#BVBAFC – die Nacht, die den Nebel vertrieb

Es war ein Fest. Ein rauschendes sogar. Eine Spätsommerparty für 65.851 Gäste.

65.851 – exklusive der 90 Minuten lang weitgehend geräuschlosen Anhänger des FC Arsenal. Stumme Zeugen der Demontage ihrer ohnmächtigen, vielleicht konzept-, jedenfalls aber an diesem Abend mittellosen Mannschaft, die vom erwarteten „Duell auf Augenhöhe“ deutlich weiter entfernt war als Dortmund von London. Man fragte sich allerdings auch, der kurze Schlenker sei erlaubt, warum diese „Fans“ (?) überhaupt mit über den Kanal gereist waren. Ihr Team zu unterstützen, war offensichtlich zu keinem Zeitpunkt ihr Plan. Vielleicht ist die englische Fankultur inzwischen aber auch so kaputt, dass man Anfeuerung gar nicht mehr erwarten kann. „You only sing, when you’re winning . . .“

65.851 – exklusive der Engländer also, dafür aber inklusive einiger hundert Journalisten. Die sind zwar von Berufs wegen zu Objektivität verpflichtet. Aber irgendwie eben auch Sport-Fans im Allgemeinen und Fußball-Fans im Besonderen. Will sagen: Das Spiel des BVB und die prickelnde Atmosphäre im Stadion ließen auch sie nicht kalt. Und wenn Sportjournalisten emotional einmal so richtig angefixt sind, berichten sie gerne von einer „Gala“, einem „Feuerwerk“, schreiben von „Perfektion“ oder gar von „Champagner-Fußball“.

Eine Nacht später, die Adrenalin- und Endorphin-Anteile im Blut haben sich auf Normalmaß herunter gepegelt, bleiben neben der Begeisterung einige nüchterne Erkenntnisse. Die zweifellos wichtigste: Borussia Dortmund 2014/15 ist eine Mannschaft mit ungeheuer großem Potenzial.

Bis Dienstag, bis zu diesem 2:0 über den FC Arsenal, war Nebel. Ein zäher, hartnäckiger Spätsommerfrühherbst-Nebel, gegen den sich die Sonne brutal quälte. Da war ein überzeugender 2:0-Erfolg im Supercup-Spiel gegen den FC Bayern München. Da war ein durchaus mühevoller, wenn auch letztlich souveräner Pokalsieg beim Drittligisten Stuttgarter Kickers (3:0). Da war der eher etwas ernüchternde Saisonstart gegen allerdings auch bärenstarke Leverkusener (0:2). Da waren zwei hart erarbeitete Siege in Augsburg (3:2) und gegen Freiburg (3:1) – zwei Gegner, die, bei allem Respekt, am Ende der Saison in der unteren Bundesliga-Tabellenhälfte zu suchen und zu finden sein werden.

Da waren nach fünf Pflichtspielen unterm Strich noch immer mehr Frage- als Ausrufezeichen.

Denn da waren ja auch noch haufenweise Widrigkeiten. Zuvorderst eine komplett strubbelige Saisonvorbereitung, beeinträchtigt durch das Fehlen der Weltmeister Mats Hummels, Roman Weidenfeller, Kevin Großkreutz, Erik Durm und Matthias Ginter. Zusätzlich beeinträchtigt durch die schwere Verletzung von Marco Reus, durch die langwierige Reha von Ilkay Gündogan. Und jedesmal, wenn man gerade das Gefühl hatte, langsam komplettiere sich der Kader und Trainer Jürgen Klopp könne endlich so etwas Ähnliches wie ein geregeltes Training aufnehmen, folgten neue Hiobsbotschaften: Nuri Sahin musste operiert werden. Mats Hummels‘ muskuläre Probleme, ein WM-Souvenir, erwiesen sich als so hartnäckig, dass er bis heute keine Einsatzminute zu Buche stehen hat. Marco Reus, kaum wieder fit und in Form, verletzte sich neuerlich bei der Nationalelf. Jakub Blaszczykowski, nach ausgeheiltem Kreuzbandriss auf dem Sprung zurück ins Team, erlitt einen muskulären Rückschlag. Neuzugang Dong-Won Ji ist ebenfalls seit Wochen verletzt, dazu Oliver Kirch . . . und so weiter und so weiter.

Haufenweise Fragezeichen. Und nur DIESES EINE Ausrufezeichen!

Die Rückkehr von Shinji Kagawa zum BVB, mit dem er 2012 vor seinem Wechsel zu Manchester United das erste Double der schwarzgelben Klubgeschichte gefeiert hatte, wurde zum gleißenden Hoffnungsstrahl im tiefen Dunkel all dieser Negativschlagzeilen gehyped. Dabei war es bei Licht betrachtet zunächst nicht mehr als die Rückholaktion eines Helden von gestern, der in der Premier League (mehr an den Umständen als an sich selbst) gescheitert war – und von dem nun alle hofften, dass sie ihn in der Nestwärme der BVB-Familie schnell wieder aufgepäppelt bekommen würden. Als Kagawa gleich bei seinem Comeback gegen Freiburg auf Anhieb das 1:0 brillant vorbereitete und das 2:0 selbst erzielte, ehe er nach gut einer Stunde unter Krämpfen und Jubelstürmen ausgewechselt wurde, war tagelang nur noch von Super-Shinji die Rede – und man musste fast den Eindruck gewinnen: Das sportliche Schicksal der Borussia liegt allein auf den schmalen Schultern des kleinen Japaners. Bei aller Wertschätzung für die neue Nummer 7 ehrlich gesagt keine Mut machende Perspektive.

Viele, viele Fragezeichen also vor der ersten echten Standortbestimmung gegen den FC Arsenal. Englisches Spitzenteam. Zum 17. Mal für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Gruppenkopf, aus Topf 1 gezogen. Favorit also, zumindest der Papierform nach. Allemal eine echte Herausforderung.

Und dann DIESES Ausrufezeichen. Ein 2:0-Sieg, der an sich schon überraschte. Mehr aber noch die Art und Weise, wie der BVB ihn erzwungen, herausgespielt, ihn sich verdient hatte. Mit Aggressivität, Tempo, Zweikampfhärte, konsequentem Pressing, Willenskraft, Geduld, blitzschnellem Umschaltspiel und hoher Kreativität. Eine Vorführung, die – mal abgesehen von der noch verbesserungsfähigen Chancenverwertung – nah an der Perfektion war. Eindrücke, sagte Trainer Jürgen Klopp später, die er sich „abheften“ werde. Und zwar im Aktenordner für die sehr, sehr guten Spiele.

Das alles OHNE Kagawa, der gegen Freiburg vermutlich ein wenig überpaced hatte. OHNE Adrian Ramos und Milos Jojic, die später von der Bank kamen. Und sowieso OHNE Hummels. OHNE Reus. OHNE Gündogan. OHNE Sahin. OHNE Piszczek. OHNE Kuba. OHNE Kirch. Stattdessen mit einer gegenüber dem Freiburg-Spiel auf fünf Positionen veränderten Aufstellung. Mit Erik Durm als Rechts-, statt Linksverteidiger. Mit einer echten Doppel-Sechs (Kehl/Bender) im zentralen Mittelfeld – also ohne eigentlichen „Achter“. Und mit einem Ciro Immobile in der Spitze, der nicht nur wegen seines grandiosen Sololaufs zum 1:0 all jene verstummen ließ, die vielleicht an seiner Bundesliga-Tauglichkeit gezweifelt hatten. Immobile hatte auch darüber hinaus zahlreiche gute Szenen; in der Offensive wie in der Defensive, wo er häufig mit aushalf. Der Italiener arbeitete unermüdlich, machte lange Wege, fraß Gras – so wird man in Dortmund zum Publikumsliebling.

Der besondere Zauber dieses Abends lag vermutlich darin, dass nur die Wenigsten dem BVB zum jetzigen Zeitpunkt angesichts der Personalsituation eine solche Leistung zugetraut hätten. Es war, als sei eine Wundertüte geplatzt – und habe lauter Hauptgewinne über den Rasen verstreut. Wie Weihnachten Mitte September. Irgendwie magisch.

Mit der geplatzten Wundertüte im Müll entsorgt wurden nach Spielende die vielen Fragezeichen. Das Arsenal-Spiel hat den hartnäckigen Herbstnebel durchbrochen und vertrieben. Seit Dienstagabend haben die BVB-Fans klare Sicht. Sie wissen jetzt: In dieser Mannschaft steckt – zumal dann, wenn sich in den nächsten Wochen nach und nach die Verletzten zurückmelden werden – schier unglaubliches Potenzial. Man stelle sich nur vor, die Spieleröffnung bei der Borussia beginnt wieder bei Hummels und Gündogan . . .

Advertisements

Ein Kommentar zu “#BVBAFC – die Nacht, die den Nebel vertrieb

  1. Pingback: Borussia Dortmund nach fünf Spieltagen in der Saison 2014/2015 > Borussia Dortmund > Bundesliga, BVB, Champions League, DFB-Pokal, Rückblick, Saison 20142015

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s