Die Helden von Glasgow – Reinhold Wosab: Zwei Wirkungstreffer an einem Tag

Erst konnte Reinhold Wosab im Endspiel nicht mitwirken – dann ging er auch noch K.o.

In den Vitrinen des BVB steht manche Trophäe. Das Ergebnis von 106 Jahren Sammelleidenschaft. Reinhold Wosab aber hat weit mehr Pokale als die Borussia und als jeder andere Borusse. Ach, was – als jeder andere deutsche Fußballspieler. Ach, was – als überhaupt jeder andere Fußballspieler auf der großen, weiten Welt. Reinhold Wosab ist der „Herr der Pokale“. Allerdings hat er sie nicht alle gewonnen. Er stellt sie her.

Goly-Pokale (www.goly-pokale.com) heißt das Unternehmen, das Wosab seit 1987 gemeinsam mit Gattin Doris in Alzey im südöstlichen Rheinland-Pfalz betreibt. Auch jetzt noch. Mit 77 Jahren. „Wobei“, sagt er: „Wir suchen einen Nachfolger.“ Irgendwann muss schließlich auch mal gut sein. Wer immer die Firma übernimmt, tritt in große Fußstapfen, denn Reinhold Wosab hat nicht irgendwelche Trophäen gefertigt, sondern die ganz besonders bedeutsamen. Die für den Weltfußballer und den Trainer des Jahres, den Goldenen Schuh und den Goldenen Handschuh. Pélé, Cristiano Ronaldo, Oliver Kahn, Miro Klose: Sie alle haben Auszeichnungen aus dem Hause Wosab in ihren Vitrinen stehen.

Doch reden wir über die Trophäen, die Wosab selbst gewonnen hat. Oder besser noch: Fangen wir ein Jahr vor der ersten Trophäe an. Bei seinem Wechsel von der Spielvereinigung Marl zum BVB. 1962 war das, und auch der FC Schalke 04 hatte Interesse bekundet. Beim Spiel zwischen Marl und Bielefeld saßen Spione beider Revierrivalen im Publikum. Schalke-Coach „Schorsch“ Gawliczek ließ den Rechtsaußen nach dem Schlusspfiff abschätzig wissen: „Von Deiner Sorte haben wir 20 – Dich brauchen wir nicht.“ Ein Satz, den Wosab „nie vergessen“ hat. Auf ihm baute er die besondere Motivation auf, die ihn gerade gegen Schalke stets zu Höchstleistungen befügelte.

Wenige Minuten nach Gawliczek stand BVB-Trainer Hermann Eppenhoff vor Wosab – und sagte: „Wir haben von Deiner Sorte sogar 50 – aber wir brauchen Dich trotzdem.“ Reinhold Wosab wechselte an die Strobelallee. Und bekam seine Chance zur Revanche schnell. Gleich in seiner ersten Saison im schwarzgelben Dress, in der er bei 29 Einsätzen 14-mal traf, wurde der schnelle, ballsichere und technisch starke Offensivakteur mit dem BVB hinter Köln Vizemeister der Oberliga West. Sowohl beim 1:1 in der Glückauf-Kampfbahn als auch beim 1:0-Sieg gegen S04 in der Roten Erde traf er ins Schwarze. Borussia stieß schließlich bis ins Finale um die Deutsche Meisterschaft vor, traf dort wieder auf Köln, gewann 3:1. Wosab spielte Karl-Heinz Schnellinger Knoten in die Beine, erzielte das zwischenzeitliche 2:0 – und war mit 25 Jahren Meister!

Es folgten große Jahre mit dem BVB. Im Herbst 1963 gelang ihm das erste Derbytor der Bundesliga-Geschichte. In derselben Saison folgten die legendären Europapokalspiele gegen Dukla Prag (4:0) und Benfica Lissabon (5:0) – mit Wosab-Toren. 1965 der DFB-Pokalsieg.
Schließlich 1966 das Europapokal-Finale in Glasgow. Ohne Reinhold Wosab. Auf Rechtsaußen hatte ihm der – ausgerechnet – aus Schalke verpflichtete Stan Libuda den Rang abgelaufen. Wosab hatte zum Rechtsverteidiger umgeschult, und er hätte auch gespielt. „Aber ich war nicht fit. Hätte man damals schon auswechseln dürfen, hätte der Trainer mich gebracht.“

So aber war „Fischken“ Multhaup das Risiko zu hoch. Wosab musste zuschauen, und als er nach dem Spiel zu den Teamkollegen in die Kabine wollte, verpasste ihm ein Liverpooler Zuschauer einen ordentlichen Kinnhaken. „Ehe ich wusste, was los war, lag ich unter einem Polizeipferd“, erinnert er sich. „Das waren zwei Wirkungstreffer an einem Tag: nicht spielen zu dürfen und dann auch noch der Knock-Out!“ Als die Mannschaft tags darauf in Dortmund durch ein Spalier aus hunderttausenden Fans fuhr, stellte Wosab sich immer wieder die eine Frage: „Warum nur habe ich dieses Spiel verpasst?!“

Es ist eine Frage, die ihn nie ganz in Ruhe gelassen hat. Für die Fans aber ist Reinhold Wosab, der in 257 BL-Spielen 69 Tore erzielte, davon 61 in 198 BL-Spielen für den BVB, ganz klar ein 66er Held. Und ein 76er Held obendrein, denn als ehrenamtlicher Fußball-Obmann war er maßgeblich für die Zusammensetzung jener Mannschaft verantwortlich, die 1976 in den Entscheidungsspielen gegen Nürnberg nach vier Jahren Zweitklassigkeit endlich den Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffte. Auch dieses Jubiläum darf Reinhold Wosab 2016 feiern.

Eine der schönsten Anekdoten, die er zu erzählen hat, spielte sich übrigens neben dem Fußballplatz ab. Am Rande eines Auswärtsspiels beim HSV hatte er mit einigen Teamkollegen in einem kleinen Lädchen auf der Reeperbahn eine eigene Titelseite der schlüpfrigen St.Pauli-Nachrichten drucken lassen. „Hermann Lindemann im Bordell verhaftet“ lautete die riesige Schlagzeile. Als der BVB-Trainer das Blatt am nächsten Morgen im Mannschaftshotel auf dem Frühstückstisch liegen sah, wurde er kreidebleich, rief „Ich war in meinem Leben noch nie im Puff!“ und wies seine Ehefrau per Telefon an, unverzüglich einen Anwalt zu kontaktieren, um gegen diese böse Verleumdung vorzugehen.

Als Reinhold Wosab die Sache schließlich aufklärte, hielt sich des Trainers Humor in Grenzen. Dass der BVB das Spiel beim HSV nach 3:1-Führung noch 3:4 verlor, trug ebenfalls nicht zum Stimmungsaufschwung bei. „Zurück in Dortmund hatte er sich dann aber wieder beruhigt“, sagt Wosab.

Heute genießt er die Spiele im Signal Iduna Park. Er fährt nicht mehr selber nach Dortmund – er lässt fahren. Der Kontakt zu den Kollegen aus den goldenen Sechziger Jahren ist ihm wichtig; auf die Weihnachtsfeier Anfang Dezember freut er sich schon lange. Und 2016 folgt dann die nächste Feier: 50 Jahre Europapokalsieger!

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