Die Helden von Glasgow – Hoppy Kurrat: Borussia Dortmunds DNA, verteilt auf 162 Zentimeter

Dieter „Hoppy“ Kurrat verkörpert wie kaum ein anderer alles das, wofür der BVB steht – Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sieht, beginnt das Heimweh

Nein, Desoxyribonukleinsäure ist kein Begriff, mit dem üblicherweise Geschichten über Fußballspieler beginnen. Aber: Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist der denkbar beste Begriff, um eine Geschichte über Dieter Kurrat zu beginnen. Denn DNA ist der Träger der Erbinformation. Und wenn es einen Spieler gibt, der das Genmaterial von Borussia Dortmund zu 100 Prozent in sich trägt, dann ist es der 162 Zentimeter kleine Mann, den niemand Dieter nennt, weil er für alle der „Hoppy“ ist – für alle, außer für Theo Redder. Sein früherer Mannschaftskamerad und enger Freund nennt ihn „Spatzel“!

Hobby Kurrat – am Borsigplatz geboren. Der Vater hatte ein Fuhrunternehmen. Heute würde man sagen: eine kleine Spedition. Der Sohn, von kleiner Statur und nicht körperlich nicht eben das, was man sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter einem Ruhrgebiets-Malocher vorstellte, lernte genau das: Malocher! Drahtzieher bei Hoesch zunächst, später, schon als BVB-“Profi“, arbeitete Hoppy Kurrat bei der Hansa-Brauerei. Jahre, die ihn geprägt haben wir nichts anderes.

Wer begreifen möchte, was Dortmund für ihn bedeutet, spricht am besten mit seiner Frau. „Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sehen kann, beginnt sein Heimweh“, erzählt Marga Kurrat. Und schildert mit unglaublichen Geschichten, wie wörtlich das zu nehmen ist. „Wir mussten Urlaube in Italien und auf Texel nach ein paar Tagen abbrechen, weil ihm sein Dortmund so fehlte. Einmal ist er von Garmisch-Partenkirchen aus mit dem Auto zurück gefahren, einmal um den Borsigplatz und zum Stadion – und dann wieder nach Garmisch.“ Hoppy Kurrat sitzt daneben, hört der Gattin aufmerksam zu. Er widerspricht nicht. Nickt leicht. Es fasst ihn emotional an. Echte Liebe in einer anderen, einer eigenen Dimension.

Als Hoppy Kurrat entdeckt wurde, war er 15 Jahre jung und kickte beim FC Merkur. Sein Entdecker: der gefürchtete Schleifer Max Merkel, gegen den Felix Magath ein Wellness-Coach ist. „Heute klagen die Profis, wenn sie zweimal in der Woche spielen müssen. Wenn die nur EINMAL unter Merkel trainiert hätten müssen . . .“, sagt Kurrat. Und dann bricht er den Satz ab, weil er eigentlich gar nicht über die heutige Fußballer-Generation meckern möchte. Klar, manchmal nervt es ihn, wenn sie sich nach Torerfolgen heroisch auf das BVB-Emblem klopfen oder die Hände zum Herz formen. Aber in Wahrheit mag er sie; mag es, alle 14 Tage ins Stadion zu gehen, sie spielen, kämpfen und siegen zu sehen. „Es ist toll“, sagt er, „dass die Jungs wieder so attraktiv und erfolgreich spielen.“

Erfolge hat er selbst reichlich gefeiert. Deutscher Meister 1963, Schütze des 1:0 im Endspiel gegen den 1. FC Köln – da war er gerade 21 und damit volljährig geworden. Seinen ersten Vertrag beim BVB hatte noch seine Mama unterschreiben müssen. „120 D-Mark bekam ich im Monat.“ Nach Einführung der Bundesliga wurde es mehr. 1965 dann der DFB-Pokalsieg, ein Jahr später der Europapokal-Triumph gegen den turmhoch favorisierten FC Liverpool. Auch bei Hoppy Kurrat hat sich der legendäre Satz von Trainer „Fischken“ Multhaup aus der abschließenden Mannschaftssitzung festgefressen: „Männer, von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren wir neun – aber heute ist das eine, das wir gewinnen!“

Viele der „Helden von Glasgow“ verließen den BVB in den Folgejahren. Kurrat blieb. Er, den sie den „Terrier“ nannten, weil er internationalen Superstars wie Wolfgang Overath, Günter Netzer, Sandro Mazzola und Bobby Charlton notfalls auch bis auf die Toilette folgte, hielt Schwarzgelb die Treue. Der Wadenbeißer, gegen den niemand gerne spielte, stand zur Borussia in guten wie in schlechten Zeiten. Eusebio, der große Portugiese, würgte Kurrat aus Frust und Verzweiflung einmal sogar am Hals und Atalanta Bergamo wollte ihn verpflichten, nachdem er Regisseur Luis Suarez komplett ausgeschaltet hatte. Für Kurrat kein Thema. Er lehnte ab. Auch das Angebot von Hertha BSC. Er hätte weder aus Bergamo noch aus Berlin die Turmspitze der Reinoldikirche sehen können.

Kurrat blieb. Er verzichtete auf Prämien, als es dem BVB finanziell schlecht ging. Und er ging mit seiner Borussia auch den schweren Weg in die Zweitklassigkeit. 1972 der Abstieg in die Regionalliga. Sportlicher Tiefpunkt. Es flossen bittere Tränen. Als Hoppy zwei Jahre später, nach mehr als 300 Spielen für den BVB, davon 247 in der Bundesliga (9 Tore), seine Profilaufbahn beendete, erhielt er als erster Borusse überhaupt ein Abschiedsspiel. Ganz lassen konnte er vom Fußball aber auch danach nicht: 1976 führte Kurrat den SV Holzwickede als Spielertrainer zum Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.

Holzwickede, der Dortmunder Vorort, wurde schließlich auch seine zweite Heimat. Noch während seiner aktiven Zeit übernahmen Hoppy und Marga Kurrat an der Bahnhofstraße eine Gaststätte. „Hoppy’s Treff“ entwickelte sich zum lokalen Treffpunkt Nummer 1 und zur Kultstätte für Fußball-Fans aus der ganzen Region. Mehr als 30 Jahre stand das Ehepaar hinter der Theke. „Der Hoppy“, sagt Marga Kurrat, „konnte ein feines Bier zapfen!“ In Wahrheit aber war das Leben nach dem Fußball wie das Leben vor dem Fußball und sein Leben als Fußballer: Maloche. Harte Arbeit, oft bis 3 Uhr in der Nacht.

Heute, mit fast 74, muss Hoppy Kurrat auch ein wenig auf die Gesundheit achten. Er erfreut sich an seinem BVB. Er genießt die regelmäßigen Treffen mit den alten Mannschaftskameraden – mit Theo Redder, Aki Schmidt, Wolfgang Paul, Hans Tilkowski. „Das sind Freunde fürs Leben“, sagt er. „Eine tolle Gemeinschaft.“ Und wenn ihm zu Hause doch mal die Decke auf den Kopf fällt: Dann fährt Hoppy Kurrat einfach einmal um den Borsigplatz.

Warum der Hoppy Hoppy heißt . . .
„Als ich ein kleiner Junge war, spielten wir auf der Straße oft Cowboy. Zu der Zeit gab es einen Western-Held, der hieß Hopalong Cassidy (dargestellt von Schauspieler William Lawrence Boyd/d. Red.). Er hatte zwei Colts und war unglaublich schnell. So wie ich. In den Filmen wurde dieser Hopalong kurz ‚Hoppy‘ genannnt – und so hatte ich meinen Spitznamen weg.“
Link-Tipp: https://www.youtube.com/watch?v=n2kw3RieY5A

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