Der erste Satz. Wird überschätzt.

(Beitragsbild: Screenshot Spiegel-Online)

Kurt-David Roger hatte mal wieder nur mit einem Ohr hingehört, dem linken, denn das rechte war noch tief in sein weiches Daunenkissen versenkt. Er hatte folgerichtig nur die Hälfte von dem, was schon gesagt worden war, verstanden. Wobei er grundsätzlich und offensiv die Ansicht vertrat, dass es eine durchaus bemerkenswerte Leistung sei, zumal für einen Mann, um diese Uhrzeit und vor dem ersten Kaffee überhaupt etwas wahrzunehmen. Es war 06:46 Uhr, der Radiowecker auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett war gerade angesprungen und auf WDR 5, dem Wortprogramm des Westdeutschen Rundfunks, von dem er sich wecken ließ, weil er im morgendlichen Dämmerzustand sehr viel besser Menschen ertragen konnte, die redeten, als solche, die 80er-Jahre-Hits sangen, sprach eine Frau, vermutlich die Moderatorin, mit einem Mann, vermutlich ein Verleger.

Es ging um Bücher. Wohl, weil in Frankfurt gerade die Buchmesse begann. Und ums Lesen. Darum, wer überhaupt noch liest. Und warum auf Papier. Wo es doch E-Books gab und die viel komfortabler waren. Und es ging ums Schreiben. Darum, dass immer mehr Menschen schreiben. Allein im vergangenen Jahr, sagte der Mann, und die Frau quittierte es mit einem erstaunten „Ach, ja?!“, seien zehntausend neue deutschsprachige Romane erschienen. Das seien, nur um das mal in Relation zu setzen, fast doppelt so viele wie zu Beginn des neuen Jahrtausends.

Kurt-David versuchte, dem Gespräch zu folgen, die genannten Zahlen nachzuvollziehen und den Anstieg in Prozenten auszurechnen, gab aber bald auf. Für derlei geistige Höchstleistungen war es deutlich zu früh und Mathematik ohnehin nicht seine Spezialdisziplin. Außerdem kam ihm gerade ein ganz anderer Gedanke, der ihn zusätzlich verwirrte. Tags zuvor erst hatte die OECD ihre Erwachsenen-Bildungsstudie vorgestellt, und danach war der gemeine Deutsche zwar des Lesens mächtig, gleichwohl häufig überfordert damit, das gedruckte oder digitalisierte Wort auch zu verstehen. Ganz anders als, zum Beispiel, der gemeine Finne und Japaner. Viel sinnvoller wäre es doch, dachte Kurt-David Roger also, wenn all die deutschen Autoren ihre Bücher gleich auf Finnisch oder Japanisch veröffentlichen würden. Dann hätte wenigstens jemand etwas davon. Einen Erkenntniszugewinn zum Beispiel.

Im Radio war der Mann, der sich inzwischen als Talentscout eines renommierten Buchverlages zu erkennen gegeben hatte, inzwischen dabei, mit sorgfältig gewählten Worten die nächste Frage zu beantworten. Noch viel mehr Bücher als jedes Jahr neu erscheinen, sagte er, würden jedes Jahr gar nicht erst geschrieben, weil, ja weil die Autoren oder die Menschen, die gerne Autoren wären, stunden-, manchmal tage- oder sogar wochenlang über dem ersten Satz brüteten, dabei mehr und mehr verzweifelten, schließlich kapitulierten und ihren Plan aufgaben.

Das war etwas, das Kurt-David Roger noch nie verstanden hatte: dieses Getöse um den ersten Satz. Literaturkritiker blähten sich auf, bis sie beinahe platzten – und vernichteten im Handstreich voluminöse Werke von mehreren hundert Seiten, in denen mehrere Monate oder Jahre Arbeit steckten, nur weil ihnen der erste Satz nicht gefiel. Ganze Abhandlungen gab es deshalb darüber, wie man einen guten ersten Satz formuliert. Was wiederum unterstellt, dass es Menschen geben muss, die von sich behaupten, zu wissen, was ein guter erster Satz ist. Regalkilometerweise Fachliteratur beschäftigen sich mit Roman-Einstiegen. Mehrteilige Ratgeber-Bände. VHS-Seminare, Schreibwerkstätten und Autoren-Workshops. Es schien ihm, als würde eine durchaus signifikante Menge wodurch auch immer dazu qualifizierter Menschen auskömmlich davon leben, einer noch viel größeren Menge offenkundig nicht qualifizierter Menschen beizubringen, wie man einen ersten Satz so schreibt, dass die Kritiker nicht platzen und die potenziellen Käufer das Buch nicht gleich wieder zuklappen und zurück auf den Haufen mit den anderen neuntausendneunhundertneunundneunzig Neuerscheinungen legen. Statt ihnen, was zugegebenermaßen kein auf langfristigen Erfolg angelegtes Geschäftsmodell gewesen wäre, unmissverständlich klar zu machen, dass sie komplett talentfrei sind.

Als hätten sich Goethe, Kafka und Brecht, Tolkien und Rowling jedes Mal den Kopf über den Texteinstieg zerbrochen. Eine absurde Vorstellung, wie sie da sitzen und Blatt Papier um Blatt Papier zerknüllen. Nein, nein, sie hatten sich, davon war Kurt-David Roger jedenfalls fest überzeugt, mit einer glasklaren Idee im Kopf an ihren Schreibtisch gesetzt, die Feder ins Tintenfass getaucht oder den PC hochgefahren – und zu schreiben begonnen. Weil sie es konnten. Und wer das nicht konnte, dachte Kurt-David, wem also partout kein erster Satz einfallen wollte, der sollte diesen vermaledeiten ersten Satz doch einfach weglassen. Und mit dem zweiten Satz beginnen. Das wollte er gerne mal erleben: Dass so ein aufgeblähter Literaturkritiker ein Buch aufschlägt – und keinen ersten Satz findet. Weil dort, wo der stehen müsste, nichts steht. Oder schon der zweite Satz. Das wäre ja nichts weniger als eine Revolution in der Schriftstellerei. Ein Bruch mit den ehernen Gesetzen der angewandten Literaturproduktion.

Mittlerweile zeigte das LED-Display des Radioweckers 06:53 Uhr an und Kurt-David Roger musste sich mit dem Aufstehen beeilen. Nicht, dass ihn irgend jemand oder irgend etwas treiben würde. Sieht man einmal von dem dringenden Bedürfnis nach einem starken Kaffee ab. Aber um Punkt 06:55 würde auf WDR 5 die Morgenandacht folgen, und wenn Kurt-David zu dieser Stunde etwas noch weniger ertragen konnte als 80er-Jahre-Hits, dann war es der bedeutungsschwere Singsang eines Pfarrers, dessen moralischer Zeigefinger aus dem Radio gekrochen kam, sich lang und länger machte und dem Hörer fies in die Brust piekste (…).

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