„Am Borsigplatz geboren“. Die Filmkritik.

Als der Abspann durchgelaufen war, diese schier endlos lange und von Making-Of-Szenen flankierte Liste der Namen aller Unterstützer des per Crowdfunding finanzierten Filmprojektes, erhob sich das Kino-Publikum von seinen Plätzen. Die 600 geladenen Gäste der Premieren-Vorstellung von „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ feierten das Filmemacher-Trio Jan-Henrik Gruszecki, Marc Quambusch und Gregor Schnittker am Sonntagabend mit Ovationen. Drei Profis in ihrem Metier, die gleichwohl auch Fans von Borussia Dortmund sind. Und nun standen sie da, vor der dunklen Leinwand des großen Cinestar-Saales, und BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball, Sportdirektor Michael Zorc, Nobbie Dickel, Sebastian Kehl, Kevin Großkreutz, Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und viele andere spendeten ihnen Applaus. Ein großer Moment, fraglos. Der Lohn für Mut, Beharrlichkeit und viel Arbeit, deren Ergebnis eine Dokumentation ist, die nicht nur die turbulente Gründungsgeschichte des BVB erzählt, sondern, mehr noch, ein Stück Dortmunder Stadt-, Industrie- und Gesellschaftsgeschichte.

Von Anfang an ein öffentliches Projekt

Viel ist geschrieben und diskutiert worden, seit Gruszecki, Quambusch und Schnittker sich vor rund zwei Jahren aufgemacht haben, dieses „eigentlich unrealisierbare Projekt“ als „allerletztes ganz unten auf unserer Liste“ (Quambusch) doch zu realisieren. Natürlich auch deshalb, weil sie sich bei der Finanzierung für Crowdfunding entschieden – dafür also, das Geld, größere, kleine und kleinste Beträge, im Internet einzusammeln. Womit sie das Projekt von der ersten Sekunde an zu einem öffentlichen machten.

Vertrauensbonus der Fans

In Ruhe arbeiten zu können, musste unter diesen Vorzeichen zwangsläufig ein frommer Wunsch bleiben. Transparenz hinsichtlich des Produktionsfortschritts war der Anspruch der Geldgeber; das Trio hatte Druck auf dem Kessel – und doch war der Weg nicht nur der richtige, sondern vermutlich der einzig mögliche. Der BVB beteiligte sich finanziell, einige seiner Sponsoren ebenfalls, vor allem aber Dutzende, Hunderte, ach was, Tausende Fans. Weil sie Gruszecki aus der aktiven Fanszene kennen, weil sie Gruszecki/Quambusch durch ihren zurecht hochgelobten Dokumentarfilm „Ekstase und Schock – die Fußballhauptstadt Buenos Aires“ kennen. Weil sie den (WDR)-Journalisten und Autor Gregor Schnittker u.a. durch sein Buch „Unser ganzes Leben. Die Fans des BVB“ kennen. Weil sie also wussten: Diese drei ticken wie wir. Wenn wir Ihnen unser Geld anvertrauen, kommt etwas Gutes dabei heraus.

Das Ergebnis verdient das Prädikat „ausgezeichnet“

Und so ist es dann auch: Die Geschichte über die Gründung von Borussia Dortmund, über ihren Gründer Franz Jacobi, aber auch über seine 17 Mitgründer, ist eine Dokumentation, die das Prädikat „ausgezeichnet“ verdient und – man muss da kein Prophet sein – die eine oder andere Auszeichnung noch erfahren wird. Sie ist deshalb ausgezeichnet, weil zwar in jeder Sekunde das schwarzgelbe Herzblut aus der Leinwand quillt, das die Macher in den Streifen investiert haben; weil sie zwar immer wieder Gänsepelle erzeugt – weil sie aber auf übergroßes Pathos verzichtet. Auch Jacobi wird nicht zur Heldenfigur hochstilisiert, sondern als „Primus inter pares“ charakterisiert. Ein Alpha-Mann, der wichtige Mitstreiter hatte, ohne die es den BVB heute ebenso wenig gäbe wie ohne ihn selbst. Ein Macher – aber keine Überfigur.

Kompetente Experten und starke Zeitzeugen

Gruszecki/Quambusch/Schnittker haben aufwändig und sorgfältig recherchiert. Sie hatten mit BVB-Historiker Gerd Kolbe das lebende Klub-Gedächtnis an ihrer Seite. Jener Gerd Kolbe, der Franz Jacobi kurz vor seinem Tod viele Stunden lang interviewt hat, um die Erinnerungen zu bewahren. Sie banden weitere kompetente Experten wie Annette Kritzler („Borsigplatz Verführungen“), Zeitzeugen und etliche Nachfahren der Vereinsgründer in die Doku ein. So gewinnt der Film mit jeder Aussage und jeder Einstellung an Glaubwürdigkeit.

Optische Opulenz nur dort, wo sie dem Film dient

Die Doku ist auch deshalb so ausgezeichnet, weil die Macher – im Rücken die Viertelmillion Euro aus dem Crowdfunding – zwar auf Schnickschnack verzichten, aber immer dort auf optische Opulenz setzen, wo sie dem Filmziel dient: So haben sie den Spiegelsaal der Gaststätte „Zum Wildschütz“, in der sich am 19.12.1909 die Gründung von Borussia Dortmund als Akt der Widersetzung gegen Hubert Dewald, den Kaplan der katholischen Dreifaltigkeits-Gemeinde, vollzieht, originalgetreu restauriert. Sie setzen auf historische Echtheit bei Kostümen, Requisite und den (eher wenigen) nachgedrehten Spielszenen. Ganz großartig, weil schlicht und doch ungeheuer wirkungsvoll: die Sandmalereien von Anne Löper.

Unaufgeregt erzählt

Und schließlich: Die Doku ist auch deshalb ausgezeichnet, weil sie eine schlüssige Dramaturgie hat und die Fäden immer wieder geschickt zusammenführt. Einer dieser Fäden ist die Spurensuche an Originalschauplätzen, auf die sich Gregor Schnittker gemeinsam mit Jacobis Urenkel Gerrit begibt. Schnittker war es lange Zeit gar nicht recht, im Film eine so hervorgehobene Rolle zu spielen. Zumal er auch als Leiter des Recherche-Teams immer wieder mit historischen Einordnungen vor der Kamera auftaucht. Er macht das alles aber mit so großer Zurückhaltung, dass es dem Film nützt, nicht schadet. Wie überhaupt die Unaufgeregtheit und journalistische Sachlichkeit zu den großen Stärken der Produktion gehört.

Fazit: unbedingt anschauen!

Das Fazit kann nur lauten: „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ erfüllt die zweifellos hochgesteckten Hoffnungen und Erwartungen vollauf. Wer diesen Film in den nächsten Wochen und Monaten nicht sieht, wird Mühe haben, glaubwürdig zu behaupten, er sei BVB-Anhänger.

Infos zu Kinoterminen und DVD: http://www.franz-jacobi.de

Das schreiben andere:

Arne und das schwatzgelb.de-Redaktionsteam http://goo.gl/E09rcJ

Stefan Reinke auf derwesten.de http://goo.gl/y2z81Q

Der Pottblog schreibt: http://goo.gl/sdRnpv

Rutger Koch auf „Gib mich die Kirsche“ http://goo.gl/qyRq21

eFeF

Advertisements

Showdown am Flughafen – der Schicksalstag des BVB

Es war vor exakt zehn Jahren, am 14. März 2005, da wurde am Düsseldorfer Flughafen über den BVB gerichtet. Knapp einen Monat nachdem die Verantwortlichen eine „existenzbedrohende Situation” eingeräumt hatten, mussten die Anteilseigner des Stadionfonds Molsiris über das Sanierungskonzept abstimmen. Je nach Ausgang bedeutete dies: entweder die Chance zum Neustart – oder die sofortige Insolvenz. In unserem Buch “Die Akte Schwarzgelb”, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 14. März – zweifellos einer der denkwürdigsten und surrealsten Tage in der langen Geschichte des Traditionsklubs – in voller Länge:

Hier also.

Die „Event Halle“ am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Adresse: Flughafenstraße 120. Irgendwo zwischen Betriebshof und Landebahn. Event Halle – ein großes Wort für diese trostlose graue Wellblechbüchse mit den kahlen Wänden, kaltem Licht aus Neonröhren und unzähligen Kaugummiflecken im schäbigen, zerschlissenen Teppichboden. Ein Provisorium, nach der Brandkatastrophe im April 1996 flugs errichtet, um Urlauber abfertigen zu können. Und nun brennt es wieder am Airport. Lichterloh sogar. Zwischen den Ausgängen E91 und E92 wird die Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA abgefertigt. Der Blick schweift für einen Moment aus dem Fenster auf das Vorfeld. Ein Frachtjumbo der „Atlas Air“ ist dort geparkt. Seit Wochen schon. Zerbeultes Heck, zerfetztes Triebwerk. Abgebrannt – im Wortsinn. Wie Borussia Dortmund. Auch der BVB ist hoch geflogen und brutal abgestürzt. Jetzt ist er total abgebrannt – im übertragenen Sinn.

Hier also. Und heute.

Am Montag, 14. März 2005, entscheiden die 444 anwesenden der insgesamt 5780 Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia 09 Dortmund. Spielen Menschen, von denen die meisten emotional keinerlei Bindung zum schwarzgelben Traditionsklub haben, Schicksal. Kühl kalkulierende Kapitalanleger, die mindestens 5000, manche 100.000 Euro in dem Fonds platziert haben, weil er fette Rendite versprach. Sie spielen Schicksal für den äBVB. Für Hunderttausende Fans. Für eine Stadt und eine ganze Region. „Entscheidend“, hat Adi Preißler, verstorbenes BVB-Idol der 50er Jahre, einmal gesagt, „entscheidend is‘ auffem Platz.“ Man füge vier Buchstaben hinzu – und die Erkenntnis ist aktueller denn je. Entscheidend is‘ auffem FLUGplatz.

Am Ende eines Tages, wie Präsident Dr. Reinhard Rauball ihn „nie mehr erleben möchte“, wird es ein bisschen sein wie bei Günter Jauchs Publikums-Joker: Abgestimmt wird mit einem Televoter. Per Knopfdruck. Was könnte die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der Borussia deutlicher zum Ausdruck bringen. Doch weil der Kandidat zuvor bereits den Fifty-Fifty-Joker gezogen hat, müssen sich die Gesellschafter nur noch zwischen zwei Optionen entscheiden. 94,4 % der anonymen Anleger drücken die grüne Taste: JA – der BVB darf weiterleben! JA – er kann durchstarten in eine allerdings ungewisse Zukunft. Das hat er dem havarierten Jumbo von Atlas Air voraus. „Dieser Sieg“, sagt Hans Tilkowski, auch ein schwarzgelbes Idol, allerdings der 60er Jahre, „war wichtiger als der Triumph im Weltpokal.“

Showdown – selten zuvor hat dieser Begriff ein Ereignis so treffend bezeichnet wie die Marathonsitzung in der Event Halle. Sie bildet das finale furioso einer unerträglichen Hängepartie, die seit dem 18. Februar andauerte. Nur einen Tag, nachdem der BVB seine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, verbreitete er in einer Pressemitteilung, die Teilentwarnung: „Auf einem Treffen am Freitagnachmittag in Dortmund einigte sich der BVB mit seinen Gläubigern. (…). Ein erster Etappensieg ist uns damit gelungen. Entscheidend wird jetzt allerdings sein, dass auch die Gesellschafterversammlung des Immobilienfonds Molsiris dem Sanierungsplan zustimmt. Die Zustimmung ist unabdingbar für die Realisierung unseres Sanierungskonzeptes“, erklärte Geschäftsführer Michael Meier. Wirtschaftsberater Jochen Rölfs, der das Sanierungskonzept erarbeitet hat, verdeutlichte: „Alternativkonzepte gibt es nicht.“ Ein Nein der Anleger wäre gleichbedeutend mit dem Gang zum Insolvenzrichter.

Am selben Tag, noch während Molsiris-Vertreter mit anderen Gläubigern und der BVB-Geschäftsführung über Auswege aus dem finanziellen Desaster verhandeln, sendet Karolina Müller, Sprecherin der Commerzbank Leasing Immobilien AG, vorsichtig erste positive Signale aus. „Ziel ist, die Finanzierung des Stadions auf eine langfristig tragfähige Basis zu stellen. Wenn der BVB ein schlüssiges Konzept präsentiert, wird es an uns nicht scheitern.“ Eine Aussage ohne jede Verbindlichkeit, denn nicht Frau Müller wird vier Wochen später am Düsseldorfer Flughafen über das Schicksal der ruhmreichen Borussia entscheiden, sondern 5800 Meiers, Schmidts und andere Namenlose.

Dass die KGaA mittendrin, am 28. Februar, ihr Halbjahresergebnis (1. Juli bis 31. Dezember 2004) veröffentlichen muss und ein Defizit vor Steuern in Höhe von 30,8 Mio. Euro ausweist, schürt nicht eben die Zuversicht auf ein gutes Ende.

Das krampfhafte Bemühen der Pressesprecherin um eine Beruhigung der Situation aber zeigt, dass die Commerzbank-Tochter, die den Stadionfonds aufgelegt hat, das schlechte Gewissen umtreibt. Mit 8 % Zinsen plus X hatte sie die Anleger geködert. X = Erfolgsbeteiligungen bei Qualifikation für europäische Wettbewerbe (siehe Kapitel „Molsiris – vorher und nachher“). Längst steht der Vorwurf, sie habe die Zeichner nicht hinreichend über die Risiken aufgeklärt. „Wir haben hier die Wahl zwischen einer miesen und einer miserablen Alternative“, sagt ein Gesellschafter vor Beginn der Außerordentlichen Versammlung in Düsseldorf. Ein anderer, der sechsstellig investiert hat, verrät in einer von mehreren Sitzungspausen: „Ich mag den BVB, aber in diesem Fall bin ich Geschäftsmann. Hier gibt’s nur wenige, die bei der Abstimmung ihr Herz über den Verstand stellen werden.“ In einem waren sich die Anleger nach mehr als 6-stündiger Generalaussprache schließlich einig: Während Rölfs und Watzke „offen, ehrlich und überzeugend“ argumentierten, habe die Commerz Leasing „eine erbärmliche Figur abgegeben“. Der gute Ruf der Commerzbank-Tochter ist beschädigt.

Wie groß die Unsicherheit bei den Schwarzgelben im Vorfeld ist, gleichzeitig aber auch ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, wird deutlich, als sie für die Molsiris-Anleger der Fondsgesellschaft eine E-Mail-Hotline einrichten. Vom 7. bis zum 11. März können Gesellschafter „Fragen zur vorgeschlagenen Umstrukturierung des Fonds oder zum Sanierungskonzept zur Zukunftssicherung von Borussia Dortmund stellen. Die Antworten liefert ein Expertenteam, dem auch die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Michael Meier angehören“.

Bereits am 23. Februar hatte sich die KGaA-Geschäftsführung in einem 5-seitigen Brief an die Anleger gewandt. Darin erklärt sie „das ursprüngliche, sehr ambitionierte sale & lease-back Fondskonzept“ für „gescheitert“, räumt erstmals „unverhältnismäßig hohe Transferzahlungen“ in der Ära Niebaum/Meier ein und appelliert in der Schlussbemerkung an die Emotionen. „Die weitere Zukunft des BVB liegt nunmehr in Ihrer Hand. Von Ihrer Entscheidung wird abhängen, ob auch in Zukunft der BVB als einer der ältesten Traditionsvereine, (…), erhalten bleibt und ob der BVB dem Mittelstand auch als Wirtschaftsfaktor der Region weiterhin als unerlässlicher Partner dienen kann. Letztlich – und auch dieses Argument möchten wir in diesen Zeiten und gerade in der Ruhrgebietsregion in Erinnerung bringen – erfolgt diese Bitte auch im Namen von fast 400 Mitarbeitern (ohne Lizenzspieler), die in unserem Hause beschäftigt sind.“

Es ist eine Wanderung auf ganz schmalem Grat, die Rauball, Watzke und Rölfs in den Tagen vor dem 14. März bewältigen müssen. Denn zu viele Emotionen wollen sie auch vermeiden. So bitten sie die Fans, von Solidaritätsbekundungen am Flughafen Abstand zu nehmen. „Wir wollten nicht, dass sich die Versammlung durch eine inszenierte Kundgebung beeinflusst oder gar bevormundet fühlt. Das ist nicht unser Stil. Die Leute sollten völlig frei entscheiden können“, sagt Hans-Joachim Watzke – der um 8.58 Uhr gemeinsam mit Rauball im schwarzen Mercedes vorfährt. Ohne Michael Meier.

Der komme nicht, weil er die Lizenzierungsunterlagen für die Abgabe bei der DFL am Tag darauf komplettieren müsse. So die offizielle Sprachregelung. Tatsächlich war Meier wild entschlossen gewesen, in Düsseldorf persönlich vor die Molsiris-Anleger zu treten, und es hatte Watzke/Rauball alle Überredungskunst gekostet, ihn davon abzubringen. Es war eine Demontage in Abwesenheit, aber die aggressive Anti-Meier-Stimmung unter den Fonds-Zeichnern in der Event Halle macht schnell deutlich, wie richtig und wichtig Meiers Fernbleiben im Sinne einer sachlichen Aussprache war.

Um 9.13 Uhr schließlich betritt Jochen Rölfs den Saal, um das Sanierungskonzept zu erläutern. Selbstbewusst – und doch unsicher. „Ich bin kein Prophet. Vor der Gläubiger-Versammlung konnte ich alle Gläubiger mal besuchen. Bei Molsiris konnte ich keinen einzigen besuchen. Ich weiß ja nicht einmal, wer mir dort gegenüber sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch: „Seien sie unbesorgt, ich kann auch Emotionen rüberbringen. Ich muss Vertrauen schaffen. Nur über Sachinformation können sie nicht Hunderte von Leuten einfangen. Ich werde den Fondszeichnern zeigen, dass sich das Vertrauen lohnt. Denn wenn das Projekt scheitert, dann habe ich auch ein Problem.“

Es scheitert nicht. Um 15.29 Uhr leuchtet das Ergebnis auf. 94,4 % Zustimmung. Rauball steht auf, wendet sich dem Plenum zu und klatscht Beifall. Wenige Minuten später stellt er sich mit Watzke und Rölfs den Medien. „Das war mit das Schwerste, was ich überhaupt je mitgemacht habe, weil wir total abhängig waren von der Zustimmung anderer“, sagt der Präsident. Watzke spricht von „unglaublicher Erleichterung“ und einem „irren Glückgefühl“. Rölfs ist „froh und ein wenig stolz, dass wir diesen Beitrag leisten konnten, dem BVB eine Perspektive zu eröffnen“. 780.000 Euro Honorar haben er und seine Mitarbeiter kassiert. „Und natürlich habe ich Vorkasse verlangt“, sagt er selbstbewusst. „Schließlich bin ich Sanierer.“

Und keine Frage: Wenn das Sanierungskonzept greift, ist Rölfs jeden Cent wert.

Der Fußball braucht nicht weniger Klopp – sondern mehr!

Alles fing damit an, dass sich der Pierre, ihr wisst schon, der Junge mit den lustigen Frisuren und den schnellen Autos, diese Batman-Maske aufsetzte und der Marco, ihr wisst schon, der Junge, der auch schnelle Autos hat, aber keinen Führerschein, eine Robin-Maske. Das haben die aber nicht gemacht, weil Karneval war, sondern weil der Pierre bei irgendeinem Fußballspiel ein Tor geschossen hatte. Ganz viele Leute fanden das voll witzig, aber manche fanden das auch voll doof. Der Marcel zum Beispiel. Der fand das kindisch, hat er gesagt – und dass er über so etwas gar nicht lachen kann, weil er vermutlich zu alt dafür sei. Tatsächlich hat der Marcel schon ganz graue Haare und ist so alt, dass er gar nicht mehr arbeiten gehen müsste. Er könnte in Rente gehen – das ist, wenn man sein Geld von der Tante Angela fürs Rumsitzen kriegt. Jedenfalls fand der Jürgen, ihr wisst schon, der mit der „Pöhler“-Kappe, es gar nicht lustig, dass der Marcel das mit dem Pierre und seiner Maske nicht lustig fand. Andererseits, meint der Jürgen, finde der Marcel ja sowieso gar nichts lustig. Und jetzt behauptet der Marcel, der Jürgen sei Schuld daran, dass die anderen ihn nicht mehr mögen und nur noch Bierbecherwerfen mit ihm spielen wollen.

Boah Leute, ich glaube, erwachsen zu sein, ist manchmal ganz schön kompliziert.

Die Anfeindungen gegen Reif sind inakzeptabel

Okay, Spaß beiseite! Die Lage ist ernst, und ich wiederhole daher eingangs und sehr unmissverständlich, was ich die Tage schon einmal bei Facebook gepostet habe: Ich bin kein Marcel-Reif-Fan, halte es gleichwohl für komplett inakzeptabel, wenn Journalisten angefeindet, beschimpft, beleidigt und mit Gegenständen beworfen werden. Das sage ich als Journalist. Ich sage es aber vor allem als jemand, der gegenseitigen Respekt für die wichtigste Voraussetzung zivilisierten Zusammenlebens hält.

In den vergangenen Tagen nun hat sich die Sache umgedreht. Oder anders ausgedrückt: Marcel Reif, der ja ein brillanter Rhetoriker ist, hat es geschickt verstanden, sich selbst in die Rolle des bemitleidenswerten Opfers zu manövrieren – und BVB-Trainer Jürgen Klopp in die des Täters. Denn Klopp hatte nach dem Derby klargestellt, dass er den Masken-Jubel ganz lustig fand. Wie wohl alle – außer Marcel Reif, der aber „in seinem Leben gar nichts mehr lustig“ finde. Damit, so der Sky-Kommentator, habe Dortmunds Coach einigen hirnlosen Anhängern quasi die verbale Legitimation erteilt, ihn beim Pokalspiel in Dresden übelst anzufeinden und mit Bier zu überschütten.

Jürgen Klopp ein Aufstacheln der Fans zu unterstellen, ist natürlich grober Unfug. Dass Klopp sich den verbalen Seitenhieb gegen Reif dennoch hätte klemmen können, hat der Trainer inzwischen eingesehen – und sich entschuldigt.

Doch damit ist noch lange nicht gut. Denn nun stecken allerorten die Klopp-Kritiker ihre Köpfe aus dem Gebüsch und nehmen den BVB-Coach ins Visier. Schließlich sei das ja nicht das erste Mal gewesen . . . und überhaupt, wie der sich den Schiedsrichtern gegenüber immer . . . und wisst ihr noch, damals in Neapel, als er dem vierten Offiziellen um ein Haar die Nase abgebissen hätte . . . und sowieso: Seine großkotzige Art gegenüber Journalisten . . . daran sieht man doch, dass ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen ist . . . und so weiter und so weiter.

Der Sky-Mann mag Klopp nicht

Marcel Reif wird’s mit innerer Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Reif mag Klopp nicht. Schon 2008, der Trainer war gerade von Mainz zum BVB gewechselt, schrieb der Kommentator in seiner Kolumne im Berliner „Tagesspiegel“ wörtlich über Klopp:

Nach seinen jüngsten Auftritten als Rumpelstilzchen wäre es wohl für alle Beteiligten das Beste gewesen, er wäre etwas bodenständiger geblieben und damit in der Zweiten Liga verschwunden.“

Nun verschwand Klopp aber nicht in Liga zwei, sondern schrieb in Liga eins mit Borussia die ganz große Erfolgsgeschichte. Sie handelte von modernem, spektakulärem Fußball, von Titeln, Emotionen und Sympathien, die dem ‚Rumpelstilzchen‘ in Europa und der ganzen Welt zuflogen. Klopp bewegte sich plötzlich auf Augenhöhe mit Mourinho, Heynckes, Guardiola und van Gaal. An Marcel Reif, der ja nicht so ein Aufgeregter ist, sondern ein aufgesetzt Besonnener, ein Schöngeist, einer der über den Dingen nicht etwa steht, sondern gleichmaßen schwebt, muss diese Kloppsche Erfolgsstory genagt haben.

Dabei ist Reif selbst ein viel größerer Polarisierer als Klopp es jemals werden wird. Gewiss, als Kommentator hat er uns Fußball-Fans Sternstunden beschert. Gemeinsam mit Günter Jauch schrieb er beim „Torfall von Madrid“ TV-Geschichte, und als der FC Bayern München 1999 in Barcalona das CL-Finale gegen ManU in der Nachspielzeit aus der Hand gab, fand Reif die richtige Mischung aus Mitgefühl, Distanz und Analyse. Das war großes Kommentatoren-Können.

Reif ätzt wie kein anderer – er verpackt es nur hübsch

Aber: Mit seinem Mix aus Ironie, Arroganz, Sprachverliebtheit, Wissen und Besserwisserei hat sich Reif in all den Jahren eben nicht nur Freunde gemacht. Reif hat fußballerisch limitierte Mannschaften und Spieler verbal der Lächerlichkeit preis- und – gewiss nicht mit Vorsatz, aber faktisch sehr wohl – Trainer zum Abschuss freigegeben. Dass solche Kommentare bei ihm häufig durch die Formulierung „Bei allem Respekt vor . . ., aber . . .“ eingeleitet wurden, änderte an der Wirkung nichts – und der war sich Reif stets sehr wohl bewusst. Vielen Fußball-Fans, und eben nicht nur Dortmundern, geht das seit Jahren zunehmend auf den Keks. Im Gegensatz zu früher können solche Fans das seit einigen Jahren auch zum Ausdruck bringen. In Internet-Foren und sozialen Netzwerken. Reifs ZDF-Kollege Béla Rethy bezeichnet die deshalb unlängst als „asoziale Netzwerke“. Was sie auch sind, wenn (zumal anonym) beschimpft und beleidigt wird. Nicht aber, wenn Kritik geäußert wird. Die muss ein Journalist, auch auf diesem Weg, heutzutage aushalten – so, wie Spieler und Trainer Reifs und Rethys Kritik aushalten müssen.

Doch genug damit – wer noch mehr will, kann hier klicken und wird bestens bedient: http://www.schwatzgelb.de/2015-03-05-unsa-senf-lieber-marcel-reif.html

Dem Fußball fehlen mehr Typen wie Klopp

Noch einmal zurück zu Jürgen Klopp! Die Lehre aus der „Causa Reif“ kann nicht sein, dass die Bundesliga weniger Klopp braucht. Sie braucht, im Gegenteil, mehr Klopp. Mehr Typen. Typen, die auch mal über das Ziel hinaus schießen. Die anecken. Die ihr Inneres nach außen kehren und uns an ihrer Gemütsverfassung teilhaben lassen. Die, meinetwegen, auch einmal erst reden und dann denken. Typen, an denen man sich reiben kann. Typen, deretwegen Fußballfreunde sagen können: Ich finde Dortmund geil und Bayern scheiße! Oder umgekehrt. Wir brauchen solche Typen um so dringender, weil es sie unter den Profis kaum noch gibt. Die sind fast alle dreimal weichgespült, haben zig Medienschulungen durchlaufen und lassen, wenn’s ernst wird, ihren Berater sprechen. Auch bei den Trainern werden die Typen immer weniger. Und bei den Vereinen . . . Ich sage nur VfL Golfsburg, TSG 1899 Hoppenheim, Bayer Leverkusen, Rasendingsbums Leipzig, IngolstadTT . . .

Was wollen wir denn, wenn wir Typen wie Klopp oder Freiburgs Christian Streich nicht wollen?! Wollen wir nur noch Roberto di Matteos. Trainer, die so langweilig daher kommen wie der Fußball, den sie spielen lassen? Oder Typen wie Joachim Löw, so kuschelig-flauschig wie die Kaschmirpullis, die er so gerne trägt. Wollen wir die Konturlosen, die jederzeit Beherrschten?

Nein, danke, ich will die nicht!

Ich will mehr Klopp. Und das nicht nur in der Fußball-Bundesliga. Auch in der Politik wäre mehr Klopp eine Wohltat. Politiker, die sich mal wieder richtig die Meinung geigen und um die beste Lösung ringen, statt faule Kompromisse zu schließen. Warum rennen die Menschen denn wohl zu den Piraten, zur AfD oder, viel schlimmer noch, rechten Rattenfängern wie den Pegida-Dumpfbacken hinterher: Weil die wenigstens eine klare Meinung haben und obendrein auch noch den Mut, sie öffentlich auszusprechen.

Ich will mehr Streitkultur. Die gab’s mal in diesem Land, als Politiker noch Strauß, Brandt, Genscher und Wehner hießen. Es gibt sie nicht mehr, seit Kohl und Merkel das Aussitzen von Problemen zu politischen Maxime erklärten und das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten, unterbrochen nur durch eine kurze Phase „Basta“-Schröder, mit ihrer Gluckenhaftigkeit lähmten und erstickten.

Gewiss, der Bogen von Aubameyangs Batman-Maske zu Merkels Tatenlos-Raute ist arg weit gespannt und mancher Zusammenhang mag konstruiert sein. Das Fazit lautet dennoch – frei nach Willy Brandt: Mehr Klopp wagen!