Weidenfeller, Langerak und das Leistungsprinzip

Es ist noch keine sechs Wochen her, da machten ein paar Medien einfach mal ein Fass auf: Der BVB, so die Stoßrichtung, plane bereits die Zeit nach Roman Weidenfeller – und liebäugle daher mit einer Verpflichtung von Kölns Keeper Timo Horn. Oder von Frankfurts Keeper Kevin Trapp. Oder von Hannovers Keeper Ron-Robert Zieler. Oder von Hoffenheims Keeper Oliver Baumann. Oder von Freiburgs Keeper Roman Bürki. Oder . . . oder . . . oder. Als (fast) alle Zeitungen, TV-Kanäle und Online-Plattformen das Thema, das keines war, ordentlich durchgenudelt hatten, war so ziemlich jeder Torwart mit dem BVB in Verbindung gebracht worden, der glücklicherweise zwei Hände mit jeweils fünf Finger hat und obendrein über das motorische Geschick verfügt, sich Handschuhe darüber zu ziehen.

Zorc: „Ich weigere mich, eine Torwart-Diskussion zu führen“

Seit dem vergangenen Freitag wird eine andere, eine neue Diskussion geführt. Am vergangenen Freitag nämlich, im so-called „Schicksalsspiel“ gegen die TSG 1899 Hoffenheim, lief der Tabellenletzte Borussia Dortmund mit Mitch Langerak anstelle von Roman Weidenfeller auf. Jener Langerak, der in den Phantasiegeschichten der Vorwochen übrigens nur die Nebenrolle eines ewigen zweiten Mannes gespielt hatte, dem die Verantwortlichen von Borussia Dortmund wohl kaum zutrauten, jemals die Nummer eins zu werden. Das ging so lange, bis der „Kicker“ Ende November in der ihm eigenen Unaufgeregtheit den BVB-Sportdirektor Michael Zorc mit dem Satz zitierte, er weigere sich, eine Torwart-Diskussion zu führen, weil man ja schließlich „zwei der besten Torhüter der Liga unter Vertrag“ habe. Das Fachmagazin vermeldete sogar – und das macht der „Kicker“ für gewöhnlich nur, wenn er sich sehr sicher ist –, dass der 26-jährige Langerak den 34-jährigen Weidenfeller mittelfristig beerben soll.

Dass der Australier gegen Hoffenheim plötzlich zwischen den Pfosten stand, weil Jürgen Klopp „sein Lächeln auf dem Platz haben“ wollte (mit anderen Worten“: auf seine positive Ausstrahlung setzte), bedeutet noch lange nicht, dass aus dem „mittelfristig Beerben“ ein „sofort Beerben“ wird. Genau die Diskussion aber erhitzt seit Tagen die Gemüter. „Weidenfeller aufs Altenteil?“ – „Weidenfeller ausgemustert?“ – „War’s das für Weidenfeller?“ – so lauten die klick-trächtigen Schlagzeilen. Zudem wird heftigst darüber debattiert, ob es hygienisch in Ordnung war, dass Klopp seinen Weltmeister nicht unter vier Augen, sondern erst in der Mannschaftssitzung informiert hat. Kann man führen, diese Diskussion. Allerdings sollte sie dann nicht von ehemaligen Durchschnitts-Torhütern wie Gerry Ehrmann geführt werden, der am BVB ungefähr so nah dran ist wie Gibraltar an der Qualifikation für die EM 2018. Und auch nicht von Peter Neururer, der  . . . ach, lassen wir das. Der Peter hat’s gerade heute schon schwer genug.

Sportlich war der Wechsel richtig

Eine Diskussion, die man nicht nur führen KANN, sondern führen MUSS, ist die sportliche – und die kommt einmal mehr zu kurz. War der Torwartwechsel gegen Hoffenheim gerechtfertigt? Die Antwort lautet: allemal! War er vielleicht sogar nötig? Die Antwort lautet: offenbar ja! Denn Klopps Hinweis, Weidenfeller sei „nichts vorzuwerfen“, ist nett. Aber falsch.

Richtig ist: Roman Weidenfeller spielt bisher keine gute Saison. Auch wenn sein „Kicker“-Notendurchschnitt mit 2,96 (zum Vergleich: in den Meisterjahren 2010/11 und 11/12 lag er bei 2,76 bzw. 2,80) immer noch vergleichsweise okay ist. Nicht falsch verstehen, der Routinier ist ein toller Torwart. Auf der Linie sowieso. Im Duell Mann-gegen-Mann war er in den vergangenen Jahren einer der besten in ganz Europa. Sein Anteil an den Erfolgen von Borussia Dortmund in der Ära Jürgen Klopp ist maximal. In den beiden Meisterjahren war er der Rückhalt, und ohne Weidenfeller hätte der BVB das Champions-League-Endspiel 2013 wohl nicht erreicht. Dass Bundestrainer Joachim Löw, der dem Dortmunder lange Jahre die kalte Schulter gezeigt hatte, irgendwann nicht mehr an ihm vorbei konnte und ihn sogar als Nr. 2 in den WM-Kader berief, spricht für sich. Nur zur Erinnerung: Als sich Manuel Neuer im DFB-Pokal-Finale 2014 verletzte und eine zeitlang nicht ganz klar war, ob er rechtzeitig fit werden würde, sah es sogar so aus, als würde die DFB-Elf mit Roman Weidenfeller im Tor zumindest in das Turnier starten. Und wenn ich mich recht erinnere, gab es niemanden, der bei dem Gedanken daran sonderlich nervös geworden wäre.

Weidenfeller wirkt, als sei er mit den Gedanken noch auf der Fähre

So weit, so gut. Doch das alles ist Vergangenheit – und Fußball wird in der Gegenwart gespielt. Die Krise des BVB ist derzeit sogar allgegenwärtig. Und die Krise des BVB ist ein bisschen auch die Krise des Roman Weidenfeller, die ihren Ursprung möglicherweise ausgerechnet in der erfolgreichen Weltmeisterschaft hat. Denn seit Manuel Neuer in Brasilien das Torwartspiel neu erfunden hat, meinen alle deutschen Torhüter (in der Premier League und der Primera Division gibt es diesen Effekt nicht), sie müssten ihren Arbeitsort um 20 Meter nach vorne verlegen. Dort hin also, wo man den Ball, auch als Torwart, nicht mehr in die Hand nehmen darf. Dort, wo man ihn also mit dem Fuß spielen muss. Das kann der Manuel Neuer gut. Roman Weidenfeller nicht so. Weil er’s trotzdem ständig tut, entsteht Unruhe und Unordnung in der Defensive. Das Vertrauen der Mitspieler in den letzten Mann leidet. Und wenn der dann auch noch so gravierend patzt wie vor dem entscheidenden 1:2 in Köln und dem 0:2 in Frankfurt, dann gerät eben auch ein Weltmeister in die Kritik. Weidenfeller wirkt, um es auf den Punkt zu bringen, seit der WM unkonzentriert und fahrig. So, als pendele er mit den Gedanken immer noch mit der Fähre zwischen dem Campo Bahia und dem Festland.

Entscheidungsgrundlage: das Leistungsprinzip 

Wenn Jürgen Klopp sich vor dem Hoffenheim-Spiel gegen Weidenfeller und für Langerak entschieden hat, dann nicht nur aus einem „Bauchgefühl“ heraus. Auch nicht, weil der australische Sonnyboy so fröhlich lächelt. Sondern weil das Leistungsprinzip aktuell für diesen Wechsel sprach. Wohlgemerkt: aktuell – nicht für alle Ewigkeit. Weidenfeller hat eine schwächere Phase, die erste seit Jahren, eine Phase, wie auch Top-Top-Torhüter sie mal haben, aber Borussia Dortmund wird seine Klasse und Erfahrung noch brauchen. In die Zukunft gedacht, gibt es allerdings keinen einzigen Grund, anzunehmen, dass Mitch Langerak den Job im Kasten des BVB nicht mindestens genau so gut erledigen würde wie Horn, Baumann, Bürki, Zieler, Trapp . . .

AKTUALISIERUNG (11.12., 14:00):

In der Pressekonferenz zum Spiel in Berlin hat BVB-Trainer Jürgen Klopp gerade angekündigt, dass Mitch Langerak – „sofern nichts Außergewöhnliches passiert“ – bis zur Winterpause die Nummer eins im Tor von Borussia Dortmund bleiben wird. „Ich hatte gestern“, so Klopp, „ein langes und gutes Gespräch mit Roman Weidenfeller und bin die bisherige Saison mit ihm durchgegangen. Wir arbeiten seit vielen Jahren gut und vertrauensvoll zusammen, und er hat jetzt schon damit begonnen, den Kampf um den Platz im Tor aufzunehmen. In der Wintervorbereitung geht’s von vorne los!“

(Beitragsbild: Screenshot Sport1/facebook)

Links zum Thema:

http://www.sueddeutsche.de/sport/nationaltorwart-beim-bvb-klopp-opfert-weidenfeller-1.2257916

http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/617003/artikel_weidenfeller_eine-frage-des-stils.html

http://www.kicker.de/news/video/1541463/video_klopp-sauer-wegen-weidenfeller-debatte.html

http://www.derwesten.de/sport/fussball/bvb/klopp-hat-mit-der-t-frage-beim-bvb-probleme-geschaffen-id10125279.html

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Ein Kommentar zu “Weidenfeller, Langerak und das Leistungsprinzip

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