Den Fußball quälen die Geister, die er rief

 Folgende Rechnung:

Der Fußballprofi Michael Mustermann gewinnt in einer Saison mit seinem Klub und der Nationalmannschaft alles, was es zu gewinnen gibt und kommt dabei in jedem Spiel zum Einsatz. Er bestreitet also 34 Bundesliga- und 6 DFB-Pokalspiele, dazu 13 Champions-League-Duelle und 17 Länderspiele. Er steht im nationalen und europäischen Supercup-Finale auf dem Platz und muss zweimal bei der Klub-WM ran. Macht 74 Einsätze. Inklusive Test-/Freundschaftsspielen in der Sommer- und Wintervorbereitung, einige davon sogar in Übersee, kommt er schließlich auf 80 bis 85 Partien.

Ein Hammer-Pensum – das jetzt wieder die Kritiker auf den Plan ruft. Zu viele Länderspiele! So lautet ihre Diagnose. Aber stimmt die überhaupt? Eher nicht. Der langjährige Vergleich zeigt: Die Zahl der Begegnungen im Vereinsfußball ist stärker gestiegen als die der Ländervergleiche. Der Grund: Geld! Im Wesentlichen.

Doch der Reihe nach.

Pep Guardiola mag’s martialisch. Verbal, versteht sich. Erst warnte der Trainer des FC Bayern München, Neuzugang Xabi Alonso sei „in wenigen Wochen tot“, wenn er weiter so beansprucht werde. Dann holte der Katalane zum Rundumschlag gegen das System aus: „Wir killen die Spieler, wir verlangen zu viel von ihnen!“ Der Drei-Tage-Rhythmus, in dem viele Profis der Top-Klubs, die in Meisterschaft, Europacup, DFB-Pokal und Nationalmannschaften gefragt sind, auflaufen müssen, sei mörderisch. Guardiolas Forderung: „Die Spieler brauchen Zeit zum Atmen. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für Dortmund und Leverkusen.“

Die Flankendeckung aus Westfalen, selten genug, kam sogleich. Auch BVB-Trainer Jürgen Klopp, der derzeit das vermutlich größte Lazarett der Klubgeschichte beklagt und nach jedem Spiel neue Ausfälle vermelden muss, leidet unter der häufigen Abstellung von Spielern an die Nationalmannschaften. Zumal ihr Fehlen den Trainingsbetrieb in den Klubs quasi lahmlegt. In Länderspielwochen haben Trainer wie Guardiola und Klopp bisweilen Mühe, eine Elf zusammen zu bekommen – geschweige denn zwei. Strukturiert trainieren, taktische Konzepte einstudieren, Automatismen einüben können sie nicht. Insbesondere das umstrittene Test-Länderspiel nach dem ersten Bundesliga-Spieltag ist dem BVB-Coach und den meisten seiner Kollegen ein Dorn im Auge. Klopp ahnt gleichwohl: „Das Rad drehen wir nicht mehr zurück.“ Jede Klage sei daher verpulverte Energie. „Das kann ich genau so gut meiner Mikrowelle erzählen.“

Ärger: ja! Gejammere: nein – in Dortmund. In München ist das etwas anders, denn in München gibt es Karl-Heinz Rummenigge. Und der hat sich offenkundig zum Ziel gesetzt, die haftbedingte Abwesenheit von Uli Hoeneß zu nutzen, um in dessen Rolle als Lautsprecher der Nation einen verbalen Kreuzzug gegen alles und jeden zu führen. „Die Belastung der Spieler hat ein gesundes Maß längst überschritten. Sie ist am absoluten oberen Limit angelangt. Dafür sind die Dachverbände mit ihrer Flut von Länderspielen verantwortlich“, kritisierte der Bayern-Vorstand unlängst im Vorwort des Klub-Magazins zum Paderborn-Spiel.

Rummenigge, in Personalunion auch Vorsitzender der Europäischen Klub-Vereinigung ECA fordert deshalb den Weltverband FIFA und die UEFA auf, „dieser Entwicklung dringend Einhalt zu gebieten“. Er appelliert, „den Fußball zugunsten der Spieler zu verbessern und dieser Hatz ein Ende zu setzen. Qualität und nicht Quantität muss das Ziel sein“.

Aber hat Rummenigge eigentlich Recht? Hat die Zahl der Länderspiele tatsächlich so dramatisch zugenommen?

Vergleicht man, wie der FCB-Boss, das Jahr 2014 mit den 70-er Jahren, in denen „ein Franz Beckenbauer (und übrigens auch ein Karl-Heinz Rummenigge/der Autor) im Schnitt 8,5 Länderspiele im Jahr“ bestritten hat, ist die Kritik berechtigt. In den vergangenen 25 Jahren aber hat sich die Anzahl der DFB-Einsätze nicht mehr oder zumindest nicht signifikant verändert.

Zwei Beispiele:

– Im Jahr der WM 1990 bestritt die Nationalmannschaft 15 Länderspiele, 1996 waren es 16, 2002 und 2006 je 18 (die Spitzenwerte) – 2014 sind es 17, inklusive der sieben Partien bei der WM in Brasilien.

– Signifikant weniger Spiele waren es früher vor allem im den ungeraden Jahren ohne Turniere. So trat die Nationalelf 1991 nur siebenmal an und 1997 neunmal. Aber: 1993 waren es elf Länderspiele – so viele wie 2003 und 2009 und nur eines weniger als 2007 und 2013.

Die Entwicklung seit 1990 im Überblick:

1990 15 Spiele (davon 7 WM) – 1991 7 Spiele – 1992 14 Spiele (5 EM) – 1993 11 Spiele – 1994 15 Spiele (5 WM) – 1995 12 Spiele – 1996 16 Spiele (6 EM) – 1997 9 Spiele – 1998 17 Spiele (5 WM) – 1999 13 Spiele (3 Confed-Cup) – 2000 12 Spiele (3 EM) – 2001 11 Spiele – 2002 18 Spiele (7 WM) – 2003 11 Spiele – 2004 16 Spiele (3 EM) – 2005 15 Spiele (5 Confed-Cup) – 2006 18 Spiele (7 WM) – 2007 12 Spiele – 2008 16 Spiele (6 EM) – 2009 11 Spiele – 2010 17 Spiele (7 WM) – 2011 13 Spiele – 2012 14 Spiele (5 EM) – 2013 12 Spiele – 2014 17 Spiele (7 WM).

Signifikant zugenommen hat weniger die Anzahl an Länder- als vielmehr die an Klubspielen.

In der Saison 1974/75 musste der FC Bayern gerade sieben Partien bestreiten, um den Europapokal der Landesmeister zu gewinnen. Beim HSV waren es 1983 inkl. Finale neun Begegnungen. Der erste Gewinner der UEFA Champions League, Olympique Marseille, holte den Titel mit dem 11. Spiel – ebenso vier Jahre später Borussia Dortmund. Heute sind es bis zum Titel 13 Spiele – immerhin hat man den Schwachsinn mit Vor- und Zwischenrundengruppen, der dazu führte, dass der FC Bayern 2000/2001 17 (!) Mal ran musste, ehe er den Pott in den Händen hielt, inzwischen wieder abgeschafft.

Immer schon deutlich aufwändiger war die Europa League. Als sie noch UEFA-Cup hieß, gewannen Borussia Mönchengladbach 1974/75, Bayer Leverkusen 1987/88 und der FC Schalke 04 1996/97 sie in jeweils zwölf Spielen – der FC Sevilla benötigte 2013/14 15 Begegnungen.

Dazu wurde aus dem früheren Weltpokal-Finale zwischen Champions-League-Sieger und Südamerikameister eine Klub-WM mit Halbfinale und Finale. Der nationale und der europäische Supercup sowie der nationale Vereinspokal runden das Tableau an Wettbewerben ab.

Das alles dient der Monetarisierung des Premiumprodukts Fußball. Umsatz- und Gewinnmaximierung. Damit die Fans möglichst viele Spiele live sehen können, das Produkt also noch besser vermarktet werden kann, werden die Spieltage auseinander gerissen. Früher spielte die Bundesliga samstags. Der Mittwoch war Europacup-Tag. Heute wird ständig und ohne jeden Rhythmus gespielt. In der Liga mal freitags, mal samstags, mal sonntags; in der Champions League mal dienstags, mal mittwochs – und in der Nationalmannschaft neuerdings irgendwann. Für die Klubs ist gerade die Champions League wie ein Sechser im Lotto. Wer weit kommt, kann 30, 40, sogar 50 Millionen Euro in nur einer Saison aus diesem Wettbewerb ziehen. Niemand beklagt sich darüber, dass er inkl. CL-Finale 13 Spiele bestreiten muss, wo die Bayern 74/75 doch nur siebenmal ran mussten.

Auch das gehört also zur Wahrheit über die zunehmende Belastung der Profis.

Und dies: Weil sie Märkte in Nordamerika und Asien erobert wollen, muten dieselben Klubverantwortlichen, die sich über zu viele Länderspiele echauffieren, ihrem kickenden Personal auch noch sportlich sinnlose und sportmedizinisch bedenkliche Ausflüge zu. So jettete der FC Bayern im Sommer mal eben für zwei Freundschaftsspiele in die USA. Wiederholung in 2015 ist sicher. Dann wird mutmaßlich auch der BVB in den Flieger steigen. Richtung Asien. Die wirtschaftlichen Interessen obsiegen – die Trainer beißen in die Tischkante, die Spieler ins Gras.

Und dies: Anderseits sind die Profis heute ganz anders trainiert als vor 30 oder 40 Jahren. Ihre Fitness wird permanent medizinisch und der Trainingsaufbau sportwissenschaftlich begleitet. Nichts wird dem Zufall überlassen. Kein Vergleich zur Ära Beckenbauer, als viele Spieler rauchten und die Kiste Bier nach dem Training selbstverständlich in die Kabine gehörte.

Schließlich noch dies: Sind 60 bis 70 Spiele, die letztlich ja auch kein Spieler komplett absolviert, wirklich zu viel, wenn Athleten in den US-Major-Sportarten wie Eishockey und Basketball einschließlich Play-Offs an die 100 Partien bestreiten und dabei aufgrund der großen Inlands-Entfernungen auch noch gewaltige Reisestrapazen verkraften müssen?

Man könne das nicht vergleichen, werden Trainer wie Pep Guardiola und Jürgen Klopp anführen. Und sie haben Recht. Derlei Vergleiche hinken so heftig, dass sie zwar plakativ, aber auch unzulässig sind. Nur: Es sind letztlich die Geister, die der Fußball rief; die Geister, die letztlich die Klubs selber gerufen haben, die nun durch Kabinengänge, Rehazentren und Krankenstationen spuken.

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Ein Kommentar zu “Den Fußball quälen die Geister, die er rief

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