„Was auch immer geschieht . . .“

Dies ist eine Geschichte über Fußball. Wie ich ihn erlebe. Gemeinsam mit meinen beiden Söhnen. Fußball, wie wir ihn leben. Warum er uns wichtig ist. Was an ihm uns wichtig ist. Es ist eine dieser Papa-Sohn-Geschichten, die ich schon längst mal aufgeschrieben haben wollte. Die ich genau jetzt aufschreibe, weil sie auch etwas mit der aktuellen Situation bei Borussia Dortmund zu tun hat.

Und wenn Du das Spiel gewinnst, ganz oben stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s läuft. Kann jeder! „You only sing when you’re winning!” – So machten sich britische Fußballfans viele Jahre lang über Erfolgsfans vom Kontinent lustig. Damals, als es auf der Insel noch echte Fankultur gab. Als „The Kop“, die legendäre Tribüne an der Liverpooler Anfield Road mit ihrem berüchtigten „Roaaar!“, noch das Maß aller Dinge für Atmosphäre in Fußballstadien war. „Ihr singt ja nur, wenn Ihr gewinnt!“

Inzwischen haben sich die Verhältnisse längst ins Gegenteil verkehrt. Im Mutterland des Fußballs ist die Fankultur tot. Aus den Stadien gedrängt von milliardenschweren Investoren und Oligarchen. Heute singen englische Fans nur noch, wenn ihr Team gewinnt. Und manchmal selbst dann nicht. Heute kommen Briten nach Dortmund, wenn sie mal wieder richtige Stadionatmosphäre erleben wollen. BBC Sports schwärmte in der vergangenen Woche von Borussia und vom Westfalenstadion – und machte den lesenswerten Beitrag

http://www.bbc.com/sport/0/football/29624410

fest an der Reaktion der Südtribüne nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV. Ein trostloses Spiel des Vizemeisters und Champions-League-Teilnehmers gegen den Fast-Absteiger und sieglosen Tabellenletzten. Eine weitere Enttäuschung statt der angekündigten Trendwende. Ein Spiel, nach dem sie 600 Kilometer weiter südlich, beim FC Bayern, alles und jeden in Frage gestellt hätten. Und in Dortmund: Ging beim Schlusspfiff keiner der 25.000 auf „Süd“ nach Hause. Alle blieben. Alle applaudierten ihrem Team, spendeten lautstarken Trost. Ein Schulterschluss, der Trainer Jürgen Klopp und die Profis beeindruckte. Von wegen „You only sing when you’re winning!“

Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s nicht läuft. Das will eben nicht jeder. Phasen wie jene, die Borussia Dortmund jetzt gerade durchlebt, trennen die wahren von den Schönwetter- und Erfolgsfans. Jene Anhänger, die schon immer dabei waren oder immer dabei wären – von jenen, die in den vergangenen Jahren hinzu stießen, weil der BVB zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, das CL-Finale erreichte, das jüngste Meisterteam hatte und den geilsten Trainer, der obendrein Fußball als Vollgasveranstaltung zelebrieren ließ. Spektakel und Drama als Alltagsphänomene. Die Zuschauer, die in dieser Zeit und nur deshalb die Fanshops leer kauften, sind die Zuschauer, die heute zur Halbzeit pfeifen, wenn ihr Team nicht zaubert und hoch führt. Die 90 Minuten an einem Stück meckern – wobei: Die 90. Minute erleben die meisten von ihnen ja gar nicht mehr im Stadion, weil sie nach 80 Minuten gehen. Um vor den anderen am Auto zu sein und nicht in den Stau zu geraten.

Diese Menschen sind Zuschauer und das ist auch okay so. Nur: Fans sind sie nicht!

Was auch immer geschieht, wir steh’n Dir bei, bis in den Tod, wir sing’ für Dich, für Dich Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Und die Papa-Sohn-Geschichte? – Fängt genau hier an. Wo Fußball aufhört, Spaß zu machen. Beim 1:2 auf Schalke, oben unter dem Dach der Dreifach-Turnhalle. Letzte Reihe. 120 Euro für eine Lkw-Ladung Frust. Du hast Dich kaum hingesetzt, da steht’s 0:2 – und um dich herum hüpfen die Schlümpfe. Oder beim 0:1 gegen den HSV. Gegen die kannst du ja gar nicht verlieren. Denkst du vorher. So schlecht wie die sind. Die können doch weniger als gar nix. Denkst du auch noch während des Spiels. Noch in der 88. Minute, der 89. . . . Und dann ist es vorbei, und in Köln passiert es wieder und du hast Sch…-Laune. Sohn 1, Jahrgang 1999, Dauerkarte auf der Südtribüne, redet nicht mehr. Weil er, wenn er sauer ist, nie redet. Sohn 2, Jahrgang 2001, Dauerkarte im Familienblock, ist den Tränen nah. Beide haben bewusst bisher nur die fetten Jahre erlebt. Wir waren bei zwei DFB-Pokal-Endspielen in Berlin und beim Champions-League-Finale in Wembley. Die ganzen Jahre hab’ ich ihnen erzählt, dass das etwas Besonderes ist. Keine Selbstverständlichkeit. Dass sie’s genießen und auf der Festplatte im Langzeitgedächtnis abspeichern sollen. Mit Sicherungskopie für schlechtere Zeiten.

Und trotzdem fängst du jetzt plötzlich an, ihnen zu erklären, dass sowas manchmal vorkommt. Schalke. Hamburg. Köln. Dass es früher NUR SO und NIE anders war. Jahr um Jahr, Saison um Saison. Dass es Zeiten gab, da Platz 14 eben Platz 14 war. Und keine Krise. Und nicht einmal schlimm.

Und dann merkst du, wie die Jungs ein paar Mal schlucken – und dann is‘ auch wieder gut. Weil Fan zu sein eben mehr ist als zu singen, wenn du gewinnst. Es ist mehr als nur zum Stadion zu fahren, das Spiel zu gucken und wieder nach Hause zu fahren. Fan zu sein, das heißt auch, andere Fans kennen zu lernen. Gemeinschaft zu erleben. Erfolge zu feiern, aber auch Niederlagen akzeptieren zu lernen. Man spricht ja nicht umsonst von Fan-Kultur.

In unserem Papa-Sohn-Ding ist Fußball auch ein Stück Erziehung. Es ist ein Stück Groß- und Erwachsenwerden.

Ich erinnere mich an ein Heimspiel gegen den FC St. Pauli. 23. Spieltag der Saison 2010/11. Südostecke. Ein vergleichsweise schmuckloses 2:0. Warum auch immer, hatte Peter Sippel Sohn 2 so sehr gegen sich aufgebracht, dass er plötzlich „Schiri, Du Arschloch!“ schrie und mich zu einem Moment der inneren Einkehr zwang. Sollte ich den Neunjährigen zur Ordnung rufen und mit erzieherischen Maßnahmen drohen? – Natürlich nicht! Er hatte schließlich nicht im Bus „Fahrer, Du Arschloch!“ oder im Laden „Verkäufer, Du Arschloch!“ gebrüllt. Wir waren schließlich im Stadion, und im Stadion gehört „Schiri, Du Arschloch!“ so selbstverständlich zum guten Ton wie in der Schule das „Guten Morgen, Frau Lehrerin!“ Ich legte also meine Hand auf seine Schulter. Wir verstanden uns.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen den FC Arsenal in der Saison 2013/14. Wir stiegen an der Reinoldikirche in die U-Bahn. Zusammen mit ein paar Dutzend englischen Fans. Die sangen ohne Unterlass. Nicht schön, aber laut. Schon an der Station und in der Bahn dann noch ein wenig lauter. BVB-Fans sangen nicht. Ich schaute meine Jungs an – und sagte: „Wir sind hier in Dortmund. Oder?“ Und dann fingen wir an zu singen: „Olé, olé, oleeé, nur der BVB, unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz!“ Und die ganze Bahn stimmte ein. Und die Engländer sangen weiter ihren englischen Kram. Und es war eine Mörderstimmung. Friedlich. Fröhlich. Auf dem Weg zum Stadion plauderten wir noch ein wenig mit den englischen Fans. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen Real Madrid im Jahr zuvor. Das Halbfinale. Wir sind vor dem Spiel noch in die City gefahren. Ein bisschen Atmosphäre aufnehmen auf dem Alten Markt. Dort sprach uns eine dänische Familie an. In sehr gebrochenem Deutsch. Ob wir ihnen erklären könnten, wie sie zum Stadion kommen. „Da wollen wir auch hin, kommt einfach mit“, sagte ich. Wir stiegen dann auf Englisch um. Es stellte sich heraus, dass sie BVB-Fans waren. Morgens losgefahren – und nach dem Spiel gleich wieder zurück, weil sie am nächsten Morgen arbeiten mussten. 1.200 Kilometer für ein Fußballspiel. Der Sohn war so alt wie meine beiden Jungs. Wir quatschten über Flemming Povlsen und „Danish Dynamite“ und trennten uns vor dem Stadion mit den besten Wünschen für „ein gutes Spiel“. Der BVB filetierte Real mit 4:1 – und diese kleine dänische Episode gehört für uns mit zu diesem großen Dortmunder Fußballabend. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an Wembley. An 90 Minuten nonstop durchsingen. An den Schock in der 89. Minute, an die nur kurze Enttäuschung, der sich sofort dieses Gefühl von Stolz anschloss – und dann das dringende Bedürfnis, die Mannschaft trotz der Niederlage zu feiern. Ich erinnere mich an Berlin im Mai dieses Jahres. Der gestohlene Pokalsieg. Diese Mischung aus Ärger und Ohnmacht, als wir noch im Stadion via WhatsApp erfuhren, dass Hummels’ Kopfball NATÜRLICH drin war. Diese Sch…-Wut auf die großkopferten Bayern, deren Häme nach dem Spiel nicht auszuhalten war.

Und ich erinnere mich an den letzten Spieltag der Saison 2010/11. Dortmund war schon Meister. Es war Schale-Abholtag. Und Abschiedstag. Dede ging. Sohn 1 trug sein Dede-Trikot, und als der Brasilianer wenige Minuten vor dem Spiel verschiedet wurde, schluckte er schwer. „Alles klar bei Dir?“, fragte ich – und dann heulte er los. Und heulte. Und heulte. Er heulte immer wieder während des Spiels. Als Dede eingewechselt wurde. Als er kurz vor Schluss einen Elfmeter verschoss. Als er die Meisterschale hochstreckte. Am nächsten Tag heulte er weiter, als die Mannschaft die Bühne vor der Westfalenhalle betrat und Dede selbst auch heulte. Es war ein tränenreiches Wochenende. Wir haben viele Packungen Papiertaschentücher verbraucht. Aber DAS IST FAN-Sein. Das Dede-Trikot hängt heute an seiner Zimmer-Wand. Hinter Glas. Inzwischen ziert es ein Dede-Autogramm.

Fan-Sein, das ist für uns in diesem Papa-Sohn-Ding auch dieser gemeinsame Erinnerungsschatz. Diese Erlebnisse, die uns keiner mehr nimmt. Schöne. Und weniger schöne. Die genau deshalb aber auch wieder schön waren. Fan-Sein ist so viel mehr als zum Fußball zu fahren, das Spiel anzuschauen und wieder nach Hause zu fahren. Und Fußball ist so viel mehr als Spiele zu gewinnen und Titel zu feiern. Und deshalb ist das, was Borussia Dortmund gerade durchlebt, sportlich zweifelsfrei eine Krise. Der Untergang der Welt ist es nicht.

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2 Kommentare zu “„Was auch immer geschieht . . .“

  1. Ich weiß genau, das der BVB wieder gewinnen wird. Ich weiß nicht wann, aber ich weiß, dass es passieren wird. Und wenn es passiert, dann wird dieser Sieg um so mehr feiert. Von den Fans, die sich die besten der Welt nennen, weil sie die besten der Welt sind.
    Danke für diesen Beitrag. Sehr emotional, ehrlich und aufbauend.
    Ich muss gestehen, ich bin noch nicht viel länger Fan, als die Meisterschaft und der Pokalsieg. Und es sei jedem erlaubt, mich als „Erfolgsfan“ zu betiteln. Aber ich fühle mich nicht wie ein Erfolgsfan. Ich fühle mich wie ein BVB Fan. Ich war vorher Fan von keinem Verein und ich weiß, das ich für es für keinen anderen in diesem Maße sein werde. Ich freue und leide mit dem BVB. Ich weiß, was Borussia Dortmund in den letzten Jahren geleistet hat, bewundere es mit vollem Stolz und größter Anerkennung. Und es ist eben nicht selbstverständlich, dass das so gekommen ist. Siegen ist auch nicht selbstverständlich. Nich einmal gegen den HSV. Nennt mich Erfolgsfan – Ich kann doch nur versuchen zu bleiben und jeden Erfolg UND jede Krise mitzunehmen. Ich bin stolz, Borussin zu sein!

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