10 + 1 Gründe, warum der BVB in München gewinnt

Dreimal haben Borussia Dortmund und der FC Bayern München 2014 bereits gegeneinander gespielt. Dreimal gewann der BVB:

– in der Bundesliga in München mit 3:0 (Tore: Mkhitaryan, Reus, Hofmann)

– im DFB-Pokalfinale in Berlin mit 1:0 (Tor: Hummels)

– im Supercup in Dortmund mit 2:0 (Tore: Mkhitaryan, Aubameyang)

(Anm. d. Autors: Wer bezüglich des Pokalfinals Zweifel hegt – hier werden sie ausgeräumthttp://fliggwerk.com/2014/10/28/ruckblende-als-mats-hummels-den-bvb-zum-pokalsieg-2014-kopfte/)

Am Samstag (1.11., 18.30 Uhr) steigt der vierte deutsche „Clásico“ in diesem Jahr. Grob geschätzt 1000 Gründe sprechen dafür, dass Borussia Dortmund auch diesmal wieder die Oberhand behalten wird.

Hier sind nur die zehn wichtigsten:

Erstens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Thomas Müller verzichten. Das rosarote Dirndl des Stürmers verstößt gegen die Spielordnung. Ein Trachtenkleid in den Trikotfarben (rot-blau gestreift) ist auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Das Schiedsrichtergespann streicht Müller daraufhin vom Spielberichtsbogen.

Zweitens: Sportlich läuft es bei den Bayern nun schon im dritten Jahr in Folge so perfekt, dass Matthias Sammer, der fleischgewordene Bluthochdruck, praktisch nichts mehr zu meckern hat. Der Sportdirektor ist in den vergangenen Wochen in einen Wachkoma ähnlichen Zustand gefallen – und das ausgerechnet jetzt, da seine Vertragsverlängerung ansteht. Die Mannschaft beschließt daher, mal richtige Grütze zu spielen, damit Sammer seinem Spitznamen „Motzki“ endlich wieder Ehre machen und Argumente für die Gespräche mit dem Vorstand sammeln kann.

Drittens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Franck Ribéry verzichten. Der Franzose wird auf dem Weg zum Stadion aus dem Mannschaftsbus heraus festgenommen. Später stellt sich heraus: Die bayerische Polizei hat ihn mit einem international gesuchten Radikalislamisten verwechselt.

Viertens: Das Spiel findet unter Flutlicht statt – und da ist der BVB quasi unschlagbar oder jedenfalls in dieser Saison noch ungeschlagen. Klugscheißern, die an dieser Stelle einwenden wollen, dass die mit 0:2 verlorene Partie in Mainz doch auch im Dunkeln endete, sei gesagt: Ja, aber beim Anpfiff war’s noch hell. Basta!

Fünftens: Der FC Bayern muss bereits nach drei Minuten auf Arjen Robben verzichten. Nachdem er zweimal im Tiefflug durch den Dortmunder Strafraum gesegelt ist, zwingt ihn eine Fliegerstaffel der Luftwaffe zur Landung.

Sechstens: Das Spiel wird weder von Nicola Rizzoli noch von Florian Meyer geleitet.

Siebtens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Mario Götze verzichten. Weil der Ex-Dortmunder zum Treffpunkt mit einem Mercedes und im Puma-Shirt erscheint, erzwingen die Bayern-Sponsoren Audi und Adidas seine fristlose Kündigung. Dem Vernehmen nach wird Götze in der Winterpause zum BVB zurückkehren.

Achtens: #rummeniggeisso verrät der BILD kurz vor dem Spiel, er habe das Interesse der Bayern an Marco Reus nur vorgetäuscht, um bei der Borussia Unruhe zu schüren und ein wenig auf dem am Boden liegenden Gegner herum zu trampeln. Blöderweise verrät die BILD das im Kabinengang Marco Reus. Der BVB-Star macht daraufhin das Spiel seines Lebens und erzielt sämtliche sieben Dortmunder Tore.

Neuntens: Der FC Bayern muss langfristig auf Uli Hoeneß verzichten.

Zehntens: Bayern-Siege sind stinklaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig! Die Bundesliga ist stinklaaaaaaaaaangweilig!

Zehntens + 1:

http://www.bundesliga.de/de/bundesliga-tv/partner/fifa-15-ea-prognose-fc-bayern-muenchen-gegen-borussia-dortmund.php

(Bildquelle des Beitragsbildes: Trailer „Die Mannschaft“, Constantin-Film, youtube.com)

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Rückblende: Als Mats Hummels den BVB zum Pokalsieg 2014 köpfte

17. Mai 2014

Berlin. Borussia Dortmund hat zum vierten Mal in der Klubgeschichte den Deutschen Fußball-Pokal gewonnen. Im Endspiel vor 74.907 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzte sich der Vizemeister wie schon 2012 gegen den FC Bayern durch. Schütze des goldenen Tores war Nationalspieler Mats Hummels in der 65. Minute. Ein Jahr nach dem Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions-League-Triumph bleibt den Münchenern somit am Ende der ersten Saison unter Startrainer Pep Guardiola allein die Meisterschale.

Es war eine Neuauflage des Finals von 2012. Eine Neuauflage des CL-Endspiels von 2013 – aber das Spiel bot nicht annähernd so viel Spektakel und Rasanz wie die beiden großartigen Duelle in den Vorjahren, als der BVB die großen Bayern einmal nach allen Regeln der Kochkunst filetiert und einmal erst in letzter Minute unglücklich verloren hatte.

Im Mittelpunkt: Robert Lewandowski. Der Dortmunder Weltklasse-Torjäger, 2012 beim 5:2 noch dreifacher Torschütze, bestritt sein letztes Spiel im BVB-Trikot, bevor er ausgerechnet zum FC Bayern wechselt. Doch der Pole trat diesmal kaum in Erscheinung; ihm blieb nur die Nebenrolle.

Beide Mannschaften krochen gewissermaßen auf dem Zahnfleisch ins Olympiastadion. Bei den Bayern fiel nach Bastian Schweinsteiger und Thiago (verletzt) sowie dem ausgemusterten Mario Mandzukic kurzfristig auch noch David Alaba aus. Nach gut einer halben Stunde humpelte obendrein Kapitän Philipp Lahm nach einem Zweikampf mit Nuri Sahin vom Platz; für ihn kam der angeschlagene Franck Ribery. Beim BVB fehlten die Langzeitverletzten Neven Subotic, Jakub Blaszczykowski und Ilkay Gündogan.

Und so hatten sich beide Trainer taktisch etwas einfallen lassen. Pep Guardiola schickte sein Team erstmals in einer 3-4-2-1-Formation aufs Feld; Klopp rückte zugunsten eines 4-3-3 vom eingeübten 4-2-3-1 ab. Besser bekam das zunächst den favorisierten Münchnern, die in einer an Höhepunkten armen ersten Halbzeit ein klares Ballbesitz-Übergewicht hatten.

Erst nach dem Wechsel wurde es munterer, denn nun machten auch die Borussen mit. Erst scheiterte noch Thomas Müller an BVB-Keeper Roman Weidenfeller (56.), dann senkte sich auf der Gegenseite ein abgefälschter Freistoß von Marco Reus gefährlich auf die Latte. Nationalkeeper Manual Neuer hatte den Ball falsch eingeschätzt – und irrte auch in der nächsten Szene durch den Strafraum: Freistoß Nuri Sahin, Kopfballverlängerung Lewandowski – und Mats Hummels köpfte das Spielgerät mit einer akrobatischen Flugeinlage ins Tor. Die Bayern reklamierten doppelt, wollten Hummels im Abseits und den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben. Beides falsch. der Torschütze stand auf gleicher Höhe und Dantes Rettungsversuch erfolgte klar hinter der Linie. Schiedsrichter Florian Meyer zögerte denn auch keine Sekunde und entschied nach einem kurzen Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie auf Tor – 1:0 (65.).

Der FC Bayern mobilisierte nun noch einmal alles, erhöhte den Druck. Doch mehr als eine klare Chance durch Ribery, die erneut Weidenfeller zunichte machte, sprang während der Schlussoffensive nicht heraus. Der Rest war Jubel in Schwarz und Gelb. Wie 2012. Anders als 2013. Die Geschichte des deutschen „Clásico“ ist um ein weiteres Kapitel länger.

Die Gründe für Borussias „Gala“-Gala – und was das für die Liga bedeutet

BVB – FC Arsenal 2:0

RSC Anderlecht – BVB 0:3

Galatasaray – BVB 0:4

Drei Champions-League-Spiele, drei Siege, dreimal ohne Gegentor. Die Null steht – und vorne läuft’s. Warum nur in der Liga der Besten, warum nicht auch in der Liga der Weltmeister? Da lief’s vorne bislang nicht wie aus den Vorjahren gewohnt, davon, dass die Null steht, kann schon gar nicht die Rede sein.

Will sagen: Nun geht sie wieder los, die Debatte über die zwei Gesichter von Borussia Dortmund. Darüber, ob die Mannschaft nur in der Königsklasse, nicht aber im Bundesliga-Alltag voll motiviert, voll konzentriert, kurz: voll gallig sei. Eine Diskussion, die am Kern der bisherigen Saison allerdings so weit vorbei zischt wie mancher Distanzschuss am Tor.

Nein, es gibt keine zwei Borussias, sondern zwei Sportarten. Die Sportart in der Champions League heißt FUßBALL. Die Sportart in der Bundesliga heißt 11 GEGEN DIE GUMMIWAND. Fußball kann der BVB. Gummiwand kann er nicht so gut.

Im Klartext: Die Gegner in der Königsklasse spielen mit. Der FC Arsenal definiert sich seit Jahren über technisch versierten, kombinationsfreudigen Ballbesitzfußball. Der RSC Anderlecht war naiv genug, die Flucht nach vorne anzutreten, und „Gala“ musste nach nur einem Punkt aus zwei Partien bereits ein gewisses Risiko eingehen. Hinzu kommt: Alle Mannschaften in der CL, selbst Borissow, Maribor und Ludogorets, spielen in ihren Heimatligen eine dominante Rolle. Sie sind es gewöhnt, selbst initiativ zu werden. Sie sind nicht geübt darin, sich hinten reinzustellen. Das kommt einem Team wie dem BVB, der für sein blitzschnelles Umschaltspiel Räume benötigt, natürlich entgegen.

Punkt zwei: Von wegen Jürgen Klopp hat keinen Plan B! Der Trainer, der nach dem Köln-Spiel schwer enttäuscht und für den Moment auch ein wenig ratlos wirkte, hatte eben doch Rat. Weil die etatmäßigen Linksverteidiger Marcel Schmelzer und Erik Durm verletzt sind und die erste Alternative Kevin Großkreutz zuletzt etwas überspielt wirkte, nahm Klopp in Istanbul eine Anleihe bei Bundestrainer Joachim Löw. Der war mit dem Schalker Benedikt Höwedes, einem gelernten Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger, auf der linken Außenverteidigerposition Weltmeister geworden. Klopp verlieh seiner zuletzt wackligen Viererkette in Istanbul mit Sokratis auf Links deutlich mehr Stabilität. Der Grieche ist – genau: gelernter Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger.

Zweite Überraschung in der Startelf: Nicht Ciro Immobile spielte in der Spitze und auch nicht Adrian Ramos, sondern Pierre-Emerick Aubamayang. Der Gabuner, seit Wochen in Topform, allerdings meist über den rechten Flügel kommend, spielte in vorderster Linie seine Schnelligkeit und seinen Torriecher aus und netzte in der Anfangsphase zweimal eiskalt ein. Hinter ihm agierte eine Reihe mit drei „Zehnern“: Kagawa in der Schaltzentrale, Reus links, Mkhitaryan rechts, wobei die drei viel rochierten und Galatasaray auch durch Tempowechsel das Verteidigen schwer machten.

Und was bedeutet das für die Partie am Samstag gegen Hannover 96: Leider NICHTS – sieht man einmal davon ab, dass die „Krise“ medial vorerst nicht zur drohenden Apokalypse aufgeblasen wird. Und sieht man außerdem davon ab, dass der klare Zu-Null-Erfolg natürlich ein Stück Sicherheit und Selbstvertrauen zurück gibt. Letztlich aber wird am Samstag wieder 11 GEGEN DIE GUMMIWAND gespielt. Diese andere Sportart. Weil sich die Niedersachsen, nach zuletzt drei Niederlagen selbst in der Mini-Krise, wie schon der HSV, Stuttgart und Köln mit zehn Mann um den eigenen Strafraum aufbauen, auf Dortmunder Fehler warten und auf gelegentliche Konter setzen werden. Der BVB, namentlich Spieler wie Kagawa, Reus und Mkhitaryan, aber auch Ilkay Gündogan, der in Istanbul im Zusammenspiel der Edeljoker das 4:0 durch Ramos brillant vorbereitete, wird Geduld haben und beizeiten den Türöffner finden müssen. Das gelang gegen eine taktisch so ausgerichtete Mannschaft in dieser Saison erst einmal: beim 3:1 gegen Freiburg.

Es wird höchste Zeit für den zweiten Heimsieg. Denn die nächsten Gegner heißen FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Wobei: Die spielen ja auch lieber Fußball als Gummiwand.

„Was auch immer geschieht . . .“

Dies ist eine Geschichte über Fußball. Wie ich ihn erlebe. Gemeinsam mit meinen beiden Söhnen. Fußball, wie wir ihn leben. Warum er uns wichtig ist. Was an ihm uns wichtig ist. Es ist eine dieser Papa-Sohn-Geschichten, die ich schon längst mal aufgeschrieben haben wollte. Die ich genau jetzt aufschreibe, weil sie auch etwas mit der aktuellen Situation bei Borussia Dortmund zu tun hat.

Und wenn Du das Spiel gewinnst, ganz oben stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s läuft. Kann jeder! „You only sing when you’re winning!” – So machten sich britische Fußballfans viele Jahre lang über Erfolgsfans vom Kontinent lustig. Damals, als es auf der Insel noch echte Fankultur gab. Als „The Kop“, die legendäre Tribüne an der Liverpooler Anfield Road mit ihrem berüchtigten „Roaaar!“, noch das Maß aller Dinge für Atmosphäre in Fußballstadien war. „Ihr singt ja nur, wenn Ihr gewinnt!“

Inzwischen haben sich die Verhältnisse längst ins Gegenteil verkehrt. Im Mutterland des Fußballs ist die Fankultur tot. Aus den Stadien gedrängt von milliardenschweren Investoren und Oligarchen. Heute singen englische Fans nur noch, wenn ihr Team gewinnt. Und manchmal selbst dann nicht. Heute kommen Briten nach Dortmund, wenn sie mal wieder richtige Stadionatmosphäre erleben wollen. BBC Sports schwärmte in der vergangenen Woche von Borussia und vom Westfalenstadion – und machte den lesenswerten Beitrag

http://www.bbc.com/sport/0/football/29624410

fest an der Reaktion der Südtribüne nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV. Ein trostloses Spiel des Vizemeisters und Champions-League-Teilnehmers gegen den Fast-Absteiger und sieglosen Tabellenletzten. Eine weitere Enttäuschung statt der angekündigten Trendwende. Ein Spiel, nach dem sie 600 Kilometer weiter südlich, beim FC Bayern, alles und jeden in Frage gestellt hätten. Und in Dortmund: Ging beim Schlusspfiff keiner der 25.000 auf „Süd“ nach Hause. Alle blieben. Alle applaudierten ihrem Team, spendeten lautstarken Trost. Ein Schulterschluss, der Trainer Jürgen Klopp und die Profis beeindruckte. Von wegen „You only sing when you’re winning!“

Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s nicht läuft. Das will eben nicht jeder. Phasen wie jene, die Borussia Dortmund jetzt gerade durchlebt, trennen die wahren von den Schönwetter- und Erfolgsfans. Jene Anhänger, die schon immer dabei waren oder immer dabei wären – von jenen, die in den vergangenen Jahren hinzu stießen, weil der BVB zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, das CL-Finale erreichte, das jüngste Meisterteam hatte und den geilsten Trainer, der obendrein Fußball als Vollgasveranstaltung zelebrieren ließ. Spektakel und Drama als Alltagsphänomene. Die Zuschauer, die in dieser Zeit und nur deshalb die Fanshops leer kauften, sind die Zuschauer, die heute zur Halbzeit pfeifen, wenn ihr Team nicht zaubert und hoch führt. Die 90 Minuten an einem Stück meckern – wobei: Die 90. Minute erleben die meisten von ihnen ja gar nicht mehr im Stadion, weil sie nach 80 Minuten gehen. Um vor den anderen am Auto zu sein und nicht in den Stau zu geraten.

Diese Menschen sind Zuschauer und das ist auch okay so. Nur: Fans sind sie nicht!

Was auch immer geschieht, wir steh’n Dir bei, bis in den Tod, wir sing’ für Dich, für Dich Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Und die Papa-Sohn-Geschichte? – Fängt genau hier an. Wo Fußball aufhört, Spaß zu machen. Beim 1:2 auf Schalke, oben unter dem Dach der Dreifach-Turnhalle. Letzte Reihe. 120 Euro für eine Lkw-Ladung Frust. Du hast Dich kaum hingesetzt, da steht’s 0:2 – und um dich herum hüpfen die Schlümpfe. Oder beim 0:1 gegen den HSV. Gegen die kannst du ja gar nicht verlieren. Denkst du vorher. So schlecht wie die sind. Die können doch weniger als gar nix. Denkst du auch noch während des Spiels. Noch in der 88. Minute, der 89. . . . Und dann ist es vorbei, und in Köln passiert es wieder und du hast Sch…-Laune. Sohn 1, Jahrgang 1999, Dauerkarte auf der Südtribüne, redet nicht mehr. Weil er, wenn er sauer ist, nie redet. Sohn 2, Jahrgang 2001, Dauerkarte im Familienblock, ist den Tränen nah. Beide haben bewusst bisher nur die fetten Jahre erlebt. Wir waren bei zwei DFB-Pokal-Endspielen in Berlin und beim Champions-League-Finale in Wembley. Die ganzen Jahre hab’ ich ihnen erzählt, dass das etwas Besonderes ist. Keine Selbstverständlichkeit. Dass sie’s genießen und auf der Festplatte im Langzeitgedächtnis abspeichern sollen. Mit Sicherungskopie für schlechtere Zeiten.

Und trotzdem fängst du jetzt plötzlich an, ihnen zu erklären, dass sowas manchmal vorkommt. Schalke. Hamburg. Köln. Dass es früher NUR SO und NIE anders war. Jahr um Jahr, Saison um Saison. Dass es Zeiten gab, da Platz 14 eben Platz 14 war. Und keine Krise. Und nicht einmal schlimm.

Und dann merkst du, wie die Jungs ein paar Mal schlucken – und dann is‘ auch wieder gut. Weil Fan zu sein eben mehr ist als zu singen, wenn du gewinnst. Es ist mehr als nur zum Stadion zu fahren, das Spiel zu gucken und wieder nach Hause zu fahren. Fan zu sein, das heißt auch, andere Fans kennen zu lernen. Gemeinschaft zu erleben. Erfolge zu feiern, aber auch Niederlagen akzeptieren zu lernen. Man spricht ja nicht umsonst von Fan-Kultur.

In unserem Papa-Sohn-Ding ist Fußball auch ein Stück Erziehung. Es ist ein Stück Groß- und Erwachsenwerden.

Ich erinnere mich an ein Heimspiel gegen den FC St. Pauli. 23. Spieltag der Saison 2010/11. Südostecke. Ein vergleichsweise schmuckloses 2:0. Warum auch immer, hatte Peter Sippel Sohn 2 so sehr gegen sich aufgebracht, dass er plötzlich „Schiri, Du Arschloch!“ schrie und mich zu einem Moment der inneren Einkehr zwang. Sollte ich den Neunjährigen zur Ordnung rufen und mit erzieherischen Maßnahmen drohen? – Natürlich nicht! Er hatte schließlich nicht im Bus „Fahrer, Du Arschloch!“ oder im Laden „Verkäufer, Du Arschloch!“ gebrüllt. Wir waren schließlich im Stadion, und im Stadion gehört „Schiri, Du Arschloch!“ so selbstverständlich zum guten Ton wie in der Schule das „Guten Morgen, Frau Lehrerin!“ Ich legte also meine Hand auf seine Schulter. Wir verstanden uns.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen den FC Arsenal in der Saison 2013/14. Wir stiegen an der Reinoldikirche in die U-Bahn. Zusammen mit ein paar Dutzend englischen Fans. Die sangen ohne Unterlass. Nicht schön, aber laut. Schon an der Station und in der Bahn dann noch ein wenig lauter. BVB-Fans sangen nicht. Ich schaute meine Jungs an – und sagte: „Wir sind hier in Dortmund. Oder?“ Und dann fingen wir an zu singen: „Olé, olé, oleeé, nur der BVB, unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz!“ Und die ganze Bahn stimmte ein. Und die Engländer sangen weiter ihren englischen Kram. Und es war eine Mörderstimmung. Friedlich. Fröhlich. Auf dem Weg zum Stadion plauderten wir noch ein wenig mit den englischen Fans. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen Real Madrid im Jahr zuvor. Das Halbfinale. Wir sind vor dem Spiel noch in die City gefahren. Ein bisschen Atmosphäre aufnehmen auf dem Alten Markt. Dort sprach uns eine dänische Familie an. In sehr gebrochenem Deutsch. Ob wir ihnen erklären könnten, wie sie zum Stadion kommen. „Da wollen wir auch hin, kommt einfach mit“, sagte ich. Wir stiegen dann auf Englisch um. Es stellte sich heraus, dass sie BVB-Fans waren. Morgens losgefahren – und nach dem Spiel gleich wieder zurück, weil sie am nächsten Morgen arbeiten mussten. 1.200 Kilometer für ein Fußballspiel. Der Sohn war so alt wie meine beiden Jungs. Wir quatschten über Flemming Povlsen und „Danish Dynamite“ und trennten uns vor dem Stadion mit den besten Wünschen für „ein gutes Spiel“. Der BVB filetierte Real mit 4:1 – und diese kleine dänische Episode gehört für uns mit zu diesem großen Dortmunder Fußballabend. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an Wembley. An 90 Minuten nonstop durchsingen. An den Schock in der 89. Minute, an die nur kurze Enttäuschung, der sich sofort dieses Gefühl von Stolz anschloss – und dann das dringende Bedürfnis, die Mannschaft trotz der Niederlage zu feiern. Ich erinnere mich an Berlin im Mai dieses Jahres. Der gestohlene Pokalsieg. Diese Mischung aus Ärger und Ohnmacht, als wir noch im Stadion via WhatsApp erfuhren, dass Hummels’ Kopfball NATÜRLICH drin war. Diese Sch…-Wut auf die großkopferten Bayern, deren Häme nach dem Spiel nicht auszuhalten war.

Und ich erinnere mich an den letzten Spieltag der Saison 2010/11. Dortmund war schon Meister. Es war Schale-Abholtag. Und Abschiedstag. Dede ging. Sohn 1 trug sein Dede-Trikot, und als der Brasilianer wenige Minuten vor dem Spiel verschiedet wurde, schluckte er schwer. „Alles klar bei Dir?“, fragte ich – und dann heulte er los. Und heulte. Und heulte. Er heulte immer wieder während des Spiels. Als Dede eingewechselt wurde. Als er kurz vor Schluss einen Elfmeter verschoss. Als er die Meisterschale hochstreckte. Am nächsten Tag heulte er weiter, als die Mannschaft die Bühne vor der Westfalenhalle betrat und Dede selbst auch heulte. Es war ein tränenreiches Wochenende. Wir haben viele Packungen Papiertaschentücher verbraucht. Aber DAS IST FAN-Sein. Das Dede-Trikot hängt heute an seiner Zimmer-Wand. Hinter Glas. Inzwischen ziert es ein Dede-Autogramm.

Fan-Sein, das ist für uns in diesem Papa-Sohn-Ding auch dieser gemeinsame Erinnerungsschatz. Diese Erlebnisse, die uns keiner mehr nimmt. Schöne. Und weniger schöne. Die genau deshalb aber auch wieder schön waren. Fan-Sein ist so viel mehr als zum Fußball zu fahren, das Spiel anzuschauen und wieder nach Hause zu fahren. Und Fußball ist so viel mehr als Spiele zu gewinnen und Titel zu feiern. Und deshalb ist das, was Borussia Dortmund gerade durchlebt, sportlich zweifelsfrei eine Krise. Der Untergang der Welt ist es nicht.

(Screenshot: SkySportNewsHD)

BVB in Köln vor Neustart mit Neuzugang

Man muss in so ein Kleidungsstück gewiss nichts hinein geheimnissen – andererseits: Bei Jürgen Klopp hat das Outfit bisweilen auch einen symbolischen Charakter. So ersetzt der Trainer von Borussia Dortmund in der feinen Champions League durchaus mal den edlen Anzugzwirn durch Trainingshose und Hoodie, um Spielern und Fans zu signalisieren: So sehr der Wettbewerb auch nach Fußball-Oper auf großer Freilicht-Bühne duftet, so sehr sind heute harte Arbeit und Schweißgestank gefragt.

Rock’n’Roll statt Beethoven

Bei der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln trug Klopp am Donnerstag eine schwarze Lederjacke. Seine Kernaussage lautete: „Für uns beginnt jetzt der Rest der Saison!“ Optisch und akustisch war also Rock’n’Roll angesagt. Kein Beethoven. Angesichts von nur sieben Punkten aus eben so vielen Spielen sind beim BVB kernige Jungs gefragt.

Schon nach dem deprimierenden 0:1 gegen das bis dahin sieglose Schlusslicht HSV hatte der Trainer für die Zeit nach der Länderspielpause den „Neustart“ angekündigt. Auch deshalb, weil einige zuletzt verletzte und schmerzlich vermisste Spieler wieder zur Verfügung stehen: Marco Reus hat seine zweite Nationalmannschafts-Verletzung innerhalb von drei Monaten ebenso auskuriert wie Henrikh Mkhitaryan die Blessur, die er sich beim 0:2 in Mainz in der Nachspielzeit zugezogen hatte. Und weil auch Shinji Kagawa seine leichte Gehirnerschütterung, die ihn um das Test-Länderspiel gegen Brasilien brachte, inzwischen auskuriert hat, stehen Klopp drei Akteure zur Verfügung, die Kreativität, Tempo und Torgefahr ins zuletzt statische und wenig inspirierte BVB-Spiel einbringen.

Gündogan-Comeback elektrisiert die Fans

Was die Fans seit Tagen vor allem elektrisiert, ist aber das Debüt eines weiteren Neuzugangs: Ilkay Gündogan! Klar, der Mittelfeldspieler, der am nächsten Freitag seinen 24. Geburtstag feiern wird, steht schon seit Juli 2011 im Kader der Schwarzgelben. Er hat den BVB bereits zum ersten Double der Klubgeschichte und in ein Champions-League-Finale geführt. Aber er hat eben auch 14 Monate lang kein Spiel mehr bestritten. Seine Rückkehr in den Kader ist damit mehr Debüt als Comeback. Gündogan ist ein Quasi-Neuzugang bei geschlossenem Transferfenster. Sein letztes Spiel für Borussia Dortmund bestritt er am 1. Spieltag (10. August 2013) der Saison 13/14 gegen den FC Augsburg. Das letzte überhaupt wenige Tage später beim 3:3 gegen Paraguay für die deutsche Nationalmannschaft. Seinerzeit schied er mit einer Rückenverletzung vorzeitig aus – und die erwies sich in der Folge als so hartnäckig und schwierig zu behandeln, dass sich Gündogans Zwangspause verlängerte und verlängerte und verlängerte. Eine Leidenszeit, eine Qual, die nur noch schlimmer wurde, wenn er von der Medientribüne aus den Kollegen beim Kicken zuschauen musste und ein ums andere Mal gedacht haben dürfte: Hmmh – das kann ich aber besser!

In seiner Not reiste Gündogan sogar in die Ukraine auf die Krim, um sich behandeln zu lassen, ehe er sich im Frühjahr 2014 letztlich doch einer Operation unterzog. Die bezeichnet er heute als „eine der besten Entscheidungen meiner Karriere“. Seither ist er endlich wieder beschwerdefrei, konnte endlich Reha-Maßnahmen beginnen, irgendwann auch endlich wieder trainieren, anfangs noch individuell und sehr dosiert, seit einigen Wochen schließlich mit der Mannschaft. Zuletzt absolvierte Gündogan zwei Testspiele mit der U23 des BVB, erzielte dabei sogar ein Tor – und signalisiert seinem Trainer nun volle Einsatzbereitschaft.

Keinen Druck ausüben, keine Wunderdinge erwarten

Dass Jürgen Klopp seinen zentralen Ballverteiler in Köln über 90 Minuten bringen wird, ist auszuschließen. Ob Gündogan beginnen oder von der Bank kommen wird, lässt der Trainer noch offen. Druck wird er auf Gündogan nicht ausüben, Wunderdinge nicht erwarten, zumal mit Sebastian Kehl und Sven Bender zwei klassische „Sechser“ einsatzbereit sind und neben ihnen mit Milos Jojic auch eine Alternative als „Achter“ vorhanden ist. Auch wenn die Zukunft des jungen und talentierten Serben eher in der Offensivzentrale oder auf der rechten Seite zu sehen ist.

Keine Frage, Ilkay Gündogan wird Zeit und Geduld brauchen, eigene Geduld wie die der Fans, um nach so langer Fußball-Abstinenz Selbstvertrauen und Substanz aufzubauen. Selbstvertrauen, dass aus gelungenen Aktionen erwächst. Substanz, die man sich nicht im Training holen kann, sondern nur im echten Wettkampf. Substanz, die du als Spieler brauchst, um auf ihr eine konstant gute Form aufzusetzen. Jene Substanz, die beispielsweise auch Shinji Kagawa noch nicht wieder hat und gar nicht haben kann, weil er in den vergangenen zwei Jahren in Manchester zu wenig gespielt hat.

15 Spiele bis zur Winterpause

So sehr Klopp das Comeback von Gündogan herbei gesehnt hat: Seine Aufgabe besteht – wie auch bei Kagawa, der, für viele unverständlich, genau aus diesem Grund auf Schalke nicht in der Startelf stand – darin, die Belastung zu dosieren. In den zwei Monaten bis zur Winterpause stehen 15 (!) Begegnungen auf dem Programm und alle drei Saisonziele auf dem Prüfstand. Es geht darum, in der Champions-League und im DFB-Pokal zu überwintern und in der Liga zumindest den Kontakt zu den CL-Plätzen wieder herzustellen. Dabei heißen die Gegner u.a. Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Galatasaray Istanbul und FC Arsenal.

Trotz der absehbaren Strapazen klagt Klopp vor dem Köln-Spiel nicht über die zahlreichen Länderspiel-Einsätze seiner Profis, verbunden mit zum Teil weiten Reisen, die u.a. dazu führten, dass Adrian Ramos erst am Donnerstag wieder in Deutschland landete und Pierre-Emerick Aubamayang sogar erst am Freitag um 15 Uhr zurückerwartet wird. Mit dem Gabuner kann der BVB-Coach guten Gewissens für Köln kaum planen. Andererseits aber auch kaum auf ihn verzichten, weil sich Aubameyang seit Wochen in bestechender Verfassung befindet und auch auf der jüngsten Länderspielreise wieder zwei Tore erzielte.

„Länderspiele haben Hummels und Durm weitergebracht“

Über die Einsätze von Mats Hummels und Erik Durm in der DFB-Auswahl zeigte sich Dortmunds Trainer sogar ausdrücklich erfreut. „Auch wenn die Nationalmannschaft nicht irre erfolgreich war, haben die Spiele in Polen und gegen Irland beide weitergebracht“, so Klopp. Stichwort „Substanzaufbau“! Schließlich hatte auch Hummels nach dem WM-Finale von Rio zwei Monate lang nur dosiert trainieren können und kein Spiel bestritten. Und bei Durm überwogen nach der heftigen Kritik im Anschluss an das Polen-Spiel gegen Irland eindeutig die starken Szenen. Ein Beinahe-Tor in der Anfangsphase, ein grandios verhindertes Gegentor in der Schlussphase; dazu die Wahl zum „Player of the Match“ – das dürfte dem Außenverteidiger gut getan haben.

Den Ärger kanalisieren und positiv nutzen

Es mehren sich also, zumal am Wochenende Oliver Kirch und in Kürze dann auch Nuri Sahin und Jakub Blaszczykowski wieder zum Team stoßen sollen, die positiven Nachrichten rund um den BVB. Dass der von ihm heraufbeschworene „Rest der Saison“ deshalb noch lange kein Selbstläufer wird, weiß Jürgen Klopp. Deshalb will er in der Vorbereitung auf das Köln-Spiel auch den Frust und Ärger über den bisher unbefriedigenden Saisonverlauf kanalisieren und positiv nutzen. „Diese Galligkeit brauchen wir auf dem Platz. Wir haben jetzt noch zwei Tage Zeit, eine Einheit zu formen.“

Und dann, am Samstag ab 15.30 Uhr, ist alle Theorie ohnehin wieder grau. Entscheidend is‘ auffem Platz. Lange galt das legendäre Adi-Preißler-Motto in Dortmund nicht mehr so uneingeschränkt wie gerade jetzt.

(Beitragsbild oben: Screenshot von SkySportNewsHD)

Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803

FC Schalke 04: Mit di Matteo aus dem Keller?!

Derbysiege sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Gerade zehn Tage ist es her, da besiegte der FC Schalke 04 den BVB in der Dreifach-Turnhalle am Berger Feld mit 2:1 und feierte sich als „Die Nr. 1 im Pott!“. Zwei Spiele später – ein tristes 1:1 in der Champions League gegen NK Maribor und ein fast schon erwartetes 1:2 in der Bundesliga bei der TSG 1899 Hoffenheim – war die Geduld der Klubführung am Ende. Vorstandschef Clemens Tönnies und Sportdirektor Horst Heldt setzten Trainer Jens Keller den Stuhl vor die Tür. Die Entwertung eines Derbysieges und der vorläufige Schlusspunkt unter ein letztlich unwürdiges Hick-Hack über Wochen und Monate hinweg. Dass der Entscheidung die branchenüblichen Beteuerungen („Wir führen keine Trainerdiskussion“ – „Wir stehen hinter Jens Keller“) vorausgegangen waren, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Was derlei Sätze wert sind, weiß man längst: nicht einmal die drei Euro fürs Phrasenschwein.

Keller wirkte stets wie „Jesus reloaded“

Noch am Sonntagabend hatte sich Jens Keller der Diskussion bei Sky90 gestellt. Vermutlich hatte er seinen Besuch nach dem Derbysieg zugesagt. In Erwartung eines Erfolges gegen Maribor und einer sportlich entspannten bis tendenziell erfreulichen Lage. Es kam anders. Die „Experten“-Runde nahm ihn ins Kreuzverhör; insbesondere die BILD, die ihn mit Detailkenntnissen aus internen Sitzungen konfrontierte. Keller leistete nur überschaubaren Widerstand. Bei jedem anderen Trainer hätte man nachher festgestellt: Das war ein vitaminarmer Auftritt. Bei Keller hieß es: Er war doch wie immer. Ruhig. Sachlich. Zurückhaltend. – Souverän und authentisch nennen das die einen. Die anderen werfen ihm seit jeher vor, ihm fehle es an Temperament, an Esprit, an Strahlkraft. Keller selbst sagt:  Er sei eben kein Kasper und werde sich nie, niemals verstellen.  Fakt aber ist: Der Trainer und Fußballlehrer, der fachlich womöglich exzellent ist, scheiterte auch an seiner fehlenden Bereitschaft, im Show-Biz Bundesliga angemessen mitzuspielen. Zumal in unmittelbarer Nachbarschaft, beim Erzrivalen BVB, mit Jürgen Klopp einer arbeitet, der genau diese Klaviatur perfekt beherrscht und mit seiner Hemdsärmeligkeit ins Revier passt als sei er genau hier und nicht im Schwarzwald geboren worden. Bei Jens Keller hingegen hatte man – und das bleibt das einzige Wortspiel mit seinem Namen – stets den Eindruck, er gehe zum Lachen in denselben. Meist wirkte er wie ein „Jesus reloaded“, auf dessen Schultern die gesamten Leiden und Beschwernisse Gelsenkirchens abgeladen wurden. Jürgen Klopp in der tiefsten Depression und Niedergeschlagenheit klingt noch zuversichtlicher und begeisterungsfähiger als Jens Keller im Siegestaumel.

Hier Keller – dort Klopp. Der Eine im Vorjahr nach der besten Rückrunde der Klubgeschichte mit Schalke Dritter – der Andere mit dem BVB Zweiter. Beide direkt für die Champions League qualifiziert. Beide mit dem Anspruch in die laufende Saison gestartet, dies erneut zu schaffen. Keller mit Schalke nach sieben Spieltagen Elfter (8 Punkte) – Klopp mit Borussia sogar nur 13. (7 Punkte). Und doch sitzt der eine so sicher im Sattel wie man in diesem Job nur sitzen kann, während der andere beim JobCenter sitzt und sich arbeitssuchend meldet. Das sagt viel. Über Keller. Über Klopp. Über den BVB – vor allem aber über den FC Schalke 04.

Schalke hat einen ganzen Haufen weiterer Probleme

Denn der hatte nicht bloß ein Keller-Problem. Er hat vielmehr einen ganzen Haufen Probleme. Das nächste heißt Horst Heldt. Der Sportdirektor ist für die Zusammensetzung des Kaders mindestens so verantwortlich wie der nun gefeuerte Coach. In Wahrheit, weil länger im Amt, trägt Heldt noch größere Verantwortung. Und dieser Kader passt eben nicht. Schalke ist, das wurde durch die Erfolge während der starken Rückrunde 2013/14 kaschiert, eine Ansammlung passabler bis sehr guter Einzelspieler, aber keine Mannschaft. Während Borussia Dortmund – was die aktuelle sportliche Situation ein wenig erträglicher macht – zumindest fightet, gegen Stuttgart nach 0:2-Rückstand noch einen Punkt rettete und auch beim kläglichen 0:1 gegen den HSV unermüdlich anrannte; obendrein in der CL mit sechs Punkten und 5:0 Toren aus zwei schweren Spielen voll auf Achtelfinalkurs liegt, wirken die Auftritte der Königsblauen bisweilen merkwürdig leblos. Starken Leistungen gegen Bayern (1:1) und in Chelsea (1:1) folgen in unschöner Regelmäßigkeit Auftritte, die man letztlich nur als Kollektivversagen bezeichnen kann.

Eine Ansammlung von Einzelspielern, aber keine Mannschaft

Es gibt einen Leader, der dauerverletzt ist (Benedikt Höwedes); einen, der stets und ständig fordert, aber selbst kaum etwas zeigt (Klaas-Jan Huntelaar); einen, der sich als Leader sieht, aber keine entsprechenden Leistungen zeigt (Kevin-Prince Boateng). Es gibt zwei, die die zentrale Position 10 für sich beanspruchen (Boateng und Julian Draxler) und mindestens einen (Draxler), der vielleicht auch deshalb in seiner Entwicklung stagniert. Es gibt viele ungesund große Diskrepanzen im Gehaltsgefüge. Es gibt eine Vielzahl von Mitläufern im Team und es gibt, das sei zur Ehrenrettung der sportlich verantwortlichen als mildernder Umstand angeführt, einen Haufen verletzter Leistungsträger.

Das Resultat sind schlechte Resultate – und während der Nachbar BVB nach dem 0:1 gegen den HSV von der Südtribüne als Zeichen des maximalen Schulterschlusses minutenlang lautstark getröstet und aufgemuntert wurde, gab es auf Schalke nach dem 1:1 gegen Maribor Pfiffe.

Der wirtschaftliche Druck ist groß

Die sportliche Situation ist gleichwohl nicht die einzige Baustelle am Berger Feld. Auch wirtschaftlich hat Schalke Druck. Bei rund 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten und angesichts eines der teuersten Kaders der Liga sind das Überwintern in der Champions League und die erneute CL-Qualifikation beinahe Pflicht. Zumal der DFB-Pokal als zusätzliche Einnahmequelle für diese Saison nach dem Erstrunden-Aus in Dresden bereits versiegt ist. Und auch das Verhältnis zwischen Klubführung und Fans hat in den vergangenen Jahren gelitten. Der Streit um den Vertrag mit den Ticket-Abzockern von „viagogo“. Die zum Teil heftig geführten Diskussionen um eine Satzungsänderung für mehr Transparenz und Demokratie im Klub. Der Offene Brief von Fans gegen einen Besuch beim russischen Präsidenten Vladimir Putin. der umstrittene und ungeliebte Hauptsponsor „Gazprom“. Das alles trägt nicht dazu bei, das Klubmotto „Wir leben Dich“ wirklich zu leben. Was Schalke fehlt, ist ein Fantribun – wie Rudi Assauer einst einer war. Wie Jürgen Klopp es beim BVB ist. Und auch Michael Zorc, der zwar als Typ auch nicht den Vortänzer spielt, ob seiner sportlichen Erfolge mit Borussia Dortmund und seiner über jeden Zweifel erhabenen Verbundenheit zum Klub aber dennoch als Identifikationsfigur dient. Oder Lars Ricken. Nobbie Dickel . . .

Und nun: Von wegen Thomas Tuchel . . .

Und nun also Roberto di Matteo. Nicht der Ex-Mainzer Thomas Tuchel. Über den so viel diskutiert wurde in den vergangenen Monaten. Der wie ein Schattenmann im Hintergrund auf Kellers Demission zu lauern schien. Der auf Schalke angeblich schon einen Vertrag ab Sommer 2015 unterzeichnet haben sollte. Alles Quatsch – weiß man jetzt. Denn di Matteo hat bis 2017 unterschrieben und würde sich als Zwischenlösung für ein paar Monate ganz sicher auch nicht hergeben. Immerhin war er mit dem FC Chelsea 2012 Champions-League-Sieger. In München. Gegen München. Seither war er im Wartestand und auf den ersten Blick passt der gebürtige Schweizer mit italienischem Pass nach Gelsenkirchen wie Pep Guardiola nach Berlin-Marzahn. Das aber sind Äußerlichkeiten. Es gibt keinen Grund für eine Vorverurteilung. Soll er erst einmal arbeiten, der neue Mann. Leicht wird’s nicht.

1 Immobile + 1 Ramos = 4 Lewandowski

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Pflichspieltore Robert Lewandowski 2 (Bundesliga 2 – Champions League 0 – DFB-Pokal 0 – Supercup 0)

Pflichtspieltore Ciro Immobile 3 (Bundesliga 1 – Champions League 2 – DFB-Pokal 0 – Supercup 0)

Pflichspieltore Adrian Ramos 5 (Bundesliga 2 – Champions League 2 – DFB-Pokal 1 – Supercup 0)

Immobile + Ramos = 4 Lewandowski

So viel vorweg: Dieser Beitrag ist eigentlich Quatsch. Weil es Quatsch ist, den ehemaligen BVB- und jetzigen Bayern-Torjäger Robert Lewandowski mit seinen Nachfolgern Ciro Immobile und Adrian Ramos zu vergleichen. Weil Dortmunds Trainer Jürgen Klopp immer gesagt hat. „Immobile kann Lewandowski nicht ersetzen. Ramos kann Lewandowski nicht ersetzen. Unser Ziel muss sein, Roberts Abgang im Verbund zu kompensieren.“

Warum also dennoch viele Worte um großen Quatsch? – Weil die Diskussion geführt wird. Spätestens nach der Niederlage im Derby auf Schalke als Negativschlusspunkt unter einer schwarzgelbe Gruselwoche mit nur einem kargen Punkt aus den Duellen in Mainz (0:2), gegen Stuttgart (2:2) und in der Dreifachturnhalle zu Gelsenkirchen wurde sie geführt. Zumal Ramos im Derby vor dem 0:2 auch noch ein kapitaler Schnitzer in de Defensive unterlaufen war. Zumal die Offensivmacht BVB schon zweimal (gegen Leverkusen und in Mainz) torlos geblieben war. Da muss man doch allmählich mal die Frage diskutieren: Taugen Immobile und Ramos für höhere und gar für höchste Ansprüche?

Quatsch! Die Frage bedarf genau so wenig einer intensiveren Betrachtung wie jene, ob Robert Lewandowski möglicherweise nicht ins Bayern-System passt. Ob er beim Rekordmeister scheitern könnte – wie so viele vor ihm. Zur allgemeinen Be(un)ruhigung: Wird er nicht! Lewandowski ist ein so herausragender Fußballer, dass Trainer Pep Guardiola ein kompletter Dilettant sein müsste, um seine Qualitäten nicht zum Wohle der Mannschaft wirksam werden zu lassen. Aber selbst ein solcher Weltklassemann braucht ein Mindestmaß an Um- und Eingewöhnung. Er muss das Guardiola-System verinnerlichen – so, wie Ramos und noch mehr Immobile als Liga-Neuling das Klopp-System verinnerlichen müssen. So, wie auch Lewandowski das Klopp-System verinnerlichen musste. So, wie auch Pierre-Emerick Aubameyang das Klopp-System verinnerlichen musste. Aktuell ist der Gabuner übrigens mit sieben Pflichtspieltreffern – 3 in der Liga, 2 im DFB-Pokal, je 1 in Champions League und Supercup – erfolgreichster Torschütze, darüber hinaus in überragender Form, arbeitet ungleich mehr als in seiner Premierensaison defensiv mit und leistet seinen ganz erheblichen Beitrag dazu, den Lewandowski-Verlust im Verbund zu kompensieren.

Aber auch die Bilanz von Immobile und Ramos ist beachtlich. Die Tore des Italieners waren bereits sieben Punkte wert. Gegen Arsenal und Anderlecht erzielte er jeweils das Game-Winning Goal, gegen Stuttgart den späten Ausgleich. Ramos zeichnete für den Siegtreffer gegen Augsburg verantwortlich. Macht in Summe zehn Punkte durch Immobile/Ramos-Treffer. Demgegenüber steht ein einziger Zähler, den Lewandowski seinem Arbeitgeber bislang sicherte – durch sein Tor beim 1:1 der Bayern auf Schalke. Sind Immobile/Ramos am Ende also sogar besser als Lewandowski? – Quatsch! Sie sind anders. Anders gut.

Die Ausbeute des neuen BVB-Sturmduos ist um so bemerkenswerter, weil sie – wie Klopp völlig zurecht anmerkt – „zurzeit die ärmsten Schweine überhaupt“ sind. Will sagen: Ihr Integrationsprozess leidet unter den vielen verletzungsbedingten Ausfällen bei der Borussia. Bislang bestand kaum Gelegenheit, Automatismen einzuüben, Laufwege abzustimmen, Passfolgen zu trainieren. So erklären sich auch spielentscheidende Fehler wie der von Ramos gegen den HSV. Zentrale Figuren wie Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Marco Reus und Henrykh Mkhytarian fehlten zumeist oder fehlen bislang gänzlich. Darunter leidet die Spieleröffnung, die Spielentwicklung. Dem BVB-Spiel fehlt viel Kreativität. Der Ball kommt häufig gar nicht dort an, wo Immobile und/oder Ramos ihn verwerten könnten. Klopp sieht das. Und er weiß auch: Das wird in den nächsten Wochen besser.

Die Fans dürfen sich also durchaus freuen. Auf weitere Tore von Ramos, Immobile und Aubameyang, zu denen sich Tore von Reus, Kagawa und Mkhytarian, auch von Kuba und Ji gesellen werden. Nicht die allerschlechteste Perspektive also