Warum der Weltmeister wie ein Kreismeister aussah

Wir sind Weltmeister. WIR ALLE. Immerhin gehört UNS ALLEN ja auch dieser vierte Stern. Hat der Jogi gesagt, und was der Jogi sagt, ist spätestens seit dem späten Abend des 13. Juli 2014 Gesetz.

Fußball-Experten waren wir ja schon vorher. Also, bevor WIR ALLE Weltmeister wurden. 80 Millionen Bundestrainer. Bedauerlicherweise werden Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei aller vorhandenen Expertise dennoch auf Stammtisch-Niveau diskutiert. Oberflächlich und polemisch. Nach dem 2:4 bei der finalen Revanche gegen Argentinien klang das dann so:

Mannmannmann, war die Abwehr schlecht!

Nun könnte man das im Vorfeld grenzenlos überhöhte Spektakel in Düsseldorf durchaus auch etwas differenzierter betrachten. Das ist ungleich anstrengender, lohnt aber, weil es zu Ergebnissen führt, die mit Blick auf die anstehende EM-Qualifikation den einen oder anderen Schluss zulassen.

Richtig ist: Die Abwehr war nicht gut. Das konnte sie allerdings auch gar nicht sein – und zwar aus mehreren Gründen. Erstens hat sie in dieser Formation noch nie auch nur im Ansatz zusammengespielt. Selbst die drei Dortmunder Eric Durm, Matthias Ginter und Kevin Großkreutz sind sich als Nebenleute (noch) fremd, weil Ginter neu in Dortmund ist. Durm und Großkreutz sind zwar Weltmeister, waren in Wahrheit aber WM-Touristen und haben also, weil sie auch noch später wieder zum BVB-Kader stießen, seit Mitte Mai kaum Spielpraxis. Mit dem Schalker Benedikt Höwedes hat keiner von ihnen je zusammengespielt. Wenn eine solche, aus der personellen Not (Mertesacker-Rücktritt, Hummels- und Boateng-Verletzung) zusammengebastelte Abwehr auf einen gegnerischen Weltklasse-Sturm trifft, kann es hier und da schon einmal wacklig werden.

Viel entscheidender aber ist: Jede Abwehrreihe dieser Welt sieht schlecht aus, wenn die Mitspieler vor ihr nicht helfen. Erfolgreich bist du im modernen Fußball nur noch dann, wenn bei eigenem Ballbesitz ALLE ZEHN Feldspieler offensiv denken und handeln und bei Ballverlust ALLE ZEHN defensiv. Das war am Mittwoch in Düsseldorf nicht einmal ansatzweise so.

Christoph Kramer und Toni Kroos waren keine Doppel-Sechs, sondern eine Doppel-Acht. Beide hatten starke Szenen im Spielaufbau – weshalb die deutsche Nationalmannschaft ja auch ein halbes Dutzend hochkarätiger Chancen kreierte (allein Mario Gomez verdaddelte in Halbzeit 1 drei davon). Das Mittelfeld-Zentrum aber riegelten Kramer/Kroos nicht ab. So wenig, wie der früh verletzte und zu spät ausgewechselte Julian Draxler (nachher: Lukas Podolski) seinem Hintermann Erik Durm zu Hilfe kam. So wenig, wie Andre Schürrle (nachher: Thomas Müller) auf der anderen Seite Kevin Großkreutz unterstützte. Und dass Gomez – anders als Robert Lewandowski oder Mario Mandzukic – kein Mittelstürmer ist, der sich bei Ballverlust als erster Verteidiger versteht und durch ein irres Laufpensum den gegnerischen Spielaufbau schon im Ansatz erschwert, ist keine wirkliche Überraschung.

Die logische Folge: Deutschlands Viererkette wurde wieder und wieder überlaufen. Zuvorderst von einem Angel di Maria in Gala-Form. Einen solchen Mann, wie auch Arjen Robben oder Cristiano Ronaldo, verteidigt man nicht auf den letzten 30 Metern. Spieler dieser Qualität muss man bereits in ihrer eigenen Hälfte übernehmen und bearbeiten. Und man muss sie permanent doppeln. Wenn sie hingegen mit Tempo im 1:1 auf einen Abwehrspieler zukommen, kann der nur schlecht aussehen. Gleich, ob er David Alaba heißt oder Erik Durm. Apropos di Maria: Unfassbar, dass Real Madrid ihn zu ManU hat ziehen lassen; dass sie ihn regelrecht weggejagt haben. Den dafür Verantwortlichen zeigte er am Mittwochabend 90 Minuten lang den ausgestreckten Mittelfinger. 

Zurück zum Weltmeister: Der hat gegen Argentinien in der Defensivarbeit fast alles falsch gemacht und sich dabei eher wie ein Kreismeister verhalten. Die Spielweise erinnerte fatal an die vielen Spiele der Jahre 2012 und 2013, in denen es Gegentore hagelte: 3:5 in der Schweiz, 3:4 in den USA, 3:3 gegen Paraguay, 4:4 und 5:3 gegen Schweden.

Was Joachim Löws Truppe also braucht, ist nicht in erster Linie eine andere Aufstellung (die sich freilich von alleine ergibt, wenn Hummels, Boateng, Khedira, Özil etc. wieder fit sind). Sie braucht, und zwar schon für das Schottland-Spiel am Sonntag in Dortmund, eine andere Einstellung.

Alle denken defensiv!

Alle denken offensiv!

Jeder hilft jedem!

So geht Fußball. Oder anders: Wenn eines dieser Parameter nicht funktioniert, geht Fußball schief. Selbst wenn man Weltmeister ist.

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