Als Ewerthon kam, sah – und der Kessel explodierte

Wenn Borussia Dortmund am 34. Spieltag der Bundesliga-Saison 2014/15 den SV Werder Bremen empfängt, geht es für beide Teams um viel – die Qualiikation für die Europa League. Am letzten Spieltag der Saison 2001/02 ging es für den BVB sogar um noch viel mehr: die Deutsche Meisterschaft!

Die Partie BVB – Bremen vom 4. Mai 2002 ist zweifelsfrei eines der 25 größten Spiele aller Zeiten im Dortmunder Westfalenstadion. Das Kapitel aus meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her!“ (http://amzn.to/1jRvRhb) habe ich als Appetitanreger in voller Länge in den Blog gestellt. Viel Spaß beim Lesen. Viel Spaß am Samstag im Stadion. Und nehmt ausreichend Papiertaschentücher mit. Ihr wisst schon: Kehli, Klopp . . .

Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:1 (1:1)

(4. Mai 2002, 34. Bundesliga-Spieltag)

Nachdem der FC Bayern München 1999 mit 15 Punkten Vorsprung auf Bayer Leverkusen Deutscher Meister geworden war, erlebte die Fußball-Bundesliga zum Start in das dritte Jahrtausend drei Herzinfarkt-Entscheidungen in Folge.

Im Mai 2000 lag in Leverkusen bereits der Champagner im Kühlfach. Bayer musste am letzten Spieltag nur noch bei der Spielvereinigung Unterhaching gewinnen, um endlich den lange überfälligen ersten Titelgewinn perfekt zu machen. Doch die Rheinländer verkrampften, versagten, unterlagen mit 0:2 – nicht zuletzt aufgrund eines Eigentores von Michael Ballack zum 0:1. Bayern zog durch ein 3:1 bei Werder Bremen noch vorbei.

Die Steigerung der Dramatik folgte ein Jahr später. Diesmal gingen die Münchener als Spitzenreiter in die letzte Runde, benötigten aber, weil Schalke das bessere Torverhältnis hatte, einen Sieg in Hamburg. Als der HSV in der 89. Minute (!) durch Sergej Barbarez mit 1:0 in Führung ging, feierten sie im Gelsenkirchener Parkstadion nach dem eigenen 5:3 gegen Unterhaching bereits die Meisterschaft. Im Glauben, auch in Hamburg sei bereits Schluss. Eine Fehlinformation. Vier Minuten später das böse Erwachen. Bei 90 + 4 glich Patrik Andersson mit einem indirekten Freistoß aus zehn Metern Entfernung aus. Wieder waren die Bayern Meister.

Die Saison 2001/02 komplettierte schließlich die Trilogie der Last-Minute-Meisterschaften. Ein schier unglaublicher Krimi mit dem FC Bayern in einer tragenden Nebenrolle. Mit Bayer Leverkusen in der Rolle des tragischen Helden. Mit Borussia Dortmund als unverhofftem Triumphator und mit dem damals 36-jährigen Matthias Sammer als jüngstem Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte. „Kompliment an die Mannschaft. Sie hat in dieser Saison Moral, Charakter und Dinge gezeigt, die man ihr nicht zutrauen konnte.“

Was, bei allem Respekt, Unfug war. Zwar hatte Borussia, allen voran mit Christoph Metzelder und Wintereinkauf Sebastian Kehl, einige junge Spieler im Kader. Vor allem aber gestandene Akteure: Jens Lehmann, Jürgen Kohler, Christian Wörns, Dédé, Stefan Reuter, Tomas Rosicky, Jan Koller, Marcio Amoroso, Ewerthon, Jörg Heinrich und so weiter und so fort. Eine Luxustruppe, mit Millionen und Abermillionen hochgezüchtet, von der man einen Spitzenplatz nicht nur erwarten durfte. Sondern musste.

Entsprechend geriet der Saisonstart zu einer schwarz-gelben Demonstration: Vier Siege und 10:0 Tore aus den ersten vier Spielen. Platz eins. Insbesondere der Brasilianer Amoroso, vor der Saison für 50 Millionen D-Mark als bis dahin teuerster Transfer der Bundesliga-Geschichte vom AC Parma (Italien) geholt, verzückte die Liga mit Traumtoren.

Doch mit dem 0:2 bei den Bayern geriet der BVB-Motor ins Stottern. Es folgten eine Derbypleite auf Schalke, bei der ausgerechnet Dortmunds Ex-Held Andreas Möller das goldene Tor gelang, und ein 1:1 gegen Leverkusen. Vorneweg marschierte jetzt der 1. FC Kaiserslautern mit dem Startrekord von 21 Punkten aus den ersten sieben Spielen. Am 10. Spieltag übernahm der FC Bayern die Tabellenführung. Nach vier Spielen noch fünf Punkte vor den Münchenern, hatte Borussia nun schon sechs Zähler Rückstand.

Dann plötzlich schwächelten die Bayern, verloren u.a. in Bremen und Berlin. Leverkusen übernahm die Spitze, kassierte aber am 14. Spieltag in Bremen die erste Saisonniederlage. Und Dortmund? Drehte auf, feierte sechs Siege in Folge und lag nach dem 1:1 in Bremen zu Weihnachten nur einen Zähler hinter Herbstmeister Leverkusen (39) auf Platz zwei – schon fünf Punkte vor Titelverteidiger München.

Die irre Berg-und-Talfahrt sollte sich in der Rückrunde fortsetzen. Bayer blieb in den Startblöcken hängen: drei Niederlagen aus den ersten vier Spielen. So stand Dortmund am 20. Spieltag plötzlich auf Platz eins, hatte eine Runde später nach dem 2:0 gegen Rostock schon vier Punkte Vorsprung. Und geriet, wie schon in der Hinrunde, ins Trudeln, weil die Sammers Mannschaft in den Spitzenspielen versagte. Am Ende würde der BVB aus den direkten Duellen gegen Bayer, Bayern und Schalke bei null Siegen gerade drei von 18 möglichen Punkten geholt haben. Die Mär, nach der Meisterschaften in den so genannten Sechs-Punkte-Spielen entschieden werden – sie war ein für allemal widerlegt.

1:1 in München (Tore: Giovane Elber – Amoroso), 1:1 gegen Schalke (Tore: Ewerthon – Niels Oude Kamphuis) – so ging es weiter. Und dann folgte das Gipfeltreffen in Leverkusen. Ohne Rosicky, ohne Wörns, ohne Heinrich. Ohne Mumm. Ohne Esprit. Ohne Chance. Mit 0:4 kam der BVB unter die Räder; Michael Ballack, Carsten Ramelow, Oliver Neuville und Dimitar Berbatov schossen den Werksklub wieder auf den Platz an der Sonne. Einen weiteren Rückschlag mussten die Borussen am 27. Spieltag hinnehmen. Zwar gewannen sie in Freiburg mit 5:1, weil Dédé, Amoroso und zweimal Koller zwischen der 65. und 70. Minute vier Tore gelangen. Doch nach dem Spiel und der Auswertung der TV-Bilder wurde Torwart Jens Lehmann für vier Begegnungen gesperrt. Er hatte gegen Soumaila Coulibaly übel nachgetreten und anders als in der Hinrunde, als ein Ellenbogencheck gegen Bayerns Elber unbestraft geblieben war, musste er sein Fehlverhalten diesmal büßen.

Mit Ersatzmann Philipp Laux zwischen den Pfosten kassierte der BVB im Saisonschlussspurt weitere Niederlagen in Stuttgart (2:3) sowie am 31. Spieltag in Kaiserslautern (0:1).

Angesichts von fünf Punkten Rückstand bei nur noch drei Spielen, erklärte Borussia Dortmund die Meisterträume offiziell für beendet. Manager Michael Meier, der nach dem Titelgewinn („Wir haben immer daran geglaubt!“) diesbezüglich unter bemerkenswertem Gedächtnisverlust litt, gratulierte Leverkusen zur Meisterschaft und mahnte stattdessen: „Wir müssen nicht mehr nach vorne schauen, sondern nach hinten aufpassen, denn Bayern, Schalke und Hertha sind uns gefährlich dicht auf die Pelle gerückt.“ Auch für die Experten war die Entscheidung drei Runden vor Saisonschluss gefallen. Der „kicker“ titelte stellvertretend für die verbreitete Meinung: „Bye, bye, Borussia!“

Was dann folgte, ist Bundesliga-Geschichte.

32. Spieltag:

Bayern München schlägt Hertha im Verfolgerduell mit 3:0 – die Berliner sind damit aus dem Rennen. Schalke wahrt seine Chance durch ein 2:1 gegen Nürnberg. Leverkusen bekommt die große Flatter, Teil 1. Auf eigenem Platz unterliegen Ballack & Co. dem SV Werder mit 1:2 – auch deshalb, weil Bayer-Torwart Hans-Jörg Butt, sonst ein beinahe todsicherer Elfmeterschütze, mit einem Strafstoß an seinem Bremer Kollegen Frank Rost scheitert.

Doch der BVB scheint aus dem Patzer des designierten Meisters keinen Nutzen ziehen zu können. Im Westfalenstadion steht es gegen den 1. FC Köln nach 89 Minuten nur 1:1 (Tore: Rosicky/21. – Dirk Lottner/56.). Dann kommt es im Strafraum zu einem Dreikampf zwischen zwei Dortmundern und einem Kölner. Amoroso schiebt Mitspieler Kohler in Gegenspieler Jörg Reeb. Kohler fällt – Schiedsrichter Dr. Helmut Fleischer deutet zur allgemeinen Überraschung auf den Elfmeterpunkt. Amoroso verwandelt, der Rückstand schrumpft auf zwei Zähler. Trainer Sammer schwenkt um: „Lange Zeit wollten wir Meister werden, dann haben wir Leverkusen gratuliert, jetzt sind wir auf einmal wieder im Rennen. Das ist irre und es macht mich wahnsinnig!“ Derweil lässt sich Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge zu einer Stichelei hinreißen: „Wenn der BVB Meister wird, dann nur so eine Art Mogelmeister. Der DFB sollte für das letzte Spiel gegen Bremen einen Schiedsrichter ansetzen, der nicht auf die Fallsucht der Dortmunder Spieler hereinfällt.“ Später entschuldigt sich Rummenigge für diesen verbalen Fehlgriff.

33. Spieltag:

Schalke büßt seine kleine Titelchance durch ein 0:2 in Berlin ein. Bayern spielt in Wolfsburg wenig meisterlich, gewinnt aber durch ein Eigentor mit 1:0. Für Torwart Oliver Kahn der ersehnte Anlass, sich viele neue Freunde zu machen: „Wenn die anderen nicht wollen – wir sind bereit. Wenn wir’s auch diesmal wieder schaffen sollten, werden wir uns für diese vierte Meisterschaft in Folge selbstverständlich offiziell im Namen des FC Bayern München bei der deutschen Öffentlichkeit entschuldigen.“ – Die Sympathien fliegen ihm nach dieser Aussage nur so zu. Ähnlich wie Borussia Dortmund nach dem geschenkten Elfmeter gegen Köln. Mit Ausnahme der ausgewiesenen Bayern- und BVB-Fans drückt die Fußball-Nation Leverkusen die Daumen. Doch Bayer bekommt die große Flatter, Teil 2 – und verliert in Nürnberg mit 0:1.

Derweil entscheiden die Schwarz-Gelben eines der rasantesten Duelle der gesamten Saison beim HSV mit 4:3 für sich (Tore: Amoroso 2, Rosicky, Koller – Raphael Wicky, Nico-Jan Hoogma, Erik Meijer). Der Spielverlauf aus Dortmunder Sicht: 2:0 – 2:1 – 3:1 – 3:2 – 4:2 – 4:3. Eine Berg- und Talfahrt, sinnbildlich für den Saisonverlauf. Eines aber macht der BVB an diesem Tag im hohen Norden klar: dass er den sechsten Titel unbedingt will. Und dass er dort, wo Leverkusen rostigen Draht hat, Nerven aus Edelstahlseilen besitzt. So übernimmt Borussia am vorletzten Spieltag die Tabellenführung, einen Punkt vor Leverkusen, zwei vor München.

In Dortmund knistert es in den Tagen vor dem Saisonfinale. Die Atmosphäre ist positiv geladen, die Spannung förmlich mit Händen zu greifen. Zumal der BVB vier Tage nach dem Showdown in der Bundesliga auch noch im UEFA-Cup-Finale gegen Feyenoord Rotterdam steht (und 2:3 verliert).

34. Spieltag:

Die Ausgangslage stellt Mathematiker vor keine nennenswerte Herausforderung: Der BVB muss gegen Bremen gewinnen. Ein Remis reicht aufgrund des schlechtesten Torverhältnisses der drei Kontrahenten nur, wenn auch Leverkusen gegen Hertha und Bayern gegen Rostock nicht gewinnen würden. Bayern gewinnt gegen Rostock 3:2, rückt zwischenzeitlich in der Blitztabelle auf Platz zwei vor, hat dabei aber zu keinem Zeitpunkt des Spiels virtuell die Finger an der Schale.

Leverkusen schon. Und nicht nur die Finger, sondern mindestens eine Hand. Denn Teil 3 der großen Flatter bleibt jetzt, da der Druck auf Dortmund liegt, aus. Ballack bringt Bayer früh in Führung (10.), Borussia gerät nach Amorosos Aluminiumtreffer durch Paul Stalteri mit 0:1 in Rückstand (17.) Zu diesem Zeitpunkt sind die Rheinländer Meister, fehlen dem BVB zwei Tore. Das erste glückt Koller vier Minuten vor der Pause mit einem – allerdings platzierten – Verlegenheitsroller von der Strafraumgrenze.

Ballacks 2:0 für Leverkusen sieben Minuten nach Wiederbeginn macht klar: Schützenhilfe von Hertha hat der BVB nicht mehr zu erwarten. Er muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und er gibt Gas. Bei lausigen zehn Grad drehen die Gastgeber im strömenden Regen auf. Und laufen geradewegs in einen Konter. Bremens Razundara Tjikuzu eilt ganz allein auf Lehmann zu, hebt das Spielgerät über Dortmunds Torwart hinweg, hebt es an die Latte. Fast 70.000 Zuschauern stockt der Atem, denn sie alle wissen. Landet dieser Ball im Netz, ist Borussias Traum 19 Minuten vor dem Ende ausgeträumt.

Stattdessen fällt die Entscheidung auf der anderen Seite. Rosicky auf Dédé, der bringt den Ball per Seitfallzieher vor das Tor, findet am langen Pfosten den nicht einmal 50 Sekunden zuvor eingewechselten Ewerthon Henrique de Souza, kurz: Ewerthon. Der Brasilianer fliegt heran und drückt das Leder via Innenpfosten über die Linie. Für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen, dann entlädt sich die Anspannung der Fans in einer Jubel-Explosion, wie man sie nur ganz selten erlebt hat.

In der ARD-Hörfunkkonferenz kommentiert Manfred Breuckmann die entscheidende Szene so: „Die Dortmunder wollten gerade einen Elfmeter. Amoroso kam im Strafraum zu Fall – es war keiner. Jetzt der BVB mit Sebastian Kehl kurz hinter der Mittellinie . . . Was für ein Drehbuch heute Nachmittag . . . Oscar-verdächtig . . . sämtliche Dramatik, die wir brauchen und wollen im Fußball, ist drin . . . Jetzt die Möglichkeit für Dede und Tooooor! Und Tooooor für Borussia. Der gerade frisch eingewechselte Ewerthon . . . Jetzt geht hier die Post ab!“

In der BayArena in Leverkusen verlässt Bayer-Manager Rainer Calmund, als ihn die Nachricht von der Dortmunder Führung erreicht, die Tribüne und schließt sich weinend im Trainerbüro in den Stadionkatakomben ein. Wieder nicht Meister. Wieder nur Vize.

Und für die Mannschaft, die 2001/2002 zweifelsfrei den attraktivsten, offensivsten und spektakulärsten Fußball spielte, blieb es nicht bei dieser einen bitteren Niederlage. Eine Woche nach dem bitteren Ende im Meisterschaftsrennen verlor Bayer auch das DFB-Pokal-Finale gegen Schalke mit 2:4. Weitere vier Tage später bot das Team Real Madrid im Champions-League-Finale im Glasgower Hampden Park einen großen Kampf, zog aber auch hier den Kürzeren – 1:2 (Tore: Lucio – Raul, Zinedine Zidane). Dreimal Zweiter innerhalb von elf Tagen: Der Beiname „Vizekusen“ wurde in jener Saison für alle Zeiten zementiert. Und für Kapitän Ballack und einige Teamkollegen folgte bei der WM in Japan und Südkorea mit der Finalniederlage gegen Brasilien im Sommer der vierte Vizetitel.

Borussia Dortmund wiederum verschleierte der Erfolg den Blick für die Realitäten. Während Manager Meier laut tönte: „Wer den BVB angreift, der greift eine Macht an“, orakelte Präsident Niebaum: „Unsere junge Mannschaft hat die wichtige Erfahrung gemacht, dass sie siegen und erfolgreich sein kann. Das gibt Stärke für die Zukunft.“ Doch erstens war die Mannschaft nicht jung. Und zweitens endete die folgende Saison mit der verpassten Champions-League-Qualifikation und dem frühen UEFA-Cup-Aus sportlich in einem Fiasko, das wirtschaftlich eine Havarie nach sich zog.

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