Der Fußball braucht nicht weniger Klopp – sondern mehr!

Alles fing damit an, dass sich der Pierre, ihr wisst schon, der Junge mit den lustigen Frisuren und den schnellen Autos, diese Batman-Maske aufsetzte und der Marco, ihr wisst schon, der Junge, der auch schnelle Autos hat, aber keinen Führerschein, eine Robin-Maske. Das haben die aber nicht gemacht, weil Karneval war, sondern weil der Pierre bei irgendeinem Fußballspiel ein Tor geschossen hatte. Ganz viele Leute fanden das voll witzig, aber manche fanden das auch voll doof. Der Marcel zum Beispiel. Der fand das kindisch, hat er gesagt – und dass er über so etwas gar nicht lachen kann, weil er vermutlich zu alt dafür sei. Tatsächlich hat der Marcel schon ganz graue Haare und ist so alt, dass er gar nicht mehr arbeiten gehen müsste. Er könnte in Rente gehen – das ist, wenn man sein Geld von der Tante Angela fürs Rumsitzen kriegt. Jedenfalls fand der Jürgen, ihr wisst schon, der mit der „Pöhler“-Kappe, es gar nicht lustig, dass der Marcel das mit dem Pierre und seiner Maske nicht lustig fand. Andererseits, meint der Jürgen, finde der Marcel ja sowieso gar nichts lustig. Und jetzt behauptet der Marcel, der Jürgen sei Schuld daran, dass die anderen ihn nicht mehr mögen und nur noch Bierbecherwerfen mit ihm spielen wollen.

Boah Leute, ich glaube, erwachsen zu sein, ist manchmal ganz schön kompliziert.

Die Anfeindungen gegen Reif sind inakzeptabel

Okay, Spaß beiseite! Die Lage ist ernst, und ich wiederhole daher eingangs und sehr unmissverständlich, was ich die Tage schon einmal bei Facebook gepostet habe: Ich bin kein Marcel-Reif-Fan, halte es gleichwohl für komplett inakzeptabel, wenn Journalisten angefeindet, beschimpft, beleidigt und mit Gegenständen beworfen werden. Das sage ich als Journalist. Ich sage es aber vor allem als jemand, der gegenseitigen Respekt für die wichtigste Voraussetzung zivilisierten Zusammenlebens hält.

In den vergangenen Tagen nun hat sich die Sache umgedreht. Oder anders ausgedrückt: Marcel Reif, der ja ein brillanter Rhetoriker ist, hat es geschickt verstanden, sich selbst in die Rolle des bemitleidenswerten Opfers zu manövrieren – und BVB-Trainer Jürgen Klopp in die des Täters. Denn Klopp hatte nach dem Derby klargestellt, dass er den Masken-Jubel ganz lustig fand. Wie wohl alle – außer Marcel Reif, der aber „in seinem Leben gar nichts mehr lustig“ finde. Damit, so der Sky-Kommentator, habe Dortmunds Coach einigen hirnlosen Anhängern quasi die verbale Legitimation erteilt, ihn beim Pokalspiel in Dresden übelst anzufeinden und mit Bier zu überschütten.

Jürgen Klopp ein Aufstacheln der Fans zu unterstellen, ist natürlich grober Unfug. Dass Klopp sich den verbalen Seitenhieb gegen Reif dennoch hätte klemmen können, hat der Trainer inzwischen eingesehen – und sich entschuldigt.

Doch damit ist noch lange nicht gut. Denn nun stecken allerorten die Klopp-Kritiker ihre Köpfe aus dem Gebüsch und nehmen den BVB-Coach ins Visier. Schließlich sei das ja nicht das erste Mal gewesen . . . und überhaupt, wie der sich den Schiedsrichtern gegenüber immer . . . und wisst ihr noch, damals in Neapel, als er dem vierten Offiziellen um ein Haar die Nase abgebissen hätte . . . und sowieso: Seine großkotzige Art gegenüber Journalisten . . . daran sieht man doch, dass ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen ist . . . und so weiter und so weiter.

Der Sky-Mann mag Klopp nicht

Marcel Reif wird’s mit innerer Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Reif mag Klopp nicht. Schon 2008, der Trainer war gerade von Mainz zum BVB gewechselt, schrieb der Kommentator in seiner Kolumne im Berliner „Tagesspiegel“ wörtlich über Klopp:

Nach seinen jüngsten Auftritten als Rumpelstilzchen wäre es wohl für alle Beteiligten das Beste gewesen, er wäre etwas bodenständiger geblieben und damit in der Zweiten Liga verschwunden.“

Nun verschwand Klopp aber nicht in Liga zwei, sondern schrieb in Liga eins mit Borussia die ganz große Erfolgsgeschichte. Sie handelte von modernem, spektakulärem Fußball, von Titeln, Emotionen und Sympathien, die dem ‚Rumpelstilzchen‘ in Europa und der ganzen Welt zuflogen. Klopp bewegte sich plötzlich auf Augenhöhe mit Mourinho, Heynckes, Guardiola und van Gaal. An Marcel Reif, der ja nicht so ein Aufgeregter ist, sondern ein aufgesetzt Besonnener, ein Schöngeist, einer der über den Dingen nicht etwa steht, sondern gleichmaßen schwebt, muss diese Kloppsche Erfolgsstory genagt haben.

Dabei ist Reif selbst ein viel größerer Polarisierer als Klopp es jemals werden wird. Gewiss, als Kommentator hat er uns Fußball-Fans Sternstunden beschert. Gemeinsam mit Günter Jauch schrieb er beim „Torfall von Madrid“ TV-Geschichte, und als der FC Bayern München 1999 in Barcalona das CL-Finale gegen ManU in der Nachspielzeit aus der Hand gab, fand Reif die richtige Mischung aus Mitgefühl, Distanz und Analyse. Das war großes Kommentatoren-Können.

Reif ätzt wie kein anderer – er verpackt es nur hübsch

Aber: Mit seinem Mix aus Ironie, Arroganz, Sprachverliebtheit, Wissen und Besserwisserei hat sich Reif in all den Jahren eben nicht nur Freunde gemacht. Reif hat fußballerisch limitierte Mannschaften und Spieler verbal der Lächerlichkeit preis- und – gewiss nicht mit Vorsatz, aber faktisch sehr wohl – Trainer zum Abschuss freigegeben. Dass solche Kommentare bei ihm häufig durch die Formulierung „Bei allem Respekt vor . . ., aber . . .“ eingeleitet wurden, änderte an der Wirkung nichts – und der war sich Reif stets sehr wohl bewusst. Vielen Fußball-Fans, und eben nicht nur Dortmundern, geht das seit Jahren zunehmend auf den Keks. Im Gegensatz zu früher können solche Fans das seit einigen Jahren auch zum Ausdruck bringen. In Internet-Foren und sozialen Netzwerken. Reifs ZDF-Kollege Béla Rethy bezeichnet die deshalb unlängst als „asoziale Netzwerke“. Was sie auch sind, wenn (zumal anonym) beschimpft und beleidigt wird. Nicht aber, wenn Kritik geäußert wird. Die muss ein Journalist, auch auf diesem Weg, heutzutage aushalten – so, wie Spieler und Trainer Reifs und Rethys Kritik aushalten müssen.

Doch genug damit – wer noch mehr will, kann hier klicken und wird bestens bedient: http://www.schwatzgelb.de/2015-03-05-unsa-senf-lieber-marcel-reif.html

Dem Fußball fehlen mehr Typen wie Klopp

Noch einmal zurück zu Jürgen Klopp! Die Lehre aus der „Causa Reif“ kann nicht sein, dass die Bundesliga weniger Klopp braucht. Sie braucht, im Gegenteil, mehr Klopp. Mehr Typen. Typen, die auch mal über das Ziel hinaus schießen. Die anecken. Die ihr Inneres nach außen kehren und uns an ihrer Gemütsverfassung teilhaben lassen. Die, meinetwegen, auch einmal erst reden und dann denken. Typen, an denen man sich reiben kann. Typen, deretwegen Fußballfreunde sagen können: Ich finde Dortmund geil und Bayern scheiße! Oder umgekehrt. Wir brauchen solche Typen um so dringender, weil es sie unter den Profis kaum noch gibt. Die sind fast alle dreimal weichgespült, haben zig Medienschulungen durchlaufen und lassen, wenn’s ernst wird, ihren Berater sprechen. Auch bei den Trainern werden die Typen immer weniger. Und bei den Vereinen . . . Ich sage nur VfL Golfsburg, TSG 1899 Hoppenheim, Bayer Leverkusen, Rasendingsbums Leipzig, IngolstadTT . . .

Was wollen wir denn, wenn wir Typen wie Klopp oder Freiburgs Christian Streich nicht wollen?! Wollen wir nur noch Roberto di Matteos. Trainer, die so langweilig daher kommen wie der Fußball, den sie spielen lassen? Oder Typen wie Joachim Löw, so kuschelig-flauschig wie die Kaschmirpullis, die er so gerne trägt. Wollen wir die Konturlosen, die jederzeit Beherrschten?

Nein, danke, ich will die nicht!

Ich will mehr Klopp. Und das nicht nur in der Fußball-Bundesliga. Auch in der Politik wäre mehr Klopp eine Wohltat. Politiker, die sich mal wieder richtig die Meinung geigen und um die beste Lösung ringen, statt faule Kompromisse zu schließen. Warum rennen die Menschen denn wohl zu den Piraten, zur AfD oder, viel schlimmer noch, rechten Rattenfängern wie den Pegida-Dumpfbacken hinterher: Weil die wenigstens eine klare Meinung haben und obendrein auch noch den Mut, sie öffentlich auszusprechen.

Ich will mehr Streitkultur. Die gab’s mal in diesem Land, als Politiker noch Strauß, Brandt, Genscher und Wehner hießen. Es gibt sie nicht mehr, seit Kohl und Merkel das Aussitzen von Problemen zu politischen Maxime erklärten und das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten, unterbrochen nur durch eine kurze Phase „Basta“-Schröder, mit ihrer Gluckenhaftigkeit lähmten und erstickten.

Gewiss, der Bogen von Aubameyangs Batman-Maske zu Merkels Tatenlos-Raute ist arg weit gespannt und mancher Zusammenhang mag konstruiert sein. Das Fazit lautet dennoch – frei nach Willy Brandt: Mehr Klopp wagen!

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9 Kommentare zu “Der Fußball braucht nicht weniger Klopp – sondern mehr!

  1. Mein Gott, Frank! Der ist nur Fußballtrainer und kein Messias! Das sollte man doch auch ohne die schwarz-gelbe Brille noch blicken! Fußballtrainer!!!!!! Das sind die mit der Doppel 6 und der Falschen 9. Ach ja, eine Philosophie soll der ein oder andere von denen ja auch haben („Ball flach halten“, „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“, blabla). Dennoch bleibt er, so be-klopp-t das ja sein mag, nur ein Fussballtrainer, und zwar ein über die Maßen gut bezahlter.

    • Hi, Uli, die Überhöhung des Fußballs ist gottlob nicht meine Erfindung. Wir werden das aber auch nicht mehr ändern. Schau‘ doch nur mal, was bei Deinen Bayern um Guardiola veranstaltet wird. Ein gottgleiches Wesen.

      • Was Guardiola betrifft, da hast Du vollkommen recht. Ich weiß offen gestanden nicht, was der besser macht als Jupp Heynckes. Und was die Überhöhung angeht: Nur, weil man es scheinbar nicht mehr ändern kann (oder will?), muss man diese Götzen der Neuzeit ja nicht zwangsläufig anbeten!

  2. Pingback: Die Reif-Diskussion: Reif für die Tonne | die schwarzgelbe ecke

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