Die Advents-WM 2022 in Katar: Eine Wutrede!

(Beitragsbild: Screenshot http://www.fifa.com)

Um das eingangs gleich mal klar zu machen: Das eigentlich Fatale an der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist nicht, dass sie nun im Herbst/Winter stattfinden wird. Das eigentlich Fatale ist nicht, dass die Ligen weltweit und die Profiklubs, die in ihnen spielen, durch die Verschiebung vor Billionen Probleme gestellt werden, deren Bewältigung sie Millionen Euro kosten wird. Das eigentlich Fatale ist nicht einmal, dass Trainer und Spieler die Fehlplanung letztlich ausbaden müssen. Es ist auch nicht fatal, dass Public Viewings statt bei Pils und Pommes unter sommerlicher Sonne nun wohl bei Glühwein und Lebkuchen unter schweren Schneewolken stattfinden müssen. Denn seien wir mal ehrlich: Die Interessen der Fans spielen in den Planungen des Fußball-Weltverbandes schon lange keine Rolle mehr. Fans sind ein notwendiges Übel. Betonung auf „Übel“.

Nicht der Zeitpunkt ist das Fatalste, sondern die Vergabe an sich

Nein, das wirklich Fatale an der WM 2022 ist und bleibt, dass sie in Katar stattfindet. In einem Land, das Menschenrechte mit Füßen tritt. Das Arbeiter ausbeutet, um seine größenwahnsinnigen Phantasien auszuleben; sie auf Baustellen zu Tode quält. Ein Land, das Menschen ausgrenzt, weil sie einer anderen Religion als dem Islam angehören; weil sie als Frau statt als Mann zur Welt kamen; weil sie schwul oder lesbisch sind. Ein Land, das von freiheitlich-demokratischen Grundsätzen so weit entfernt ist wie die Menschheit von der Besiedelung des Mars‘. Ein Land, so klein wie Hessen. Man erinnere sich an 2006 – an die Sicherheitsdiskussionen im Vorfeld der WM in Deutschland. An die Bedenken der Experten und ihre Angst vor dem räumlichen Zusammentreffen rivalisierender Anhänger aus Deutschland und Polen, aus England und den Niederlanden. In Katar werden sich die Anhänger schon deshalb auf der Pelle hocken, weil es anders gar nicht geht. Immerhin aber darf man davon ausgehen, dass die Sicherheitskräfte, geübt darin, Paare festzunehmen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit küssen, schon beim Verdacht aufkeimender Aggressionen bedingungslos und radikal eingreifen werden. Spätere Peitschenhiebe nicht ausgeschlossen.

Das Hitzeproblem „übersehen“? – Lächerlich! 

Es ist praktisch nicht möglich, über die WM 2022 zu schreiben, ohne dabei in Rage zu geraten. Wie kann ein Sportverband – und die Fifa ist bedauerlicherweise weder der erste noch der einzige – überhaupt ernsthaft in Erwägung ziehen, sein wichtigstes Turnier an ein solches Land zu vergeben?! Und wie können die Spitzenfunktionäre einer Ausdauer-Sportart wie Fußball „übersehen“, dass die Idee, eine WM in einem Land zu spielen, in dem zum Turnier-Zeitpunkt Außentemperaturen zwischen 40 und 50 Grad herrschen (wohlgemerkt: Celsius – nicht Fahrenheit), vielleicht nur mittelgut ist?! Sie können das nur – und das ist die allereinzigste aller denkbaren Erklärungen –, weil die Scheichs kübelweise Kohle ausgeschüttet haben.

Schon aus diesen Gründen gibt es nur eine Möglichkeit, mit der WM 2022 in Katar umzugehen: sie ignorieren!

Aber auch aus anderen, untergeordneten Gründen. Die ergeben sich aus dem unfassbar kreativen Ausweg, den eine Expertenkommission jetzt nach einer sechsmonatigen (!) Phase intensivsten Nachdenkens empfohlen hat: der Verlegung der WM vom Sommer in den Herbst/Winter. Vom 26. November bis zum 23. Dezember 2022 soll das Turnier demnach stattfinden. Bedeutet: Um die übliche und zweifelsfrei auch notwendige dreiwöchige Vorbereitung der Nationalmannschaft zu gewährleisten, müssen Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal Ende Oktober den Spielbetrieb einstellen. Bedeutet aber auch: Die sieben Wochen, die dann fehlen, müssen die Ligen und Verbände irgendwie wieder reinholen – also vorziehen oder hinten dran hängen. Bedeutet wiederum: Entweder beginnt die Saison 2021/22 nach verkürzter Sommerpause deutlich früher als sonst – was zur Folge hätte, dass viele, viele Fans noch in den Sommerferien sind. Oder sie dauert deutlich länger als sonst – was bedeutet, dass viele, viele Fans schon in den Sommerferien sind. Oder man verzichtet auf die Winterpause – was den WM-Teilnehmern allerdings nicht zuzumuten ist. Andererseits: Schließt sich an die WM-Pause auch noch eine Winterpause an, hätten die Nicht-WM-Teilnehmer von Ende Oktober bis Ende Januar drei Monate spielfrei. Mitten in der Saison. Das ist gaga!

König Fußball stürzt auch andere Sportarten in Probleme

Zu den Terminproblemen der Fußballer kommen Terminprobleme, die sich für andere Sportarten durch die Überschneidungen ergeben. Biathleten, Bobfahrer, Skiläufer und -springer und deren Sponsoren werden schwer begeistert sein, wenn das Fernsehen im November/Dezember 2022 flächendeckend Fußball überträgt und seine Zuschauer in Sachen Wintersport auf die Livestreams im Internet verweist. Und was ist mit den unteren Spielklassen. Spielen zweite und dritte Liga und Amateure weiter – dann vermutlich vor leeren Rängen, weil die Zuschauer lieber WM gucken?

Advent: Zeit der Besinnung und der Elfmeterschießen

Und schließlich: Der Dezember ist Adventszeit. Zeit, die viele Menschen in der christlichen Welt gerne mit der Familie verbringen. Eine Zeit, in der es heute schon schwer fällt, dem Stress ein paar Stunden der inneren Einkehr und Besinnung abzutrotzen. Ich freue mich jetzt schon auf die Diskussionen in den Familien, wenn Frau und Kinder über den Weihnachtsmarkt bummeln wollen und Papa sagt: „Geht leider nicht – bei der WM spielt der Iran gegen Nigeria.“ Warum eigentlich haben sich die Kirchen zum Mega-Schwachsinn einer Dezember-WM noch nicht geäußert. Warum hat der Papst, der sonst ja nicht einmal davor zurückschreckt, Tipps zur Kindererziehung zu geben, noch nicht Alarm geschlagen? Das würde zwar auch nichts ändern, weil Gott ja allenfalls ein abhängig Beschäftigter des allmächtigen Fifa-Chefs Sepp Blatter ist. Aber hören möchte man es doch!

Bevor mein Blutdruck deutlich über den oberen Grenzwert hinaus schießt: Es gibt nur einen Weg, mit dieser WM 2022 umzugehen. Man muss sie ignorieren!

Advertisements

Vor 10 Jahren: Der BVB und die „existenzbedrohende Situation“

Es war vor exakt zehn Jahren, am 17. Februar 2005, da fand im alten Presseraum des Signal Iduna Parks, der damals noch Westfalenstadion hieß, eine gespenstische Pressekonferenz statt. Borussia Dortmund hatte eingeladen, um einzugestehen, dass sich der Klub in einer „existenzbedrohenden Situation“ befand. Der dunkle Tiefpunkt der Ära Niebaum/Meier – aber, was damals noch niemand ahnen konnte, auch der Aufbruch in eine neue Zeit. In unserem Buch „Die Akte Schwarzgelb“, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 17. Februar 2005 in voller Länge. Eine Menge Lesestoff, aber die Lektüre relativiert Vieles von dem, was BVB-Fans heute als „Katastrophe“ bezeichnen.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei;

die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei.

(Karnevalslied von Jupp Schmitz *1901 – + 1991)

Beate Uhse hat sich um Deutschland verdient gemacht. Ohne diese mutige Frau, so viel steht fest, hätten wir alle deutlich weniger Spaß. Dafür hat Frau Uhse zu Lebzeiten verdiente Würdigungen erfahren. Apropos Spaß: Als solcher entpuppte sich Anfang 2005 auch die Ankündigung des Magazins „Der Spiegel“, Richard Orthmann, Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Beate Uhse AG, wolle mit wenigstens 5 % beim BVB einsteigen. Wohl, um die schwarzgelbe Aktie am Kapitalmarkt wieder sexy zu machen. Denn Herr Orthmann ist ein guter Bekannter von Herrn Homm.

Nun gut, der Erotikkonzern und Bälle: Da hätte sich mit vergleichsweise geringem Phantasieaufwand immerhin noch eine metaphorische Beziehung herstellen lassen. Aber Beate Uhse und Fußbälle… – Carsten Cramer, für Borussia Dortmund verantwortlicher Teamleiter bei der einflussreichen Vermarktungsagentur Sportfive, schüttelte denn auch ohne erst groß zu überlegen einigermaßen vehement den Kopf. Viel zu schlüpfrig, so eine Nummer. Er rate dringend ab.

Spaß machte die Meldung dennoch. Auch weil sie perfekt in die Zeit passte. Denn es war Ende Januar, und der Höhepunkt der närrischen Session stand unmittelbar bevor. Begonnen hatte sie drei Tage nach dem Elften im Elften mit Gerd Niebaums Rücktritt vom Präsidentenamt auf der Mitgliederversammlung. Was noch niemand ahnte, als das Uhse-Gerücht nach zwei vergleichsweise ruhigen Monaten neues Erregungspotenzial lieferte: Im Karnevalsmonat Februar sollten die Hormone komplett verrückt spielen. Erhöhte Adrenalinausschüttung.

Ein Monat, so turbulent wie die Prunksitzungen am Rhein. Die schiere Narretei. Mit dem dramaturgischen Höhepunkt am 9. Februar, dem Tag, an dem Gerd Niebaum auch als Geschäftsführer der KGaA das Handtuch warf. Es war – als hätte das Prinzenpaar Regie geführt – Aschermittwoch. Und es war alles vorbei. Jupp Schmitz, aus dessen Feder dieser bekannte Abgesang auf den Karneval stammt, hat übrigens noch ein anderes Lied geschrieben, das in der Ära Niebaum/Meier eigentlich zur neuen BVB-Vereinshymne hätte erklärt werden müssen: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt; wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld?“

Doch genug der verbalen Schunkelei. Die Fakten.

1. Februar 2005 – Eiskalt ausgekon:tert

Es sollten Profis ran. Am 12. November 2004, zwei Tage vor der Mitglieder- und – wichtiger noch – vier Tage vor der Aktionärsversammlung, präsentierte die Borussia Dortmund KGaA auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz stolz das Hilfsprogramm in eigener Sache. Projektname: Kon:ter. Fast 250 Seiten stark – Laufzeit: bis 2007/08. Erarbeitet worden war es gemeinsam mit der Münchener Metrum Managementberatung GmbH. Zweieinhalb Monate später wurde Metrum eiskalt ausgekon:tert.

Im Rückblick hatte es wohl vor allem psychologische Gründe, dass Gerd Niebaum und Michael Meier im November schnell noch ein Konsolidierungsprogramm auf die Schiene setzten. Den maßlos enttäuschten und gefährlich gereizten Anlegern sollte die Maßnahme signalisieren: Wir haben unsere Lektion gelernt. Wir sind nicht beratungsresistent. Wir holen uns externe Hilfe und sind bereit, alles zu unternehmen, um den havarierten Tanker BVB wieder flott zu machen. „Es ist ein Gebot der Stunde, mit einer externen Wirtschaftsberatung zusammenzuarbeiten“, sagte Niebaum.

Stärkung der Eigenkapitalbasis, Abbau des Schuldenbergs, Ergebnis-Verbesserung von 45 Mio. Euro pro Jahr. Vor allem aber die „Neustrukturierung“ der Stadionfinanzierung – im Klartext: Rückkauf des Stadions. Das waren die Kernpunkte des Programms. Die Beteiligungen (goool.de, hotellennhof, B.E.S.T. Reisebüro, Orthomed) sollten auf den Prüfstand, die Erlöse aus Ticketing und Catering gesteigert werden – will sagen: Aufschläge auf Eintrittskarten, Bier und Bratwürstchen. Niebaum bremste prompt: Eine Erhöhung der Kartenpreise schließe er kategorisch aus. Stefan Mohr, Metrum-Geschäftsführer, betonte, es seien „gewaltige Anstrengungen“ erforderlich, um 2005/06 ein ausgeglichenes Ergebnis vorweisen zu können. „Es geht jetzt darum, hier jeden Stein umzudrehen.“

Doch das wollte der BVB dann offenbar doch lieber alleine machen. Schon zu Jahresbeginn 2005 habe man sich „einvernehmlich darauf geeinigt“, so Meier, auf Hilfe von außen fortan zu verzichten. Begründung: Wir haben das Gutachten von Metrum ja vorliegen. Das arbeiten wir jetzt Punkt für Punkt ab. Dazu brauchen wir keine fremden Leute, das können wir schon alleine.“

Frei nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehen. Stefan Mohr ist über die Aussetzung des Mandats wenig erfreut. „Es ist doch klar, dass wir mit dieser Situation nicht ganz glücklich sind. Das operative Geschäft hätten wir in den Griff bekommen. Wir waren auf einem guten Weg und hätten gerne weitergemacht.“

Aus dem Hause BVB heißt es, Metrum habe Insiderinformationen an ausgewählte Medienvertreter weitergegeben…

2. Februar 2005 – Die schwarzgelben Pfandleiher

Die Enthüllung schlägt in der Fanseele ein wie ein Seitensprung der Liebsten mit dem besten Freund: Bereits im Spätsommer 2000, wenige Wochen vor dem Börsengang also, hat der BVB nach eigenen Angaben sechs, tatsächlich sogar sieben Markenrechte am Vereinslogo (beim Deutschen Marken- und Patentamt unter der Nummer 39758565 eingetragen) und –namen im Wege der Sicherungsübereignung an den Kölner Versicherungskonzern Gerling übertragen.

Das komplizierte Geschäft, das 20 Mio. Euro in die Kassen der KGaA spülte, funktionierte so: Der BVB verkaufte seine Sportbekleidungstochter goool.de an Gerling, sicherte sich aber nach dem Sale-and-lease-back-Verfahren die weitere Nutzung. Im Gegenzug musste die KGaA jährlich 1,4 Mio. Euro an Gerling zahlen. Eine reine Leasinggebühr, um den Namen der eigenen 100 %-Tochter goool.de weiter nutzen zu dürfen. Eine Tilgung war in der Summe nicht enthalten, der Eindruck, es handele sich um ein verkapptes Kreditgeschäft, so abwegig daher nicht.

Richtig spannend wurde es auf Seite 10 des 14 Seiten umfassenden Vertrages, den Michael Meier am 18. September 2000 unterschrieben hatte und der zwei Tage später in Kraft trat. Dort heißt es unter Ziffer IV, Sicherungsübereignung (Juristendeutsch für Verpfändung), wörtlich: „Die Lizenznehmerin überträgt zur Absicherung aller Ansprüche, die (…) aus und im Zusammenhang mit diesem Vertrag erwachsen können, ihre Marken im Hinblick auf den Vereinsnamen Borussia Dortmund und das Vereinsemblem.“

Auch damit noch nicht genug. Unter Ziffer III beinhaltete der Vertrag auf Seite 9 zusätzlichen Sprengstoff – eine so genannte Call-Put-Option. Danach konnten beide Vertragspartner das Geschäft erstmalig zum 30. Juni 2005 komplett rückgängig machen. Hätte Gerling diese Option gezogen, und die Gerüchte verdichteten sich Anfang 2005, hätte der BVB auf einen Schlag 20 Mio. Euro zurückzahlen müssen. Und weil er dazu nicht in der Lage gewesen wäre, hätte Gerling von den Markenrechten Gebrauch machen können.

Von den umstrittenen Inhalten abgesehen, stellte sich eine ganz andere Frage: Warum ließ sich der BVB im September 2000, sechs Wochen vor dem Börsengang, der rd. 270 Mio. D-Mark in die Kasse spülen würde, auf ein solches Geschäft überhaupt ein. Es gibt zwei mögliche Antworten: Erstens, weil der Klub schon damals finanziell klamm war, oder zweitens, weil er seine Bilanz für die Aktionäre aufhübschen wollte.

Interessant auch: Einflussreicher Großaktionär beim Gerling-Konzern, der die 20 Mio. Euro Frischgeld über Borussia ausschüttete, war dieselbe Deutsche Bank, die beim Börsengang des BVB als Konsortialführer fungierte und anfangs selbst ein dickes schwarzgelbes Aktienpaket hielt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

So sehr sich Niebaum und Meier („Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Fan-Seele ist insofern nicht betroffen, als der Vereinsname des e.V. nicht betroffen ist. Gerling kann selbst bei Pfandverwertung keinen Einfluss darauf geltend machen.“) nach Bekanntwerden auch bemühen, die Vertragsinhalte herunterzuspielen: Die Brisanz, die in diesen 14 Seiten Papier steckt, ist ihnen sehr wohl bewusst. Wie anders wäre es zu erklären, dass sie ihn so lange unter Verschluss gehalten haben. Selbst der neue Präsident Reinhard Rauball und die Gremien erfuhren erst im Januar 2005 von den Feinheiten des Gerling-Deals. Intern hat Rauball daraufhin getobt. Nach Bekanntwerden des Deals legt er sich auch öffentlich wenig bis keine Zurückhaltung auf. Rauballs Ankündigung muss Niebaum und Meier wie eine Drohung in den Ohren klingen: „Wir werden jetzt sehr emotionale Gespräche führen.“

Rückblende

19. Juni 2005 – Der verkaufte Stadionname

Die Verpfändung von Markenrechten an Logo und Namen war bereits der zweite Coup dieser Art, der die Anhänger von Borussia Dortmund auf die Palme brachte. Keine acht Monate zuvor, am 19. Juni 2004, hatten die Ruhr Nachrichten berichtet, dass der BVB das Namensrecht am Westfalenstadion bereits zu Jahresanfang für 4.310.344,83 Euro (inkl. MwSt. 5 Mio. Euro) an die Düsseldorfer Assunta Grundstücks-Vermietungsgesellschaft mbH, wie die Stadiongesellschaft Molsiris eine Tochter der CommerzLeasing und Immobilien AG, verkauft hat. Den entsprechenden Namensrechtsüberlassungsvertrag hatte Gerd Niebaum am 9. Januar 2004 unterschrieben. Die Unterschriften der Assunta-Bevollmächtigten datieren vom 15. Januar.

In dem Vertrag übertrug der BVB unter § 1 sein Recht, den Namen „Westfalenstadion Dortmund“ weltweit und exklusiv zu vermarkten, an die Assunta GmbH. Diese durfte den Namen auch zu Werbezwecken einsetzen, ihn ändern und sogar das Nutzungsrecht am Namen an Dritte übertragen. Vertragslaufzeit: bis 30. Juni 2008. Allerdings vereinbarten die Vertragspartner ein Rücktrittsrecht bis zum 30. Juni 2004. Als Sicherheiten trat der BVB die Ansprüche an den Transfererlösen für die Profis Andre Bergdölmo, Dede, Guy Demel, Niclas Jensen und Christian Wörns an Assunta ab. Zur Erinnerung: Den Vertrag unterschrieb Niebaum am 9. Januar 2004. Tags darauf hatte er in einem Interview mit den Ruhr Nachrichten erklärt: „Die Transferrechte wie auch die Transfererlöse sind nicht verpfändet. Sämtliche Transferrechte bis auf die von Conceicao liegen beim BVB.“

Auch diesmal blieben Fragen offen. Vor allem diese: Warum haben die Geschäftsführer ihren Aktionären nicht von der unverhofften Einnahme berichtet? Immerhin entsprachen die 5 Mio. Euro rund 10 % der Gesamtleistung, die die KGaA in der ersten Hälfte des damals laufenden Geschäftsjahres erwirtschaftete. Durchaus keine „Peanuts“ also.

Niebaum und Meier versuchten einmal mehr, das Geschäft klein zu reden. Eine Verwertung des Namensrechtes sei „während der Laufzeit nicht beabsichtigt“; Borussia sei weiterhin „wirtschaftlicher Eigentümer“ des Namensrechts; es handele sich um ein Geschäft von „vorübergehender Natur“. In einer vom BVB so genannten „Richtigstellung“ zum Bericht der Ruhr Nachrichten verbreitete Borussias gut geölte Dementiermaschine:

  1. Derzeit sei keine Umbenennung des Westfalenstadions geplant (Das hatte auch nie jemand behauptet);

  2. die Vereinbarung mit der Assunta GmbH stelle keinen endgültigen Verkauf des Namensrechts „Westfalenstadion“ dar (Auch das hatte nie jemand behauptet) und

  3. die Vereinbarung stehe „unter dem Vorbehalt des jederzeitigen Rücktritts durch Borussia Dortmund (Das wiederum war schlichtweg falsch – die Rücktrittsfrist endete am 30. Juni 2004).

Auf der BVB-Homepage erklärte Niebaum:

„Man muss unterscheiden, ob ich das Stadion wirklich umbenenne und damit den Nerv der Fans treffe, oder ob ich eine Vermögensposition wie das Namensrecht zur Verbesserung meiner Liquidität nutze, ohne das Stadion tatsächlich umzubenennen. Wir haben im Januar einen Vertrag mit vorläufigem Charakter geschlossen und damit einen Betrag von fünf Millionen Euro erhalten, der uns bis zum 30. Juni zur Verfügung steht. Wir haben ein Rücktrittsrecht vereinbart mit der klaren Absicht, von dieser Vereinbarung – die also ausschließlich den Charakter einer Zwischenfinanzierung hat – wieder Abstand zu nehmen. Deshalb war dieses Geschäft auch nicht zu publizieren.“

Was Börsenexperten durchaus ganz anders sahen.

In verständliches Deutsch übersetzt, bedeutete Niebaums Aussage nichts anderes, als dass der BVB Anfang 2004 mal wieder so klamm war, dass er um nahezu jeden Preis frisches Geld benötigte. Dafür, dass er ein halbes Jahr lang mit dem Assunta-Geld arbeiten konnte, musste er 6 % Zinsen zahlen. Wie knapp bei Kasse die KGaA tatsächlich gewesen sein muss, zeigt auch die Abwicklungsvereinbarung zwischen Assunta und dem BVB, nachdem Borussia tatsächlich zum 30. Juni 2004 vom Vertrag zurückgetreten war.

Niebaum und Meier mussten um Stundung bitten, die Assunta erklärte sich einverstanden und streckte die Rückzahlung der 5 Mio. Euro auf drei Raten über sechs Monate: je 1 Mio. Euro wären danach am 9. Juli und 30. September 2004 fällig gewesen, die restlichen 3 Mio. Euro am 30. Dezember. Eine Zinszahlung in Höhe von 244.833,33 Euro hingegen war sofort zu zahlen. Tatsächlich hat der BVB bis heute nicht die volle Summe zurück gezahlt. Assunta gehört zu den Gläubigern, die im Februar 2005 dem Sanierungskonzept zustimmten. Mit anderen Worten: Auch die vertraglich vereinbarten Rechte liegen nach wie vor bei der Assunta GmbH.

Wenige Wochen später, im September 2004, räumte Meier, ebenfalls gegenüber den Ruhr Nachrichten, ein, dass absehbar eine Gewerbesteuerzahlung an die Stadt Dortmund in Höhe von rd. 5 Mio. Euro fällig werde. Einschließlich Zinsen waren es exakt 5,6 Mio. Euro. Die Summe errechnete sich aus Gewinnen der Stadiongesellschaft, die das Westfalenstadion für 75,4 Mio. Euro an Molsiris verkauft und nur einen Teil des Erlöses, rund 42 Mio. Euro in den Ausbau reinvestiert hatte. Wie die RN erfahren hatten, war Meier in dieser Angelegenheit bereits im Sommer 2004 bei Dortmunds Stadtkämmerer Guntram Pehlke vorstellig geworden. Am 17. März 2005 schließlich stimmte der Rat der Stadt Dortmund einer Stundung der Gewerbesteuer bis 2006 zu. Sie war damit, drei Tage nach den Molsiris-Anlegern, der letzte Gläubiger, der die Ampel für das Sanierungskonzept auf Grün stellte.

Zurück im Karneval

3. Februar 2005 – Die Einschläge mehren sich

Es geht stramm auf Rosenmontag zu – und der BVB-Spitze fliegen die Negativmeldungen um die Ohren wie die Spitzen einer besonders bösartigen Büttenrede.

  • Das „Handelsblatt“ berichtet, der Londoner Finanzmakler Stephen Lloyd Schechter habe seine Beziehung zur Borussia, die faktisch nie über das Flirt-Stadium hinausgekommen war, nun endgültig beendet. Keine Millionen-Anleihe also.

  • Die „Financial Times“ hat erfahren, dass die Zulassungsstelle der Frankfurter Wertpapierbörse prüft, ob Borussia, indem sie den Gerling-Deal verschwieg, beim Börsengang gegen § 44 Aktiengesetz verstoßen hat.

  • Nach ersten betriebsbedingten Kündigungen zu Jahresbeginn feuert der BVB erstmals einen Top-Verdiener aus der mittleren Management-Ebene. Willi Kühne, Merchandising-Chef und Geschäftsführer von goool.de, bekommt die Papiere ausgehändigt. Er zieht vor das Arbeitsgericht und erstreitet eine Abfindung in Höhe von 275.000 Euro zuzüglich ausstehender Gehaltszahlungen in Höhe von 90.000 Euro. Dem Vernehmen nach hat Kühne („Ich bin 58. In meinem Alter finde ich so schnell nichts Neues“), der gerne beim BVB geblieben wäre, notfalls auch zu deutlich verringerten Bezügen, brutto mehr als 300.000 Euro im Jahr verdient.

  • Während Gerd Niebaum und Michael Meier die Mär von der gezielten Medienkampagne weiter stricken, wird Reinhard Rauball erstmals Opfer des Intrigenspiels hinter den Kulissen. Ausgerechnet in der Woche, in der die ersten Kündigungen bekannt werden, berichtet die Niebaum nahe stehende Sport BILD, Rauball werde für seine Rolle als sportlich Verantwortlicher, die Niebaum ihm im November 2004 buchstäblich aufs Auge gedrückt hat, mit 480.000 Euro fürstlich entlohnt. Gegenüber den Ruhr Nachrichten stellt Rauball am selben Tag klar: „Ich habe noch keinen Cent von Borussia bekommen und werde auch keinen Cent annehmen, solange die finanzielle Situation es verbietet.“ Sämtliche Rechnungen und alle Spesen zahle er aus eigener Tasche. Richtig sei, dass Niebaum ihm jenen Teil seines Gehaltes angeboten habe, den er selbst für den sportlichen Part kassiert hat – eben 480.000 Euro. Richtig sei auch, dass er, Rauball, die Entlohnung im Präsidialausschuss zur Diskussion gestellt habe. Hans-Joachim Watzke als Schatzmeister des e.V. bestätigt: „Wir haben sie ohne Rauballs Stimme mit 5:0 Stimmen abgesegnet.“

Die Ruhr Nachrichten erfahren zudem, dass Rauball sein Büro in der BVB-Zentrale wieder geräumt hat und neuerdings von seiner Kanzlei aus arbeitet. Grund: Der neue Präsident war wiederholt Opfer gezielter Indiskretionen geworden.

Für Niebaum und Meier tritt derweil der Super-GAU ein. Durch den Gerling-Deal hat die Krise eine neue Qualität erreicht. Sie hat das Bösenparkett verlassen und ist auf der Südtribüne angekommen. In den Internet-Foren, auf Seiten wie www.schwatzgelb.de oder www.westline.de, lassen Tausende Fans Dampf ab. Die schwarzgelbe Anhängerschaft ist auf dem Baum. Olaf Suplicki, stellvertretender Vorsitzender der von Rauball und Watzke befürworteten und nur einen Monat nach Rauballs Wahl zum Präsidenten gegründeten Fanabteilung, macht klar: „Es geht doch gar nicht darum, wer was mit der Marke BVB machen darf und wer was nicht darf. Es geht vielmehr darum, dass immer mehr Halb- und Unwahrheiten ans Tageslicht kommen. Und darum, dass wir 20 Jahre brauchen werden, um diesen Imageschaden zu reparieren. Was die Anhänger vor allem stört, ist die Tatsache, dass die Markenrechte im Sommer 2000 verpfändet wurden. Das heißt doch, dass Borussia schon vor dem Börsengang das Wasser bis zum Hals stand. Und es bedeutet, dass wir jahrelang an der Nase herumgeführt worden sind.“

4. Februar 2005 – Von Rasierwasser und Kaffeetassen

Reinhard Rauball gibt eine persönliche Erklärung ab, in der er seinen Verzicht auf eine Bezahlung erklärt. Auch deshalb, heißt es darin, „weil ich es unerträglich finde, dass in der Öffentlichkeit eine Verbindung hergestellt worden ist zwischen den erfolgten betriebsbedingten Kündigungen auf der einen und der mir angebotenen Entlohnung auf der anderen Seite“.

Niebaum und Meier l a s s e n mal wieder erklären – diesmal den Patent- und Markenrechtler Dr. Peter Ksoll. Der Experte bemängelt, dass die Begriffe „Markenrecht“ und „Recht am eigenen Vereinsnamen“ nicht trennscharf auseinander gehalten würden. Der BVB habe nicht seinen Namen und sein Logo verpfändet, sondern „Gerling vielmehr das Recht an bestimmten Marken sicherheitsübereignet“. Soweit die Wortklauberei. Dann wird Ksoll konkret: „Dies beinhaltet, dass Gerling Handelswaren oder die Verpackungen von Handelswaren mit den Marken versehen und vertreiben kann.“ Unter diesen Marken seien auch die Bezeichnungen „Borussia Dortmund“, „Borsigplatz“, „Borussia vom Borsigplatz“ und das BVB-Logo. Sollte die KGaA ihren Verpflichtungen aus der Vereinbarung mit Gerling nicht mehr nachkommen, „könnte Gerling nun hingehen, Produkte wie Rasierwasser, Krawatten, Kaffeetassen oder Aschenbecher“ mit einer dieser Marken versehen, auf eigene Rechnung verkaufen und Borussia im Merchandising-Geschäft Konkurrenz machen.

Der vermeintliche Ent- wird somit faktisch zum Belastungszeugen. Niebaum und Meier merken offenbar immer noch nicht, dass sie mit solchen wachsweichen Verlautbarungen und juristischen Spitzfindigkeiten alles nur schlimmer machen.

5. Februar 2005 – „Not for sale!“

Der BVB spielt in Hannover – und gewinnt 3:1. Die Fans feiern das Team und protestieren gegen die Geschäftsführung. „Not for sale“ steht auf einem überdimensionalen Spruchband. Nicht zu verkaufen. „Der Tropfen zu viel im Fass, jetzt spürt ihr unseren tiefsten Hass“ steht auf einem anderen. Auf unzähligen kleinereren Plakate steht „Niebaum raus“, „Meier raus“, „Es reicht“. Fußball ist Nebensache in der Hannoveraner AWD-Arena, durch die immer wieder derselbe Ruf hallt: „Niebaum, Meier, Pleitegeier!“

9. Februar 2005 – Niebaum geht, kommt aber nicht.

Auf dem Höhepunkt der emotionalen Aufwallungen irritiert die Sachlichkeit, der Erklärung, die Borussia Dortmund um 11.45 Uhr über ihren Presseverteiler verbreitet.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, Dr. Gerd Niebaum, hat sein Amt mit Wirkung zum heutigen Tage niedergelegt und das dem Präsidenten des BVB, Dr. Reinhard Rauball, mitgeteilt.

Aus. Vorbei. Am Aschermittwoch. Der Vereinspräsident Niebaum hatte sich dem Druck längst gebeugt. Der Geschäftsführer folgt nun, Monate zu spät. „Ich habe mich im Hinblick auf die zur Zeit sehr emotional geführte Diskussion zu diesem Schritt entschlossen, um damit einen Beitrag zur Versachlichung der Situation zu leisten. Ich bedanke mich bei allen, die mich in meiner über 20-jährigen Tätigkeit für den BVB unterstützt haben. Als Borusse, der ich immer bleiben werde, wünsche ich dem BVB und allen Beteiligten in der Zukunft sowohl sportlichen Erfolg als auch ein gutes Gelingen der bereits eingeleiteten Schritte zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme“, erklärt Niebaum.

Er erklärt es schriftlich. Persönlich stellt er sich nicht. Der Mann, der die große Bühne liebte, sich im Erfolg gerne inszeniert hat, sitzt nicht mit auf dem Podium des Presseraums, als Reinhard Rauball um 15.16 Uhr die Fakten vermeldet. „Er wollte nicht“, lautet die knappe Auskunft des Präsidenten auf die Frage, warum Niebaum nicht gekommen sei. Dass er Niebaum und seiner Familie persönlich alles Gute wünsche, lässt Rauball sich noch entlocken. Und dass die großen Erfolge der 90er Jahre für immer mit dem Namen Niebaum verbunden bleiben. Das ist dann aber auch schon alles. Keine weiteren Sentimentalitäten. Keiner da, der Trude Herrs Hymne für solche Momente auflegt: „Niemals geht man so ganz…“ – Niebaum geht ganz. Ein Stück von ihm bleibt hier. Erinnerungen an Triumphe, ein Berg aus Schulden.

Rauball hatte den nun Ex-Präsidenten und -Geschäftsführer am Vortag in der Schweiz kontaktiert, ihn über die anhaltenden Proteste der Fans unterrichtet und persönliche Gespräche vereinbart. Das Ergebnis ist das Ende einer Ära – und allen ist klar: Niebaum ist mit seinem Rücktritt dem Rauswurf durch den Präsidialausschuss zuvorgekommen.

Mehr als überfällig“ nennt Carsten Heise von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Niebaums Rücktritt. Großaktionär Florian Homm lässt wissen: „Niebaum hat lange hervorragend gearbeitet. In den vergangenen Jahren allerdings ist er ein wenig überheblich geworden.“ Rauball schließt sich indirekt an. „Ich hatte nicht das Gefühl, das Homm und ich unterschiedlicher Auffassung waren.“

Unterschiedliche Meinungen gibt es sehr wohl zur Weiterbeschäftigung von Michael Meier. Auch der habe Rauball seine Demission angeboten. Doch der Klubchef habe abgelehnt, „da eine Kontinuität innerhalb des operativen Geschäfts (…) zwingend erforderlich ist, heißt es in einem schnörkellosen Fünfzeiler, den BVB-Pressesprecher Josef Schneck der Meldung vom Niebaum-Rückritt hinterher schickt. Zwei Mitteilungen in gleicher Sache – kein Zufall: Rauball trennt die Personalien Niebaum und Meier strikt. „Eine Loslösung der kompletten Geschäftsführung in der jetzigen Situation kann sich das Unternehmen nicht erlauben. Sie ist absolut undenkbar“, sagt er und kündigt für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger an: „Ich sortiere alle Leute aus, die glauben, das sei ein unheimlich interessanter und schöner Job.“

Ob Meier tatsächlich seinen Rücktritt angeboten hat: Insider zweifeln und vermuten ein Strategiespiel. Durch Rauballs eindeutiges Bekenntnis soll der zweite Geschäftsführer aus der Schusslinie genommen werden. Dazu passt, dass Großaktionär Florian Homm tags darauf im ARD-Morgenmagazin nachlegt. Meier sei „keine Übergangslösung, sondern eine langfristige. Er macht einen Superjob und treibt das Konsolidierungsprogramm voran“.

Allein, die Fans wollen diese Botschaft nicht hören. Sie haben für den kommenden Samstag, vor dem Derby gegen den VfL Bochum, eine Demonstration vom Friedensplatz, dem Ort zahlreicher schwarzgelber Jubelfeiern, zum Westfalenstadion angemeldet und wollen an ihrem Vorhaben festhalten. Rauball möchte sie nach Niebaums Rücktritt dazu bewegen, die Kundgebung abzusagen. Die Fanabteilung vermittelt. Bis zum späten Abend laufen intensive Gespräche – um 22.20 Uhr liegt der Kompromissvorschlag auf dem Tisch: Meier soll von seinem Amt als geschäftsführendes Vorstandsmitglied im e.V. zurücktreten. „Das wäre letztlich nur ein Zugeständnis mit Symbolwert“, sagt Abteilungsvorsitzender Reinhard Beck. Rauball signalisiert: „Wenn das die Hürde ist, werde ich mit Michael Meier darüber reden.“ Was er noch am selben Abend tut. Unterdessen empfiehlt die Fanabteilung der Fangruppierung „The Unity“, die Demonstration abzusagen.

10. Februar 2005 – Meier fastet, verzichtet aber nicht

Was Michael Meier in der Nacht vom Aschermittwoch auf Donnerstag geträumt hat, bleibt sein Geheimnis. Fest steht: Als er am ersten Tag der Fastenzeit, in der Meier stets sieben Wochen lang Verzicht übt, wach wird, hat er beschlossen, auf eines ganz sicher nicht zu verzichten: sein Amt im e.V. – Ein Affront auch gegen Rauball, denn dessen mit den Fans ausgehandelter Kompromiss ist von einer Sekunde auf die andere dahin.

Die Entscheidung habe ich Michael Meier selbst überlassen. Er hat sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegen einen Rücktritt entschieden“, konstatiert der Präsident etwas zerknirscht. Meier präzisiert, warum er am Amt klebt: „Weil irgend jemand auch noch die Geschäfte im e.V. wahrnehmen muss. Damenhandball, Tischtennis, der Fußball-Nachwuchs: Das sind auch Abteilungen, um die sich jemand kümmern muss.“ Er habe überhaupt kein Problem damit, sich „auf der nächsten Mitgliederversammlung wieder beschimpfen zu lassen“ und sein Amt dann turnusmäßig an einen Nachfolger abzugeben. Die Formel „Fans fordern Rücktritt – Meier kuscht umgehend – sonst Demo“ funktioniere aber nicht.

Damit ist die neue Sachlage die alte. Jens Volke, Sprecher von „The Unity“, erklärt: „Die Kundgebung findet statt. Definitiv!“ Und der Vorstand der Fanabteilung stellt sich ihr nicht mehr in den Weg. „Ja – aufgrund der Entwicklung der letzten Monate und der Zuspitzung der letzten Tage muss die Demonstration sein. Ich sehe sie auch als Überdruckventil für die Anhänger. Da hat sich so viel Ärger aufgestaut, der muss raus!“, sagt Reinhard Beck. Gemeinsam mit Rauball appelliert er: Der Protest dürfe auf keinen Fall gegen die Mannschaft gehen. Im Stadion dürfe es nur noch bedingungslose Unterstützung geben. „Wer meint, er müsse dort 90 Minuten lang ‚Meier raus‘ brüllen, hat’s nicht kapiert“, erklärt Beck.

12. Februar 2005 – Demo „gegen Lügen und Intrigen“

Im Mai 2002 sind sie zuletzt zum Friedensplatz gepilgert, die Fans des BVB. Um einen Titel zu feiern, wie so oft zuvor. Knapp drei Jahre später versammeln sie sich erneut vor dem Dortmunder Rathaus. Doch nach Jubeln ist ihnen diesmal nicht zumute. Sondern nach Dampfablassen. Zwischen 1200 und 1500 BVB-Anhänger machen sich schließlich unter „Niebaum, Meier, Pleitegeier“-Sprechchören bei Regen und Sturm in geschlossener Formation auf den Weg zum Westfalenstadion. An der Spitze des Zuges wieder das breite Banner „Not for sale!“, das zum Symbol geworden ist für den Protest gegen Niebaum und Meier.

Letzterer hat einen sehr eigenen Interpretationsansatz und schürt damit neuerlichen Unmut: „Das sind nicht einfach überschäumende Emotionen von Leuten gewesen, die sich nichts dabei gedacht haben. Dahinter steckte eine Absicht. Das waren Fans, denen die Kommerzialisierung im Fußball zuwider ist. Und ich stehe als Manager für den Kommerz. Aber da gibt es keine einheitliche Meinung bei den Fans, das ist nur ein Teil, eine Strömung“, sagt Meier. Jens Volke, Initiator der Demo, schüttelt den Kopf. „Die Protestierenden sind ein breiter Querschnitt der Fanszene. Es geht heute nicht gegen die Kommerzialisierung, sondern gegen Lügen und Intrigen.“

15. Februar 2005 – Der neue Mann

Wieder Pressekonferenz im Stadion. Wieder Rauball. Diesmal nicht alleine. Neben ihm sitzt Hans-Joachim Watzke, bisher Schatzmeister des e.V., jetzt auch Geschäftsführer der KGaA. Bisher Niebaum-Kritiker, jetzt Niebaum-Nachfolger. Fünf Stunden lang hat der Präsidialauschuss im „hotellennhof“ beraten. Lediglich Dr. Henning Kreke, Vize-Präsident und Niebaum-Getreuer, habe sich der Stimme enthalten, ist zu erfahren. Während Niebaum in der Vergangenheit der Vorsitz der Geschäftsführung oblag, sollen Watzke und Meier fortan gleichberechtigt arbeiten.

Herr Watzke erhält einen Vertrag bis zum 31. Dezember 2006. Die Dotierung wurde den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst. Ich würde sie ins untere Drittel der Geschäftsführerbezüge in der Bundesliga einordnen“, erklärt Rauball. Mehr noch: Der Marsberger Unternehmer (Watex Schutzbekleidungs-GmbH, 250 Mitarbeiter, rd. 20 Mio. Euro Jahresumsatz) verzichtet bis 30. Juni 2005 vollständig auf sein Salär. In seiner Firma nimmt er ab sofort nur noch eine passive Rolle ein, um sich hundertprozentig auf den BVB konzentrieren zu können. „Ich habe keine aufwändigen Hobbys, kein Ferienhaus, keine Yacht. Ich spiele nicht Golf und werde in diesem Jahr keinen Urlaub machen. Ich nehme mir in Dortmund eine Wohnung und arbeite rund um die Uhr für Borussia“, versichert Watzke.

17. Februar 2005 – „Eine existenzbedrohende Situation

Wieder Pressekonferenz im Stadion. Wieder Watzke. Diesmal ohne Rauball. Dafür mit Meier. Und Rölfs. Jochen Rölfs, Wirtschaftsberater. Sanierer. Schon seit dem 23. Dezember 2004, als die Öffentlichkeit noch die Metrum GmbH mit dieser Aufgabe betraut glaubte, sind er und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, den BVB zu durchleuchten.

Am Vormittag bereits hat die KGaA in einer Ad-hoc-Meldung erklärt, sie befinde sich in einer „existenzbedrohenden Ertrags- und Finanzsituation“. Watzkes erste Amtshandlung als Geschäftsführer hätte wirklich erfreulicher sein können. Denn im Klartext bedeutet die Mitteilung: Verweigern die Gläubiger in den nächsten Tagen die Zustimmung zu einem weitreichenden Sanierungsprogramm, erarbeitet von der Düsseldorfer Wirtschaftsberatung RölfsPartner, droht mangels Liquidität die Insolvenz. Noch deutlicher: Der BVB steht mit beiden Füßen vor einem tiefen Abgrund – und könnte schon sehr bald einen Schritt weiter sein. Gewissermaßen auf den Spuren der Aktie, die 30 % verliert und ihre Talfahrt erst in der Nähe des Allzeittiefs (1,82 Euro) bei 1,88 Euro beendet. Bis zum Abend erholt sie sich wieder (2,19 Euro).

Nun sitzen sie auf dem Podium des Presseraums, links Watzke, in der Mitte Meier, rechts Rölfs, die Mienen versteinert, und leiten verbal den nackten Überlebenskampf der alten Dame Borussia ein. Der Charakter der Veranstaltung: spektakulär, dramatisch, gespenstisch. Über 100 Journalisten hören zu, gut ein Dutzend Kameras surren, als Meier gefragt wird, ob das von ihm geleitete Unternehmen noch liquide sei. Ein hilfloser Blick, zähe Sekunden peinlichen Schweigens, dann die Übergabe: „Herr Rölfs, antworten Sie…!“

Rölfs antwortet: „Lehnen die Gläubiger den Sanierungsplan ab, war’s das. Dann ist Schluss. Der BVB hat nichts mehr in der Hinterhand!“

Eine klare Ansage – dann übernimmt Meier wieder: „Die Gläubiger sollen nicht verzichten, sondern den Zeitraum ausdehnen und dafür eine entsprechende Verzinsung erhalten. Einige haben ihre Zustimmung signalisiert, drei müssen wir noch überzeugen“, sagt er. Es handelt sich um die Sparkasse Köln/Bonn, um den Grevener Bauunternehmer Albert Sahle und um die Anleger des Stadionfonds Molsiris.

Das Unternehmen Borussia Dortmund, sagt Meier, sei „sanierungsfähig, sanierungswürdig – und damit auch lizenzfähig“. Zwar sei bis 2006 mit einem weiteren Jahresfehlbetrag von 17 Mio. Euro zu rechnen. „Ab 2006 sollten wir aber in der Lage sein, dauerhaft Gewinne zu erzielen.“

Dann gibt die Geschäftsführung weitere Horrorzahlen bekannt. Unter Berücksichtung der Verluste aus den Vorjahren seien rund 79 % des eingezahlten Kapitals der Aktionäre in Höhe von 179,5 Mio. Euro „durch Verluste aufgezehrt“. Zudem gebe es keinen finanziellen Spielraum, um die Verpflichtungen in Höhe von 29,7 Mio. Euro im laufenden Halbjahr zu erfüllen. Falls Sanierungsmaßnahmen unterblieben, sei nach einem Fehlbetrag in Höhe von 27,2 Mio. Euro im Zeitraum 1. Juli bis 31. Dezember 2004 für das gesamte Geschäftsjahr mit 68,8 Mio. Euro Defizit zu rechnen. Der Schuldenberg würde im Planungszeitraum bis 30. Juni 2006 auf rund 135 Mio. Euro anwachsen.

Viel wahrscheinlicher aber ist, dass der BVB dieses Datum gar nicht mehr erleben würde. Die alte Dame Borussia würde ihr Leben aushauchen. Im 96. Jahr. „Sie starb in bitterer Armut“ würde auf ihrem Grabstein stehen. Und aus dem Jubelchor der Fans, „Olé, hier kommt der BVB“, würde ein Trauergesang. „Oh, je, hier geht der BVB!“

Weltuntergangsstimmung rund um den Borsigplatz. Nur Großaktionär Florian Homm gibt sich trotzig. „Im Falle einer Illiquidität ist Geld vorhanden – aber nur unter härtesten Bedingungen“, lässt er wissen. Und kündigt an: „Dann heißt der Verein demnächst eben FC Dortmund.“

Oh, je – geht hier der BVB?

18. Februar 2005 – Der Tag danach, ein Funke Hoffnung

Gläubigerversammlung im Westfalenstadion – Ergebnis: Eine Lösung der Krise rückt näher. Worlaut der Ad-hoc-meldung: „Die Finanzgläubiger einigten sich auf einen Kompromiss. Bis zum Geschäftsjahr 2006/07 wird ein Zins- und Tilgungsmoratorium für Altkredite der Finanzgläubiger eingeräumt.“ Sanierer Jochen Rölfs ist zufrieden und erleichtert. Zumal „wesentliche Finanzgläubiger“ (…) neue kurzfristige Liquidität zur Verfügung“ stellen. Künstlicher Sauerstoff, ohne den der Patient bis zum 14. März längst den Erstickungstod getsorben wäre. Und erst an diesem Tag können die Molsiris-Anleger das Bargelddepot freigeben. Wenn sie es denn wollen. Der BVB wird auf die Folter gespannt. Quälende vier Wochen lang.

Hingegen verständigt sich die KGaA mit der Sparkasse Köln/Bonn und dem Unternehmer Albert Sahle auf eine Stundung der Schulden. Sahle hatte dem BVB 15 Mio. Euro Flüssiggeld zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug hatten Niebaum und Meier ihm, auch das kommt erst jetzt heraus, Transferrechte an Tomas Rosicky überschrieben. Auch der wertvollste Spieler gehört also nicht mehr dem BVB. Rosicky und sein Berater Pavel Paska reagieren empört: „Wir wussten von nichts!“ Was auch jetzt noch niemand erfährt: Die Rechte an Ewerthon und Christoph Metzelder hat sich Sahle ebenfalls als Sicherheit übertragen lassen. Als Ewerthon im Sommer 2005 für drei Millionen Euro zu Real Saragossa wechselt, fließt der Transfererlös in Sahles Geldschatulle.

28. Februar 2005 – Neuer Negativrekord

Das Restrukturierungsprogramm „Kon:ter“ der Beratungsfirma Metrum hatte im November 2004 für das gesamte Geschäftshalbjahr 2004/05 einen zu erwartenden Fehlbetrag in Höhe von 9 Mio. Euro genannt. Von der Realität war diese Zahl so weit entfernt wie Borussia Dortmund vom neuerlichen Gewinn der Champions League.

Allein im ersten Halbjahr (1. Juli bis 31. Dezember 2004) hat die KGaA 30,82 Mio. Euro Miese gemacht und damit das desaströse Ergebnis des Vorjahres (29,4 Mio. Euro) noch einmal in negativer Hinsicht übertroffen. Rechnet man die „Drohverlustrückstellung“ für den Fall einer Rückabwicklung des Gerling-Deals hinzu, ergibt sich sogar ein Ergebnis von –54,8 Mio. Euro. Wieder ein Minus-Rekord – und doch längst schwarzgelbe Normalität. „Das ist ja keine große Überraschung mehr“, sagt Michael Meier bei der Präsentation der Zahlen. Welch ein Zynismus – auch angesichts der anderen Zahlen. Das Eigenkapital ist binnen 24 Monaten von 152,6 (Ende 2002) über 119,9 (Ende 2003) auf 51,4 Mio. Euro (Ende 2004) gesunken. Die liquiden Mittel belaufen sich auf gerade 1,3 Mio. Euro – nach 72 Mio. zum 31. Dezember 2002 und 19 Mio. zum 31. Dezember 2003.

Jede Menge Zahlen. Jede einzelne ein Beweis für katastrophales Missmanagement.

Verlängerung:

22. März 2005 – Der Schlussstrich

Es ist der finale Akt, auf den Tag genau 15 Monate nach den ersten Enthüllungsberichten. Es ist auch das Ende einer Ära. Um 14.52 Uhr teilt Borussia Dortmund mit, dass der zum 30. Juni 2005 auslaufende Vertrag mit KGaA-Geschäftsführer Michael Meier nicht verlängert wird. Meier stellt zudem sein Amt als geschäftsführender Vorstand im e.V. zur Verfügung.

Ich wäre bereit gewesen, mich auch weiterhin in den Dienst der Borussia zu stellen“, so Meier. Doch Präsident Reinhard Rauball hat ihm am Morgen persönlich die Entscheidung des Präsidialausschusses überbracht. Er respektiere sie, sagt Meier, „auch wenn sie mir persönlich weh tut, denn der BVB war und ist für mich nie nur ein Job gewesen, sondern immer eine Herzensangelegenheit“. Wenn die Trennung dazu beitrage, die Stimmungslage bei den Fans zu beruhigen, sei der Schritt „sicherlich richtig“. Denn „unsere Fans sind das höchste Gut“. Er bedauere außerordentlich, „dass es zuletzt zu Dissonanzen mit einem Teil der Anhänger gekommen ist“.

Spürbar bewegt räumt Meier im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten ein, das alles sei „natürlich sehr emotional, das steckt man nicht so einfach weg“. Seine schönste Erinnerung: „Die Meisterschaft 1995. Diese Dankbarkeit der Menschen. Das hatte ich noch nie erlebt – und da wusste ich: Dafür lohnt es sich zu arbeiten. Das wirst du so nicht noch einmal finden.“

Der Präsidialausschuss würdigt ausdrücklich Meiers Verdienste, hält es aber „im Sinne eines kompletten Neuanfangs in der Geschäftsführung (…) für geboten, diesen Schritt zu vollziehen“. Die Fans reagieren mit Freude auf die Nachricht. „Ich hab‘ eine Flasche Sekt aufgemacht und mir am frühen Nachmittag ein kleines Gläschen gegönnt“, sagt Olaf Suplicki, 2. Vorsitzender der Fanabteilung. Der 1. Juli 2005 definiere den wahren Neuanfang beim BVB. „Dann sind die alten Seilschaften entfernt.“ Freude ja – Schadenfreude oder gar Häme nein. „Wir haben Herrn Meier gegenüber stets den Stil gewahrt und auch die Demo-Teilnehmer aufgefordert, ihre Kinderstube nicht zu vergessen. Ich möchte mich deshalb auch noch einmal bei Michael Meier bedanken, dass er sich in den vergangenen Wochen reingehängt hat, um die Sanierung mit einzuleiten.“

Nur(i) anders stark – über Sahins neue Rolle beim BVB

(Beitragsbild: Screenshot http://www.bvbtotal.de)

Die Schlagzeilen gehörten anderen nach dem 3:0-Erfolg des BVB in Freiburg: Pierre-Emerick Aubameyang natürlich, dem Gabuner, der den ersten Treffer vorbereitet und die beiden anderen selbst erzielt hatte. Marco Reus natürlich, der mit dem 1:0 die Dose geöffnet und sich gegenüber seinem vitaminarmen Auftritt gegen Augsburg stark formverbessert präsentiert hatte. Auch Ilkay Gündogan wurde viel gelobt – vor allem für seinen brillanten Pass zum zweiten Treffer. Und Kuba und Kagawa für ihre Blitzkombination vor dem dritten Tor. Das erinnerte schon wieder sehr an den Dortmunder Vollgasfußball der allerbesten Zeiten zwischen 2010 und 2013.

Einer, der ebenfalls erheblichen Anteil am Sechs-Punkte-Sieg im Breisgau hatte, ackerte offenbar unterhalb des Radars vieler Beobachter: Nuri Sahin!

In den Ruhr Nachrichten erhielt der Mittelfeldspieler die Note 3,5 – im Reviersport sogar nur eine 4. Einer der schwächsten Dortmunder also? Mitnichten! Denn es war Nuri Sahin, der vor dem 2:0 an der Mittellinie den entscheidenden Zweikampf gewann. Seine Balleroberung ermöglichte Gündogan erst den Traumpass auf Aubameyang. Und es war Nuri Sahin, der vor dem 3:0 an der Mittellinie einen Freiburger Pass abfing und somit die Traumkombination über Kagawa – Kuba – Reus – Kuba – Reus – Kagawa – Aubameyang einleitete. Zwei Szenen, für die es nicht einmal einen Assistpunkt gibt. Was wiederum belegt, dass derlei Statistiken ganz nett, aber eben nur bedingt aussagekräftig sind.

Apropos Statistik: Die Partie in Freiburg war erst Sahins vierter Bundesliga-Einsatz in dieser Saison. Seine Premiere feierte er nach der langwierigen Knieverletzung, die er sich während der Sommervorbereitung zugezogen hatte, am 15. (!) Spieltag beim 0:1 in Berlin – ein siebenminütiger Kurzeinsatz. Will sagen: Sahin war in der Hinrunde nicht Teil des Problems. Dafür könnte er jetzt Teil der Lösung sein.

Sein Startelf-Debüt 2014/15 gar er sogar erst zum Rückrundenauftakt in Leverkusen. Dort gehörte er gleich zu den besten Dortmundern. Beim 0:1 gegen Augsburg gehörte er noch zu den besseren Dortmundern. Jetzt die starke Leistung in Freiburg – und die Erkenntnis: Es geht auch mit einer Doppel-Acht.

Dabei war die Skepsis groß, als nach „Manni“ Bender mit Sebastian Kehl auch der zweite etatmäßige „Sechser“ verletzungsbedingt ausfiel. Ein Duo Sahin/Gündogan im zentralen Mittelfeld; zwei Spieler also, die gelernt sogar eher auf der „Zehn“ als auf der „Acht“ zu Hause sind, ganz sicher aber nicht auf der „Sechs“ – kann das funktionieren angesichts der ohnehin labilen BVB-Defensive? Angesichts der Tatsache, dass Gündogan nach mehr als einjähriger Verletzungspause physisch immer noch nicht voll auf der Höhe ist? Angesichts der Tatsache, dass Sahin noch nie der Schnellsten einer war und es auch nicht mehr werden wird?

Es kann!

Auch deshalb, weil Nuri Sahin seine spielerischen Ambitionen zurücknimmt und sich mit defensiverer Denkweise in den Dienst der Mannschaft stellt. Weil er Zweikämpfe führt. Und gewinnt. Weil er sogar in Kopfballduelle geht. Doch was er selbst verinnerlicht hat, ist in den Köpfen vieler Fans und Experten noch nicht so richtig angekommen. Sie haben immer noch den Sahin der Saison 2010/11 vor Augen. Den Zauberfuß, der Borussia Dortmund mit 14 Scorerpunkten zur Deutschen Meisterschaft dirigierte, von den Profikollegen zum „Spieler der Saison“ gewählt und von Real Madrid abgeworben wurde. Sie messen ihn an der Brillanz jener Tage, an seinen Traumpässen in die Tiefe, an seinen präzisen Freistößen. Wenn das der Maßstab ist, ist Nuri Sahin tatsächlich schwächer geworden.

Vielleicht lautet die Wahrheit aber auch: Nuri Sahin ist immer noch stark. Nur(i) anders stark!

Mitte 20 ist er inzwischen. Er wirkt noch immer jungenhaft und ist dabei doch erstaunlich abgeklärt. Einer, der erst denkt und dann spricht und dann auch stets etwas zu sagen hat. Der sich traut, seine Meinung zu vertreten, weil er weiß, dass er sich das erlauben darf. Sein sportliches Leistungsblatt reicht heute schon locker für eine komplette Karriere. U17-Europameister und bester Spieler des Turniers. Jüngster Bundesligaspieler (Debüt für den BVB mit 16 Jahren am 6. August 2005 beim 2:2 in Wolfsburg). Jüngster Bundesliga-Torschütze (am 26. November 2005 beim 2:1-Sieg in Nürnberg). Jüngster türkischer Nationalspieler und -torschütze. Holländischer Pokalsieger mit Feyenoord Rotterdam. Deutscher Meister mit dem BVB und bester Spieler der Saison. Spanischer Meister mit Real Madrid. Nuri Sahin ist nicht nur erfolgreich. Er hat mit 26 Jahren auch schon mehr von der Welt gesehen als andere in ihrem Leben: Meinerzhagen – Dortmund – Rotterdam – Madrid – Liverpool. Nun wieder Dortmund.

Eine Rückkehr in Dankbarkeit und Demut war das im Januar 2013. Bei den Königlichen von Real Madrid hatte er sich nicht durchsetzen können. Auch deshalb, weil er schon verletzt in Madrid aufschlug und als Fehleinkauf galt, bevor er überhaupt erstmals richtig fit war. Vier Einsätze standen schließlich nur zu Buche; deren sieben waren es in Liverpool. So richtig wohl gefühlt hat er sich weder in Spanien noch in England. Wohl fühlt er sich in Dortmund. Beim BVB. Dieser Klub ist seine Heimat. Schwarzgelb ist seine Farbe und „Echte Liebe“ sein Empfinden. Für Borussia übernimmt Nuri Sahin Verantwortung – auf dem Platz wie außerhalb. Ihm glaubt man, dass er unter dem bisherigen Saisonverlauf leidet. „Uns geht die Situation nahe, aber wir sind voll auf die Arbeit fokussiert und wollen die Wende schaffen“, sagte er nach dem Sieg in Freiburg – und fügte ein Versprechen hinzu: „Das wird man auch am Freitag gegen Mainz sehen!“

Wer nicht pfeift, der ist kein Fan!

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Als ich Ende der 80er Jahre meinen Grundwehrdienst – ja, so etwas gab es damals noch, und ja, so alt bin ich schon – absolviert habe, lernte man gleich in den ersten Tagen den Dreisatz der Bundeswehr:
RUHE BEWAHREN – ÜBERLEGEN – HANDELN!
Eine Maxime, mit der sich auch Borussia Dortmund zwischen September 2014 und Januar 2015 bemerkenswert souverän durch die sportliche Krise manövriert hat. Seit Mittwoch wird’s zunehmend schwieriger mit dem „Ruhe bewahren“.
Nun tragen die Kicker von Borussia Dortmund zwar kein Olivgrün. Spätestens nach der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Augsburg aber haben sie sich vermutlich Tarnanzüge herbeigewünscht. Um den Tatort des jüngsten Grauens unbemerkt verlassen zu können, statt sich den messerscharfen Pfiffen der Zuschauer ausgesetzt zu sehen.
Ja, das Dortmunder Publikum hat gepfiffen. Laut gepfiffen. Sehr laut. Und ja, auch die Südtribüne hat gepfiffen angesichts der vor allem in Durchgang zwei Mitleid erregenden Darbietung eines Teams, das in zumindest ähnlicher Zusammensetzung vor nicht einmal zwei Jahren noch Real Madrid mit 4:1 aus dem Tempel geschossen, das CL-Finale zwar knapp verloren, aber dennoch ganz Fußball-Europa in schiere Verzückung versetzt hat.
Jenes Dortmunder Publikum hat gepfiffen, das die entsetzliche Hinrunde mit fast schon masochistischer Gelassenheit ertragen, die Mannschaft mit Inbrunst unterstützt und dabei zu jeder Zeit versichert hat, dass nichts und niemand einen Keil zwischen Trainer/Team und Fans treiben kann und wird.
Mittwoch dann: Pfiffe! Ein Roman Weidenfeller, der sehr offensiv und ein Kapitän Mats Hummels, der eher halbherzig den Dialog mit den Anhängern suchte. Die Botschaft war unüberhörbar, auch für die anderen Teamkollegen: „Wir woll’n Euch kämpfen seh’n!“
Noch während Weidenfeller auf dem Zaun stand und die Fans auf dem Baum standen, entbrannte in Online-Foren und sozialen Medien die Debatte: Ist es okay, die Mannschaft jetzt auszupfeifen? Oder ist es nicht sogar kontraproduktiv? Sind die, die pfeifen, überhaupt echte Fans? Eine Diskussion, die sich am Tag nach dem Spiel wie ein Flächenbrand über Facebook, Twitter & Co. ausbreitete.
Die Antwort:
Ein echter BVB-Fan DARF nicht nur enttäuscht und frustriert sein. Er MUSS es. Gerade bei den Südtribünen-Besuchern sprechen wir schließlich über Fans, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten eine Dauerkarte haben. Über Fans, die einen guten Teil ihres Jahresurlaubs opfern und sehr viel Geld dafür ausgeben, mit der Borussia in der Bundesliga bis nach Freiburg, München und Berlin zu reisen, im Europapokal bis ans Schwarze Meer oder in die Türkei und im DFB-Pokal bis in die tiefste Provinz. Wir reden über Fans, die sich in St. Petersburg von rechtsradikalen Russen verhauen und in Belgien oder Frankreich von der Polizei schikanieren lassen – nur aus einem einzigen Grund: Um den BVB zu unterstützen. Fans, von denen sich darüber hinaus viele in der aktiven Fanarbeit engagieren und so dazu beitragen, dass die Fankultur in Dortmund lebendig bleibt.
Wie, bitteschön, soll ein solcher Fan, für den Borussia Dortmund zentraler Lebensinhalt ist, angesichts der sportlichen Talfahrt denn nicht enttäuscht und frustriert sein?!
Und wie anders soll er diesem Frust Ausdruck verleihen als durch Pfiffe nach dem Spiel?! Anfeuerung, Unterstützung gut und schön – vom Anpfiff bis zum Abpfiff. Aber wer die Spieler auch nach einer Leistung wie am Mittwoch noch mit Gesängen feiert, schadet ihnen mehr als er ihnen nützt. Weil er sie in falscher Sicherheit wiegt. Weil er eine Wellness-Atmosphäre erzeugt, die den Ernst der Lage unter einem Berg aus Wattebäuschchen verbirgt.
Nein, nein, nach einem Spiel wie gegen Augsburg ist Pfeifen Fanpflicht! Es steht auch in keinerlei Widerspruch oder gar Konflikt zu der Maxime „Einmal Borusse, immer Borusse!“ und zu Liedgut wie „. . . was auch immer geschieht, wir steh’n Dir bei . . .“ Wer behauptet, nur Fans, die niemals pfeifen, seien wahre Fans, verklärt den Fangedanken und macht sich der Bershleierung mitschuldig. Wer seinen Frust in Pfiffen zum Ausdruck bringt, leistet hingegen einen konstruktiven Beitrag zur Zuspitzung der Situation und zum schonungslosen Offenlegen der Probleme.
Dazu gehört, um den Abstieg zu vermeiden und die Zukunft in den Blick zu nehmen, auch eine vollumfängliche Analyse der Probleme. Die Zusammensetzung des Kaders. Die Chemie im Kader. Der Umstand, dass einige Spieler offensichtlich ihren Zenit überschritten haben – u.a. auch deshalb, weil man nach schwersten Verletzungen in aller Regel eben nicht stärker zurückkommt als je zuvor. Der Umstand, dass einige Spieler, die für sich in Anspruch nehmen, internationale oder gar Weltklasse zu verkörpern, in der aktuelle Lage die Verantwortung scheuen und abtauchen. Und ja, natürlich muss man auch die Rolle des Trainerteams hinterfragen. Macht Jürgen Klopp Fehler? Wenn ja welche. Findet er Lösungen? Wenn ja welche. Übersteigt die Zahl seiner Fehler die Zahl seiner Lösungen?
In Leverkusen überwog die Zahl der Lösungen. Der Plan war: Sicher stehen, die einfachen Dinge gut machen, Sicherheit aufbauen. Der Plan ging auf.
Gegen Augsburg war der Plan: Mit einer mutigen Aufstellung (Sahin & Gündogan, nicht Immobile ODER, sondern UND Aubameyang) ein Signal setzen. Mit Gegenpressing Druck erzeugen, den Gegner zu Fehlern zwingen. Chancen kreieren. Das gelang in Halbzeit eins durchaus gut, und es ist nicht Klopp anzulasten, dass Kampl, Reus und Immobile drei fette Möglichkeiten zum 1:0 liegen ließen.
Trotzdem muss sich auch Jürgen Klopp an Ergebnissen messen lassen. Die Haltung „Lieber MIT Klopp in die zweite Liga als OHNE ihn den Klassenerhalt zu schaffen“ klingt romantisch, ist aber kompletter Unfug. Denn ein Abstieg würde ja nicht nur bedeuten, dass der BVB dann eben mal ein Jahr lang gegen Sandhausen und Aalen kickt. Ein Abstieg wäre eine tiefgreifende Zäsur in der Klubgeschichte und hätte Konsequenzen auf Jahre hinaus. Vom Erfolg der Mission Klassenerhalt hängt deshalb so unglaublich viel ab. Und ob es einem nun passt oder nicht, Borussia Dortmund ist ein börsennotiertes Unternehmen und steht als solches auch seinen Aktionären gegenüber in der Pflicht.

BVB, Wolfsburg und der Angriff der Kohle-Krieger

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Borussia Dortmund hat es bereits hinter sich.

Der VfL Wolfsburg hat es noch vor sich.

Nun ist es aber nicht etwa so, als dürfte die VW-Betriebssportmannschaft sich darauf freuen, es noch vor sich zu haben. Denn die Rede wird hier nicht von sportlichen Erfolgen sein.

Sondern von der Folge solcher Erfolge: dem Leerkauf durch den FC Bayern München und andere europäische Spitzenklubs.

Nuri Sahin war der Erste. Dortmunds Mittelfeld-Organisator folgte nach der rauschhaften Meistersaison 2010/11, an deren Ende die Profi-Kollegen ihn zum Bundesligaspieler der Saison wählten, dem Lockruf von Real Madrid. Verständlich, denn die Königlichen galten und gelten zu Recht als der größte Klub unter der Sonne. Sahin vervielfachte sein Nettojahreseinkommen. Dumm nur: Er kam in der spanischen Hauptstadt schon verletzt an, und ehe er überhaupt zum ersten Mal fit war, galt er schon als Fehleinkauf. Via Liverpool führte sein Weg zurück zum BVB, wo er gut spielt. Aber längst nicht mehr so brillant wie ehedem.

Shinji Kagawa war der Nächste. Dortmunds torgefährlicher Offensiv-Quirl folgte nach der noch viel rauschhafteren Double-Saison 2011/12 dem Lockruf von Manchester United. Verständlich, denn die Premiere League gilt bei japanischen Kickern als das gelobte Land. Kagawa hatte schon als Kind davon geträumt, einmal für ManU aufzulaufen. Dumm nur: Über-Trainer Sir Alex Ferguson setzte ihn positionsfremd ein. Immerhin aber setzte er ihn gelegentlich ein. Denn Nachfolger David Moyes setzte ihn so gut wie gar nicht mehr ein. Inzwischen spielt Kagawa wieder beim BVB. Wenn er denn spielt. Denn auch Jürgen Klopp setzt ihn seltener ein als gedacht.

Mario Götze war der Nächste. Mit dem Eigengewächs ging nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2013 nicht nur ein begnadeter Kicker. Es verabschiedete sich auch die Fußball-Romantik aus Dortmund. Ausgerechnet Götze, der wenige Wochen zuvor noch erklärt hatte, er könne sich durchaus vorstellen, bis ans Ende seiner Profitage beim BVB zu spielen. Und ausgerechnet zum FC Bayern – für 37 Millionen Euro. Weil, so Götze, er unbedingt unter Trainer Pep Guardiola spielen wolle. Und weil er, ganz nebenbei, sein schon in Dortmund nicht ganz übles Gehalt vermehrfachte. Dass Götze bei den Bayern oft nicht spielt und leistungsmäßig seit dem wechsel ziemlich auf der Stelle tritt: geschenkt!

Robert Lewandowski war der Nächste und vorläufig Letzte. Der Torjäger zog sein Ding bei der Borussia bis zur letzten Spielsekunde sauber durch. Dem Lockruf der bayerischen Euronen aber war auch er längst erlegen. Gehalt verdreifacht. Dass der Pole bei den Bayern nur einer von vielen Stars und das Spiel keineswegs auf ihn zugeschnitten ist, weshalb er nur auf einen Bruchteil seiner Dortmunder Trefferausbeute kommt: geschenkt!

Sahin war weg. Kagawa war weg. Götze ist weg. Lewandowski ist weg. Damit hat Dortmund das Gröbste wohl hinter sich. Aus dem aktuellen Kader sind allein Marco Reus und Mats Hummels für internationale Topklubs von Interesse. Hummels allerdings auch nur, wenn er zur Form vor und während der WM zurück findet. Und Reus? – Will bis März entscheiden, ob er bleibt oder geht. Dass er zu den Bayern geht, scheint eher unwahrscheinlich, bei Hummels darf man es sogar getrost ausschließen.

Kurzum: Die Bayern-Methode, mit Transfers nicht nur sich selbst zu stärken, sondern stets auch den gerade aktuellen Hauptkonkurrenten zu schwächen, hat funktioniert. Der BVB ist als nationaler Herausforderer Nr. 1 vorerst einmal aus dem Rennen.

Diese Rolle reklamiert aktuell der VfL Wolfsburg für sich. Mit dem 4:1 zum Rückrundenauftakt über die Bayern und mit der insgesamt rund 60 Millionen Euro teuren Verpflichtung von Weltmeister Andre Schürrle (FC Chelsea) haben die Wölfe ihren Anspruch in den vergangenen Tagen noch einmal sehr nachdrücklich unterstrichen. Die Kohle von VW verleiht dem Meister von 2009 neuerlich Flügel. Dass die Sportlichen Leitungen in unterschiedlicher Besetzung in den vergangenen Jahren ein Transfer-Defizit in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet haben: geschenkt! Manager Klaus Allofs, der aus seiner Zeit bei Werder Bremen eher in Mangelverwaltung geübt ist, war in den vergangenen Tagen anzusehen, wie groß seine Freude ist, endlich einmal mit Geld um sich werfen zu dürfen.

Keine Frage: Wolfsburg wird bis zum Ende der Saison oben mitspielen und sich mutmaßlich für die Champions-League qualifizieren. Und keine Frage: Der VfL wird im Sommer, um in der CL konkurrenzfähig zu sein, den Kader in der Spitze non einmal verbreitern. Also: ordentlich Geld ausgeben. Und überhaupt gar keine Frage: In München werden sie das alles sehr aufmerksam beobachten. Matthias Sammer. Kalle Rummenigge. Uli Hoeneß. Und wenn sie dann irgendwann das Gefühl haben, dass ein Wolfsburger Spieler sie selbst besser machen und gleichzeitig den aufmüpfigen Konkurrenten schwächen könnte, dann werden sie ihr Scheckbuch zücken.

Ganz oben auf dem Block dürfte schon jetzt Kevin de Bruyne stehen. Der 23-jährige Belgier, den transfermarkt.de auf einen Marktwert von 20 Millionen Euro taxiert und damit eher untertreibt, ist ein Mann der Zukunft. Die Bayern hingegen haben im Kader einige Männer der Vergangenheit: Franck Ribery, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Dante haben ihre beste Zeit jedenfalls nicht mehr vor sich. Das macht dann auch Robin Knoche (22, 9 Mio. €), Ricardo Rodriguez (22, 28 Mio. €), Josuha Guilavogue (24, 10 Mio. €) und Maximilian Arnold (20, 10 Mio. €) interessant. Für die Münchener, aber nicht nur für sie. Spätestens wenn sich die Wolfsburger 2015/16 auf der ganz großen Bühne der Königsklasse zeigen dürfen, werden sie die Blicke aus Spanien und England auf sich ziehen.

Nun ist es nicht ganz so einfach, Wolfsburger Spieler mit Geld wegzulocken, weil Wolfsburg genau davon dank VW selbst genug hat. Doch erstens ist die UEFA dem Werksklub auf den Fersen. Stichwort: Financial Fair-Play. Und zweitens: Wer die Wahl hat, entweder in München, Madrid, Manchester, Barcelona, London zu spielen – oder eben in Wolfsburg, der entscheidet sich womöglich doch eher für . . . – Genau!

Borussia Dortmund hat ihn hinter sich, den Angriff der Kohle-Krieger. Eine Zeit lang hat der BVB die Verluste seiner Leistungsträger sogar kompensieren können. Aktuell kann er’s nicht mehr, die Lewandowski-Lücke ist zu groß. Der VfL Wolfsburg hat den Angriff noch vor sich – und dabei er ist noch nicht einmal Deutscher Meister geworden.