Showdown am Flughafen – der Schicksalstag des BVB

Es war vor exakt zehn Jahren, am 14. März 2005, da wurde am Düsseldorfer Flughafen über den BVB gerichtet. Knapp einen Monat nachdem die Verantwortlichen eine „existenzbedrohende Situation” eingeräumt hatten, mussten die Anteilseigner des Stadionfonds Molsiris über das Sanierungskonzept abstimmen. Je nach Ausgang bedeutete dies: entweder die Chance zum Neustart – oder die sofortige Insolvenz. In unserem Buch “Die Akte Schwarzgelb”, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 14. März – zweifellos einer der denkwürdigsten und surrealsten Tage in der langen Geschichte des Traditionsklubs – in voller Länge:

Hier also.

Die „Event Halle“ am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Adresse: Flughafenstraße 120. Irgendwo zwischen Betriebshof und Landebahn. Event Halle – ein großes Wort für diese trostlose graue Wellblechbüchse mit den kahlen Wänden, kaltem Licht aus Neonröhren und unzähligen Kaugummiflecken im schäbigen, zerschlissenen Teppichboden. Ein Provisorium, nach der Brandkatastrophe im April 1996 flugs errichtet, um Urlauber abfertigen zu können. Und nun brennt es wieder am Airport. Lichterloh sogar. Zwischen den Ausgängen E91 und E92 wird die Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA abgefertigt. Der Blick schweift für einen Moment aus dem Fenster auf das Vorfeld. Ein Frachtjumbo der „Atlas Air“ ist dort geparkt. Seit Wochen schon. Zerbeultes Heck, zerfetztes Triebwerk. Abgebrannt – im Wortsinn. Wie Borussia Dortmund. Auch der BVB ist hoch geflogen und brutal abgestürzt. Jetzt ist er total abgebrannt – im übertragenen Sinn.

Hier also. Und heute.

Am Montag, 14. März 2005, entscheiden die 444 anwesenden der insgesamt 5780 Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia 09 Dortmund. Spielen Menschen, von denen die meisten emotional keinerlei Bindung zum schwarzgelben Traditionsklub haben, Schicksal. Kühl kalkulierende Kapitalanleger, die mindestens 5000, manche 100.000 Euro in dem Fonds platziert haben, weil er fette Rendite versprach. Sie spielen Schicksal für den äBVB. Für Hunderttausende Fans. Für eine Stadt und eine ganze Region. „Entscheidend“, hat Adi Preißler, verstorbenes BVB-Idol der 50er Jahre, einmal gesagt, „entscheidend is‘ auffem Platz.“ Man füge vier Buchstaben hinzu – und die Erkenntnis ist aktueller denn je. Entscheidend is‘ auffem FLUGplatz.

Am Ende eines Tages, wie Präsident Dr. Reinhard Rauball ihn „nie mehr erleben möchte“, wird es ein bisschen sein wie bei Günter Jauchs Publikums-Joker: Abgestimmt wird mit einem Televoter. Per Knopfdruck. Was könnte die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der Borussia deutlicher zum Ausdruck bringen. Doch weil der Kandidat zuvor bereits den Fifty-Fifty-Joker gezogen hat, müssen sich die Gesellschafter nur noch zwischen zwei Optionen entscheiden. 94,4 % der anonymen Anleger drücken die grüne Taste: JA – der BVB darf weiterleben! JA – er kann durchstarten in eine allerdings ungewisse Zukunft. Das hat er dem havarierten Jumbo von Atlas Air voraus. „Dieser Sieg“, sagt Hans Tilkowski, auch ein schwarzgelbes Idol, allerdings der 60er Jahre, „war wichtiger als der Triumph im Weltpokal.“

Showdown – selten zuvor hat dieser Begriff ein Ereignis so treffend bezeichnet wie die Marathonsitzung in der Event Halle. Sie bildet das finale furioso einer unerträglichen Hängepartie, die seit dem 18. Februar andauerte. Nur einen Tag, nachdem der BVB seine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, verbreitete er in einer Pressemitteilung, die Teilentwarnung: „Auf einem Treffen am Freitagnachmittag in Dortmund einigte sich der BVB mit seinen Gläubigern. (…). Ein erster Etappensieg ist uns damit gelungen. Entscheidend wird jetzt allerdings sein, dass auch die Gesellschafterversammlung des Immobilienfonds Molsiris dem Sanierungsplan zustimmt. Die Zustimmung ist unabdingbar für die Realisierung unseres Sanierungskonzeptes“, erklärte Geschäftsführer Michael Meier. Wirtschaftsberater Jochen Rölfs, der das Sanierungskonzept erarbeitet hat, verdeutlichte: „Alternativkonzepte gibt es nicht.“ Ein Nein der Anleger wäre gleichbedeutend mit dem Gang zum Insolvenzrichter.

Am selben Tag, noch während Molsiris-Vertreter mit anderen Gläubigern und der BVB-Geschäftsführung über Auswege aus dem finanziellen Desaster verhandeln, sendet Karolina Müller, Sprecherin der Commerzbank Leasing Immobilien AG, vorsichtig erste positive Signale aus. „Ziel ist, die Finanzierung des Stadions auf eine langfristig tragfähige Basis zu stellen. Wenn der BVB ein schlüssiges Konzept präsentiert, wird es an uns nicht scheitern.“ Eine Aussage ohne jede Verbindlichkeit, denn nicht Frau Müller wird vier Wochen später am Düsseldorfer Flughafen über das Schicksal der ruhmreichen Borussia entscheiden, sondern 5800 Meiers, Schmidts und andere Namenlose.

Dass die KGaA mittendrin, am 28. Februar, ihr Halbjahresergebnis (1. Juli bis 31. Dezember 2004) veröffentlichen muss und ein Defizit vor Steuern in Höhe von 30,8 Mio. Euro ausweist, schürt nicht eben die Zuversicht auf ein gutes Ende.

Das krampfhafte Bemühen der Pressesprecherin um eine Beruhigung der Situation aber zeigt, dass die Commerzbank-Tochter, die den Stadionfonds aufgelegt hat, das schlechte Gewissen umtreibt. Mit 8 % Zinsen plus X hatte sie die Anleger geködert. X = Erfolgsbeteiligungen bei Qualifikation für europäische Wettbewerbe (siehe Kapitel „Molsiris – vorher und nachher“). Längst steht der Vorwurf, sie habe die Zeichner nicht hinreichend über die Risiken aufgeklärt. „Wir haben hier die Wahl zwischen einer miesen und einer miserablen Alternative“, sagt ein Gesellschafter vor Beginn der Außerordentlichen Versammlung in Düsseldorf. Ein anderer, der sechsstellig investiert hat, verrät in einer von mehreren Sitzungspausen: „Ich mag den BVB, aber in diesem Fall bin ich Geschäftsmann. Hier gibt’s nur wenige, die bei der Abstimmung ihr Herz über den Verstand stellen werden.“ In einem waren sich die Anleger nach mehr als 6-stündiger Generalaussprache schließlich einig: Während Rölfs und Watzke „offen, ehrlich und überzeugend“ argumentierten, habe die Commerz Leasing „eine erbärmliche Figur abgegeben“. Der gute Ruf der Commerzbank-Tochter ist beschädigt.

Wie groß die Unsicherheit bei den Schwarzgelben im Vorfeld ist, gleichzeitig aber auch ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, wird deutlich, als sie für die Molsiris-Anleger der Fondsgesellschaft eine E-Mail-Hotline einrichten. Vom 7. bis zum 11. März können Gesellschafter „Fragen zur vorgeschlagenen Umstrukturierung des Fonds oder zum Sanierungskonzept zur Zukunftssicherung von Borussia Dortmund stellen. Die Antworten liefert ein Expertenteam, dem auch die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Michael Meier angehören“.

Bereits am 23. Februar hatte sich die KGaA-Geschäftsführung in einem 5-seitigen Brief an die Anleger gewandt. Darin erklärt sie „das ursprüngliche, sehr ambitionierte sale & lease-back Fondskonzept“ für „gescheitert“, räumt erstmals „unverhältnismäßig hohe Transferzahlungen“ in der Ära Niebaum/Meier ein und appelliert in der Schlussbemerkung an die Emotionen. „Die weitere Zukunft des BVB liegt nunmehr in Ihrer Hand. Von Ihrer Entscheidung wird abhängen, ob auch in Zukunft der BVB als einer der ältesten Traditionsvereine, (…), erhalten bleibt und ob der BVB dem Mittelstand auch als Wirtschaftsfaktor der Region weiterhin als unerlässlicher Partner dienen kann. Letztlich – und auch dieses Argument möchten wir in diesen Zeiten und gerade in der Ruhrgebietsregion in Erinnerung bringen – erfolgt diese Bitte auch im Namen von fast 400 Mitarbeitern (ohne Lizenzspieler), die in unserem Hause beschäftigt sind.“

Es ist eine Wanderung auf ganz schmalem Grat, die Rauball, Watzke und Rölfs in den Tagen vor dem 14. März bewältigen müssen. Denn zu viele Emotionen wollen sie auch vermeiden. So bitten sie die Fans, von Solidaritätsbekundungen am Flughafen Abstand zu nehmen. „Wir wollten nicht, dass sich die Versammlung durch eine inszenierte Kundgebung beeinflusst oder gar bevormundet fühlt. Das ist nicht unser Stil. Die Leute sollten völlig frei entscheiden können“, sagt Hans-Joachim Watzke – der um 8.58 Uhr gemeinsam mit Rauball im schwarzen Mercedes vorfährt. Ohne Michael Meier.

Der komme nicht, weil er die Lizenzierungsunterlagen für die Abgabe bei der DFL am Tag darauf komplettieren müsse. So die offizielle Sprachregelung. Tatsächlich war Meier wild entschlossen gewesen, in Düsseldorf persönlich vor die Molsiris-Anleger zu treten, und es hatte Watzke/Rauball alle Überredungskunst gekostet, ihn davon abzubringen. Es war eine Demontage in Abwesenheit, aber die aggressive Anti-Meier-Stimmung unter den Fonds-Zeichnern in der Event Halle macht schnell deutlich, wie richtig und wichtig Meiers Fernbleiben im Sinne einer sachlichen Aussprache war.

Um 9.13 Uhr schließlich betritt Jochen Rölfs den Saal, um das Sanierungskonzept zu erläutern. Selbstbewusst – und doch unsicher. „Ich bin kein Prophet. Vor der Gläubiger-Versammlung konnte ich alle Gläubiger mal besuchen. Bei Molsiris konnte ich keinen einzigen besuchen. Ich weiß ja nicht einmal, wer mir dort gegenüber sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch: „Seien sie unbesorgt, ich kann auch Emotionen rüberbringen. Ich muss Vertrauen schaffen. Nur über Sachinformation können sie nicht Hunderte von Leuten einfangen. Ich werde den Fondszeichnern zeigen, dass sich das Vertrauen lohnt. Denn wenn das Projekt scheitert, dann habe ich auch ein Problem.“

Es scheitert nicht. Um 15.29 Uhr leuchtet das Ergebnis auf. 94,4 % Zustimmung. Rauball steht auf, wendet sich dem Plenum zu und klatscht Beifall. Wenige Minuten später stellt er sich mit Watzke und Rölfs den Medien. „Das war mit das Schwerste, was ich überhaupt je mitgemacht habe, weil wir total abhängig waren von der Zustimmung anderer“, sagt der Präsident. Watzke spricht von „unglaublicher Erleichterung“ und einem „irren Glückgefühl“. Rölfs ist „froh und ein wenig stolz, dass wir diesen Beitrag leisten konnten, dem BVB eine Perspektive zu eröffnen“. 780.000 Euro Honorar haben er und seine Mitarbeiter kassiert. „Und natürlich habe ich Vorkasse verlangt“, sagt er selbstbewusst. „Schließlich bin ich Sanierer.“

Und keine Frage: Wenn das Sanierungskonzept greift, ist Rölfs jeden Cent wert.

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