„Mythos BVB“ – eine TV-Kritik

Der nächste Anlauf. Ein neuer Versuch. Eben dem auf die Spur zu kommen, was der Autor selbst als „Mythos BVB“ bezeichnet und die Latte damit schon im Titel maximal hoch legt. Um es vorweg zu nehmen: Er reißt sie – weil er sie zwangsläufig reißen muss. Und dennoch sind öffentlich-rechtliche Rundfunkgebühren schon deutlich sinnbefreiter verwendet worden als für die Dokumentation, die der Spartenkanal ZDFInfo am Montagabend um 18.50 Uhr erstausstrahlte. Dem schwarzgelb sozialisierten Zuschauer bescherte der 30-Minuten-Film die eine oder andere Gänsehaut bei vergleichsweise geringem Wissenszuwachs. Wer Tiefgang erwartet und neue Erkenntnisse erhofft hatte, wurde eher enttäuscht.

Der Knackpunkt solcher Dokus liegt im Konzept: Entweder man pickt sich einen Einzelaspekt heraus und geht in die Tiefe – wie Klaus Mertens in der abendfüllenden WDR-Doku „Wir die Wand“ über die Südtribüne des Westfalenstadions. Oder das Trio Lefeber/Grundmann/Bodenröder, das 2005 unter dem Titel „Bis zur bitteren Neige“ ebenfalls für den WDR aufgearbeitet hat, wie Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier den BVB den BVB in ihrem Größenwahn an den Rand der Insolvenz steuerten.

105 Jahre in 30 Minuten – das kann nur oberflächlich werden

Wer hingegen, wie Uli Weidenbach mit seiner Doku „Mythos BVB – die Dortmund-Story“, die generalistische Ambition hegt, 105 Jahre überaus bewegter Klubgeschichte in ein halbstündiges Sendeformat zu pressen, parallel vom Aufstieg und Fall der Kohle-, Stahl- und Bierindustrie zu erzählen und dabei gleich auch noch mehrere Jahrzehnte Einwanderungsgeschichte einzubinden, kann das alles nur sehr oberflächlich bewerkstelligen. Das wiederum macht er ordentlich.

Weidenbach steigt ein mit der Geschichte der Mutter aller Derbys. Wie aus schwarzgelber Bewunderung für den in den 1930er Jahren dominierenden Schalker Kreisel im Laufe von Jahrzehnten ganz allmählich die heutige Rivalität wurde. Das legendäre 3:3 (nach 0:3-Rückstand) aus der ersten Klopp-Saison 2008/09 als sportlichen Kronzeugen heranzuziehen, ist nicht ungeschickt. Das Spiel ist vielen noch frisch in Erinnerung und erklärt in der Tat Manches.

Klopp, Kehl, Dickel – das kann nur gut werden

Überhaupt: Wer Jürgen Klopp, Norbert Dickel und Sebastian Kehl, dazu Aki Schmidt als Gesprächspartner für eine BVB-Doku vor die Kamera bekommt, müsste sich schon ziemlich dilettantisch anstellen, wollte er das Ergebnis tatsächlich noch versemmeln. Geht gar nicht. Und von allen Promi-Fans, die man sich für einen solchen Beitrag aussuchen kann, ist Schauspieler Joachim Król vermutlich auch derjenige, der am authentischsten und also am wenigsten als Mode- und/oder Erfolgsfan rüberkommt.

Bis dahin: alles gut!

Die O-Töne garniert Weidemann mit ein paar schönen alten Bildern von Titelkorsos am Borsigplatz und dem Neubau des Westfalenstadions. Bewegtbild-Sequenzen aus jener Zeit, als es im Ruhrgebiet nur zwei Farben gab: Kohlrabenschwarz und tristgrau. Als das Gelb des BVB und das gelegentliche Blau des Himmels auch nur Abstufungen auf der Grauskala waren.

Die Gänsehaut ist kalkuliert – nicht kreiert

Gänsehaut-Momente kreiert der Autor nicht durch einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen, sondern durch den nicht minder geschickten Rückgriff auf die sportlichen Highlight-Momente der Klubgeschichte. Das ist risikolos. Funktioniert immer. Und der Fan vor dem Fernseher wird am Ende sagen: Schön war’s! Natürlich senkt sich Stan Libudas Bogenlampe im Europacup-Finale 1966 auch im Weidemann-Film zum 2:1-Siegtor ins Netz. Und natürlich trifft Lars Ricken 1997 im Champions-League-Finale auch in der ZDF-Doku 14 Sekunden nach seiner Einwechselung zum 3:1-Endstand. Bilder von spektakulären Fan-Choreographien der vergangenen Jahre streifen kurz das Faszinosum Südtribüne. Dass Weidemann den Netradio-Original-Kommentar vom entscheidenden 3:2 gegen Malaga fälschlicherweise Norbert Dickel anstelle von Danny Fritz zuordnet: verziehen!

Die unprominenten Kronzeugen sind die besten

Wirklich stark ist der Film immer dann, wenn die Kronzeugen vor der Kamera unprominenter werden. Stadtführerin Annette Kritzler (Borsigplatz VerFührungen) und insbesondere Karsten Haug geben Einblicke ins Innenleben der Anhänger. Haug, Referent der Dreifaltigkeits-Gemeinde, jener katholischen Kirchengemeinde also, deren Kaplan Dewald anno 1909 den Jungs das Kicken verbieten wollte, ihr Aufbegehren und in letzter Konsequenz die Gründung von Borussia Dortmund provozierte, hat gar nicht viel Redeanteil. Er sagt aber zwei Sätze, die substanziell sind, wenn man dem Mythos BVB wirklich auf die Pelle rücken will.

Erstens: „Ich gehe dahin (ins Stadion/d. Autor), um meine Mannschaft nach vorne zu peitschen – und, ja, mit ihr traurig zu sein, wenn sie verliert.“

Zweitens: „Ich bin stolz, Borusse zu sein!“ – Eine Aussage, die er exakt auf jenen Moment im Mai 2013 bezog, als der italienische Schiedsrichter Rizzolli das Champions-League-Finale in Wembley abpfiff und die BVB-Niederlage gegen den FC Bayern zementiert war. Es war exakt das, was 30.000 Borussen in London empfanden. Eine kurze, heftige Enttäuschung und Leere nach Arjen Robbens spätem Siegtor – und dann sogleich den unwiderstehlichen Drang, ihre Mannschaft weiter und jetzt erst recht zu feiern.

Wer dem Mythos BVB wirklich gerecht werden will, müsste genau das vielleicht einmal versuchen: Die Fans nach Niederlagen wie jener in Wembley oder auch in diesem Jahr im Pokalfinale in Berlin mit der Kamera begleiten und Situationen festzuhalten, in denen sich in Frust und Trotz die wahre Tiefe der Verbundenheit zeigt. Das wäre mal ein anderer und vielversprechender Ansatz.

Vorfreude auf den Franz-Jacobi-Film

Echten Borussen winkt vielleicht noch in diesem Jahr, spätestens dann aber zu Beginn des nächsten, eine weitere Dokumentation, die weit mehr Tiefgang verspricht als Uli Weidenbachs netter Beitrag: Jan-Hendrik Gruszecki, Marc Quambusch und Gregor Schnittker haben vor wenigen Tagen mit den Dreharbeiten für ihren Crowd-finanzierten Film über den Gründervater der Borussia begonnen: „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ verspricht neben Gänsehaut auch Erkenntniszugewinn. Wenn die oft und völlig zurecht hochgelobte Gruszecki/Quambusch-Doku „Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires“ über Fankultur in Argentinien den Maßstab bildet, darf man sich amtlich vorfreuen.

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