Plädoyer gegen das Pfeifkonzert

Ja, spinnt er denn jetzt völlig?, werdet Ihr angesichts der Überschrift wahrscheinlich fragen. Und bei oberflächlicher Betrachtung liegt dieser Verdacht durchaus nahe. Schließlich ist es gerade erst drei Wochen her, dass ich in diesem Blog ein vehementes „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“ gehalten und sogar behauptet habe, das Pfeifen sei Fankultur.

http://fliggwerk.com/2014/08/15/pladoyer-furs-pfeifkonzert/

Anlass war das deutsche Supercup-Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, bei dem, Ihr erinnert euch, der Ex-Dortmunder Mario Götze eingewechselt und gnadenlos ausgepfiffen wurde.

Darf man das? – fragte tags darauf die BILD. Darf man einen WM-Helden auspfeifen? Den Siegtorschützen von Rio, den Vier-Sterne-Mario. Die Antwort, jedenfalls meine: Jau! Man darf.

Und nun also die Rolle rückwärts? – Mitnichten! Das „Plädoyer gegen das Pfeifkonzert“ rückt inhaltlich keinen Millimeter ab vom „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“. Wir haben vielmehr eine neue Lage, eine erneute Frage und eine neue Antwort.

Die neue Lage: Als Mario Gomez beim 2:4 gegen Argentinien nach drei dilettantisch verdaddelten Größtchancen ausgewechselt wurde, pfiffen ihn die Zuschauer aus. So, wie sie in der jüngeren Vergangenheit gelegentlich auch schon Mesut Özil im Nationaltrikot ausgepfiffen haben.

Die erneute Frage: Darf man das?

Die neue Antwort: Nein, darf man nicht! Sagt Bundestrainer Joachim Löw. Und hat schon wieder Recht.

Und um die nächste Frage gleich mit aufzugreifen, die spätestens am Sonntagabend beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schottland in Dortmund mit der Laustärke eines startenden Düsenjets aufploppen wird:

Darf man Mario Götze in Dortmund auspfeifen, wenn er das Nationaltrikot trägt?

Antwort: Nein, darf man nicht!

Götze ist nämlich nicht gleich Götze.

Wenn Mario Götze mit dem FC Bayern München in Dortmund spielt, sind 70.000 der 80.000 Zuschauer im Westfalenstadion BVB-Fans. Als solche müssen sie Götze nicht mögen. Sie dürfen ihn doof finden und Schilder hochhalten, auf denen Götze mit dem Euro-€ geschrieben wird – Götz€. Weil sie ihm vorwerfen, er sei nur der Kohle wegen von Dortmund nach Norditalien gewechselt. Sie dürfen ihm legitimerweise diesen Wechsel nachtragen. Und pfeifen!

Wenn Mario Götze mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Dortmund spielt, sind gut 60.000 Zuschauer Fan des Weltmeisters. Die anderen paar Tausend sind Schotten. Das sind die, die Mario Götze auspfeifen dürfen. Wenn sie wollen. Wollen sie aber vermutlich gar nicht. Unter den 60.000 sind vermutlich manche, die ihn auspfeifen wollen. Dürfen sie aber nicht. Sie dürfen ihn so wenig auspfeifen wie ein BVB-Fan Großkreutz oder Kuba auspfeifen darf. „Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier . . .“ – diese Grundhaltung muss bei Länderspielen in Deutschland für das @DFB_Team gelten wie es beim Heimspielen von Borussia Dortmund für den @BVB gilt. 

Der Punkt ist doch: Jeder, der am Sonntag im Stadion ist; jeder, der sich generell ein Spiel der Nationalmannschaft live anschaut, tut das freiwillig. Niemand wird gezwungen. Wer keinen Bock hat, soll einfach zu Hause bleiben. Statt die eigenen Spieler im eigenen Land auszupfeifen. Das gilt für Götze wie für Gomez wie für Özil . . .

Ich hoffe jedenfalls, dass es am Sonntag keine Pfiffe gegen Götze geben wird. Andernfalls müsste ich mich fremdschämen.

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Ein Kommentar zu “Plädoyer gegen das Pfeifkonzert

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