Wer nicht pfeift, der ist kein Fan!

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Als ich Ende der 80er Jahre meinen Grundwehrdienst – ja, so etwas gab es damals noch, und ja, so alt bin ich schon – absolviert habe, lernte man gleich in den ersten Tagen den Dreisatz der Bundeswehr:
RUHE BEWAHREN – ÜBERLEGEN – HANDELN!
Eine Maxime, mit der sich auch Borussia Dortmund zwischen September 2014 und Januar 2015 bemerkenswert souverän durch die sportliche Krise manövriert hat. Seit Mittwoch wird’s zunehmend schwieriger mit dem „Ruhe bewahren“.
Nun tragen die Kicker von Borussia Dortmund zwar kein Olivgrün. Spätestens nach der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Augsburg aber haben sie sich vermutlich Tarnanzüge herbeigewünscht. Um den Tatort des jüngsten Grauens unbemerkt verlassen zu können, statt sich den messerscharfen Pfiffen der Zuschauer ausgesetzt zu sehen.
Ja, das Dortmunder Publikum hat gepfiffen. Laut gepfiffen. Sehr laut. Und ja, auch die Südtribüne hat gepfiffen angesichts der vor allem in Durchgang zwei Mitleid erregenden Darbietung eines Teams, das in zumindest ähnlicher Zusammensetzung vor nicht einmal zwei Jahren noch Real Madrid mit 4:1 aus dem Tempel geschossen, das CL-Finale zwar knapp verloren, aber dennoch ganz Fußball-Europa in schiere Verzückung versetzt hat.
Jenes Dortmunder Publikum hat gepfiffen, das die entsetzliche Hinrunde mit fast schon masochistischer Gelassenheit ertragen, die Mannschaft mit Inbrunst unterstützt und dabei zu jeder Zeit versichert hat, dass nichts und niemand einen Keil zwischen Trainer/Team und Fans treiben kann und wird.
Mittwoch dann: Pfiffe! Ein Roman Weidenfeller, der sehr offensiv und ein Kapitän Mats Hummels, der eher halbherzig den Dialog mit den Anhängern suchte. Die Botschaft war unüberhörbar, auch für die anderen Teamkollegen: „Wir woll’n Euch kämpfen seh’n!“
Noch während Weidenfeller auf dem Zaun stand und die Fans auf dem Baum standen, entbrannte in Online-Foren und sozialen Medien die Debatte: Ist es okay, die Mannschaft jetzt auszupfeifen? Oder ist es nicht sogar kontraproduktiv? Sind die, die pfeifen, überhaupt echte Fans? Eine Diskussion, die sich am Tag nach dem Spiel wie ein Flächenbrand über Facebook, Twitter & Co. ausbreitete.
Die Antwort:
Ein echter BVB-Fan DARF nicht nur enttäuscht und frustriert sein. Er MUSS es. Gerade bei den Südtribünen-Besuchern sprechen wir schließlich über Fans, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten eine Dauerkarte haben. Über Fans, die einen guten Teil ihres Jahresurlaubs opfern und sehr viel Geld dafür ausgeben, mit der Borussia in der Bundesliga bis nach Freiburg, München und Berlin zu reisen, im Europapokal bis ans Schwarze Meer oder in die Türkei und im DFB-Pokal bis in die tiefste Provinz. Wir reden über Fans, die sich in St. Petersburg von rechtsradikalen Russen verhauen und in Belgien oder Frankreich von der Polizei schikanieren lassen – nur aus einem einzigen Grund: Um den BVB zu unterstützen. Fans, von denen sich darüber hinaus viele in der aktiven Fanarbeit engagieren und so dazu beitragen, dass die Fankultur in Dortmund lebendig bleibt.
Wie, bitteschön, soll ein solcher Fan, für den Borussia Dortmund zentraler Lebensinhalt ist, angesichts der sportlichen Talfahrt denn nicht enttäuscht und frustriert sein?!
Und wie anders soll er diesem Frust Ausdruck verleihen als durch Pfiffe nach dem Spiel?! Anfeuerung, Unterstützung gut und schön – vom Anpfiff bis zum Abpfiff. Aber wer die Spieler auch nach einer Leistung wie am Mittwoch noch mit Gesängen feiert, schadet ihnen mehr als er ihnen nützt. Weil er sie in falscher Sicherheit wiegt. Weil er eine Wellness-Atmosphäre erzeugt, die den Ernst der Lage unter einem Berg aus Wattebäuschchen verbirgt.
Nein, nein, nach einem Spiel wie gegen Augsburg ist Pfeifen Fanpflicht! Es steht auch in keinerlei Widerspruch oder gar Konflikt zu der Maxime „Einmal Borusse, immer Borusse!“ und zu Liedgut wie „. . . was auch immer geschieht, wir steh’n Dir bei . . .“ Wer behauptet, nur Fans, die niemals pfeifen, seien wahre Fans, verklärt den Fangedanken und macht sich der Bershleierung mitschuldig. Wer seinen Frust in Pfiffen zum Ausdruck bringt, leistet hingegen einen konstruktiven Beitrag zur Zuspitzung der Situation und zum schonungslosen Offenlegen der Probleme.
Dazu gehört, um den Abstieg zu vermeiden und die Zukunft in den Blick zu nehmen, auch eine vollumfängliche Analyse der Probleme. Die Zusammensetzung des Kaders. Die Chemie im Kader. Der Umstand, dass einige Spieler offensichtlich ihren Zenit überschritten haben – u.a. auch deshalb, weil man nach schwersten Verletzungen in aller Regel eben nicht stärker zurückkommt als je zuvor. Der Umstand, dass einige Spieler, die für sich in Anspruch nehmen, internationale oder gar Weltklasse zu verkörpern, in der aktuelle Lage die Verantwortung scheuen und abtauchen. Und ja, natürlich muss man auch die Rolle des Trainerteams hinterfragen. Macht Jürgen Klopp Fehler? Wenn ja welche. Findet er Lösungen? Wenn ja welche. Übersteigt die Zahl seiner Fehler die Zahl seiner Lösungen?
In Leverkusen überwog die Zahl der Lösungen. Der Plan war: Sicher stehen, die einfachen Dinge gut machen, Sicherheit aufbauen. Der Plan ging auf.
Gegen Augsburg war der Plan: Mit einer mutigen Aufstellung (Sahin & Gündogan, nicht Immobile ODER, sondern UND Aubameyang) ein Signal setzen. Mit Gegenpressing Druck erzeugen, den Gegner zu Fehlern zwingen. Chancen kreieren. Das gelang in Halbzeit eins durchaus gut, und es ist nicht Klopp anzulasten, dass Kampl, Reus und Immobile drei fette Möglichkeiten zum 1:0 liegen ließen.
Trotzdem muss sich auch Jürgen Klopp an Ergebnissen messen lassen. Die Haltung „Lieber MIT Klopp in die zweite Liga als OHNE ihn den Klassenerhalt zu schaffen“ klingt romantisch, ist aber kompletter Unfug. Denn ein Abstieg würde ja nicht nur bedeuten, dass der BVB dann eben mal ein Jahr lang gegen Sandhausen und Aalen kickt. Ein Abstieg wäre eine tiefgreifende Zäsur in der Klubgeschichte und hätte Konsequenzen auf Jahre hinaus. Vom Erfolg der Mission Klassenerhalt hängt deshalb so unglaublich viel ab. Und ob es einem nun passt oder nicht, Borussia Dortmund ist ein börsennotiertes Unternehmen und steht als solches auch seinen Aktionären gegenüber in der Pflicht.

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