Bye Bye, Journalismus!

So.

Das also war – nach 27 Jahren, 4 Monaten und ein paar zerquetschen Tagen – auch offiziell mein letzter Tag als Journalist. Wobei ich mich gerade frage, ob man überhaupt jemals aufhört, Journalist zu sein, weil dieser Beruf doch eigentlich vielmehr eine Berufung ist. Egal, das ist eine andere Frage für einen anderen Tag.

Fest steht: Ich habe heute fertig mit dem Job, von dem ich lange Zeit dachte, er sei der schönste der Welt und der einzige, den ich kann. Beides ist falsch. Die Entwicklungen im Journalismus, mit denen ich in den vergangenen Jahren konfrontiert war, waren das exakte Gegenteil von schön. Der Journalismus als einzigartige Stellen- und Existenzen-Vernichtungsmaschine. Nicht mehr mein Ding. Gerade in diesen Tagen bangen wieder Dutzende Kolleginnen und Kollegen um ihre Zukunft. Ich drücke jeder und jedem von ihnen die Daumen, aber, sorry, ich bin dann mal weg!

Keine Angst, ich werde der Verlockung einer Analyse der Zeitungskrise an dieser Stelle noch widerstehen. Man würde sie ohnehin nur als Nachtreten auslegen. Und das wäre doof, weil mir nichts ferner liegt als nachzutreten. Ganz im Gegenteil: An diesem letzten Tag als Journalist, an dem sich die Sonne mit mir auf neue Herausforderungen freut, möchte ich „danke“ sagen. Danke Helmut Muschiol, Konrad Harmelink, Wilfried Wittke und Günther Klumpp. Danke Wolfram Kiwit, Hermann Beckfeld, Klaus Schrotthofer, Malte Hinz, Ulrich Reitz und Wilhelm Klümper. Ihr wisst wofür! Danke an die vielen, vielen Kolleginnen und Kollegen, die auf dem Weg vom freien Mitarbeiter zum stellvertretenden Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, einer ehemals stolzen Zeitung, oder zwischendurch bei den Ruhr Nachrichten meinen Weg gekreuzt haben.

Danke für die unzähligen großartigen Momente, die mir der Journalismus, den ich nie als Arbeit, sondern immer als Privileg betrachtet habe, beschert hat. Viele davon im Sport. Die inhaltlich anspruchsvollste Phase war zweifellos die Finanzkrise bei Borussia Dortmund zwischen Ende 2003 und Mitte 2005. Aber auch viele Erfolge des BVB durfte ich journalistisch begleiten, von drei Eishockey-Weltmeisterschaften im eigenen Land berichten. Als die deutsche Handball-Nationalmannschaft 2007 im Tollhaus der Kölnarena Weltmeister wurde, saß ich – mit meinem Laptop auf dem Schoß – so dicht am Spielfeldrand, dass mir bei jedem Tempogegenstoß von Florian Kehrmann sein Schweiß auf den Screen spritzte. Und dann, natürlich, die Fußball-WM 2006. Sechs Monate Projektteam, sechs Wochen WM-Redaktion. Die Welt zu Gast bei Freunden. Gefühl: Sechs Wochen ohne Schlaf. Wie im Rausch.

Als stellvertretender Chefredakteur durfte ich später Deutschlands Spitzenpolitiker interviewen. Peer Steinbrück, Franz Müntefering, Ursula von der Leyen, Philipp Rösler, Rainer Brüderle, Jürgen Trittin, Hannelore Kraft, Gregor Gysi . . . – und dabei die Erfahrung machen: Die kochen auch alle nur mit Wasser; und manche von ihnen versuchen, Wasser zum Kochen zu bringen, indem sie ein Feuerzeug unter den Topf halten.

Wirklich wichtig war immer vor Ort. Das Lokale. Keine Erkenntnis, die mir hohe Beraterhonorare einbringen wird. Wissen ja schließlich seit Jahren alle Verleger – pardon: Verlagsmanager! Verleger gibt’s ja kaum noch -, dass regionalen Tageszeitungen allenfalls das Lokale und Regionale den Hintern rettet. Nur handeln die Wenigsten auch konsequent danach. Ich drücke deshalb denen die Daumen, die ihre Chefredakteure neue Wege ausprobieren lassen. Also, Joachim Braun, Christian Lindner, Lars Reckermann: Keep on fighting!

Derweil setze ich den Blinker und biege ab. Künftig findet Ihr mich hier: http://www.dialoggestalter.de/

Natürlich werde ich auch weiterhin schreiben. Ohne Schreiben wäre wie ohne Atmen. Zwei Buchprojekte liegen vor mir; das erste ist fast abgeschlossen, das zweite folgt sogleich. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle und sicher auch in meinem Blog (http://fliggwerk.com), den ich in Zukunft wieder etwas kontinuierlicher bespielen und über die weitgehend schwarzgelben Inhalte hinaus auf Medienthemen erweitern werde. Wer’s gar nicht abwarten kann, gibt einfach bei amazon als Suchbegriff „Fligge“ ein …

Schließlich, wenn man mich lässt, werde ich auch in Zukunft jungen Studierenden an der BITS in Iserlohn einen Journalismus näherbringen, wie ich ihn immer gut fand und immer gut finden werde. Einen selbstbewussten, seriösen und sorgfältigen, der sich nicht von der Klick-Geilheit des medialen Echtzeit-Wahnsinns treiben lässt.

In diesem Sinne: Klappe zu. Neue Klappe auf. Oder um es mit Dragoslav Stepanovic zu sagen: „Lebbe geht weida!“

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Ein Kommentar zu “Bye Bye, Journalismus!

  1. Ich wusste nicht mal, dass du aktuell bzw. bis jetzt noch Journalist warst – das verbirgst du auf Twitter ganz gut 😉
    Ansonsten desillusioniert dein Text schon ein bisschen – wobei ich, seit ich mich durch’s Studium viel intensiver und kritischer damit auseinandersetze, sowieso einigermaßen pessimistisch auf den (Zeitungs-)Journalismus schaue. Aber das ist ein anderes Thema.
    Einen „selbstbewussten, seriösen und sorgfältigen Journalismus, der sich nicht von der Klick-Geilheit des medialen Echtzeit-Wahnsinns treiben lässt“, den finde ich auch gut und davon wünsche ich mir wieder mehr. Vielleicht klappt das ja irgendwann nochmal wieder.
    Viel Spaß und viel Erfolg auf dem neuen Weg, das klingt auch sehr spannend!

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