Brutal Stark ausgebremst

Ich bin ein großer Freund der Selbstkritik. Wenn’s nicht so läuft wie’s eigentlich sollte, ist man gut beraten, die Gründe dafür zuerst bei sich selbst und erst dann bei anderen zu suchen. Das gilt im Sport wie in allen Lebenslagen.
Borussia Dortmund hat die Fähigkeit zur Selbstkritik in den zurückliegenden Monaten unter Beweis gestellt. Die Verantwortlichen haben das bislang völlig indiskutable Abschneiden in der Fußball-Bundesliga intern analysiert, haben keine Keile zwischen sich treiben lassen, sind vielmehr noch ein weniger enger zusammengerückt – wenn das bei Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp denn überhaupt noch möglich ist. Sie haben keinen Voodoo-Zauber, keinen bösen Fluch oder gar unfreundliche Schiedsrichter als Ursache ausgemacht, sondern neben gigantischem Verletzungspech auch eigene Fehler und Versäumnisse im Spiel.
So weit – so gut. Irgendwann aber stößt du mit der Fehlersuche in den eigenen Reihen an Grenzen. Dann nämlich, wenn ganz offenkundig andere die Fehler machen, die dir selbst Probleme bescheren. Und so wird dem BVB der Blick auf eigene Versäumnisse nach dem enttäuschenden 2:2 in Paderborn wenig weiterhelfen. Hinweise wie „Wer als Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer bei einem Aufsteiger eine 2:0-Führung verspielt, ist selbst Schuld“, die gestern in Online-Foren und sozialen Medien schnell die Runde machten, sind so richtig wie sie in diesem konkreten Fall falsch sind.
Denn Borussia Dortmund hat die 2:0-Führung nicht verspielt. Sie wurde ihm verspielt. Vom Schiedsrichter. Von Wolfgang Stark.
Keine Frage: Es ist schwer verständlich, dass der BVB, der die erste Halbzeit komplett dominiert und kontrolliert hatte, nach der Pause 15 Minuten lang die Zügel schleifen, Paderborn ins Spiel und zum 1:2-Anschlusstreffer kommen ließ. An dieser Stelle muss Jürgen Klopp dringend den Hebel ansetzen, zumal solche Spielentwicklungen durchaus ein Muster aufweisen. Wie auch die Schwäche bei Standardsituationen, den eigenen wie den gegnerischen, ein Muster ist, an dessen Behebung man arbeiten kann und muss.

Die beiden entscheidenden Szenen aber beurteilten Wolfgang Stark und seine Assistenten falsch.

ERSTENS: Das brutale Foul, mit dem Marvin Bakalorz BVB-Stürmer Marco Reus vom Spielfeld direkt ins Krankenhaus grätschte, hätte zwingend einen Platzverweis zur Folge haben müssen. Stark selber sah das nach Ansicht der TV-Bilder so, und jede Diskussion darüber, ob eine Rote Karte die angemessene Strafe gewesen wäre, ist lächerlich. Angemessen wäre nach solchen Aktionen ohnehin nur eine Strafe: Den Verursacher so lange zu sperren wie der Gefoulte verletzungsbedingt ausfällt. Fakt ist jedenfalls: Paderborn hätte am Samstag ab der 65. Minute in Unterzahl spielen müssen.
Für Marco Reus ist es die dritte schwere Knöchelverletzung binnen weniger Monate, und mancher Fan wird sich an zwei andere brutale Fouls erinnert haben. 1999 grätschte der Bielefelder Uwe Fuchs an der Seitenauslinie Lars Ricken mit Anlauf direkt in den Spielertunnel. Dreifacher Bänderriss – eine Verletzung, von der Ricken sich nie wieder richtig erholt hat. Einige Jahre später wurde Sebastian Kehl zum Opfer von Bayerns Hasan Salihamidzic – und auch Kehl brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen. Man kann Marco Reus also nur die Daumen drücken, dass es ihn nicht ähnlich erwischt hat.
ZWEITENS: Der Treffer von Kevin Großkreutz zum 3:1 war regulär; Milos Jojic stand passiv im Abseits. Der Serbe griff in keinster Weise ins Spielgeschehen ein. Mit diesem Tor, zumal – siehe oben – in Überzahl, wäre die Partie gelaufen gewesen. Stattdessen glich Saglik quasi im Gegenzug nach einer Ecke aus. Aus der endgültigen Wende und dem Sprung ins Tabellenmittelfeld wurde ein weiteres Frusterlebnis.
Das wegzustecken und auch noch den Schock des neuerlichen Reus-Ausfalls zu verkraften, ist für Jürgen Klopp und seine Mannschaft eine noch größere Herausforderung, als selbst verschuldete Misserfolge zu analysieren und zu verarbeiten. Die Gesichter nach dem Spiel zeigten Züge von Resignation. Es wird schwer für den BVB, sich jetzt durchzuschütteln und bis zur Winterpause noch Schadensbegrenzung zu betreiben.
Dank Wolfgang Stark.

(Beitragsbild: Screenshot BVB-App)

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Ein Kommentar zu “Brutal Stark ausgebremst

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