Die Anti-Stau-Maut – oder: Wenn Wissenschaftlern langweilig ist

Manchmal denke ich: In Berlin ist 365 Tage im Jahr der 1. April. Dann wieder denke ich: Vielleicht liegt’s auch einfach an der Berliner Luft, Luft, Luft. Dass sich da also im Feinstaub neben dem Gummiabrieb der Taxireifen und den pulverisierten Bremsbelägen der Politiker-, Diplomaten und Andere-Wichtige-Menschen-Dienstkarossen womöglich auch noch die eine oder andere bewusstseinserweiternde Substanz befindet. LSD oder so.

Jedenfalls: Was sich so mancher ministeriale Spitzenbeamte oder wissenschaftliche Berater am Schreibtisch im stillen Kämmerlein ausdenkt, ist so gaga, dass man einen nüchternen Zustand definitiv ausschließen kann.

Jüngstes Beispiel: DIE STAU-MAUT!

Okay, okay, so jung ist das Beispiel gar nicht mehr. Es ploppte am Montag dieser Woche so plötzlich auf wie morgens um 7.30 Uhr auf der A40 zwischen Bochum-Stadion und Gelsenkirchen-Süd quasi aus dem Nichts 15 km Stop-and-Go entstehen. Drei Tage ist das also her, und drei Tage sind in der durchdigitalisierten Echtzeit-Medienwelt so viel wie im 20. Jahrhundert mal drei Wochen waren. Aber sorry, ich habe diese drei Tage benötigt, um mittels aufwändiger Recherche herauszufinden, dass die das tatsächlich ernst meinen.

Wenn ich also künftig mit dem Berufsverkehr morgens von Dortmund nach Essen und abends von Essen zurück nach Dortmund stopandgoe, bin ich nicht genug damit gestraft, dass ich für die 44 km von der Haustür bis zum Büro zwischen 1:15 und 1:30 Stunden benötige und der Knorpelschaden im linken (Kupplungs-)Knie immer schlimmer wird. Nein, ich soll künftig auch noch eine höhere Maut zahlen als wenn ich – sagen wir mal – um 11 und um 22 Uhr fahren würde. Ausgedacht hat sich das (nicht ganz alleine, das schafft kein Mensch!) der Freiburger Wirtschaftsprofessor Günter Knieps, der im Wissenschaftlerbeirat des Wirtschaftsministeriums (und da sind wir dann wieder in Berlin) ein entsprechendes Gutachten erstellt hat. Credo: Wer meint, er müsse unbedingt zur Stoßzeit fahren, soll für diesen unerträglichen Egoismus dann eben auch mehr zahlen. Durch so eine INTELLIGENTE MAUT könne man das Verkehrsaufkommen glätten.

Lieber Herr Knieps, ich MEINE nicht, mit dem Berufsverkehr zur Arbeit fahren zu müssen. Ich bin an etwas gebunden, das man ARBEITSZEITEN nennt. Das ist wie früher in der Schule. Man kommt und geht nicht, wann man will. Sondern wenn’s klingelt. Oder gongt. Gut, vielleicht können sie als Wissenschaftler das gar nicht wissen. Aber dann wissen sie’s halt jetzt! Und wenn wir gerade dabei sind, nehmen sie doch vielleicht auch dies zur Kenntnis: Hier im Ruhrgebiet muss man durch so eine Abschreckungs-Maut nicht die Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs erhöhen. Weil mehr als 150 Prozent Auslastung nämlich gar nicht geht. Versuchen Sie mal morgens zwischen 7 und 9 Uhr am Dortmunder Hauptbahnhof in einen Regionalexpress Richtung Essen zu kommen. Dann werden sie feststellen, dass es deutlich einfacher ist, sich zu den Ölsardinen in eine Büchse zu zwängen.

Mit der Stau-Maut nicht genug. Die Superhirne des Wissenschaftler-Beirates haben sich, mutmaßlich aus Langeweile, auch schon über weitere INTELLIGENTE Steuerungssysteme Gedanken gemacht. So könnte der Strom teurer werden, wenn viele ihn nutzen. Zum Beispiel mittags, wenn Millionen Kinder aus der Schule kommen und die Mama zu Hause das Essen kocht. Oder abends um 20 Uhr, wenn Millionen Menschen die „Tagesschau“ gucken, um von Herrn Professor Günter Knieps zu erfahren, dass sie jetzt gerade besser nicht gucken würden, weil der Strom eigentlich viel zu teuer ist. Viel günstiger wäre es doch, die Nachrichtensendung nachts um 2 Uhr einzuschalten. Okay, 3 Uhr ginge auch. Oder 4.

Klar, man könnte jetzt auch noch die technische Umsetzung dieser Albernheiten hinterfragen. Wie wird das alles gemessen, kontrolliert – und was hat das ganze Messen und Kontrollieren eigentlich noch mit Datenschutz und Privatsphäre zu tun. Vielleicht schickt man die Wissenschaftler aber auch einfach mal zur Kur an die See. Frische Luft schnappen. Ohne Feinstaub und LSD. Das könnte schon helfen. Siehe Verkehrsminister Alexander Dobrindt: Der stammt aus Bayern, wo die Luft sauberer ist. Die Berliner Luft schnuppert er noch nicht soooo lange. Und Dobrindt, immerhin, hält die Pläne für Quatsch.

Zum Thema:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/strassenverkehr-oekonomen-schlagen-anti-stau-maut-vor-13269203.html

http://www.spiegel.de/spam/satire-bei-spiegel-online-dobrindt-fuer-analoge-stau-maut-a-1003757.html

http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/5725244/oekonomen-fordern-die-stau-maut.html

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