Plädoyer für die Fußball-Romantik

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.gibmich-diekirsche.de)

Eben nicht!

Es ist eben noch nicht alles gesagt in der Debatte über Retortenklubs wie RasenBallsport Leipzig. Oder VfL Golfsburg. Oder TSG 1899 Hoppenheim.

Gesagt ist, dass sie den Fußball kaputt machen. Den Fußball, so wie wir ihn lieben. Mit Tradition, Leidenschaft und Emotion. Mit sportlichen und wirtschaftlichen Aufs und Abs. Fußball mit glanzvollen Triumphen und grandiosem Scheitern. Fußball, der auf gewachsenen Strukturen aufsetzt und nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse eines einzelnen Sponsors oder Finanzinvestors begründet liegt. Fußball, der organisch gewachsen ist und nicht im Blitztempo bis an die Grenze zur Überdüngung künstlich hochgezüchtet wurde. So ein Produkt-Fußball, der zwar schnell Erfolge zeitigt, aber auch ganz schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn der großzügige Gönner den Spaß an seinem Marketing-Instrument verliert. Beispiele dafür gibt es viele – in Spanien, Italien, England. In Frankreich – siehe AS Monaco. Bald auch in Deutschland.

Das alles ist gesagt.

Was in der Diskussion bisher zu kurz kommt, ist ein ganz anderer Grund dafür, dass die Bundesliga den österreichischen Gummibärchenbrauseklub aus Leipzig nicht braucht. Warum sie auch ohne Hoffenheim und Wolfsburg ganz prima zurecht käme – nicht aber ohne den Hamburger SV, Werder Bremen, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln. Ein Grund dafür, dass es schade ist, dass Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum in der zweiten und viele andere Traditionsklubs sogar in der dritten oder vierten Liga verrotten.

Nun bin ich weit davon entfernt, übermäßige Sympathie für Stuttgart oder Frankfurt zu empfinden. Und im Gegensatz zu Kevin Großkreutz spüre ich auch keine gefühlsmäßige Nähe zu den Geißböcken.

Und doch empfinde ich für jeden dieser Klubs etwas. Jeder von uns Fußballfans empfindet für diese Klubs etwas, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erlebnisschatz haben. Wir teilen auf die eine oder andere Weise Freud’ und Leid miteinander, und genau das ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner, der uns in fußball-politischen Diskussionen wie jener über die Legitimation von Retortenklubs, über die Anstoßzeit 15:30 Uhr, über den Kampf gegen Rechts und den Protest gegen überhöhte Ticketpreise immer wieder zusammenführt.

Ein paar Beispiele, betrachtet durch die schwarzgelbe Brille

Beispiel HSV: Gegen die Hamburger gewann Borussia Dortmund 1957 den zweiten und 1995 – nach 32-jähriger Abstinenz – den vierten Meistertitel. Zwei Meilensteine im schwarzgelben Fußballgedächtnis. Nun haben die Hanseaten in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – HSV oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Bremen: Der Dortmunder Timo Konietzka erzielte gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. 1989 gewann der BVB gegen Werder völlig überraschend den DFB-Pokal – ein Urknall für die weitere Entwicklung der Borussia. Ein Urknall auch: Der Jubelschrei der Fans, als Henrique Ewerthon de Souza am 4. Mai 2002 den 2:1-Siegtreffer erzielte und damit die sechste Meisterschaft perfekt machte. Im Westfalenstadion. Gegen – genau: Werder Bremen! Nun haben die Norddeutschen in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – Werder oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Stuttgart: Ich habe den VfB verflucht, als Guido Buchwald 1992 in Leverkusen zum 2:1 traf und dem BVB vier Minuten vor Saisonende die Meisterschale aus den Händen riss. Aber ich habe den VfB gepriesen, als er 2007 im Schlussspurt noch am FC Schalke 04 vorbei zog. Ich habe meinen Augen nicht getraut als Borussia die Stuttgarter mit Elber, Bobic & Co. unter Ottmar Hitzfeld in Unterzahl mit 6:3 aus dem Stadion schoss. Und wir alle schwärmen heute noch vom 4:4 gegen die Schwaben in der BVB-Meistersaison 2011/12. Nun tun die Stuttgarter seit Jahren alles, aber auch wirklich alles dafür, endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – VfB oder RasenballSport . . .

Oder Eintracht Frankfurt: Zwei Tore besser als der BVB waren die Hessen 1985/86 als Fünfzehnter. Dortmund musste in die Relegation – dort folgte die Mutter aller Dramen gegen Fortuna Köln.

Oder der 1. FC Nürnberg: Die Franken waren unser Gegner in den Wiederaufstiegsspielen 1976. Und sie waren der Gegner, als der BVB 2011 im Fernduell mit Leverkusen vorzeitig den Titelgewinn perfekt machte.

Man könnte diese Liste fortsetzen. Man könnte den FC Bayern München, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach mit hinzu ziehen – wobei die aktuell nicht vom Abstieg bedroht sind und die Frage „Sie oder RasenBallsport?!“ sich nicht stellt. Man könnte die Liste auch umdrehen, denn natürlich verbinden jeden der genannten Vereine auch ein paar ganz besondere Erinnerungen mit dem BVB. Man kann es deshalb aber auch abkürzen – und feststellen: Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, es ist die bei allen Unterschieden und Differenzen eben doch auch gemeinsame Geschichte, die das Faszinosum Bundesliga ausmacht.

Wenn immer mehr Golfsburgs, Hoppenheims und RasenBallsports in der Bundesliga kicken, geht ihr das Faszinierende bald ab. Sie verliert Emotionen. Sie verliert ihren Reiz. In den Stadien sitzen dann Erfolgs- und Modefans, die Sponsorenfreikarten erhalten haben und in ihrer Sitzschale eine Klatschpappe nebst Gebrauchsanleitung vorfinden.

Ich will so einen Fußball nicht. Und die Bundesliga sollte ihn auch nicht wollen.

Advertisements

Watzke gibt den Sammer. Nur sympathisch!

Es hätten mal wieder zwei dieser Schulterklopfer-Treffen werden können. So wie in den vergangenen Jahren, als die stets an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Ende November terminierten Versammlungen der Mitglieder von Borussia Dortmund und der Aktionäre der BVB KGaA im Überschwang sportlicher Erfolge und wirtschaftlicher Rekorde in voradventlicher Harmonie-Erbsensuppe ertranken.

Hätten. Werden. Können.

Schließlich steht der BVB in der Champions-League auf Platz eins der Gruppe und ist schon nach vier von sechs Spieltagen sicher für das Achtelfinale qualifiziert. Schließlich überwintern die Dortmunder auch im DFB-Pokal. Und schließlich – eine der größten Sportmanagement-Leistungen in Deutschland überhaupt – ist Borussia zehn Jahre nach der Quasi-Insolvenz vom Februar 2005 heute schuldenfrei und nicht nur das: Mit den neuen strategischen Partnern Puma, Evonik und Signal Iduna steht der Klub auch langfristig auf dem stabilsten Fundament ever. Everever!

Hätten. Werden. Können.

Wurden. Aber. Nicht.

Denn da gibt es ja dummerweise auch noch die Bundesliga. Das Kerngeschäft. Und da steht der BVB nach zwölf Spieltagen nicht auf Platz zwei oder drei. Auch nicht auf Platz 12 oder 13. Sondern auf Platz 16. Dem Relegationsplatz. Dem Platz, der nach 34 Spielen eine Saisonverlängerung bedeuten würde, die es zuletzt 1986 gab. Und auf die jeder verzichten kann.

Es gab also am Sonntag und heute in der Westfalenhalle keine Harmoniesuppe, sondern langen Hafer. Langen Hafer für die Mannschaft, die es nicht mehr kennt, auf so trockenem, spröden Zeug herum zu kauen. Der, der ihn verteilte, ist Vorstandsvorsitzender der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Er ist derjenige, der den BVB Ende 2004 gemeinsam mit Präsident Dr. Reinhard Rauball in nahezu aussichtsloser Situation übernahm und wieder in die nationale und sogar europäische Spitze führte. Er heißt Hans-Joachim Watzke – und er gab am Sonntag/Montag den Matthias Sammer. Den größten Kritiker in den eigenen Reihen. Den Mahner. Ein bisschen auch den Motzki. Nur in sympathisch. Watzke fand die richtigen Worte und – wichtiger noch – die richtige Tonlage. Wie man dem BVB-Boss überhaupt attestieren darf, dass er sich in den zurückliegenden Jahren zu einer echten „Rampensau“ entwickelt und – ob nun im Sport1-Doppelpass, ob im ZDF-Sportstudio oder bei Sky – durch seine sachlichen und humorvollen Auftritte viele Pluspunkte eingesammelt hat.

Einige KERNAUSSAGEN von Hans-Joachim Watzke . . .

. . . aus der MITGLIEDERVERSAMMLUNG

Zum Spiel in Paderborn:

„Es war gestern schon enttäuschend zu sehen, dass unsere Mannschaft in der ersten Halbzeit sehr souverän und sehr routiniert das Spiel bestimmt und dominiert hat und dann – und das ist ein Problem, darüber müsst Ihr (die Spieler/d. Autor) euch im Klaren sein –, möglicherweise in Erwartung eines sicheren Sieges so ein bisschen auf Verwaltungsmodus umschaltet. Das können wir uns in der jetzigen Situation als Borussia Dortmund an 15. Stelle einfach nicht leisten. Da müsst Ihr nachsetzen wie Ihr das früher gemacht habt. Dabei kann euch auch keiner helfen; kein Trainer, keiner von uns allen.“

Zur sportlichen Situation:

„Ich war diese Woche viel unterwegs, und auf jedem Flughafen der Welt sagen die Leute: ’Macht euch keine Gedanken. Ihr habt ’ne tolle Mannschaft, das wird schon wieder.’ – Glaubt das nicht, bitte! Denn wenn du nach zwölf Spieltagen in der Liga da stehst, wo wir jetzt stehen, waren das nicht bloß böse Mächte, sondern es war auch unser eigenes Verschulden.“

Zur Verantwortung der Mannschaft:

„Natürlich haben wir eine extrem gute Mannschaft, aber Ihr müsst es trotzdem jede Woche beweisen. Es muss für euch auch eine Verantwortung sein. Es muss für euch die Verantwortung sein, euch für uns alle, für euch, aber auch für alle bei Borussia Dortmund, wirklich die nächsten Wochen extremst zu konzentrieren, ganz konsequent zu sein. Denn wir müssen aus diesen Rängen der Bundesliga so schnell wie möglich raus!“

Zur Rückendeckung durch die Fans und Mitglieder:

„Und wenn Ihr, irgendwann, in absehbarer Zeit, der Eine oder Andere von euch, mal wieder mit dem Angebot eines anderen Vereins konfrontiert werdet, dann macht mal für einen Moment die Augen zu und denkt daran, wie ihr heute als Tabellenfünfzehnter von den BVB-Menschen empfangen worden seid.“

. . . aus der AKTIONÄRSVERSAMMLUNG

Zu aktuellen Misserfolgen und langfristigem Erfolg:

„Ich bin am Samstag mit einer gewissen Frustration aus Paderborn weggefahren, und das hat sich auch über Nacht nicht dramatisch verbessert. Aber dann habe ich zurückgeblickt auf das, was wir in den vergangenen zehn Jahren geschafft haben. Das ist ja zweifellos eine der größten Geschichten, die im Fußball je geschrieben wurden: von ganz, ganz unten, von Ground Zero nämlich, zu einem Klub zu werden, der wieder sportlichen Erfolg und keine Schulden mehr hat. Wenn man sich das vor Augen führt, gibt einem das doch wieder Kraft.“

Zur Mentalität von Borussia Dortmund:

„Der Weg des BVB war immer der Weg, den die Menschen im Ruhrgebiet generell gegangen sind. Er ist immer von mehr Schweiß getränkt worden als anderswo. Unser Fußball funktioniert über Laufbereitschaft und Kampfgeist. Wer glaubt, er müsse Fußball nur noch verwalten, der ist dann vielleicht an der falschen Stelle und muss woanders sein Glück suchen.“

(Beitragsbild: Screenshot vom Livestream auf bvb.de)

Brutal Stark ausgebremst

Ich bin ein großer Freund der Selbstkritik. Wenn’s nicht so läuft wie’s eigentlich sollte, ist man gut beraten, die Gründe dafür zuerst bei sich selbst und erst dann bei anderen zu suchen. Das gilt im Sport wie in allen Lebenslagen.
Borussia Dortmund hat die Fähigkeit zur Selbstkritik in den zurückliegenden Monaten unter Beweis gestellt. Die Verantwortlichen haben das bislang völlig indiskutable Abschneiden in der Fußball-Bundesliga intern analysiert, haben keine Keile zwischen sich treiben lassen, sind vielmehr noch ein weniger enger zusammengerückt – wenn das bei Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp denn überhaupt noch möglich ist. Sie haben keinen Voodoo-Zauber, keinen bösen Fluch oder gar unfreundliche Schiedsrichter als Ursache ausgemacht, sondern neben gigantischem Verletzungspech auch eigene Fehler und Versäumnisse im Spiel.
So weit – so gut. Irgendwann aber stößt du mit der Fehlersuche in den eigenen Reihen an Grenzen. Dann nämlich, wenn ganz offenkundig andere die Fehler machen, die dir selbst Probleme bescheren. Und so wird dem BVB der Blick auf eigene Versäumnisse nach dem enttäuschenden 2:2 in Paderborn wenig weiterhelfen. Hinweise wie „Wer als Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer bei einem Aufsteiger eine 2:0-Führung verspielt, ist selbst Schuld“, die gestern in Online-Foren und sozialen Medien schnell die Runde machten, sind so richtig wie sie in diesem konkreten Fall falsch sind.
Denn Borussia Dortmund hat die 2:0-Führung nicht verspielt. Sie wurde ihm verspielt. Vom Schiedsrichter. Von Wolfgang Stark.
Keine Frage: Es ist schwer verständlich, dass der BVB, der die erste Halbzeit komplett dominiert und kontrolliert hatte, nach der Pause 15 Minuten lang die Zügel schleifen, Paderborn ins Spiel und zum 1:2-Anschlusstreffer kommen ließ. An dieser Stelle muss Jürgen Klopp dringend den Hebel ansetzen, zumal solche Spielentwicklungen durchaus ein Muster aufweisen. Wie auch die Schwäche bei Standardsituationen, den eigenen wie den gegnerischen, ein Muster ist, an dessen Behebung man arbeiten kann und muss.

Die beiden entscheidenden Szenen aber beurteilten Wolfgang Stark und seine Assistenten falsch.

ERSTENS: Das brutale Foul, mit dem Marvin Bakalorz BVB-Stürmer Marco Reus vom Spielfeld direkt ins Krankenhaus grätschte, hätte zwingend einen Platzverweis zur Folge haben müssen. Stark selber sah das nach Ansicht der TV-Bilder so, und jede Diskussion darüber, ob eine Rote Karte die angemessene Strafe gewesen wäre, ist lächerlich. Angemessen wäre nach solchen Aktionen ohnehin nur eine Strafe: Den Verursacher so lange zu sperren wie der Gefoulte verletzungsbedingt ausfällt. Fakt ist jedenfalls: Paderborn hätte am Samstag ab der 65. Minute in Unterzahl spielen müssen.
Für Marco Reus ist es die dritte schwere Knöchelverletzung binnen weniger Monate, und mancher Fan wird sich an zwei andere brutale Fouls erinnert haben. 1999 grätschte der Bielefelder Uwe Fuchs an der Seitenauslinie Lars Ricken mit Anlauf direkt in den Spielertunnel. Dreifacher Bänderriss – eine Verletzung, von der Ricken sich nie wieder richtig erholt hat. Einige Jahre später wurde Sebastian Kehl zum Opfer von Bayerns Hasan Salihamidzic – und auch Kehl brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen. Man kann Marco Reus also nur die Daumen drücken, dass es ihn nicht ähnlich erwischt hat.
ZWEITENS: Der Treffer von Kevin Großkreutz zum 3:1 war regulär; Milos Jojic stand passiv im Abseits. Der Serbe griff in keinster Weise ins Spielgeschehen ein. Mit diesem Tor, zumal – siehe oben – in Überzahl, wäre die Partie gelaufen gewesen. Stattdessen glich Saglik quasi im Gegenzug nach einer Ecke aus. Aus der endgültigen Wende und dem Sprung ins Tabellenmittelfeld wurde ein weiteres Frusterlebnis.
Das wegzustecken und auch noch den Schock des neuerlichen Reus-Ausfalls zu verkraften, ist für Jürgen Klopp und seine Mannschaft eine noch größere Herausforderung, als selbst verschuldete Misserfolge zu analysieren und zu verarbeiten. Die Gesichter nach dem Spiel zeigten Züge von Resignation. Es wird schwer für den BVB, sich jetzt durchzuschütteln und bis zur Winterpause noch Schadensbegrenzung zu betreiben.
Dank Wolfgang Stark.

(Beitragsbild: Screenshot BVB-App)

#scpBVB – Jürgen Klopp: „Habe allerallerallergrößten Respekt vor Paderborn!“

Mit dem hochverdienten – wenn auch aufgrund des spektakulären Eigentores von Weltmeister Christoph Kramer letztlich glücklichen – 1:0-Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach hat der BVB vor der Länderspielpause seine Negativserie beendet und Platz 18 nach 24 Stunden wieder verlassen. Am Samstag, 15.30 Uhr, treten die Borussen zum Westfalenderby beim Aufsteiger SC Paderborn an. Die wichtigsten Aussagen von Trainer Jürgen Klopp aus der Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag im Twitter-Stil – nachzulesen auch auf @FFligge:

Zum Gegner Paderborn . . .

Jürgen #Klopp: „Schon vor der Saison gesagt, dass ich den allerallerallerallerallergrößten Respekt vor Paderborn habe.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: Legitim, dass Paderborn in Understatement macht, aber wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Paderborn Bsp. dafür, dass man mit wenig Geld, klarer Idee und guten Entscheidungsträgern etwas bewegen kann.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Alles, was ich über Paderborn sage, ist ein maximales Lob für den Kollegen Andre Breitenreiter.“ #BVB #scpbvb

Auf die Frage, ob er zustimme, dass das „System BVB“ entschlüsselt sei:

Jürgen #Klopp: „Ich habe immer noch das Büßerhemd an und bin auch bei blöden Fragen noch nicht auf Krawall gebürstet.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Unser Problem ist nicht, dass andere erkannt haben, wie wir spielen. Müssen stabile Form auf Platz bringen.“ #BVB #scpbvb

Zum Fitnesszustand der zuletzt verletzten/angeschlagenen Spieler:

Jürgen #Klopp: „Marco #Reus hat keinerlei Probleme mehr.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Idealerweise können wir Sahin, Kuba und Kirch noch ein wenig Zeit geben.“ Um Rückstand aufzuholen. #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Aubameyang hatte erst ein wenig muskuläre Probleme, dann Magen-Darm. Ist gestern aber schon gelaufen.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Gehe davon aus, dass Aubameyang heute mittrainiert. Dann sehen wir, ob und wie geschwächt er ist.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Bei @matshummels geht’s nicht so schnell voran wie wir uns das gewünscht haben.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Wenn nicht über Nacht ein Wunder geschieht, wird’s bei @matshummels für Paderborn eng – evtl. ein Thema für Arsenal.“ #BVB #scpbvb

Zum FC Bayern München:

Jürgen #Klopp zur Rückkehr von Uli Hoeneß: „Finde das gut. Strafe ist dazu da, dass man sie absitzt. Und dann geht’s weiter.“ #BVB #scpbv

Jürgen #Klopp: „Verletzung von Lahm tut mir leid. Philipp ist ein außergewöhnlicher Fußballer.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Lahm, Alaba, Thiago bedeuten erheblichen Qualitätsverlust. Wenn ein Team das kompensieren kann, dann Bayern.“ #BVB #scpbvb

Die Anti-Stau-Maut – oder: Wenn Wissenschaftlern langweilig ist

Manchmal denke ich: In Berlin ist 365 Tage im Jahr der 1. April. Dann wieder denke ich: Vielleicht liegt’s auch einfach an der Berliner Luft, Luft, Luft. Dass sich da also im Feinstaub neben dem Gummiabrieb der Taxireifen und den pulverisierten Bremsbelägen der Politiker-, Diplomaten und Andere-Wichtige-Menschen-Dienstkarossen womöglich auch noch die eine oder andere bewusstseinserweiternde Substanz befindet. LSD oder so.

Jedenfalls: Was sich so mancher ministeriale Spitzenbeamte oder wissenschaftliche Berater am Schreibtisch im stillen Kämmerlein ausdenkt, ist so gaga, dass man einen nüchternen Zustand definitiv ausschließen kann.

Jüngstes Beispiel: DIE STAU-MAUT!

Okay, okay, so jung ist das Beispiel gar nicht mehr. Es ploppte am Montag dieser Woche so plötzlich auf wie morgens um 7.30 Uhr auf der A40 zwischen Bochum-Stadion und Gelsenkirchen-Süd quasi aus dem Nichts 15 km Stop-and-Go entstehen. Drei Tage ist das also her, und drei Tage sind in der durchdigitalisierten Echtzeit-Medienwelt so viel wie im 20. Jahrhundert mal drei Wochen waren. Aber sorry, ich habe diese drei Tage benötigt, um mittels aufwändiger Recherche herauszufinden, dass die das tatsächlich ernst meinen.

Wenn ich also künftig mit dem Berufsverkehr morgens von Dortmund nach Essen und abends von Essen zurück nach Dortmund stopandgoe, bin ich nicht genug damit gestraft, dass ich für die 44 km von der Haustür bis zum Büro zwischen 1:15 und 1:30 Stunden benötige und der Knorpelschaden im linken (Kupplungs-)Knie immer schlimmer wird. Nein, ich soll künftig auch noch eine höhere Maut zahlen als wenn ich – sagen wir mal – um 11 und um 22 Uhr fahren würde. Ausgedacht hat sich das (nicht ganz alleine, das schafft kein Mensch!) der Freiburger Wirtschaftsprofessor Günter Knieps, der im Wissenschaftlerbeirat des Wirtschaftsministeriums (und da sind wir dann wieder in Berlin) ein entsprechendes Gutachten erstellt hat. Credo: Wer meint, er müsse unbedingt zur Stoßzeit fahren, soll für diesen unerträglichen Egoismus dann eben auch mehr zahlen. Durch so eine INTELLIGENTE MAUT könne man das Verkehrsaufkommen glätten.

Lieber Herr Knieps, ich MEINE nicht, mit dem Berufsverkehr zur Arbeit fahren zu müssen. Ich bin an etwas gebunden, das man ARBEITSZEITEN nennt. Das ist wie früher in der Schule. Man kommt und geht nicht, wann man will. Sondern wenn’s klingelt. Oder gongt. Gut, vielleicht können sie als Wissenschaftler das gar nicht wissen. Aber dann wissen sie’s halt jetzt! Und wenn wir gerade dabei sind, nehmen sie doch vielleicht auch dies zur Kenntnis: Hier im Ruhrgebiet muss man durch so eine Abschreckungs-Maut nicht die Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs erhöhen. Weil mehr als 150 Prozent Auslastung nämlich gar nicht geht. Versuchen Sie mal morgens zwischen 7 und 9 Uhr am Dortmunder Hauptbahnhof in einen Regionalexpress Richtung Essen zu kommen. Dann werden sie feststellen, dass es deutlich einfacher ist, sich zu den Ölsardinen in eine Büchse zu zwängen.

Mit der Stau-Maut nicht genug. Die Superhirne des Wissenschaftler-Beirates haben sich, mutmaßlich aus Langeweile, auch schon über weitere INTELLIGENTE Steuerungssysteme Gedanken gemacht. So könnte der Strom teurer werden, wenn viele ihn nutzen. Zum Beispiel mittags, wenn Millionen Kinder aus der Schule kommen und die Mama zu Hause das Essen kocht. Oder abends um 20 Uhr, wenn Millionen Menschen die „Tagesschau“ gucken, um von Herrn Professor Günter Knieps zu erfahren, dass sie jetzt gerade besser nicht gucken würden, weil der Strom eigentlich viel zu teuer ist. Viel günstiger wäre es doch, die Nachrichtensendung nachts um 2 Uhr einzuschalten. Okay, 3 Uhr ginge auch. Oder 4.

Klar, man könnte jetzt auch noch die technische Umsetzung dieser Albernheiten hinterfragen. Wie wird das alles gemessen, kontrolliert – und was hat das ganze Messen und Kontrollieren eigentlich noch mit Datenschutz und Privatsphäre zu tun. Vielleicht schickt man die Wissenschaftler aber auch einfach mal zur Kur an die See. Frische Luft schnappen. Ohne Feinstaub und LSD. Das könnte schon helfen. Siehe Verkehrsminister Alexander Dobrindt: Der stammt aus Bayern, wo die Luft sauberer ist. Die Berliner Luft schnuppert er noch nicht soooo lange. Und Dobrindt, immerhin, hält die Pläne für Quatsch.

Zum Thema:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/strassenverkehr-oekonomen-schlagen-anti-stau-maut-vor-13269203.html

http://www.spiegel.de/spam/satire-bei-spiegel-online-dobrindt-fuer-analoge-stau-maut-a-1003757.html

http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/5725244/oekonomen-fordern-die-stau-maut.html

@bastifuenf – der alte Mann und das Mehr

Reden wir nicht über den, der seit Sonntag, 19.25 Uhr, überall das Thema Nummer 1 ist. Wobei: Reden wir vielleicht doch ganz kurz über Christoph Kramer, den Gladbacher Gedächtnislücken-Weltmeister, der mit seinem 45-Meter-Traumeigentor die Niederlagenserie des Übernacht-Schlusslichts Borussia Dortmund auf so spektakuläre Weise beendet hat. Sollte also dieser Christoph Kramer ab der Saison 2015/16 für die andere, die einzig richtige Borussia spielen, die in Schwarzgelb also, wäre ich gerne der Erste, der gleich nach dem Schlusspfiff die Vermutung geäußert hat, dass die Rückpass-Bogenlampe zum 1:0-Sieg des BVB sein vorgezogenes Antrittsgeschenk an den neuen Arbeitgeber war. Womit dieser böse Verdacht schriftlich nieder- und im Langzeitgedächtnis des WorldWideWeb abgelegt wäre . . .

Als Schlusslicht ins 300. BVB-Spiel

Und damit zum eigentlichen Thema: Reden wir doch mal über @bastifuenf, bei Nicht-Twitterern als Sebastian Kehl bekannt. Reden wir nicht deshalb über ihn, weil er der Erste war, der Kramer, kaum dass der Ball die Linie überschritten hatte, Trost spendete – er stand halt zufällig gerade unmittelbar neben dem Unglücksschützen. Reden wir auch nicht darüber, dass Kehl gegen Gladbach sein 300. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte. Eines, das auf dem 18. Platz begann und auf einem Nicht-Abstiegsplatz endete.

Die Forderungen nach Rücktritt vom Rücktritt werden lauter . . .

Reden wir lieber deshalb über Sebastian Kehl, weil er im zarten Alter von 34einhalb Jahren gerade so gut spielt wie lange nicht und damit so wertvoll ist wie noch länger nicht. Und das auf seiner Abschiedstournee durch die Bundesligastadien, denn schließlich hat „Kehli“ bereits während der zurückliegenden Spielzeit beschlossen, dass die nun laufende definitiv seine letzte sein soll. Konsequenterweise hat er aus diesem Grund im Sommer die Kapitänsbinde abgegeben. Doch während Mats Hummels, dank seiner sportlichen Klasse, seiner Persönlichkeit und menschlichen Reife der „geborene“ Nachfolger, diese Rolle aufgrund vieler Verletzungsprobleme noch gar nicht übernehmen konnte, spielt Kehl sie heimlich und inoffiziell einfach weiter – und sorgt dafür, dass die Zahl derer, die einen Rücktritt vom Rücktritt fordern, wöchentlich wächst. Mittlerweile – und an der Stelle wird’s dann ja wirklich spannend – entwächst diese Diskussion den sozialen Medien und Internetforen und kommt bei den sportlich Verantwortlichen des BVB an.

. . . und sogar das Duo Klopp/Zorc stimmt ein

„Überragend, wie er im Moment spielt“, lobte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag nach dem 1:0 gegen Gladbach – und deutete an: „Sicherlich werden wir noch einmal reden. Aber ich sehe keinen Grund, jetzt etwas zu entscheiden.“ Trainer Jürgen Klopp wurde sehr viel deutlicher, wobei man schlecht einschätzen konnte, welche seiner Worte der Erleichterung über das Ende der Talfahrt geschuldet waren. Jedenfalls kündigte Klopp an: „Sollte Kehli im nächsten Sommer noch so rennen, ackern und fighten, sorge ich persönlich dafür, dass er weitermacht.“ Und der Gelobte selbst, was sagt der? – Er schweigt und genießt. Nur soviel: „Gut, dass ich solche Entscheidungen immer noch selber treffe.“

Im Kern dreht sich die Diskussion um Charakter und Persönlichkeit. Wer eine Mannschaft wirklich führen kann, bereit ist, auf dem Platz und außerhalb Verantwortung zu übernehmen und sich reinzuhauen, zeigt sich bekanntlich nicht, wenn’s sportlich super läuft. Sondern wenn’s super hakt. Dann tauchen die Feingeister und Mitschwimmer ab. Dann gehen die Ärmelhochkrempler und In-die-Hände-Spucker nach vorne. Und zu denen gehört Sebastian Kehl. Der alte Mann und das Mehr.

Kehl und Bender – eine Entscheidung für defensive Stabilität

Nun muss man natürlich der Wahrheit die Ehre geben. Wäre Ilkay Gündogan nicht so lange, wären Nuri Sahin und Oliver Kirch nicht seit Saisonbeginn und wäre nicht auch Sven Bender zwischendurch immer wieder ausgefallen; würde es insgesamt beim BVB runder laufen als es läuft, hätte @bastifuenf nicht die Einsatzzeiten, die er hat. Weil es aber ist wie es ist, konnte Klopp im gewohnten 4-2-3-1-System die defensive Mittelfeldzentrale seltenst mit einem Sechser (Bender oder Kehl) und einem Achter (Gündogan oder Sahin oder Jojic) besetzen. Und um Rhythmus und Stabilität ins Spiel zu bekommen, entschied er sich auch nach Gündogans Genesung zuletzt in Serie für die Doppel-Sechs mit Kehl UND Bender. Keine Lösung für alle Zeiten – aber allemal eine für Krisenzeiten.

@bastifuenf steht für physische Präsenz

Klar ist: Mit seinen demnächst 35 Jahren macht Sebastian Kehl das BVB-Spiel nicht mehr schnell. Er spielt auch eher selten den genialen Pass in die Tiefe. Ein Edeltechniker war er nie und wird auch keiner mehr werden. Aber Kehl macht Meter. Er ist – wie Bender – physisch präsent, geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg, sondern sucht sie. Bei Standards verbreitet er auch im gegnerischen Strafraum ein gewisses Unwohlsein. Zuletzt setzte er sich gegen Galatasaray Istanbul im Luftduell entschlossen durch und legte Papa Sokratis das 2:0 auf.

Zu alt? – Sind Totti, Olic, Gerrard & Co. doch auch nicht!

Typen wie Kehl braucht jede Mannschaft, und das Alter an sich ist kein Gegenargument – siehe Francesco Totti bei der Roma, Miro Klose bei der WM, Ivica Olic in Wolfsburg, Martin Stranzl in Gladbach, Steven Gerrard in Liverpool oder Didier Drogbá bei Chelsea. Das Alter wäre nur dann ein Argument, wenn der Spieler altersbedingt verletzungsanfälliger würde. Sebastian Kehl hat in seiner Laufbahn zahlreiche, auch schwere Verletzungen verkraften müssen. Er fiel auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal aufgrund von Blessuren aus. Aktuell aber wirkt er auch in dieser Hinsicht stabil.

Will sagen: Wenn Kehl sich vorstellen kann, 2015/16 die Rolle des Backup-Sechsers zu spielen, die ihm eigentlich schon für die laufende Saison zugedacht war: Warum dann nicht einfach noch ein Jahr dranhängen?!

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.sebastian-kehl.de)

Pink Floyds „The Endless River“ – von wegen „Rick’s Resterampe“!

Vielleicht dies vorweg – damit ihr wisst, woran ihr seid: Ich bin, wenn es um Pink Floyd geht, keine neutrale Instanz. Eher das Gegenteil. Ich inhaliere die Musik der Briten seit mehr als drei Jahrzehnten, und wenn es möglich wäre, würde ich sie mir in höchstmöglicher, medizinisch gerade noch zu verantwortender Dosierung intravenös verabreichen lassen. Ich verehre das Songwriting von Roger Waters, das sanfte, kristallklare und messerscharf-präzise Gitarrenspiel von David Gilmour; und ich liebe es, in den sphärischen Klangteppichen zu versinken, die Richard Wright mit Keyboards, Orgeln und Piano kunstvoll gewebt, geknüpft, geklöppelt und ausgerollt hat.
Kurzum: Ich bin Fan – was bei der Besprechung eines neuen Albums grundsätzlich zwei Gefahren birgt. Die eine: Das Gehörte zu glorifizieren. Die andere: Enttäuscht zu werden und die Enttäuschung persönlich zu nehmen.

Kein „Must Have“? – Doch!

Nun wurde lange kein Album mehr mit so viel Spannung erwartet und überhaupt noch nie eines über den Online-Versandhandel so häufg vorbestellt wie Pink Floyds „The Endless River„. Ihre erste Platte seit mehr als 20 Jahren. Seit „The Division Bell„. Eine musikalische Hommage an Rick Wright, die Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason im Gedenken an den 2008 im Alter von 65 Jahren verstorbenen Bandkollegen zusammengestellt haben. Extrahiert, gefiltert und ausgewählt aus rund 20 Stunden Material, das bei den „Bell“-Sessions übrig geblieben war. Etwas pietätlos ausgedrückt: „Rick’s Resterampe“. Wer Gilmour/Mason Böses will, könnte den Verdacht hegen: Da wollen sich zwei alternde Musiker mit einem lauwarmen Aufguss die Rentenkasse aufbessern. Zumal die PR-Kampagne der vergangenen Wochen und Monate sämtliche Register zog – die permanente Bewerbung über die sozialen Medien eingeschlossen. Manche Blitzkritik der vergangenen Tage las sich dann auch so bzw. hörte sich so an. Wenig spektakulär sei das Werk. Für eingefleischte Fans vielleicht ganz nett – für alle anderen nun wirklich kein „Must Have“. Nichts, worauf die Musikwelt gewartet habe.

„Play“ drücken und auf die Entschleunigungsspur einbiegen

An dieser Stelle Widerspruch, energischer! Denn erstens: Worauf genau wartet die Musikwelt eigentlich? Und zweitens: The Endless River“ ist alles andere als eine verspätete Zweitverwertung von Kompositionen, die vormals nicht gut genug waren. Es ist kein Recycling von Klang-Müll, sondern ein Album, das nahtlos an „The Division Bell“ anknüpft, zahlreiche Zitate aus früheren Veröffentlichungen enthält und musikalisch nichts weniger ist als schlicht und ergreifend GRANDIOS!
Gewiss: Die 18 Stücke haben nichts Revolutionäres, auch nichts Verstörendes wie die frühen Floyd-Alben „Atom Heart Mother“ und „Meddle“. Sie haben kein inhaltliches Konzept wie „Dark Side Of The Moon“ und „The Wall“. Sie haben keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen – und mit Ausnahme von „Talkin‘ Hawkin'“ und „Louder Than Words“ haben sie nicht einmal Text. „The Endless River“ ist weitestgehend ein Instrumental-Album, auf das der Titel perfekt passt. Die Kompositionen fließen dahin – gleichwohl nicht als Einheitsbrei. Sie bilden die Begleitmusik zu Sonnenuntergang an Rotwein und altem Gouda; zu Saunagang und Relax-Massage. Die CD einschieben und „Play“ drücken ist wie Einbiegen auf die Entschleunigungsspur.

Viele musikalische Selbstzitate

Rick Wright schleicht sich mit „Things Left Unsaid“ leisen Fußes in die Gehörwindungen; Gilmour webt mit feiner Hand ein dezentes Gitarrenmuster ein und Mason streichelt sein Schlagwerk in den ersten Album-Minuten ganz im Hintergrund. Doch das bleibt nicht so. Bei „Sum“ kreischt die E-Gitarre erstmals laut auf und die Bassdrum drängt mit Schmackes nach vorne, ehe Mason die Bandkollegen und deren Instrumente bei „Skins“ mit dynamischem Spiel vor sich her treibt. Zu „Anisina“ schaltet sich Gilad Atzmon mit dem Tenorsaxophon ein. Sofort ist man gedanklich bei „Us And Them“ vom legendären „Dark Side“-Album, das übrigens, wie auch das famose „The Great Gig In The Sky“ und Teile von „Shine On You Crazy Diamond“ aus der Feder von Rick Wright stammen. Dass Roger Waters den Keyboarder für künstlerisch so unterbelichtet hielt, dass er ihn während der Arbeiten an „The Wall“ schließlich sogar aus der Band drängte, ist im Nachhinein eigentlich nur durch persönliche Animositäten oder Waters‘ seinerzeit bedenklichen Gemütszustand zu erklären. Wie dem auch sei, Rick Wright hat weitere große Momente auf „The Endless River“. Bei „The Lost Art Of Conversation“ driftet sein Pianospiel vorübergehend in die Klassik ab, und die Orgel in „Autumn ’68“ könnte auch von Johann Sebastian Bach stammen. Großes Ohrenkino! Eingerahmt wird dieses Stück vom geteilten „Allons-Y (1)“ und (2), das eine Idee von „Run Like Hell“ vermittelt, ohne an dessen Monstranz und Aggressivität heran zu reichen. Dennoch – ein brillantes Eigenzitat.

Der Fluss fließt auch ohne viele Worte

Selbstverständlich ist die Frage legitim, ob etwas mehr Text dem Album nicht gut getan hätte – zumal Gilmours Stimme durchaus ähnlich charakteristisch ist wie sein unverwechselbares Gitarrenspiel. In Wahrheit aber fließt der Fluss auch ohne viele Worte und letztendlich vielleicht sogar harmonischer als mit Vocals. Die steuert einmal Stephen Hawking bei. Der britische Spitzenphysiker, in Folge seiner ALS-Erkrankung schwerstbehindert und nur noch per Sprachcomputer in der Lage, mit anderen zu kommunizieren, hatte schon „Keep Talking“ auf „The Division Bell“ bereichert. Diesmal erhält er quasi seinen eigenen Song: „Talkin‘ Hawkin‘„. Dass das Stück nicht nur aufgrund seiner mechanischen Stimme, sondern auch musikalisch an den gut 20 Jahre alten „Vorgänger“ erinnert, ist nur konsequent.

Das Holz im Kamin anzünden . . .

Das einzige echte Gesangsstück beschließt das Album, das es – für echte Fans – natürlich auch mit einigen Extras wie einer DVD in der hochwertigen Sammler-Box gibt. „Louder Than Words„, für das Gilmours Ehefrau Polly Samson die Lyrics geschrieben hat, ist eine schmalzweiche Ballade mit Ohrwurm-Faktor, die sich sanft an das Trommelfell kuschelt. Der perfekte Herbst-/Wintersong. Wer einen offenen Kamin hat, möge zuerst ein paar Holzscheite entflammen, ehe er die CD einlegt. Und er möge die alten Floyd-Platten schon einmal aus dem Regal ziehen. Denn der Drang, sie wieder mal einzulegen, nachdem der leider nicht endlose Fluss zu fließen aufgehört hat, ist unwiderstehlich.