unterstützte. Und dass Gomez – anders als Robert Lewandowski oder Mario Mandzukic – kein Mittelstürmer ist, der sich bei Ballverlust als erster Verteidiger versteht und durch ein irres Laufpensum den gegnerischen Spielaufbau schon im Ansatz erschwert, ist keine wirkliche Überraschung.

Die logische Folge: Deutschlands Viererkette wurde wieder und wieder überlaufen. Zuvorderst von einem Angel di Maria in Gala-Form. Einen solchen Mann, wie auch Arjen Robben oder Cristiano Ronaldo, verteidigt man nicht auf den letzten 30 Metern. Spieler dieser Qualität muss man bereits in ihrer eigenen Hälfte übernehmen und bearbeiten. Und man muss sie permanent doppeln. Wenn sie hingegen mit Tempo im 1:1 auf einen Abwehrspieler zukommen, kann der nur schlecht aussehen. Gleich, ob er David Alaba heißt oder Erik Durm. Apropos di Maria: Unfassbar, dass Real Madrid ihn zu ManU hat ziehen lassen; dass sie ihn regelrecht weggejagt haben. Den dafür Verantwortlichen zeigte er am Mittwochabend 90 Minuten lang den ausgestreckten Mittelfinger. 

Zurück zum Weltmeister: Der hat gegen Argentinien in der Defensivarbeit fast alles falsch gemacht und sich dabei eher wie ein Kreismeister verhalten. Die Spielweise erinnerte fatal an die vielen Spiele der Jahre 2012 und 2013, in denen es Gegentore hagelte: 3:5 in der Schweiz, 3:4 in den USA, 3:3 gegen Paraguay, 4:4 und 5:3 gegen Schweden.

Was Joachim Löws Truppe also braucht, ist nicht in erster Linie eine andere Aufstellung (die sich freilich von alleine ergibt, wenn Hummels, Boateng, Khedira, Özil etc. wieder fit sind). Sie braucht, und zwar schon für das Schottland-Spiel am Sonntag in Dortmund, eine andere Einstellung.

Alle denken defensiv!

Alle denken offensiv!

Jeder hilft jedem!

So geht Fußball. Oder anders: Wenn eines dieser Parameter nicht funktioniert, geht Fußball schief. Selbst wenn man Weltmeister ist.

Rauten-Angie und die große Maut-Lüge

„Mit mir wird es keine PKW-Maut geben!“

(Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Bundestagswahl 2013 im TV-Duell mit Herausforderer Peer Steinbrück)

 „ Wir werden auch, auf den Wunsch der CSU hin, an einer europarechtskonformen Lösung für eine Mitbelastung der nicht inländischen Kraftfahrzeughalter arbeiten, wenn sichergestellt ist, dass kein deutscher Autofahrer stärker belastet wird.“

(Merkel vier Wochen nach der Wahl, im Herbst 2013, auf dem CSU-Parteitag in München)

 „Um es ganz klar zu sagen: Sie (die Maut) steht im Koalitionsvertrag, und sie wird kommen!“

(Merkel am 1. September 2014, exakt ein Jahr nach dem TV-Duell) 

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Im Grunde reicht ein Drei-Wort-Satz. SIE HAT GELOGEN! Wer auf Heinrich von Kleist und seine kunstvoll gehäkelten Schachtelsätze steht, kann die Feststellung um ein Akkusativobjekt ergänzen. Sie hat (wen oder was?) UNS ALLE belogen!

Sie“ – das ist die Bundeskanzlerin. Unsere Rauten-Angie. Die Frau, die wochenlang abtaucht, um, wie aus dem Nichts, in einer Umkleidekabine eines Fußballstadions in Rio de Janeiro neben ein paar halbnackten Kickern wieder aufzutauchen.

Uns alle“ – das sind wir. Das Volk. Jenes Volk, das die Rauten-Angie gewählt hat und wiedergewählt hat und noch einmal wiedergewählt hat und jederzeit noch einmal wiederwählen würde. Glaubt man den Demoskopen – und was die Rauten-Angie angeht, haben deren Umfragen noch immer gestimmt –, dann ist die Kanzlerin quasi „unabwählbar“. Dann kann sie sich eigentlich nur selbst aus dem Amt befördern. Durch Verzicht.

Nicht einmal Veronica Ferres kann ihr das Amt streitig machen. Nun gut, ich habe „Die Staatsaffäre“ nicht gesehen, aber nach allem, was die TV-Kritiker darüber geschrieben haben, hat die Ferres als Kanzlerin dann doch eher enttäuscht. So, wie Merkel als Merkel auch enttäuscht – nur, dass das keine Konsequenzen hat.

In der Tradition Konrad Adenauers

In Sachen „Maut“ beweist Rauten-Angie gerade sehr eindrucksvoll, dass sie sich in der Tradition der CDU-Altvorderen sieht. Sie kann eben nicht nur aussitzen und unbequeme Köpfe aus den eigenen Reihen eiskalt wegbeißen wie Helmut Kohl. Auch Konrad Adenauers Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?!“ ist ihr ein gern genommenes Prinzip. Hatte Merkel – siehe oben – im Bundestagswahlkampf 2013 eine Pkw-Maut auf deutschen Straßen noch so kategorisch ausgeschlossen, dass das schwesterliche Verhältnis zur CSU und deren Frontmann Horst Seehofer auf der Kippe stand, knickte sie schon wenige Wochen später bei den Koalitionsverhandlungen ein und vertritt inzwischen längst genau so kategorisch das exakte Gegenteil. „Die Maut wird kommen!“, machte sie zu Beginn dieser Woche noch einmal klar. Wenn auch vielleicht nicht die Maut nach Art von Verkehrsminister Alexander Dobrindt, sondern eine nach Art von Wolfgang Schäuble. Der Finanzminister hat sich nun eingeschaltet in die Schier-Endlos-Kontroverse und lässt an einem eigenen Entwurf tüfteln. Für Dobrindt eine weitere schallende Ohrfeige!  

Merkels schärfste Gegnerin ist die CDU

Dass es überhaupt so ein Gehampel um die Maut gibt, dokumentiert einmal mehr, wie wenig bereit die Bundesregierung ist, sich mit starken, einflussreichen Lobbygruppen zu matchen und ein Machtwort zu sprechen. Es zeigt auch, wie zerrissen die CDU in dieser Frage intern ist. Aus etlichen Landesverbänden gibt es Widerstand. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Baden-Württemberg und sogar im christlich-sozialen Bayern gibt es Befürchtungen, die grenznahen Städte und Gemeinden könnten leiden, wenn die Maut nicht nur für Autobahnen, sondern für alle Straßen gelte.

Im Grundsatz allerdings ist die Diskussion über die Straßennutzungsgebühr geradezu albern. Allenfalls über der Ausformulierung müssen die Fachleute grübeln, um sie juristisch sauber aufzusetzen und mit EU-Recht vereinbar zu machen. Um so mehr, da Brüssel frühzeitig große Skepsis angemeldet hat. Dass eine Lösung möglich sein MUSS, zeigen ungefähr ALLE ANDEREN europäischen Länder, die mit unterschiedlichen Maut-Systemen zur Kasse bitten. Von der zeitlich begrenzten Pauschale wie z.B. in Österreich (10-Tage-, 2-Monate- und Jahres-Vignette) über eine streckenbezogene Abrechnung wie in Frankreich und Italien bis hin zu einer weitgehend auf besondere Bauwerke wie Tunnel und Brücken beschränkte Maut wie etwa in Dänemark.

Nur KEINE Maut bedeutet Ungleichbehandlung

Ganz gleich, wohin wir Deutschen fahren: wir zahlen. Und wir zahlen ohne Widerworte. Oder können Sie sich daran erinnern, dass wir in den letzten Jahren einmal mit unseren Nachbarn über die Ungerechtigkeit einer Nutzungsgebühr diskutiert haben?! Ich auch nicht. Kaum aber erwägt Deutschland die Einführung einer Maut, erhebt sich um uns herum ein ohrenbetäubendes Gejaule.

Unfug! Staaten müssen, um die Verkehrsinfrastruktur auszubauen oder wenigstens in Schuss zu halten, Jahr für Jahr gigantische Summen aufwenden. Das gilt um so mehr für ein Land wie Deutschland, das im Herzen Europas liegt und auf nahezu allen Ost-West- wie Nord-Süd-Verbindungen als Transitland dient. Es ist deshalb völlig in Ordnung, wenn Staaten oder private Verkehrsnetz-Betreiber eine Nutzungsgebühr erheben. Ich zahle sie in Österreich, Italien und der Schweiz gerne und selbstverständlich, ich habe sie gerade in diesem Sommer auch in den USA gezahlt. Aber wenn Österreicher, Italiener, Schweizer oder Amerikaner auf unseren Straßen unterwegs sind, müssen sie dafür eben auch in angemessener Höhe zahlen.

Insofern bin ich – und das kommt wirklich nicht oft vor – ganz bei Angela Merkel und ihrer aktuellen Haltung. Was nichts daran ändert, dass ich mich von ihr belogen und betrogen fühle.