Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“

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Mehr Spektakel war nie

FC Liverpool – CD Alaves 5:4 (4:4, 3:1) n.V.

(16. Mai 2001, Dortmund, Westfalenstadion)

Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag

Zieht man alle entscheidenden Faktoren zur Bewertung eines Fußballspiels heran – die sportliche Bedeutung, die Dramaturgie, die Klasse, die Anzahl und Qualität der Tore und nicht zuletzt den Gänsehaut-Faktor der Atmosphäre auf den Rängen –, so kommt der Fußball-Gourmet an der Festlegung nicht vorbei: Das UEFA-Cup-Finale der Saison 2000/01 zwischen dem turmhohen Favoriten FC Liverpool und dem glasklaren Außenseiter CD Alaves gehört unbedingt zu den Top-3-Spielen im Dortmunder Stadion.

Serviert wurde: Eine Feinschmeckerplatte auf Sterne-Niveau. Ein Torfestival. Ein Finale, das – anders als viel zu viele vorher und nachher – nicht geprägt war von übergroßem Respekt der kickenden Hauptdarsteller voreinander. Nicht geprägt von zwei Trainern, die der Fußballwelt mit möglichst ausgeklügelten taktischen Kniffen beweisen wollten, welch brillante Strategen sie doch sind. Nicht geprägt von bestenfalls kontrollierter Offensive, die bisweilen in unkontrollierbare Langeweile mündet.

Das Finale von Dortmund bot unkontrollierbare Offensive auf beiden Seiten. Fußball mit Tempo, Leidenschaft und offenem Visier. Das Ergebnis war ein Drama in mehreren Akten – mit einem langen, nassen und feucht-fröhlichen Prolog auf den Plätzen und in den Kneipen der City. Mehr als 20.000 britische Anhänger hatten dort den Finaltag über gemeinsam mit gut und gerne 15.000 baskischen Fans gefeiert. Im zumeist strömenden Regen bei für die Jahreszeit ziemlich lausigen Temperaturen. Westfalen empfing seine finalen Gäste mit echtem Insel-Wetter.

Die Duellanten um den UEFA-Pokal 2001, sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Von der Papierform her ein Duell zwischen Goliath und David.

Der Goliath – FC Liverpool:

18 englische Meistertitel standen am Tag des Endspiels auf dem Briefkopf, dazu je sechs FA- und Liga-Cup-Siege. Viermal hatten die „Reds“ den Europapokal der Landesmeister gewonnen und zweimal auch schon den UEFA-Cup. Ein Traditionsklub, der wie wenige andere für die Ur-Tugenden des britischen Fußballs stand und steht: für Leidenschaft, Kampf und den unerschütterlichen „Never give up“-Spirit.

Der FC Liverpool – ein Verein, bei dem Legenden wie Bob Paisley und Bill Shankly auf der Trainerbank gesessen hatten. Jener Shankly, von dem eine Aussage stammt, die wie in Stein gemeißelt bis heute für das Selbstverständnis der Marke FC Liverpool steht. „Einige Leute“, hatte der Trainer einst angemerkt, „halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Jener Shankly auch, der am Ende des Tunnels, durch den die Spieler von den Kabinen aufs Feld gelangen, eine Tafel anbringen ließ. Aufschrift: „This is Anfield!“ Nicht irgend ein Stadion, sondern DAS Stadion. Eine Aufschrift wie eine Mahnung an jeden Gegner: Zeigt gefälligst Respekt! Und eine Warnung: Habt gefälligst Angst!

Der FC Liverpool – ein Verein, für den Legenden wie John Toshack, Ian Rush, Kenny Dalglish und Kevin Keegan auf dem Platz gestanden hatten, Graeme Souness, Ian Callaghan, Jamie Carragher und Steven Gerrard.

Der FC Liverpool – ein Verein, dessen Stadion an der Anfield Road zu den bedeutendsten Fußball-Kultstätten zählt. Mit einer Tribüne, „The Kop“ genannt, die, als sie noch eine Stehtribüne war, so gefürchtet war wie die „Gelbe Wand“ im Signal Iduna Park. Mit einer Lautstärke, die lange Zeit alles in den Schatten stellte, was man an Anfeuerung kannte. Der „Liverpool-Roar“ ist gleichermaßen ein Naturereignis, die Anfield Road also ein FußballweltKULTURerbe und der „Roar“ ein FußballweltNATURerbe. An jenem 16. Mai 2001 wurde die Nordtribüne des Signal Iduna Parks zu „The Kop“, denn dort standen – nicht saßen – die meisten Fans des Klubs aus der Beatles-Stadt.

Genug der Schwärmerei. Genug vom Goliath – und damit zum David: CD Alaves.

Club Deportivo Alavés, so der vollständige Name, ist das krasse Gegenteil. Tradition, gewiss, die hat der Verein auch. 1921 gegründet, ist der Briefkopf gleichwohl blank. Erfolge: Fehlanzeige. Nicht einmal eine Stadt ist Alavés, sondern eine Provinz. Die Stadt, in der CD spielt, heißt Vitoria-Gasteiz und ist zugleich Hauptstadt der spanischen autonomen Region Baskenland. Soweit der kleine geographische Exkurs.

Einzige Berühmtheit des Klubs ist Andoni Zubizareta, 126-facher Nationaltorwart und 1987 Spaniens Fußballer des Jahres. Für CD spielte er nur kurz – sein Transfer verhinderte immerhin den Konkurs des Vereins. Erfolge feierte er erst mit dem FC Barcelona und mit Athletic Bilbao, der Nummer eins im baskischen Fußball, gefolgt von Real Sociedad San Sebastian. Dahinter erst folgt mit Abstand CD Alaves, ein Klub, der es bis heute, Stand 2013, nicht einmal auf ein Dutzend Spielzeiten in der Primera Division bringt. Fünf in Folge, mithin die beste Phase der Klubgeschichte, von 1998 (Wiederaufstieg nach 42 Jahren) bis 2003.

Der Einzug der Basken ins Finale war die große Überraschung der UEFA-Cup-Saison 2000/01, zumal sie auf ihrem Weg nach Dortmund beileibe nicht nur sportliches Fallobst zugelost bekamen. Auf Gaziantespor (Türkei) und Lilleström (Norwegen) folgte mit dem Champions-League erfahrenen Rosenborg Trondheim der erste echte Gegner und anschließend mit Inter Mailand die vermeintliche Endstation. Doch Alaves setzte sich nach einem 3:3 daheim im Rückspiel in San Siro mit 2:0 durch, schaltete anschließend auch den Ligarivalen Rayo Vallecano aus und zerlegte im Halbfinale den 1. FC Kaiserslautern in der Addition der Spiele (5:1, 4:1) mit 9:2.

Den deutlich anspruchsvolleren Weg allerdings hatte der FC Liverpool. Auf Rapid Bukarest, Slovan Liberec und Olympiakos Piräus folgten der AS Rom (2:0 A, 0:1 H), der FC Porto und schließlich der FC Barcelona, damals noch als holländische Filiale mit Reiziger, de Boer, Cocu, Overmars, Kluivert – und einem gewissen Pep Guardiola als Denk- und Lenkzentrum im Mittelfeld. Nach einem 0:0 in Nou Camp nutzte Liverpool den Heimvorteil im Rückspiel und löste durch ein 1:0 das Final-Ticket.

Im Endspiel galten die „Reds“, die vier Tage zuvor den FA-Cup gewonnen hatten, als turmhoher Favorit. Und so begannen sie auch – vor 48.000 Zuschauern. „Nur“ 48.000 Zuschauer, weil die Ecken des Westfalenstadions seinerzeit noch nicht ausgebaut waren. Das Team von Trainer Gerard Houllier mit den jungen Michael Owen und Steven Gerrard, mit den beiden Deutschen Markus Babbel und Didi Hamann und mit dem finnischen Abwehr-Hünen Sami Hyypiä, führte nach einer Viertelstunde durch Babbel und Gerrard mit 2:0. Zwar gelang Ivan Alonso der Anschluss, doch Gary McAllister stellte unmittelbar vor der Pause den Zwei-Tore-Abstand wieder her. Spätestens mit diesem Treffer schien die Messe im Dortmunder Fußball-Tempel gelesen.

Doch der Außenseiter kam zurück – und wie! Binnen drei Minuten glich Javi Moreno zum 3:3 aus (48./51), und nach Liverpools neuerlicher Führung durch Robbie Fowler (73.), trat eine Minute vor dem Schlusspfiff ein Mann auf den Plan, dessen legendärer Vater Johan 27 Jahre zuvor an selber Stätte im WM-Zwischenrundenspiel gegen Brasilien ebenfalls Fußball-Geschichte geschrieben hatte: Jordi Cruyff.

4:4 also. Verlängerung. Und die endete nach 27 von 30 Minuten vorzeitig, weil Delfi Geli einen Freistoß von McAllister per Kopf ins lange Eck verlängerte. Dummerweise ins lange Eck des eigenen Tores. Was das Drama komplett machte: Erstens – Torwart Martin Herrera, der direkt hinter Geli heran geflogen kam, hätte den Ball problemlos aus der Gefahrenzone gefaustet. Zweitens – den nach zwei gelb-roten Karten in doppelter Unterzahl agierenden Basken blieb diesmal keine Restzeit für eine sportliche Antwort. Es war ein „Golden Goal“, ein goldenes Eigentor. Das Spiel war aus! Es endete kurz nach Mitternacht als baskische Tragödie und als britisches Freudenfest. Erster Sieger: Liverpool. Zweiter Sieger: Alaves. Dritter Sieger: der Fußball. Vierter Sieger: die Fußball-Hauptstadt Dortmund und ihr unglaubliches Stadion.

Liverpools deutscher Nationalspieler Didi Hamann war nach dem Spiel mit den Nerven am Ende: „Auch wenn wir letztlich gewonnen haben, hoffe ich, das war das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas erleben musste.“ Und Trainer Houllier sagte seinem Team nach dem ersten Europacup-Triumph nach 17 Jahren voraus: „Die Mannschaft wird unsterblich werden.“ Immerhin für Teile der Mannschaft trat die Prognose ein, denn Gerrard, Hamann, Hyypiä und Jamie Carragher waren im Gegensatz zu Houllier selbst auch vier Jahre später noch dabei, als der FC Liverpool die Champions League gewann – in einem noch unglaublicheren Finale als es das 2001er gegen Alaves gewesen war.

In Istanbul lagen die „Reds“ 2005 gegen den AC Mailand zur Pause mit 0:3 (Tore: Hernan Crespo 2, Paolo Maldini) zurück, und wer zur Pause gegen den AC Mailand mit 0:3 zurück liegt, hat eine Siegchance im Promillebereich. Liverpool nutzte sie. Das Team brauchte nach dem Wechsel ganze sechs Minuten (54. – 60.), um durch Gerrard, Vladimir Smicer und Xabi Alonso auszugleichen. Im Elfmeterschießen versiebten dann Milans Superstars Serginho, Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko; die Briten triumphierten schließlich mit 6:5.

Von Toren aus

Gold und Silber

Um die Verlängerung im Fußball spannender zu machen, führte der Fußball-Weltverband FIFA in den 1990-er Jahren das „Golden Goal“ ein. Die Regel besagte – in Anlehnung an den Sudden Death („Plötzlicher Tod“) beim Eishockey –, dass ein Spiel beendet ist, sobald in der Verlängerung ein Tor fällt. Das UEFA-Cup-Endspiel 2001 in Dortmund zwischen Liverpool und Alaves war nicht das einzige, das durch einen solchen Treffer jäh entschieden wurde – wohl aber das einzige bedeutsame Spiel, in dem das „Golden Goal“ ein Eigentor war.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann ihren bis heute letzten Titel durch ein „Golden Goal“. Oliver Bierhoff erzielte es im Finale der Europameisterschaft 1996 im Londoner Wembley-Stadion in der 95. Minute zum 2:1 gegen Tschechien.

Gleich zweimal profitierte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft von der Regel. Das Finale der Heim-EM 2001 in Ulm gewann sie durch einen Treffer von Claudia Müller in der Verlängerung; im Endspiel der WM 2003 in den USA war Nia Künzer erfolgreich – beide Treffer fielen in der 98. Minute.

Frankreich bemühte das „Golden Goal“ auf dem Weg zum Titelgewinn bei der Heim-EM 2000 zweimal. Das Halbfinale gegen Portugal beendete Zinedine Zidane nach 117 Minuten durch einen verwandelten Handelfmeter; im Endspiel gegen Italien traf David Trezeguet in der 103. Minute. Besondere Tragik für die Italiener: Sylvain Wiltord hatte Frankreich erst in der 90. Minute mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich überhaupt in die Verlängerung gerettet.

Bei Weltmeisterschaften fielen vier „Golden Goals“. 1998 besiegte Frankreich im Viertelfinale Paraguay; 2002 setzten sich im Achtelfinale Senegal gegen Schweden und Südkorea gegen Italien durch; im Viertelfinale war die Türkei gegen den Senegal erfolgreich.

Der europäische Fußball-Verband UEFA änderte die Regel 2002 ab und führte das „Silver Goal“ ein. Danach wurde bei einem Torerfolg in der Verlängerung die laufende Halbzeit der Verlängerung noch zu Ende gespielt.

Auf diese Weise setzte sich Griechenland im Halbfinale der EM 2004 in Portugal gegen Tschechien durch. Weil Traianos Dellas allerdings in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung (105 + 1) erfolgreich war, kam der Treffer einem „Golden Goal“ gleich – die Partie war danach sofort beendet.

Die Europameisterschaft 2004 war zugleich das letzte Turnier, bei dem die von Anfang an unbeliebte Regel der verkürzten Verlängerung angewendet wurde. 2004 schafften die Verbände sie wieder ab.

Freistoß Sahin. Kopfball Hummels. TOOOR! Eigentlich.

Zwei Jahre nach dem Pokalfinale 2014 brechen der Ball und die Torlinie endlich ihr Schweigen

Der 17. Mai 2014 war schon tagsüber fies. Oben an der Spree. Es war ungemütlich kalt in Berlin. Nasskalt. Immer wieder schauerte es. Und als am Abend im Olympiastadion der BVB und Bayern München auf der letzten Rille um den DFB-Pokal kämpften, da kübelte es phasenweise sogar wie aus Eimern. Eines aber hatte das Wetter an diesem Endspielabend nicht im Repertoire: Nebel! Das Flutlicht schien hell und die Fernsicht war exzellent, als die 64. Spielminute anbrach. Als Mats Hummels den Ball im Flug artistisch aufs Tor und ins Tor hinein köpfte. 76.197 Zuschauer sahen das auch. Nur die beiden Zuschauer auf den besten Plätzen – die sahen es nicht: Schiedsrichter Florian Meyer und sein Assistent an der Linie. Jetzt, zwei Jahre später, melden sich erstmals zwei Kronzeugen zu Wort, die bislang beharrlich geschwiegen haben: Der Ball. Und die Torlinie.

Mal Hand aufs Herz, Ball, wie war das damals – wie hast Du die Szene gesehen?

Der Ball: Aus allernächster Nähe. Ich war ja quasi mittendrin. Also erst im Geschehen und dann im Tor.

Der Reihe nach . . .

Der Ball: Es gab Freistoß für Borussia. Ein ruhender Ball also. Wobei: Wer hat sich eigentlich diesen Begriff ausgedacht: ruhender Ball. Wisst Ihr, wie nervös ich war. . .?! Aber egal, ich schweife ab. Der Nuri Sahin streichelt mich also mit dem linken Fuß in den Strafraum. Herrlich! Wenn ich daran denke, krieg‘ ich heute noch ’ne Lederhaut. Dann fliegen Lewandowski und dieser Dante mit seiner Stromschlag-Frisur auf mich zu. Oder ich auf sie. Egal. Lewi lässt mich so gerade eben über den Scheitel rutschen. Dann geht alles sehr schnell. Ich faaaaalleeeee – plötzlich ist der Mats da, der Hummels. Bäääm!

Wie jetzt – bäääm?!

Der Ball: Ja, bäääm eben! Der Mats liegt waagerecht in der Luft. Ziemlich verdreht, wenn ihr mich fragt. Aber irgendwie erwischt er mich mit dem Kopf. Ich fliege also Richtung Tor, sehe unter mir die Torlinie vorbeirauschen, sehe vor mir das Netz. Ich denke noch: Genau da musst Du hin. Ins Netz! Ihr wisst ja, das Runde, ich also, muss ins Eckige. Alte Fußball-Weisheit.

Und dann?

Der Ball: Das Nächste, was ich spüre, ist der Fuß von diesem Dante. Der tritt mich mit voller Wucht aus dem Tor. Aber war ja wurscht. Ich war ja vorher schon drin. Ätschibätsch, du Dante! Dachte ich. Ich bin dann ja auch direkt im hohen Bogen Richtung Mittelkreis geflogen. Zum Anstoß. Aber als ich da ankam, nahm mich niemand, um mich auf den Anstoßpunkt zu legen. Das Spiel lief einfach weiter.

Und Du, Torlinie, wie hast Du den Treffer gesehen?

Die Torlinie: Eher zufällig, um ehrlich zu sein. Schlechte Sicht. Es hat ja Bindfäden geregnet. Von der Latte prasselten ständig Wassertropfen auf mich herab. Ich wollte mir gerade die Brille putzen, als plötzlich der Ball über mir auftaucht und über mich hinweg fliegt. „Tooor!“, will ich also pflichtgemäß rufen . . .

. . . aber?

Die Torlinie: Aber da latscht dieser Dante mit seinem rechten Fuß voll auf mich drauf, bohrt seine Eisenstollen in mich hinein und schlägt mit links den Ball aus der Kiste.

ECHT: Ein regulärer Treffer also?

Ball und Torlinie (irritiert): Ist die Erde rund?

Die Helden von Glasgow – Hoppy Kurrat: Borussia Dortmunds DNA, verteilt auf 162 Zentimeter

Dieter „Hoppy“ Kurrat verkörpert wie kaum ein anderer alles das, wofür der BVB steht – Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sieht, beginnt das Heimweh

Nein, Desoxyribonukleinsäure ist kein Begriff, mit dem üblicherweise Geschichten über Fußballspieler beginnen. Aber: Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist der denkbar beste Begriff, um eine Geschichte über Dieter Kurrat zu beginnen. Denn DNA ist der Träger der Erbinformation. Und wenn es einen Spieler gibt, der das Genmaterial von Borussia Dortmund zu 100 Prozent in sich trägt, dann ist es der 162 Zentimeter kleine Mann, den niemand Dieter nennt, weil er für alle der „Hoppy“ ist – für alle, außer für Theo Redder. Sein früherer Mannschaftskamerad und enger Freund nennt ihn „Spatzel“!

Hobby Kurrat – am Borsigplatz geboren. Der Vater hatte ein Fuhrunternehmen. Heute würde man sagen: eine kleine Spedition. Der Sohn, von kleiner Statur und nicht körperlich nicht eben das, was man sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter einem Ruhrgebiets-Malocher vorstellte, lernte genau das: Malocher! Drahtzieher bei Hoesch zunächst, später, schon als BVB-“Profi“, arbeitete Hoppy Kurrat bei der Hansa-Brauerei. Jahre, die ihn geprägt haben wir nichts anderes.

Wer begreifen möchte, was Dortmund für ihn bedeutet, spricht am besten mit seiner Frau. „Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sehen kann, beginnt sein Heimweh“, erzählt Marga Kurrat. Und schildert mit unglaublichen Geschichten, wie wörtlich das zu nehmen ist. „Wir mussten Urlaube in Italien und auf Texel nach ein paar Tagen abbrechen, weil ihm sein Dortmund so fehlte. Einmal ist er von Garmisch-Partenkirchen aus mit dem Auto zurück gefahren, einmal um den Borsigplatz und zum Stadion – und dann wieder nach Garmisch.“ Hoppy Kurrat sitzt daneben, hört der Gattin aufmerksam zu. Er widerspricht nicht. Nickt leicht. Es fasst ihn emotional an. Echte Liebe in einer anderen, einer eigenen Dimension.

Als Hoppy Kurrat entdeckt wurde, war er 15 Jahre jung und kickte beim FC Merkur. Sein Entdecker: der gefürchtete Schleifer Max Merkel, gegen den Felix Magath ein Wellness-Coach ist. „Heute klagen die Profis, wenn sie zweimal in der Woche spielen müssen. Wenn die nur EINMAL unter Merkel trainiert hätten müssen . . .“, sagt Kurrat. Und dann bricht er den Satz ab, weil er eigentlich gar nicht über die heutige Fußballer-Generation meckern möchte. Klar, manchmal nervt es ihn, wenn sie sich nach Torerfolgen heroisch auf das BVB-Emblem klopfen oder die Hände zum Herz formen. Aber in Wahrheit mag er sie; mag es, alle 14 Tage ins Stadion zu gehen, sie spielen, kämpfen und siegen zu sehen. „Es ist toll“, sagt er, „dass die Jungs wieder so attraktiv und erfolgreich spielen.“

Erfolge hat er selbst reichlich gefeiert. Deutscher Meister 1963, Schütze des 1:0 im Endspiel gegen den 1. FC Köln – da war er gerade 21 und damit volljährig geworden. Seinen ersten Vertrag beim BVB hatte noch seine Mama unterschreiben müssen. „120 D-Mark bekam ich im Monat.“ Nach Einführung der Bundesliga wurde es mehr. 1965 dann der DFB-Pokalsieg, ein Jahr später der Europapokal-Triumph gegen den turmhoch favorisierten FC Liverpool. Auch bei Hoppy Kurrat hat sich der legendäre Satz von Trainer „Fischken“ Multhaup aus der abschließenden Mannschaftssitzung festgefressen: „Männer, von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren wir neun – aber heute ist das eine, das wir gewinnen!“

Viele der „Helden von Glasgow“ verließen den BVB in den Folgejahren. Kurrat blieb. Er, den sie den „Terrier“ nannten, weil er internationalen Superstars wie Wolfgang Overath, Günter Netzer, Sandro Mazzola und Bobby Charlton notfalls auch bis auf die Toilette folgte, hielt Schwarzgelb die Treue. Der Wadenbeißer, gegen den niemand gerne spielte, stand zur Borussia in guten wie in schlechten Zeiten. Eusebio, der große Portugiese, würgte Kurrat aus Frust und Verzweiflung einmal sogar am Hals und Atalanta Bergamo wollte ihn verpflichten, nachdem er Regisseur Luis Suarez komplett ausgeschaltet hatte. Für Kurrat kein Thema. Er lehnte ab. Auch das Angebot von Hertha BSC. Er hätte weder aus Bergamo noch aus Berlin die Turmspitze der Reinoldikirche sehen können.

Kurrat blieb. Er verzichtete auf Prämien, als es dem BVB finanziell schlecht ging. Und er ging mit seiner Borussia auch den schweren Weg in die Zweitklassigkeit. 1972 der Abstieg in die Regionalliga. Sportlicher Tiefpunkt. Es flossen bittere Tränen. Als Hoppy zwei Jahre später, nach mehr als 300 Spielen für den BVB, davon 247 in der Bundesliga (9 Tore), seine Profilaufbahn beendete, erhielt er als erster Borusse überhaupt ein Abschiedsspiel. Ganz lassen konnte er vom Fußball aber auch danach nicht: 1976 führte Kurrat den SV Holzwickede als Spielertrainer zum Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.

Holzwickede, der Dortmunder Vorort, wurde schließlich auch seine zweite Heimat. Noch während seiner aktiven Zeit übernahmen Hoppy und Marga Kurrat an der Bahnhofstraße eine Gaststätte. „Hoppy’s Treff“ entwickelte sich zum lokalen Treffpunkt Nummer 1 und zur Kultstätte für Fußball-Fans aus der ganzen Region. Mehr als 30 Jahre stand das Ehepaar hinter der Theke. „Der Hoppy“, sagt Marga Kurrat, „konnte ein feines Bier zapfen!“ In Wahrheit aber war das Leben nach dem Fußball wie das Leben vor dem Fußball und sein Leben als Fußballer: Maloche. Harte Arbeit, oft bis 3 Uhr in der Nacht.

Heute, mit fast 74, muss Hoppy Kurrat auch ein wenig auf die Gesundheit achten. Er erfreut sich an seinem BVB. Er genießt die regelmäßigen Treffen mit den alten Mannschaftskameraden – mit Theo Redder, Aki Schmidt, Wolfgang Paul, Hans Tilkowski. „Das sind Freunde fürs Leben“, sagt er. „Eine tolle Gemeinschaft.“ Und wenn ihm zu Hause doch mal die Decke auf den Kopf fällt: Dann fährt Hoppy Kurrat einfach einmal um den Borsigplatz.

Warum der Hoppy Hoppy heißt . . .
„Als ich ein kleiner Junge war, spielten wir auf der Straße oft Cowboy. Zu der Zeit gab es einen Western-Held, der hieß Hopalong Cassidy (dargestellt von Schauspieler William Lawrence Boyd/d. Red.). Er hatte zwei Colts und war unglaublich schnell. So wie ich. In den Filmen wurde dieser Hopalong kurz ‚Hoppy‘ genannnt – und so hatte ich meinen Spitznamen weg.“
Link-Tipp: https://www.youtube.com/watch?v=n2kw3RieY5A

Die Helden von Glasgow – Bernhard Wessel: Man muss nicht groß sein, um ein Großer zu sein!

Mit 1,75 m war Bernhard Wessel für einen Torwart ziemlich klein – wettgemacht hat er es durch sensationelle Reflexe und „abenteuerliche Flugeinlagen“

Er ist das lebende Beispiel dafür, dass man nicht groß sein muss, um ein Großer zu sein. Dafür, dass Länge und Größe zwei völlig unterschiedliche Kategorien sind. Lang ist Bernhard Wessel mit seinen 1,75 Metern nun wirklich nicht. Insbesondere für einen Torwart ist er damit sogar ziemlich klein. Groß ist er dennoch: Wessel wurde mit Borussia Dortmund 1963 Deutscher Meister, gewann 1965 den DFB-Pokal und 1966 den Europacup. „Ich habe die fehlenden Zentimeter durch meine fantastische Sprungkraft kompensiert“, sagt er rückblickend. Zeitgenossen bescheinigen ihm „sensationelle Reflexe“ und erinnern sich an bisweilen „abenteuerliche Flugeinlagen“. Wessel selbst erinnert sich daran, dass er „Bälle manchmal mit einer Hand hielt“ – festhielt, versteht sich. In diesem Jahr, in dem sich der EC-Triumph gegen den FC Liverpool zum 50. Male jährt, vollendet der gebürtige Ostwestfale sein 80. Lebensjahr. Sportlich aktiv ist er immer noch: Als Tennislehrer steht Bernhard Wessel fast täglich auf dem Court. Ein Leben für den Sport.

An ein Spiel erinnern sich alle BVB-Fans, die die große Zeit der Schwarzgelben in der ersten Hälfte der 1960er Jahre miterlebt haben, ganz besonders: Es ist der 1:0-Erfolg beim Hamburger SV in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft am 8. Juni 1963. Die Hanseaten um Uwe Seeler nahmen den Keeper des BVB unter Dauerbeschuss. „Der HSV hätte 5:0 oder 6:0 gewinnen können“, sagt Wessel. Doch Dortmunds Torwart zog die Bälle an wie ein Magnet eine Eisenkugel. Schließlich stellte Jürgen „Charly“ Schütz den Spielverlauf auf den Kopf. „Ein Wahnsinnsspiel“, sagt Wessel, der wenige Wochen zuvor Heini Kwiatkowski zwischen den Pfosten abgelöst hatte und auch am 29. Juni 1963 beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in der ersten Elf stand. Der BVB besiegte Köln mit 3:1 und Bernhard Wessel, der über die SG Sendenhorst und die TSG Rheda an die Strobelallee gekommen war, durfte sich Meister nennen. Um ein Haar hätte der BVB sogar das Double gewonnen, doch im DFB-Pokalfinale setzte es eine 0:3-Niederlage gegen – eben jenen HSV! „Wir hatten damals“, erzählt Wessel, „eine ganz tolle Truppe und einen irren Zusammenhalt. Die Mannschaft passte zusammen wie die berühmte Faust aufs Auge.“ Mit Hoppy Kurrat teilte er jahrelang das Zimmer. „Mit Hoppy habe ich damals mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau Marianne.“

In den folgenden Jahren stand Wessel dann ein wenig im Schatten von Hans Tilkowski. So hütete er in der DFB-Pokalsaison 1964/65 zwar in allen Runden das BVB-Tor – nicht aber im Finale. Beim 2:0 über Alemannia Aachen erhielt Tilkowski den Vorzug. Am Europapokal-Triumph hatte Wessel ebenfalls seinen Anteil – er hielt sein Gehäuse beim 8:0 gegen den FC Floriana und beim 3:0 im hitzigen Duell mit ZSKA Sofia sauber. Und wer weiß, welche Wege seine Karriere eingeschlagen hätte, wäre er nicht 1,75, sondern 1,85 Meter groß gewesen. „Wenn Du doch bloß eine Handbreit größer wärst . . .“, hat der legendäre Bundestrainer Sepp Herber einmal zu ihm gesagt.

Nach 20 Ober- und 87 Bundesligaspielen, 14 Einsätzen im DFB- und 7 im Europapokal verließ Bernhard Wessel Borussia Dortmund am Ende der Saison 1968/69 und beendete nach einer langwierigen Leistenverletzung seine aktive Laufbahn. Als Trainer war er anschließend beim TuS Iserlohn, VfB Westhofen und Hüsten 09 tätig. Den TuS Neuenrade führte er bis ins Viertelfinale der Deutschen Amateurmeisterschaft und beim VfL Schwerte bildete er Wolfgang Kleff aus – später Nationalkeeper und Meistertorwart von Borussia Mönchengladbach.

Noch während er aktiv Fußball spielte, entdeckte Bernhard Wessel seine zweite Liebe: den Tennissport. Die grünen Filzkugeln wurden Beruf und Berufung zugleich. Wessel spielte in der zweithöchsten Spielklasse, erwarb die Tennislehrer-Lizenz, führte über 30 Jahre hinweg mit seiner Gattin eine Tennishalle in der Wahlheimat Boppard und war zwischenzeitlich fünf Jahre lang als Tennislehrer im Ausland tätig. Erst seit zwei Jahren kämpft er nicht mehr um Spiel, Satz und Sieg. Als Trainer freilich steht er nach wie vor mehrfach pro Woche auf dem Court; samstags auch gerne mal fünf oder sechs Stunden am Stück. Mit jetzt 79 Jahren. Jüngster Schüler ist sein Urenkel, kaum groß genug, um einen Schläger zu halten, aber schon ganz verrückt nach Tennis.

Das Geschehen beim BVB verfolgt Bernhard Wessel natürlich ebenfalls intensiv. Meist aus der Ferne. Wenn die Zeit es zulässt, reist er aber auch zu Heimspielen an. Einmal Borusse, immer Borusse. Das gilt insbesondere für Spieler wie ihn. Große Spieler – die manchmal so groß gar nicht sind.

Die Helden von Glasgow – Jürgen Weber: Ein Tor auf Malta als Eintrag ins Geschichtsbuch

Jürgen Weber, dem in Dortmund der Durchbruch nicht gelang, löste später in Südafrika eine Fußball-Euphorie aus

Borussia Dortmund 1965/66 – die Helden von Glasgow, die um ein Haar ja auch noch Deutscher Meister geworden wären: Keine Frage, das war eine Mannschaft der großen Namen. Tilkowski, Paul, Kurrat, Held, Emmerich, Libuda, Schmidt . . . als Fan des BVB kann man sie alle aufzählen. Zur vollen Wahrheit aber gehört: Neben den Häuptlingen gab es auch Indianer. Jene Spieler, die eher im zweiten Glied standen und deren Namen nur die Statistik-Nerds und Geschichts-Freaks unter den Anhängern auf der neuronalen Festplatte abgespeichert haben. Spieler wie Jürgen Weber.

Weber war 21 Jahre jung und hatte bis dahin beim VfL Hörde und beim SV Schüren gekickt, als er im Sommer 1965 zum amtierenden DFB-Pokalsieger und Europacup-Teilnehmer Borussia Dortmund wechselte. Und der Mittelfeldspieler erwischte unter Trainer „Fischken“ Multhaup einen wirklich guten Start. Am ersten Bundesliga-Spieltag bei Eintracht Braunschweig stand er in der BVB-Elf. Allerdings kam die mit 0:4 unter die Räder. Weber habe „keineswegs Bundesliga-Format“ gezeigt – so kann man es heute noch auf fussballdaten.de nachlesen. Das traf an jenem Tag auf seine zehn Teamkollegen aber gleichermaßen zu.

Weber blieb im Team. Am 4. Spieltag beim 4:1 über den Karlsruher SC gelang ihm zum zwischenzeitlichen 2:0 sein erstes Bundesliga-Tor. Zwei Spieltage später bereitete er beim 3:2 auf Schalke per Freistoß die 1:0-Führung durch einen Kopfball von Lothar Emmerich vor. Und auch im Erstrunden-Hinspiel im Europapokal beim FC Floriana auf Malta stand Jürgen Weber auf dem Platz. Mehr noch: Er erzielte den Treffer zum 5:1-Endstand – und sicherte sich so seinen aktiven Part im Kreise der Helden.

Doch dem vielversprechenden Auftakt folgten bis zum Ende seiner Dortmunder Zeit im Sommer 1968 nur noch wenige sporadische Einsätze. So etwa in der Endphase der Spielzeit 66/67 im Derby beim FC Schalke 04, das der BVB in der Glückauf-Kampfbahn mit 4:1 gewann – auch dank Webers Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0. Letztlich standen nach drei Jahren aber lediglich 18 Bundesliga-Spiele auf seinem Tätigkeitsnachweis. Mit drei Toren. Das legendäre Endspiel gegen den FC Liverpool erlebte Jürgen Weber von der Tribüne aus. Ein Schicksal, das er allerdings mit weitaus namhafteren Akteuren teilte, denn Spielerwechsel gab es damals noch nicht. Wer bei Anpfiff nicht auf dem Platz stand, stand dort auch beim Abpfiff nicht.

Und dennoch: Borussia Dortmund hatte Jürgen Weber immerhin die Türen für eine langjährige Bundesliga-Karriere geöffnet. Er wechselte von der Roten Erde zu Hertha BSC und wurde 1969/70 mit den Berlinern überraschend Dritter. Als Stammspieler, der bei 28 Einsätzen fünf Tore erzielte. Stammspieler war er auch bei seinem nächsten Klub, dem SV Werder Bremen – bis, ja bis Jürgen Weber im Zuge des Bundesliga-Skandals vom 21. Juni 1972 bis zum 20. Juni 1974 für zwei Jahre gesperrt wurde.
Weber verließ die Bundesliga. Weber verließ Deutschland. Gemeinsam mit vier ehemaligen und ebenfalls gesperrten Berliner Teamkollegen – Torwart Volkmar Groß, Arno Steffenhagen, Bernd Patzke und Wolfgang Gayer – ging er nach Südafrika, zu Hellenic FC. Das deutsche Quintett löste dort vorübergehend eine regelrechte Fußball-Euphorie aus. 20.000 Zuschauer kamen zu den Spielen; die Fans campierten vor den Stadionkassen, um Tickets zu ergattern. Zustände wie heutzutage in Dortmund . . .

Als Jürgen Weber im November 1973 ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Sperre begnadigt wurde, kehrte er umgehend in die Heimat zurück. Mit Eintracht Braunschweig stieg er in die Bundesliga auf, spielte anschließend noch für Hannover 96 und kam zum Ende seiner Profilaufbahn auf 137 Einsätze in der Bundesliga (19 Tore), 17 (2) im DFB-Pokal und 11 (1) im Europacup.

Die Helden von Glasgow – Hans Tilkowski: Das große Jahr von Dortmunds „Mister Zuverlässig“

Hätte es das Wembley-Tor nicht gegeben … wäre Hans Tilkowski dennoch eine Legende

99,99 Prozent aller Geschichten über Hans Tilkowski beginnen mit der berühmtesten und schwerwiegendsten Fehlentscheidung der Fußball-Geschichte. Diese nicht! Weil eine Geschichte über Hans Tilkowski dieses vermaledeite Wembley-Nicht-Tor gar nicht braucht. Nehmen wir doch einfach mal an, es hätte dieses Spiel, dieses WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland, nie gegeben – was wäre Hans Tilkowski dann: Richtig, immer noch eine Torwart-Legende! Immer noch einer, über den man unglaublich viel erzählen kann. Und immer noch einer, der gerne erzählt. Vor allem von den großartigen Jahren Mitte der 60er. Große Jahre für Borussia Dortmund und auch für ihn ganz persönlich.

Hans Tilkowski, geboren am 12. Juli 1935 in Dortmund-Husen, Sohn eines Bergmanns, begann seine aktive Zeit als Fußballer beim SV Husen 19, wechselte über die Stadtgrenze nach Kamen zu SuS Kaiserau und feierte seine ersten großen Erfolge mit Westfalia Herne. In der Saison 1958/59 wurde er mit dem Traditionsklub vom Schloss Strünkede überlegen Westdeutscher Meister. Nur 23 Gegentreffer hatte Tilkowski in der gesamten Oberliga-Saison zugelassen. Rekord!

Nationalspieler war er zu diesem Zeitpunkt auch schon. Sein Debüt im Team von Sepp Herberger feierte er 1957 beim 2:1-Erfolg über die Niederlande in Amsterdam. Als er sich fast auf den Tag genau zehn Jahre später beim 6:0 über Albanien im Stadion Rote Erde von der DFB-Auswahl verabschiedete, war es sein Länderspiel Nummer 39. Zur damaligen Zeit: Rekord für Torhüter!

Und es hätten noch weit mehr internationale Einsätze sein können. Doch der legendäre Bundestrainer Sepp Herberger und der legendäre Torwart Hans Tilkowski waren nicht immer die allerbesten Freunde. Als Herberger bei der WM 1962 in Chile überraschend dem jungen Wolfgang Fahrian den Vorzug gab, war Tilkowski nachhaltig verstimmt. Für zwei Jahre zog er sich aus der Nationalmannschaft zurück – dann stand Herberger auf der Matte und überredete ihn zum Comeback.

Geprägt hat Herberger Tilkowskis Spiel wie kaum ein anderer. Dass der Dortmunder als „Mr. Zuverlässig“ galt, als „sachlich“ und „gewissenhaft“, und dass er auf jegliche Show-Effekte verzichtete, das lag nicht zuletzt am Bundestrainer. Denn Selbstdarsteller waren Herberger suspekt. „Ich würde ihn gerne mal heute erleben. Diese jungen Spieler mit ihren ständigen Selfies würden ihn wahrscheinlich verrückt machen“, sagt Tilkowski über Herberger, der seinerzeit zu Tilkowski sagte: „Jede Flugeinlage ist eine zuviel. Du musst da stehen, wo der Ball hinkommt.“ Antizipieren – wie es neudeutsch heißt. Und genau das war Tilkowskis Stärke: sein Stellungsspiel, die Strafraumbeherrschung. Noch etwas hatte Herberger ihm mitgegeben: „Sie müssen die Abwehr dirigieren. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie offenbar nicht von ihrem Können überzeugt.“ Also dirigierte Tilkowski, oft lautstark, denn Herberger wollte seinen Torwart hören können, auch dann noch, wenn es laut war im Stadion und er selbst weit entfernt saß.

Das alles machte Hans Tilkowski so gut, dass er 1964 zusammen mit dem gleichermaßen legendären Lew Jaschin in die Europaauswahl berufen wurde und 1965 nicht nur den DFB-Pokal mit Borussia Dortmund gewann, sondern auch als erster Torhüter überhaupt die Auszeichnung als Deutschlands „Fußballer des Jahres“ erhielt. Er stand im Tor der Nationalelf, als diese im Maracana von Rio de Janeiro gegen Brasilien zwar mit 0:2 unterlag. Doch nach dem Abpfiff feierten die 140.000 Zuschauer ihn mit Ovationen für seine tollen Paraden.

Und: Hans Tilkowski war der erste Torwart in der Geschichte der Fußball-Bundesliga, der einen Elfmeter parierte – am 2. Spieltag der Premieren-Saison 1963/64 gegen Alfons Stemmer. Der Akteur der Münchener Löwen galt als sicherer Schütze. Nach dem Spiel kam er kleinlaut zu Tilkowski und sagte: „Dass du den Ball gehalten hast, ist nicht so schlimm. Wirklich deprimierend ist, das du ihn FESTgehalten hast.“ Gleichwohl befand sich Stemmer in bester Gesellschaft. Auch ganz große Stars wie Wolfgang Overath und Franz Beckenbauer wurden im Duell Mann-gegen-Mann am ominösen Punkt nervös, wenn sich Hans Tilkowski vor ihnen aufbaute. Und scheiterten. Der Keeper parierte 7 der 17 Elfmeter, die in der Bundesliga gegen ihn geschossen wurden – eine Topquote.

Die Saison 1965/66, die in der Bundesliga mit einer großen Enttäuschung – der im Finish verspielten Meisterschaft – endete, aber im Europapokal mit dem ersten Triumph einer deutschen Mannschaft überhaupt, hat Hans Tilkowski in seinem Buch „Und ewig fällt das Wembley-Tor. Die Geschichte meines Lebens“ (Verlag Die Werkstatt) ausführlich geschildert. Es sind eindrucksvolle Erinnerungen – etwa an das Achtelfinale gegen den bulgarischen Armeesportklub ZSKA Sofia, dessen Spieler „Fußball offensichtlich für Ersatzkrieg“ hielten und gehörig austeilten. Im Rückspiel erhielt Tilkowski schon nach wenigen Minuten einen Faustschlag ins Gesicht. Der türkische Schiedsrichter Servan, der „das Prädikat ‚unparteiisch‘ nicht verdient“ hatte, ahndete das Vergehen nicht. Dafür zeigte er Hoppy Kurrat die Rote Karte, weil der sich über ein Foul an „Stan“ Libuda beschwert hatte. Kurrat schlich unter Tränen vom Platz.

Auch das 1:1 im Viertelfinale bei Atletico Madrid, die Regenschlacht, ist Tilkowski noch gut und in guter Erinnerung. Die Sportzeitung „Marca“ lobte den BVB anschließend als „Deutschlands beste Mannschaft der letzten 20 Jahre“. Im Halbfinale dann das Duell gegen Titelverteidiger West Ham United, das englische Spitzenteam mit dem Ausnahmetrio Bobby Moore, Geoff Hurst und Martin Peters, das England wenige Wochen später zum WM-Titel führte. „Wir waren krasser Außenseiter, wie auch im Endspiel gegen Liverpool. Aber unser Trainer Hennes Multhaup hat uns so lange stark geredet, bis wir’s ihm geglaubt haben. Er hat uns zusammengeschweißt. ‚Kann sein, dass wir neun von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren‘, hat er gesagt. Aber heute nicht. Heute ist das eine Spiel, das wir gewinnen.“ Multhaup behielt Recht. Obwohl Liverpool nach Helds Führungstor zum irregulären Ausgleich kam. „Der Ball war vor Thompsons Flanke klar im Toraus. Ich bin sofort zum Schiedsrichter und habe reklamiert“, erinnert sich Tilkowski. Vergeblich. Verlängerung. Die Bogenlampe von Libuda. Pfosten. Tor. Fußball-Geschichte!

Hans Tilkowski, der Dortmunder Junge aus einer Bergmanns-Familie, ist bodenständig genug geblieben, um wertzuschätzen, was er als Sportler erleben durfte. „Fußball, alter Freund, ich danke Dir!“, sagte er 2015 anlässlich seines 80. Geburtstages. Der frühere Weltklasse-Torwart, für den Glaubwürdigkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Respekt immer die wichtigsten Werte waren, hat viel zurückgegeben in den vergangenen Jahrzehnten. Er hat sich als UNICEF-Botschafter und für andere gemeinnützige Zwecke engagiert, hat gewaltige Spendensummen eingesammt. In Herne, wo er mit Gattin Luise lebt, ist eine Schule nach ihm benannt. In Dortmund wählten die Leser der Westfälischen Rundschau Hans Tilkowski 2009 anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums zum Torwart der Jahrhundert-Elf. Eine schwarzgelbe Legende. Ein fester Bestandteil der BVB-DNA. Das Wembley-Tor spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Die Helden von Glasgow – Sigi Held: „Ich war doch auch nur einer von elf!“

Es gibt Aufträge, die sind Ehre und Fluch zugleich. „Schreib‘ doch bitte die Geschichte über Sigi Held“ – das ist so ein Auftrag. Eine Ehre, natürlich, über einen Borussen dieser Kategorie schreiben zu dürfen. Eine BVB-Legende der Ehrenkategorie. Ein Fluch natürlich auch, denn was willst du schreiben über einen, über den alles geschrieben worden ist?! Und zwar nicht einmal, sondern zig Mal.

Frage an Sigi Held: „Fällt Ihnen im Rückblick auf die Europapokal-Saison 1965/66 irgendetwas ein, eine Anekdote oder ein kleines Detail, das noch nie berichtet wurde?“ Antwort Sigi Held, den man nicht von ungefähr den „Schweiger“ nennt: „Nein.“ Kurze Pause. „Nichts!“ Kurze Pause. „Erinnerungen verblassen mit der Zeit.“

Nun könnte diese Geschichte hier enden. Oder man erzählt sie einfach mal anders. Man erzählt ausnahmsweise mal n i c h t die Geschichte von den „Terrible Twins“. So tauften die britischen Medien das schwarzgelbe Angriffsduo Sigfried „Sigi“ Held/Lothar „Emma“ Emmerich, das seinen Gegenspielern im Verbund mit Reinhard „Stan“ Libuda Knoten in die Beine spielte, im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger den Titelverteidiger West Ham United eliminierte und im Finale den FC Liverpool schlug. Wobei Held mit einem satten Vollspannschuss aus 17 Metern den 1:0-Führungstreffer erzielte. Alles bekannt. Alles Geschichte – aber nicht unsere Geschichte für hier und heute.

Erzählen wir lieber die Geschichte des großartigen Fußballers und des schier unglaublich bescheidenen und zurückhaltenden Menschen Sigi Held. Der im Rückblick Sätze wie diesen sagt: „Ich war nur einer von elf. In jeder erfolgreichen Mannschaft ist es doch letztlich so, dass der Einzelne nur glänzen kann, wenn das Kollektiv funktioniert.“ Klingt nach Fußball-Floskel, doch Sigi Held meint das genau so, wie er es sagt. Kaum einer ist an dieser Stelle glaubwürdiger als der Mann mit den buschigsten Augenbrauen nach Theo Waigel. Denn Sigi Held hat dieses Motto gelebt – als Spieler wie später als Trainer-Weltenbummler.

Eigentlich, und das verkompliziert das Schreiben dieser Geschichte ein klein wenig, schaut er gar nicht gerne zurück. „Natürlich ist Tradition für einen Klub wie Borussia Dortmund wichtig“, sagt er zwar. „Aber man darf nicht den Fehler machen, sich in der Vergangenheit zu verlieren. Wer zu lange im Gestern lebt, verliert die Gegenwart und die Zukunft aus den Augen – und das ist es, was wirklich zählt!“

Also blicken  w i r  zurück für Sigi Held, der 1942 als Kriegskind das Licht der Welt erblickte und über den TV Marktheidenfeld und Kickers Offenbach 1965 zum BVB kam. Der war gerade DFB-Pokalsieger geworden und stellte für den Bundesliga-Newcomer „die Eintrittskarte in die große Fußballwelt dar“.

Gleich im ersten Jahr gewann Held mit Borussia den Europapokal. Als Leistungsträger. Im Februar 1966 – eine Randepisode – schoss Held zunächst als erster Gast überhaupt auf die Torwand des ZDF-Sportstudios und feierte kurz darauf sein Länderspieldebüt. Alles andere als eine Randepisode, denn im Sommer desselben Jahres wurde er nicht nur mit dem BVB Deutscher Vizemeister, sondern auch Vize-Weltmeister. Vier Jahre später in Mexiko folgte Platz drei. Sigi Held wirkte binnen weniger Tage bei zwei „Jahrhundertspielen“ mit – erst beim 3:2 gegen England, dann beim 3:4 gegen Italien. Insgesamt 41 Länderspieleinsätze mit fünf Toren krönten seine aktive Laufbahn.

Eine große, beeindruckende Laufbahn und „eine wunderschöne Zeit“ – wie auch andere Zahlen belegen: 422 Bundesligaspiele mit 72 Toren, davon 230 für Borussia Dortmund (44 Tore), 133 für Kickers Offenbach (25) und 59 für Bayer Uerdingen (3). Hinzu kommen 49 Zweitliga-Einsätze (4 Tore), 47 DFB- (8) und 11 Europapokal-Spiele (4). Sigi Held ist Rekord-Bundesligaspieler der Kickers. Er kickte für Offenbach und Dortmund, dann wieder für Offenbach, dann noch einmal für Dortmund, ehe er, inzwischen 37-jährig, nach Uerdingen wechselte und zwei Jahre später mit den Krefeldern abstieg.

Es folgte „der schwarze Fleck auf meiner ansonsten blütenweißen Weste“, wie Sigi Held heute scherzt, wenn er auf das Kapitel FC Schalke 04 angesprochen wird. Die Knappen waren mit Uerdingen abgestiegen. „Rudi Assauer, mit dem ich ja 1966 Europapokalsieger geworden war, fragte mich, ob ich Schalke nicht als Trainer übernehmen wolle“, erinnert sich Sigi Held. „Ich war damals 39 und dachte: Okay, irgendwann musst du wohl mal mit dem Fußballspielen aufhören.“ Held führte S04 in die Bundesliga zurück – und erlebte, als es dort nicht auf Anhieb lief wie gewünscht, seine erste Beurlaubung.

Das Trainerleben, das sich an sein Schalke-Kapitel anschloss, hat so gar nichts gemein mit seiner bodenständigen, verwurzelten Spielerlaufbahn. Sigi Held arbeitete als Nationalcoach in Island, auf Malta und in Thailand. Er trainierte Galatasaray Istanbul in der Türkei, Admira Wacker in Österreich, Gamba Osaka in Japan, Dynamo Dresden und den VfB Leipzig. Ein Leben als Vagabund, das „so nie geplant“ war und nur funktionieren konnte, weil Gattin Christin zwischen der Heimat und dem Herrn Gemahl hin und her pendelte.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kürte die Stadt Dortmund Sigi Held zum WM-Botschafter. Beim BVB ist er seit 2007 Fanbeauftragter. Mitglied des Ältestenrates ist er obendrein. In all diesen Funktionen stand er stets und steht noch immer für Bescheidenheit und Demut. Und wenn, nach zwei oder drei weniger guten Spielen, die ersten von Krise zu reden beginnen, ist es Sigi Held, der sie wieder einfängt: „Wir haben ein phantastisches Stadion. Wir haben großartige Fans. Wir haben in den vergangenen Jahren so viele tolle Spiele erlebt und Erfolge gefeiert. Was wir in Dortmund erleben, sind goldene Zeiten.“

Die Helden von Glasgow – Reinhold Wosab: Zwei Wirkungstreffer an einem Tag

Erst konnte Reinhold Wosab im Endspiel nicht mitwirken – dann ging er auch noch K.o.

In den Vitrinen des BVB steht manche Trophäe. Das Ergebnis von 106 Jahren Sammelleidenschaft. Reinhold Wosab aber hat weit mehr Pokale als die Borussia und als jeder andere Borusse. Ach, was – als jeder andere deutsche Fußballspieler. Ach, was – als überhaupt jeder andere Fußballspieler auf der großen, weiten Welt. Reinhold Wosab ist der „Herr der Pokale“. Allerdings hat er sie nicht alle gewonnen. Er stellt sie her.

Goly-Pokale (www.goly-pokale.com) heißt das Unternehmen, das Wosab seit 1987 gemeinsam mit Gattin Doris in Alzey im südöstlichen Rheinland-Pfalz betreibt. Auch jetzt noch. Mit 77 Jahren. „Wobei“, sagt er: „Wir suchen einen Nachfolger.“ Irgendwann muss schließlich auch mal gut sein. Wer immer die Firma übernimmt, tritt in große Fußstapfen, denn Reinhold Wosab hat nicht irgendwelche Trophäen gefertigt, sondern die ganz besonders bedeutsamen. Die für den Weltfußballer und den Trainer des Jahres, den Goldenen Schuh und den Goldenen Handschuh. Pélé, Cristiano Ronaldo, Oliver Kahn, Miro Klose: Sie alle haben Auszeichnungen aus dem Hause Wosab in ihren Vitrinen stehen.

Doch reden wir über die Trophäen, die Wosab selbst gewonnen hat. Oder besser noch: Fangen wir ein Jahr vor der ersten Trophäe an. Bei seinem Wechsel von der Spielvereinigung Marl zum BVB. 1962 war das, und auch der FC Schalke 04 hatte Interesse bekundet. Beim Spiel zwischen Marl und Bielefeld saßen Spione beider Revierrivalen im Publikum. Schalke-Coach „Schorsch“ Gawliczek ließ den Rechtsaußen nach dem Schlusspfiff abschätzig wissen: „Von Deiner Sorte haben wir 20 – Dich brauchen wir nicht.“ Ein Satz, den Wosab „nie vergessen“ hat. Auf ihm baute er die besondere Motivation auf, die ihn gerade gegen Schalke stets zu Höchstleistungen befügelte.

Wenige Minuten nach Gawliczek stand BVB-Trainer Hermann Eppenhoff vor Wosab – und sagte: „Wir haben von Deiner Sorte sogar 50 – aber wir brauchen Dich trotzdem.“ Reinhold Wosab wechselte an die Strobelallee. Und bekam seine Chance zur Revanche schnell. Gleich in seiner ersten Saison im schwarzgelben Dress, in der er bei 29 Einsätzen 14-mal traf, wurde der schnelle, ballsichere und technisch starke Offensivakteur mit dem BVB hinter Köln Vizemeister der Oberliga West. Sowohl beim 1:1 in der Glückauf-Kampfbahn als auch beim 1:0-Sieg gegen S04 in der Roten Erde traf er ins Schwarze. Borussia stieß schließlich bis ins Finale um die Deutsche Meisterschaft vor, traf dort wieder auf Köln, gewann 3:1. Wosab spielte Karl-Heinz Schnellinger Knoten in die Beine, erzielte das zwischenzeitliche 2:0 – und war mit 25 Jahren Meister!

Es folgten große Jahre mit dem BVB. Im Herbst 1963 gelang ihm das erste Derbytor der Bundesliga-Geschichte. In derselben Saison folgten die legendären Europapokalspiele gegen Dukla Prag (4:0) und Benfica Lissabon (5:0) – mit Wosab-Toren. 1965 der DFB-Pokalsieg.
Schließlich 1966 das Europapokal-Finale in Glasgow. Ohne Reinhold Wosab. Auf Rechtsaußen hatte ihm der – ausgerechnet – aus Schalke verpflichtete Stan Libuda den Rang abgelaufen. Wosab hatte zum Rechtsverteidiger umgeschult, und er hätte auch gespielt. „Aber ich war nicht fit. Hätte man damals schon auswechseln dürfen, hätte der Trainer mich gebracht.“

So aber war „Fischken“ Multhaup das Risiko zu hoch. Wosab musste zuschauen, und als er nach dem Spiel zu den Teamkollegen in die Kabine wollte, verpasste ihm ein Liverpooler Zuschauer einen ordentlichen Kinnhaken. „Ehe ich wusste, was los war, lag ich unter einem Polizeipferd“, erinnert er sich. „Das waren zwei Wirkungstreffer an einem Tag: nicht spielen zu dürfen und dann auch noch der Knock-Out!“ Als die Mannschaft tags darauf in Dortmund durch ein Spalier aus hunderttausenden Fans fuhr, stellte Wosab sich immer wieder die eine Frage: „Warum nur habe ich dieses Spiel verpasst?!“

Es ist eine Frage, die ihn nie ganz in Ruhe gelassen hat. Für die Fans aber ist Reinhold Wosab, der in 257 BL-Spielen 69 Tore erzielte, davon 61 in 198 BL-Spielen für den BVB, ganz klar ein 66er Held. Und ein 76er Held obendrein, denn als ehrenamtlicher Fußball-Obmann war er maßgeblich für die Zusammensetzung jener Mannschaft verantwortlich, die 1976 in den Entscheidungsspielen gegen Nürnberg nach vier Jahren Zweitklassigkeit endlich den Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffte. Auch dieses Jubiläum darf Reinhold Wosab 2016 feiern.

Eine der schönsten Anekdoten, die er zu erzählen hat, spielte sich übrigens neben dem Fußballplatz ab. Am Rande eines Auswärtsspiels beim HSV hatte er mit einigen Teamkollegen in einem kleinen Lädchen auf der Reeperbahn eine eigene Titelseite der schlüpfrigen St.Pauli-Nachrichten drucken lassen. „Hermann Lindemann im Bordell verhaftet“ lautete die riesige Schlagzeile. Als der BVB-Trainer das Blatt am nächsten Morgen im Mannschaftshotel auf dem Frühstückstisch liegen sah, wurde er kreidebleich, rief „Ich war in meinem Leben noch nie im Puff!“ und wies seine Ehefrau per Telefon an, unverzüglich einen Anwalt zu kontaktieren, um gegen diese böse Verleumdung vorzugehen.

Als Reinhold Wosab die Sache schließlich aufklärte, hielt sich des Trainers Humor in Grenzen. Dass der BVB das Spiel beim HSV nach 3:1-Führung noch 3:4 verlor, trug ebenfalls nicht zum Stimmungsaufschwung bei. „Zurück in Dortmund hatte er sich dann aber wieder beruhigt“, sagt Wosab.

Heute genießt er die Spiele im Signal Iduna Park. Er fährt nicht mehr selber nach Dortmund – er lässt fahren. Der Kontakt zu den Kollegen aus den goldenen Sechziger Jahren ist ihm wichtig; auf die Weihnachtsfeier Anfang Dezember freut er sich schon lange. Und 2016 folgt dann die nächste Feier: 50 Jahre Europapokalsieger!

Die Helden von Glasgow – Rudi Assauer: Wie Akis Drohung dem Assi Beine machte

Revierfußballer durch und durch: Rudi Assauer hat sich in Dortmund und Schalke gleichermaßen unsterblich gemacht

Bestimmt kennen Sie alle diese hübschen kleinen Büchlein: „111 Gründe, Borussia Dortmund zu lieben!“ Obwohl es in Wahrheit natürlich 1909 Gründe sind. Oder „111 Gründe, Bayern München zu hassen!“ Ein Büchlein aus dieser Serie ist noch immer nicht geschrieben – vielleicht wegen des, zugegebenermaßen, recht sperrigen Titels: „111 Dinge, an denen du erkennst, dass du im Fußball (fast) alles richtig gemacht hast!“ Sollte es je geschrieben werden, gebührt Rudi Assauer darin eine zentrale Rolle. Denn wer von den Fans des BVB und des FC Schalke 04 gleichermaßen als Kultfigur respektiert wird, hat definitiv mehr richtig als falsch gemacht.

Rudi Assauer hat mit Borussia Dortmund seine beiden einzigen Titel als aktiver Fußballer gewonnen: den DFB-Pokal 1965 und den Europapokal der Pokalsieger 1966. Schalke führte er als Manager 1997 zum UEFA-Cup-Triumph sowie 2001 und 2002 zu zwei Erfolgen im DFB-Pokal. Und auch wenn Assauer in der Rückschau natürlich vor allem Schalker ist, so hat er seine BVB-Vergangenheit doch nie verleugnet – 2010 wurde er sogar für 40-jährige Mitgliedschaft geehrt. Das war zwei Jahre bevor die Alzheimer-Erkrankung bekannt wurde, die seine Erinnerungen in den vergangenen Jahren mehr und mehr ausgelöscht hat.

Man darf letztlich wohl sagen: Rudi Assauer ist, obschon im Saarland geboren, ein Kind des Ruhrgebiets – und es ist letztlich der Ruhrgebiets-Fußball, der ihm stets am Herzen lag. In den Farben getrennt, in der Sache vereint! Derby-Tage wie der heutige waren immer Feiertage für ihn.

Stahlbauschlosser hat Rudi Assauer gelernt. Auf Zeche Ewald in Gelsenkirchen gearbeitet. Dann noch eine Ausbildung zum Bankkaufmann draufgesattelt – Grundlage für seine spätere Manager-Tätigkeit. Als er 1964 von seinem Heimatklub, der Spielvereinigung Herten, zum BVB wechselt, ist er gerade 20 Jahre alt geworden. Zwei Jahre später steht er in der BVB-Elf, die in Glasgow als erste deutsche Mannschaft überhaupt einen Europapokal gewinnt. Mit 22 Jahren ist er das „Küken“ im Kader.

Torwart Hans Tilkowski erinnert sich in seiner Biographie „Und ewig fällt das Wembley-Tor“ an die Tage und Stunden vor dem bis dahin größten Spiel der schwarzgelben Klubgeschichte: Trainer „Multhaup knobelt noch an der Taktik. Eigentlich besteht für ihn kein Grund, seine Aufstellung zu ändern. Die einzige Frage, die ihn bewegt: Soll, wie in den letzten Wochen immer, Friedhelm Groppe spielen oder Rudi Assauer? Der Trainer kommt und fragt nach meiner Meinung. ‚Hugo‘, wie wir Groppe rufen, ist ein feiner Kerl, die Zuverlässigkeit in Person. Und er hat wirklich stark gespielt. Assauer kann mehr für die Offensive tun. Und außerdem ist er mein Zimmernachbar. Also lege ich ein gutes Wort für ihn ein. Ob es für Multhaup ausschlaggebend gewesen ist, weiß ich nicht.“

Tilkowski gesteht an selber Stelle, dass er Groppe gegenüber bis heute ein schlechtes Gewissen hat. Er betont aber auch, dass Rudi Assauer im Finale „eine gute Leistung“ abgeliefert hat. Das deckt sich mit der Einschätzung, zu der BVB-Historiker Gerd Kolbe in seinem Beitrag für das Buch „Gelbfieber – Wie Dortmund Fußballhauptstadt wurde“ kommt: „Aus einer geschlossenen Mannschaft ragten Rudi Assauer, Willi Sturm, Wolfgang Paul und Hans Tilkowski als ruhende Pole heraus.“

Auch Aki Schmidt, in dessen Erinnerung „Hugo“ Groppe freilich verletzt war und wohl gar nicht hätte spielen können, bescheingt Assauer eine Klasseleistung. Schmidt, gerade 80 Jahre alt geworden und am Tag des Finals mit 30 Jahren einer der Routiniers im Team, reklamiert aber auch seinen eigenen Anteil daran. Erstens habe er dem Trainer – wie auch Tilkowski und Mannschaftskapitän Wolfgang Paul – dazu geraten, Assauer im Endspiel aufzustellen. Und zweitens „habe ich ihm beim Einlaufen noch mit auf den Weg gegeben: Spielst Du auch nur einen Fehlpass, trete ich Dich in den Hintern“. Die Angst vor Akis Tritt hat dem „Assi“ dann wohl Beine gemacht. „Er hat das dann während der 120 Minuten richtig gut gemacht“, lobt Schmidt. „Deshalb bin ich nach dem Spiel auch sofort zu ihm hin und habe ihm gesagt: Assi, Du warst heute einer der Besten auf dem Platz!“ Statt des Tritts in den Allerwertesten gab’s also anerkennendes Schulterklopfen. Und auch heute noch findet Aki Schmidt ausnahmslos warme Worte für Assauer, der „auf dem Spielfeld manchmal ein ganz schöner Bruder Leichtfuß“ war und neben dem Spielfeld „ein ganz liebenswerter Mensch und mein Kumpel“ ist.

Insgesamt bestreitet Rudi Assauer zwischen 1964 und 1976 für den BVB (119/8 Tore) und Werder Bremen (188/4) 307 Bundesligaspiele und wird 1966/67 zweimal in die U23-Nationalmannschaft berufen – u.a. steht er beim legendären „Pfostenbruch-Spiel“ auf dem Gladbacher Bökelberg für Werder auf dem Platz.

Als Manager arbeitet er jeweils fünf Jahre in Bremen (1976 bis 81) und auf Schalke (1981 bis 86), ehe er dem Fußball für vier Jahre den Rücken kehrt und sein Glück in der Immobilienbranche sucht. Über den VfB Oldenburg kehrt er 1993 schließlich nach Schalke zurück. Unter seiner sportlichen Verantwortung wird der Klub UEFA-Cup-Sieger. Assauer ist einer der Väter und Bauherren der Schalker Arena – seine schlimmste Stunde aber erlebt er noch nebenan, im altehrwürdigen Parkstadion. Dort wähnt sich S04 im Mai 2001 nach einem 5:3 gegen die SpVg. Unterhaching als Meister, weil der HSV parallel mit 1:0 gegen den FC Bayern führt. Es wäre das ersehnte Ende einer 43 Jahre währenden, vergeblichen Titeljagd. Doch nach vier Minuten schlägt der königsblaue Jubel in Schockstarre um. Bayern hat in der Nachspielzeit ausgeglichen. Bayern ist Meister. Schalke ist es wieder nicht. Statt die Schale in die Luft zu recken, bleibt auch Rudi Assauer nur der Griff zum Papiertaschentuch. Der Mann, der sich selbst über Jahre hinweg ein hartes Macho-Image gegeben hat, weint dicke Tränen der Enttäuschung. Und selbst in Dortmund haben an jenem Tag viele über den unerträglichen Bayern-Dusel geflucht.