Der BVB und die Relativitätstheorie

Erfolg ist messbar. Jedenfalls im Sport. Doch auf dem Weg zum Erfolg ist vieles RELATIV – und noch mehr relativiert sich im Laufe einer Spielzeit.

Vom FC Augsburg etwa erzählte man sich unlängst noch, er spiele eine überragende Saison. Die fand Anfang Februar mit dem 1:0 beim kriselnden BVB ihren vorläufigen Höhepunkt. Das Team von Markus Weinzierl kletterte auf Rang vier – punktgleich mit dem Tabellendritten Borussia Mönchengladbach. Von Champions League war plötzlich die Rede. Nicht in Augsburg, wohlgemerkt. Aber um Augsburg herum. Seither hat der FCA aus neun Spielen schlappe 6 von 27 Punkten geholt. Fünf von ihnen, was RELATIV gut ist, gegen Spitzenteams: Wolfsburg, Leverkusen und Schalke. Von Champions League spricht dennoch längst niemand mehr. Nicht in Augsburg und auch nicht mehr um Augsburg herum. Längst ist sogar die Europa League in Gefahr. Ganz gleich, wie’s ausgeht: Am Ende wird der FCA eine starke Saison gespielt haben – eine „überragende“ aber wohl eher nicht.

Von Werder Bremen erzählte man sich unlängst noch, das Team sei nach mehreren vergeblichen Anläufen 2014/15 endgültig und todsicher reif für die zweite Liga. Wie zum Beweis, rutschten die Hanseaten am 16. Spieltag durch ein 1:4 in Gladbach auf den letzten Tabellenplatz ab. Trainer Robin Dutt hatte man zu diesem Zeitpunkt schon geschasst; Victor Skripnik hatte übernommen. Er feierte gegen Aufbaugegner BVB den ersten Sieg, legte gegen Hertha, in Hoffenheim, gegen Leverkusen und Augsburg nach und verlor auch auf Schalke nicht – 16 von 18 Punkten aus sechs Spielen. Plötzlich sprach man an der Weser wieder von der Europa League und tut es noch – auch wenn längst so etwas wie Normalität eingekehrt ist (5 von 18 Punkten aus den letzten sechs Spielen; zuletzt ein RELATIV unglückliches 2:3 beim Schlusslicht Stuttgart). Egal, wie’s ausgeht: Am Ende werden sie in Bremen mit der Saison RELATIV zufrieden sein.

Oder nehmen wir Hoffenheim: Tolle Offensive, dazu endlich auch defensiv stabilisiert. Ein Kandidat für Europa folglich – hieß es in der Anfangsphase der Saison und heißt es noch. Doch inzwischen sind’s schon wieder 45 Gegentore. RELATIV viele. Zuletzt gab’s drei in Köln. Formkurve fallend.

Irgendwo im Niemandsland der Tabelle, hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen, DERZEIT NOCH hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen: der BVB. Der spielt ohne jedes Wenn und Aber eine grausige Saison, und man darf trefflich darüber diskutieren, ob es denn überhaupt als Erfolg zu werten wäre, wenn sich das Team von Trainer Jürgen Klopp auf der Zielgeraden noch für die Europa League qualifizieren würde. Und doch winkt der Borussia ein RELATIV glimpflicher Ausgang einer Spielzeit, über die man eigentlich das Deckmäntelchen des Schweigens ausbreiten müsste.

Beim 1:3 in Mönchengladbach wirkte das Team zuletzt derart vitaminarm und blutleer, dass selbst dem sonst so besonnenen Sportdirektor Michael Zorc der Kragen platzte. Kapitän Mats Hummels patzte in Serie, Ilkay Gündogan trabte neben dem Spiel her als müsse er sich mental auf die TV-Übertragung von Derby ManU -ManCity am Tag darauf vorbereiten. Shinji Kagawa strahlte die Torgefahr einer Rolle Sushi aus – kurz: Es war ein Jammer. Mal wieder.
Trotzdem – und obschon es nach dem 0:1 gegen die Bayern die zweite Pleite in Folge und die 13. (!) insgesamt war – verschlechterte sich die Ausgangsposition nicht. Da auch die Klubs auf den Plätzen sieben bis neun allesamt patzten, beträgt der Rückstand der Borussia auf Rang sieben, der am Ende mutmaßlich für die Qualifikation zur Europa League reichen wird, nach wie vor vier Punkte. NUR vier Punkte. Das ist RELATIV wenig – und objektiv aufholbar, denn der BVB hat nur noch zwei Auswärts- (Hoffenheim!!! / Wolfsburg) bei noch vier Heimspielen gegen Paderborn, Hertha sowie die direkten Konkurrenten Frankfurt und Bremen. Und hätte die Klopp-Truppe in dieser Saison schon ein wenig öfter gezeigt, dass sie Willens und in de Lage ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wäre man geneigt, ihr zu attestieren: Jungs, Ihr habt es selbst in de Hand!

Platz 7 am Ende – das wäre nach diesem Saisonverlauf RELATIV zufriedenstellend. Zufriedenstellender allemal als es Platz 6 für den FC Schalke 04 wäre. Denn der hat noch bis zum vergangenen Wochenende von der Champions League geträumt. Zufriedenstellender vielleicht sogar, als es Platz 8 für den FC Augsburg wäre. Und würde der BVB dann noch das DFB-Pokal-Finale erreichen (die Chance ist klein, aber der Pokal hat seine eigenen . . . – Ihr wisst schon!); und würde er es womöglich sogar gewinnen: Die Saison 2014/15 wäre im Rückblick eine RELATIV erfolgreiche gewesen. Und würde Borussia schließlich auch noch an Schalke vorbeiziehen, viele Fans würden das „RELATIV“ streichen und durch ein „ABSOLUT“ ersetzen.

Viele Konjunktive, zugegeben. Aber die gehören halt auch zur deutschen Sprache. Und zum Fußball. Jedenfalls so lange der Ball rund ist, ein Spiel 90 Minuten und eine Saison 34 Spieltage dauert.

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Ein Kommentar zu “Der BVB und die Relativitätstheorie

  1. Lieber Herr Figge,

    schön, dass Sie die Relativitätstheorie bemühen möchten. In Ihrem Text taucht sie jedoch mit keinem Beispiel auf.

    Hier kann man sich relativ schnell schlau machen:
    http://www.helles-koepfchen.de/albert_einstein/die_relativitaetstheorie.html

    Dem Beispiel Newtons folgend sitzen 18 Fußballteams in einem Zug, der Bundesliga heisst. Der Zug fährt mit Tempo 196,3 km/h 😉 und ist 34 Tage unterwegs.

    In dem Zug versuchen alle Teams, nach vorne zur Lock zu laufen. Einige sind schneller, andere langsamer. Dann addieren bzw. subtrahieren sich die Geschwindigkeiten mit der Geschwindigkeit des Zuges

    Was Newton nicht beachtete ist die Zeit und die Lichtgeschwindigkeit. Einstein aber.

    Demnach wird z.B. ein Reisender, der mit Lichtgeschwindigkeit ein Jahr im Weltall unterwegs ist bei seiner Rückkehr viele Jahre jünger sein, als die daheim gebliebenen.

    Im Zug ist das auch so. Nur fast nicht messbar. Im Bundesligazug aber geht das. Bayern ist quasi sehr schnell unterwegs und bleibt daher stets jünger als die anderen Teams. Der BVB ist in dieser Saison eher langsam unterwegs und wird eben nicht jünger. Altert also schneller als z.B. die Bayern.

    Ersetzt man nunmehr Altern durch Qualität….. kann man erahnen, aus welchem Abteil die Borussia wohl aussteigen wird, wenn der Budesligazug am 36. Bahnhof ankommt.

    Da ist also nichts mit RELATIV.

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