Pink Floyds „The Endless River“ – von wegen „Rick’s Resterampe“!

Vielleicht dies vorweg – damit ihr wisst, woran ihr seid: Ich bin, wenn es um Pink Floyd geht, keine neutrale Instanz. Eher das Gegenteil. Ich inhaliere die Musik der Briten seit mehr als drei Jahrzehnten, und wenn es möglich wäre, würde ich sie mir in höchstmöglicher, medizinisch gerade noch zu verantwortender Dosierung intravenös verabreichen lassen. Ich verehre das Songwriting von Roger Waters, das sanfte, kristallklare und messerscharf-präzise Gitarrenspiel von David Gilmour; und ich liebe es, in den sphärischen Klangteppichen zu versinken, die Richard Wright mit Keyboards, Orgeln und Piano kunstvoll gewebt, geknüpft, geklöppelt und ausgerollt hat.
Kurzum: Ich bin Fan – was bei der Besprechung eines neuen Albums grundsätzlich zwei Gefahren birgt. Die eine: Das Gehörte zu glorifizieren. Die andere: Enttäuscht zu werden und die Enttäuschung persönlich zu nehmen.

Kein „Must Have“? – Doch!

Nun wurde lange kein Album mehr mit so viel Spannung erwartet und überhaupt noch nie eines über den Online-Versandhandel so häufg vorbestellt wie Pink Floyds „The Endless River„. Ihre erste Platte seit mehr als 20 Jahren. Seit „The Division Bell„. Eine musikalische Hommage an Rick Wright, die Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason im Gedenken an den 2008 im Alter von 65 Jahren verstorbenen Bandkollegen zusammengestellt haben. Extrahiert, gefiltert und ausgewählt aus rund 20 Stunden Material, das bei den „Bell“-Sessions übrig geblieben war. Etwas pietätlos ausgedrückt: „Rick’s Resterampe“. Wer Gilmour/Mason Böses will, könnte den Verdacht hegen: Da wollen sich zwei alternde Musiker mit einem lauwarmen Aufguss die Rentenkasse aufbessern. Zumal die PR-Kampagne der vergangenen Wochen und Monate sämtliche Register zog – die permanente Bewerbung über die sozialen Medien eingeschlossen. Manche Blitzkritik der vergangenen Tage las sich dann auch so bzw. hörte sich so an. Wenig spektakulär sei das Werk. Für eingefleischte Fans vielleicht ganz nett – für alle anderen nun wirklich kein „Must Have“. Nichts, worauf die Musikwelt gewartet habe.

„Play“ drücken und auf die Entschleunigungsspur einbiegen

An dieser Stelle Widerspruch, energischer! Denn erstens: Worauf genau wartet die Musikwelt eigentlich? Und zweitens: The Endless River“ ist alles andere als eine verspätete Zweitverwertung von Kompositionen, die vormals nicht gut genug waren. Es ist kein Recycling von Klang-Müll, sondern ein Album, das nahtlos an „The Division Bell“ anknüpft, zahlreiche Zitate aus früheren Veröffentlichungen enthält und musikalisch nichts weniger ist als schlicht und ergreifend GRANDIOS!
Gewiss: Die 18 Stücke haben nichts Revolutionäres, auch nichts Verstörendes wie die frühen Floyd-Alben „Atom Heart Mother“ und „Meddle“. Sie haben kein inhaltliches Konzept wie „Dark Side Of The Moon“ und „The Wall“. Sie haben keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen – und mit Ausnahme von „Talkin‘ Hawkin'“ und „Louder Than Words“ haben sie nicht einmal Text. „The Endless River“ ist weitestgehend ein Instrumental-Album, auf das der Titel perfekt passt. Die Kompositionen fließen dahin – gleichwohl nicht als Einheitsbrei. Sie bilden die Begleitmusik zu Sonnenuntergang an Rotwein und altem Gouda; zu Saunagang und Relax-Massage. Die CD einschieben und „Play“ drücken ist wie Einbiegen auf die Entschleunigungsspur.

Viele musikalische Selbstzitate

Rick Wright schleicht sich mit „Things Left Unsaid“ leisen Fußes in die Gehörwindungen; Gilmour webt mit feiner Hand ein dezentes Gitarrenmuster ein und Mason streichelt sein Schlagwerk in den ersten Album-Minuten ganz im Hintergrund. Doch das bleibt nicht so. Bei „Sum“ kreischt die E-Gitarre erstmals laut auf und die Bassdrum drängt mit Schmackes nach vorne, ehe Mason die Bandkollegen und deren Instrumente bei „Skins“ mit dynamischem Spiel vor sich her treibt. Zu „Anisina“ schaltet sich Gilad Atzmon mit dem Tenorsaxophon ein. Sofort ist man gedanklich bei „Us And Them“ vom legendären „Dark Side“-Album, das übrigens, wie auch das famose „The Great Gig In The Sky“ und Teile von „Shine On You Crazy Diamond“ aus der Feder von Rick Wright stammen. Dass Roger Waters den Keyboarder für künstlerisch so unterbelichtet hielt, dass er ihn während der Arbeiten an „The Wall“ schließlich sogar aus der Band drängte, ist im Nachhinein eigentlich nur durch persönliche Animositäten oder Waters‘ seinerzeit bedenklichen Gemütszustand zu erklären. Wie dem auch sei, Rick Wright hat weitere große Momente auf „The Endless River“. Bei „The Lost Art Of Conversation“ driftet sein Pianospiel vorübergehend in die Klassik ab, und die Orgel in „Autumn ’68“ könnte auch von Johann Sebastian Bach stammen. Großes Ohrenkino! Eingerahmt wird dieses Stück vom geteilten „Allons-Y (1)“ und (2), das eine Idee von „Run Like Hell“ vermittelt, ohne an dessen Monstranz und Aggressivität heran zu reichen. Dennoch – ein brillantes Eigenzitat.

Der Fluss fließt auch ohne viele Worte

Selbstverständlich ist die Frage legitim, ob etwas mehr Text dem Album nicht gut getan hätte – zumal Gilmours Stimme durchaus ähnlich charakteristisch ist wie sein unverwechselbares Gitarrenspiel. In Wahrheit aber fließt der Fluss auch ohne viele Worte und letztendlich vielleicht sogar harmonischer als mit Vocals. Die steuert einmal Stephen Hawking bei. Der britische Spitzenphysiker, in Folge seiner ALS-Erkrankung schwerstbehindert und nur noch per Sprachcomputer in der Lage, mit anderen zu kommunizieren, hatte schon „Keep Talking“ auf „The Division Bell“ bereichert. Diesmal erhält er quasi seinen eigenen Song: „Talkin‘ Hawkin‘„. Dass das Stück nicht nur aufgrund seiner mechanischen Stimme, sondern auch musikalisch an den gut 20 Jahre alten „Vorgänger“ erinnert, ist nur konsequent.

Das Holz im Kamin anzünden . . .

Das einzige echte Gesangsstück beschließt das Album, das es – für echte Fans – natürlich auch mit einigen Extras wie einer DVD in der hochwertigen Sammler-Box gibt. „Louder Than Words„, für das Gilmours Ehefrau Polly Samson die Lyrics geschrieben hat, ist eine schmalzweiche Ballade mit Ohrwurm-Faktor, die sich sanft an das Trommelfell kuschelt. Der perfekte Herbst-/Wintersong. Wer einen offenen Kamin hat, möge zuerst ein paar Holzscheite entflammen, ehe er die CD einlegt. Und er möge die alten Floyd-Platten schon einmal aus dem Regal ziehen. Denn der Drang, sie wieder mal einzulegen, nachdem der leider nicht endlose Fluss zu fließen aufgehört hat, ist unwiderstehlich.

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7 Kommentare zu “Pink Floyds „The Endless River“ – von wegen „Rick’s Resterampe“!

  1. Hab’s mir gerade angehört und enttäuscht bis entsetzt, wie uninspiriert dieses Album ist. Der Endless River ist nur deshalb Endless, weil er ziellos umher mäandriert und am Ende immer wieder in sich selbst zurück fließt. Eigentlich ist es ein See. Kein Wasserfall, nicht mal eine kleine Stromschnelle.

    Wenn ich überlege, wie packend das große, Finale Gitarrenbrett auf The Division Bell ist, kann ich kaum glauben, dass Pink Floyd dieses Album mit Endless River rund 53 Minuten lang ausklingen lassen. Die Musik ist total emotionslos. Oder das Ende von Comfortably Numb – da leidet man doch körperlich mit. Ich habe mir die Tage erst Pulse angeschaut und kann von diesem Wahnsinns-Finale mit Comfortably Numb nicht genug bekommen. Ich könnte mir dieses Brett 30 Minuten lang anhören und würde am Ende vermutlich zitternd auf dem Boden liegen. Das fehlt auf Endless River total.

    Handwerklich ist das alles super, auch die Blu-Ray ist perfekt produziert. Aber die Musik hat mich nicht gekriegt. Ich hätte mir mehr Wut und Verzweiflung, Hoffnung und Liebe gewünscht, weniger selbstgefälliges und -gerechtes Geklimpere.

    Ich fürchte, Pink Floyd haben mit diesem Album gezeigt, dass ihre Zeit seit 20 Jahren vorbei ist. Du schreibst, dass man die alten Scheiben hören will, wenn Endless River dann doch sein Ende erreicht hat. Ich sehe das auch so, aber eher, weil ich den Beweis hören will, dass diese Band es auch mal besser konnte.

    Wenn es um opulente musikalische Werke geht, greife ich lieber zu „Atemlos“ (NICHT Helene!!!) oder „Sonne“ von Christopher von Deylens Schiller. Die Stücke darauf haben Wucht, Einfühlungsvermögen und tolle Stimmen. Und zum Entspannen gibt es Enya.

    • Lieber Stefan, das ist mir zu sehr Schwarz/Weiß. Und jeder Vergleich mit „Comfortably Numb“, einem der größten Rocksongs ever, everever, mit den gigantischsten Gitarren-Soli evereverevereverever ist ungerecht. Ich habe Pink Floyd auf der „Pulse“-Tour 1994 im Gelsenkirchener Parkstadion live gesehen – und was die Jungs da mit „Wish you were here“, „Comfortably Numb“ und „Run like hell“ für eine Zugabe abgefeuert haben, sucht in der Konzertgeschichte Seinesgleichen. Keine Frage.
      Eine Frage ist eher, mit welcher Erwartungshaltung gehe ich an so ein neues Album heran, über dessen Charakter im Vorfeld eigentlich alles gesagt ist: Es sollte eine Hommage an Richard Wright werden. Dessen sphärischen Tastenspiel finde ich ebenso wie Gilmours kristallklare Gitarre.
      Um es abzukürzen: Musik ist Geschmackssache – und das ist auch gut so. Mir gefällt’s – Dir nicht. Alles gut!

  2. Klar, Musik ist Geschmackssache. Trotzdem macht es (mir) Spaß, darüber zu diskutieren. 🙂

    Ich war auch in GE 1994 – es war in der Tat gigantisch (gekrönt durch die Videoaufzeichnung der Zusammenfassung unseres Auswärtsspiels in Köln, die ich dann zu Hause noch genießen konnte). Aber es war eben auch mein Maßstab an Pink Floyd, weil ich damals relativ wenig Kontakt zu der Band hatte. Ist vielleicht so ein Altersding. Ich kannte von Pink Floyd gerade mal Another brick in the wall und das Album Wish you were here. Die Sachen fand ich gut, die Songs Wish you were here und Shine on… fand ich grandios.

    Und dann kam „The Division Bell“ heraus und – peinlich, peinlich – „Take it back“ wurde durch die VW-Werbung bekannt und ich somit darauf aufmerksam. ich kaufte das Album und es erinnerte mich an die alten Oldfield-Sachen, nur viel moderner und mit mehr Bombast und noch virtuoser. High Hopes… Manche mögen es schmalzig nennen, ich finde es geil!

    Erst danach habe ich mir das Frühwerk von Pink Floyd erarbeitet und habe dann natürlich Dark Side… und The Wall total verinnerlicht und einige andere Sachen entdeckt, die ich auch jetzt noch gut finde. Aber im Gegensatz zu dir hat mich ihr Gesamtwerk nie umgehauen. Diesen Platz besetzen bei mir die Beatles, Depeche Mode, Die Ärzte, Queen und bis zu einem gewissen Grad Sparks (die ich noch später kennen und lieben gelernt habe, aber das ist eine andere Geschichte).

    Langer Rede, kurzer Sinn: Vielleicht habe ich den falschen Maßstab an das Album angelegt. Vielleicht hatte ich zu hohe oder einfach falsche Erwartungen. Das Album wird jetzt auch sicherlich nicht im Schrank verstauben.

  3. 6:1 in Köln, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Andy Möller überragend. Und am Ende der Saison die erste Meisterschaft seit 32 Jahren. Zurück zur Musik: Ich finde, auf „The Divison Bell“ gibt’s etliche tolle Stücke. Einer meiner Favourites ist „Coming back to life“ – die Gitarrensoli sind großartig. The Wall habe ich zweimal live gesehen – leider nicht Anfang der 80er. Dafür aber an Roger Waters‘ 70. Geburtstag in Düsseldorf gemeinsam mit meinen beiden Söhnen. Und David Gilmour habe ich solo im Konzerthaus Dortmund gesehen. Etwas Infernalischeres als die „Echoes“-Version, die er dort gespielt hat, habe ich selten gehört und gesehen. Will sagen: Ich verbinde mit Pink Floyd so viele wunderbare Momente, dass ich sie vermutlich auch dann noch toll finden würde, wenn sie eine Coverversion von „Atemlos“ spielten.

    • Die Setlist in GE war übrigens völlig anders als die, die später als „Pulse“ ihren Weg auf CD und DVD fand. Siehe: http://www.setlist.fm/setlist/pink-floyd/1994/parkstadion-gelsenkirchen-germany-7bd64280.html

      Aber ich war damals echt überwältigt. Und eigentlich war ich nur auf dem Konzert, weil ich a) in der WAZ einen Bericht über das Konzert in Köln gelesen hatte und b) ein Freund fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm zum Konzert nach GE zu fahren. Die Karte kostete für damalige Verhältnisse astronomische 63 Mark.

      Ein paar Wochen später übertrug Premiere dann ein Konzert aus den Earl’s Court – mit der Pulse-Setlist. Die erste halbe Stunde lief unverschlüsselt. Ich habe da gehockt und den Ton der Übertragung durch meinen Equalizer laufen lassen und dann wunderbar aufgemotzt auf zwei Tapes aufgenommen. Die Kassette lief bei mir rauf und runter. Ich find’s aber immer noch schade, dass es keine Aufzeichnung der Setlist gibt, die sie u.a. in GE gespielt haben.

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