Kevin Großkreutz – Erinnerungen an ein ganz besonderes Derby

Es ist das 167. von allen und das 85. Revierderby in der Fußball-Bundesliga. Wenn der FC Schalke 04 am Samstag Borussia Dortmund empfängt, hält das Ruhrgebiet wieder einmal für 90 Minuten den Atem an. Der Ruhepuls der Fans beider Klubs bewegt sich seit Tagen auf ein Maß zu, das spätestens morgen um 15.30 Uhr in den ungesunden Bereich vorstoßen wird.

Viele der bisherigen Duelle waren aus den unterschiedlichsten Gründen bemerkenswert. Einige spannende Zahlen, Fakten und Statistiken findet Ihr hier: http://bit.ly/1uLyTGy

Kein Derby aber war und ist vergleichbar mit jenem am 12. Mai 2007. Der vorletzte Bundesliga-Spieltag. Schalke kann Meister werden. Im aus Dortmunder Sicht ungünstigsten Fall sogar vorzeitig. Im Westfalenstadion. Die ultimative Horror-Vorstellung.

Doch es kam ja ganz anders. Wie, das könnt Ihr nachlesen in meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ (Klartext-Verlag, 19,95 Euro). Dort findet Ihr auch den folgenden Text, einen Gastbeitrag von Kevin Großkreutz. Darin erinnert sich der „Dortmunder Jung'“, wie er das Duell seinerzeit auf der Südtribüne – wo sonst?! – erlebte.

Kevin Großkreutz:

Vom Auslaufen in Ahlen direkt

zum Derbymarsch nach Dortmund

Das Derby am 12. Mai 2007 war zweifelsfrei eines der spektakulärsten überhaupt. Ein Mega-Spiel!

Ich war damals erst 18 Jahre alt und hatte mich gleich in meiner ersten Saison im Seniorenbereich bei Rot-Weiß Ahlen in der Regionalliga, damals die dritthöchste Klasse, als Stammspieler durchgesetzt. Am Vorabend des Derbys zwischen Borussia und den Blauen mussten wir bei Holstein Kiel antreten, verloren 1:2 – und ich flog zehn Minuten vor Schluss zu allem Überfluss vom Platz. Samstagmorgen stand in Ahlen noch das Auslaufen auf dem Programm. Sofort danach bin ich zum Bahnhof, um den Zug nach Dortmund zu erwischen und pünktlich zum Derbymarsch dort zu sein.

Die Anspannung unter uns Fans war riesengroß. Zwar ging es für Borussia sportlich um nichts mehr, weil die Mannschaft eine Woche zuvor in Wolfsburg den Klassenerhalt klargemacht hatte. Und nun war der BVB im Prinzip der letzte Klub, der noch zwischen den Blauen und ihrem ersten Titelgewinn seit 1958 stand, denn dass sie sich am letzten Spieltag daheim gegen Bielefeld die Butter noch würden vom Brot nehmen lassen, war nicht wirklich anzunehmen.

In der Woche vor dem Spiel baute sich die Spannung von Tag zu Tag mehr auf. Schließlich kündigte Gerald Asamoah auch noch an, er werde zu Fuß über die A40 von Dortmund nach Gelsenkirchen laufen, wenn sie bei uns Meister werden. Der Spruch hat all die Fans natürlich zusätzlich motiviert – und einige BVB-Spieler haben mir später erzählt, dass auch sie sich dadurch bei der Ehre gepackt fühlten.

Als Alex Frei dann kurz vor der Pause das 1:0 machte, ist das Stadion buchstäblich explodiert. Ich bin auf der Südtribüne mindestens fünf oder sechs Stufen nach unten geflogen. In der zweiten Halbzeit sickerte durch, dass Stuttgart die Partie in Bochum gedreht hat – und dann machte Ebi Smolarek kurz vor Schluss auch noch das 2:0 für Borussia. Nach dem Spiel sind  alle zusammen in die Stadt und haben bis zum nächsten Morgen durchgefeiert.

 

Als der BVB am 13. September 2008 sein erstes Derby unter Jürgen Klopp spielte, war ich immer noch in Ahlen, inzwischen in der zweiten Liga. Es war meine letzte Saison dort, bevor ich zur Borussia wechselte – und wieder hatten wir am Vorabend ein Spiel. Wir haben bei Rot-Weiß Oberhausen gewonnen; Marco Reus hat kurz vor der Pause den Ausgleich erzielt und ich selbst kurz vor Schluss das 3:1.

Samstagnachmittag stand ich wieder auf der Südtribüne. Meine Güte, ging das schlecht los. 0:2 zur Pause, dann sogar 0:3 – und Kevin Kuranyi muss eigentlich das vierte Tor für die Blauen machen. Der BVB war total unterlegen. Ein ganz bitteres Spiel bis dahin, fast eine Demütigung. Da stehst du als Fan auf der Tribüne, empfindest nur noch Verzweiflung und Leere und bringst auch kaum noch die Kraft zur Anfeuerung auf. In Wahrheit willst du nur noch, dass es bald vorbei ist.

Aber Jürgen Klopp hatte zur zweiten Halbzeit Alex Frei eingewechselt, und nach gut einer Stunde kippte das Ding plötzlich. Erst machte Neven Subotic das 1:3, kurz darauf Alex den Anschluss – ein Doppelschlag, und prompt kochte die Bude wieder. Wir haben die Mannschaft förmlich zum dritten Treffer gebrüllt. Der Jubel als Frei in der 89. Minute direkt vor unserem Block den Elfmeter zum 3:3 ins Netz drosch, war unbeschreiblich. Solche Spiele zeigen auch, dass du im Fußball nie aufgeben darfst; dass immer noch irgendwas geht.

Ich kann mich erinnern, dass es in dem Spiel einige Fehlentscheidungen gegeben hat. Frei stand vor dem 2:3 im Abseits? – Niemals! Der Handelfmeter zum 3:3 soll fragwürdig gewesen sein? – Niemals! Wenn du im Derby ein 0:3 aufholst, war jede Schiedsrichterentscheidung richtig.

Im Jahr darauf habe ich übrigens meine ersten beiden Derbys im BVB-Trikot gespielt. Wir haben zu Hause 0:1 und auswärts 1:2 verloren. Ein bescheidenes Gefühl. Schon eine normale Niederlage gegen jeden anderen Klub schleppst Du ein paar Tage mit dir herum, bevor du sie aus den Klamotten geschüttelt bekommst. Aber eine Niederlage gegen die Blauen kannst du nur durch einen Sieg im nächsten Derby aufwiegen.

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