„Am Borsigplatz geboren“. Die Filmkritik.

Als der Abspann durchgelaufen war, diese schier endlos lange und von Making-Of-Szenen flankierte Liste der Namen aller Unterstützer des per Crowdfunding finanzierten Filmprojektes, erhob sich das Kino-Publikum von seinen Plätzen. Die 600 geladenen Gäste der Premieren-Vorstellung von „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ feierten das Filmemacher-Trio Jan-Henrik Gruszecki, Marc Quambusch und Gregor Schnittker am Sonntagabend mit Ovationen. Drei Profis in ihrem Metier, die gleichwohl auch Fans von Borussia Dortmund sind. Und nun standen sie da, vor der dunklen Leinwand des großen Cinestar-Saales, und BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball, Sportdirektor Michael Zorc, Nobbie Dickel, Sebastian Kehl, Kevin Großkreutz, Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und viele andere spendeten ihnen Applaus. Ein großer Moment, fraglos. Der Lohn für Mut, Beharrlichkeit und viel Arbeit, deren Ergebnis eine Dokumentation ist, die nicht nur die turbulente Gründungsgeschichte des BVB erzählt, sondern, mehr noch, ein Stück Dortmunder Stadt-, Industrie- und Gesellschaftsgeschichte.

Von Anfang an ein öffentliches Projekt

Viel ist geschrieben und diskutiert worden, seit Gruszecki, Quambusch und Schnittker sich vor rund zwei Jahren aufgemacht haben, dieses „eigentlich unrealisierbare Projekt“ als „allerletztes ganz unten auf unserer Liste“ (Quambusch) doch zu realisieren. Natürlich auch deshalb, weil sie sich bei der Finanzierung für Crowdfunding entschieden – dafür also, das Geld, größere, kleine und kleinste Beträge, im Internet einzusammeln. Womit sie das Projekt von der ersten Sekunde an zu einem öffentlichen machten.

Vertrauensbonus der Fans

In Ruhe arbeiten zu können, musste unter diesen Vorzeichen zwangsläufig ein frommer Wunsch bleiben. Transparenz hinsichtlich des Produktionsfortschritts war der Anspruch der Geldgeber; das Trio hatte Druck auf dem Kessel – und doch war der Weg nicht nur der richtige, sondern vermutlich der einzig mögliche. Der BVB beteiligte sich finanziell, einige seiner Sponsoren ebenfalls, vor allem aber Dutzende, Hunderte, ach was, Tausende Fans. Weil sie Gruszecki aus der aktiven Fanszene kennen, weil sie Gruszecki/Quambusch durch ihren zurecht hochgelobten Dokumentarfilm „Ekstase und Schock – die Fußballhauptstadt Buenos Aires“ kennen. Weil sie den (WDR)-Journalisten und Autor Gregor Schnittker u.a. durch sein Buch „Unser ganzes Leben. Die Fans des BVB“ kennen. Weil sie also wussten: Diese drei ticken wie wir. Wenn wir Ihnen unser Geld anvertrauen, kommt etwas Gutes dabei heraus.

Das Ergebnis verdient das Prädikat „ausgezeichnet“

Und so ist es dann auch: Die Geschichte über die Gründung von Borussia Dortmund, über ihren Gründer Franz Jacobi, aber auch über seine 17 Mitgründer, ist eine Dokumentation, die das Prädikat „ausgezeichnet“ verdient und – man muss da kein Prophet sein – die eine oder andere Auszeichnung noch erfahren wird. Sie ist deshalb ausgezeichnet, weil zwar in jeder Sekunde das schwarzgelbe Herzblut aus der Leinwand quillt, das die Macher in den Streifen investiert haben; weil sie zwar immer wieder Gänsepelle erzeugt – weil sie aber auf übergroßes Pathos verzichtet. Auch Jacobi wird nicht zur Heldenfigur hochstilisiert, sondern als „Primus inter pares“ charakterisiert. Ein Alpha-Mann, der wichtige Mitstreiter hatte, ohne die es den BVB heute ebenso wenig gäbe wie ohne ihn selbst. Ein Macher – aber keine Überfigur.

Kompetente Experten und starke Zeitzeugen

Gruszecki/Quambusch/Schnittker haben aufwändig und sorgfältig recherchiert. Sie hatten mit BVB-Historiker Gerd Kolbe das lebende Klub-Gedächtnis an ihrer Seite. Jener Gerd Kolbe, der Franz Jacobi kurz vor seinem Tod viele Stunden lang interviewt hat, um die Erinnerungen zu bewahren. Sie banden weitere kompetente Experten wie Annette Kritzler („Borsigplatz Verführungen“), Zeitzeugen und etliche Nachfahren der Vereinsgründer in die Doku ein. So gewinnt der Film mit jeder Aussage und jeder Einstellung an Glaubwürdigkeit.

Optische Opulenz nur dort, wo sie dem Film dient

Die Doku ist auch deshalb so ausgezeichnet, weil die Macher – im Rücken die Viertelmillion Euro aus dem Crowdfunding – zwar auf Schnickschnack verzichten, aber immer dort auf optische Opulenz setzen, wo sie dem Filmziel dient: So haben sie den Spiegelsaal der Gaststätte „Zum Wildschütz“, in der sich am 19.12.1909 die Gründung von Borussia Dortmund als Akt der Widersetzung gegen Hubert Dewald, den Kaplan der katholischen Dreifaltigkeits-Gemeinde, vollzieht, originalgetreu restauriert. Sie setzen auf historische Echtheit bei Kostümen, Requisite und den (eher wenigen) nachgedrehten Spielszenen. Ganz großartig, weil schlicht und doch ungeheuer wirkungsvoll: die Sandmalereien von Anne Löper.

Unaufgeregt erzählt

Und schließlich: Die Doku ist auch deshalb ausgezeichnet, weil sie eine schlüssige Dramaturgie hat und die Fäden immer wieder geschickt zusammenführt. Einer dieser Fäden ist die Spurensuche an Originalschauplätzen, auf die sich Gregor Schnittker gemeinsam mit Jacobis Urenkel Gerrit begibt. Schnittker war es lange Zeit gar nicht recht, im Film eine so hervorgehobene Rolle zu spielen. Zumal er auch als Leiter des Recherche-Teams immer wieder mit historischen Einordnungen vor der Kamera auftaucht. Er macht das alles aber mit so großer Zurückhaltung, dass es dem Film nützt, nicht schadet. Wie überhaupt die Unaufgeregtheit und journalistische Sachlichkeit zu den großen Stärken der Produktion gehört.

Fazit: unbedingt anschauen!

Das Fazit kann nur lauten: „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ erfüllt die zweifellos hochgesteckten Hoffnungen und Erwartungen vollauf. Wer diesen Film in den nächsten Wochen und Monaten nicht sieht, wird Mühe haben, glaubwürdig zu behaupten, er sei BVB-Anhänger.

Infos zu Kinoterminen und DVD: http://www.franz-jacobi.de

Das schreiben andere:

Arne und das schwatzgelb.de-Redaktionsteam http://goo.gl/E09rcJ

Stefan Reinke auf derwesten.de http://goo.gl/y2z81Q

Der Pottblog schreibt: http://goo.gl/sdRnpv

Rutger Koch auf „Gib mich die Kirsche“ http://goo.gl/qyRq21

eFeF

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3 Kommentare zu “„Am Borsigplatz geboren“. Die Filmkritik.

  1. Pingback: Filmkritik: Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB » Pottblog

  2. Pingback: What is so special about the new Franz Jacobi documentary? | flagsandfridges.eu/schwarzgelb

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 12 in 2015 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2015

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