Die Helden von Glasgow – Theo Redder: Auf die Standpauke folgte der Paukenschlag

Borussia Dortmund ist für Theo Redder nicht allein die Erinnerung an 1966, sondern ein Fixpunkt in seinem Leben

Wenn es eine Adresse gibt, die einem Europapokal-Helden gerecht wird, dann ist es diese: Kaiserstraße! Hier wohnt seit vielen Jahren Theo Redder mit seiner Gattin Gerdi. Mitten in Dortmund. Gar nicht weit entfernt vom Borsigplatz.

Theo Redder ist das, was man gemeinhin einen „Riesentyp“ nennt. Bodenständig, erdverbunden und gerade heraus. Einer, der aus Werl kommt, aber die Ruhrgebiets-Mentalität ganz tief inhaliert hat. Dem das kumpelhafte „Du“ leichter über die Lippen geht als ein formelles „Sie“. Der sowieso das Herz auf der Zunge trägt und gerne mal Sätze wie diesen sagt: „Wenn die Bayern in Dortmund spielen, haben sie doch eh ‘nen Köttel in der Hose.“

Theo Redder ist keiner, der Brimborium um seine Person veranstaltet. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig. Wichtig ist ihm der BVB. Die Borussia, zu deren Ruhm er maßgeblich beigetragen hat – sie ist „bis heute ein Fixpunkt“ in seinem Leben und dem von Gattin Gerdi. Die schwarzgelbe Vereinsfamilie – sie war stets ein Halt in seinem Leben, das neben vielen großartigen Momenten auch schwierige Phasen hatte. Ein Leben wie der BVB. Mal oben, mal nicht, aber immer authentisch. Immer Redder. Der letzte Nackenschlag liegt noch gar nicht lange zurück. Sein Enkel beichtete ihm unlängst, er sei jetzt Fan von Paris St. Germain.

Man macht schon was mit als Opa . . .

Was Theo Redder auch gut kann: erzählen! Es gelingt ihm sogar, zu all den vielen Geschichten, die man über die 1966er Europapokal-Helden schon hundertfach gehört hat und immer wieder gerne hört, Geschichten hinzuzufügen, die man noch nicht gehört hat.

Eine Geschichte also: Theo Redders Vater war mit drei Kegelbrüdern zum Finale nach Glasgow angereist. Sie wohnten im selben Hotel wie die Mannschaft und bekamen zufällig die abschließende Teamsitzung mit. Die fand nämlich, heute unvorstellbar, in einem halb offenen Raum statt. Papa Redder musste also ungewollt mit anhören, wie Trainer „Fischken“ Multhaup seinen Sohnemann und dessen Verteidiger-Kollegen Gerd Cyliax verbal auf ein Format zusammenfaltete, dass locker in die Hosentasche passte. Redder erinnert sich: „Wir hatten zuvor in der Bundesliga ziemliche Grütze gespielt. Der Trainer hatte also völlig Recht, und er wusste auch, dass Gerd und ich eine klare Ansage verpacken können.“ Nur Papa Redder wusste das nicht. Papa Redder dachte: Mein Gott, wie soll der Junge denn nach so einer Standpauke eine Topleistung zeigen?!“ – Beim Schlusspfiff nach 120 Minuten kannte er die Antwort. Das Duo Redder/Cyliax hatte sie gegen Liverpools Klasse-Stürmerzange Callaghan/Thompson auf sehr eindrucksvolle Weise gegeben. „Der Trainer hatte an unser Ehrgefühl appelliert. Er hat uns gekitzelt – und alles richtig gemacht“, sagt Theo Redder.

„Wir wussten, wir sind Außenseiter.Aber wir wussten auch: Wir haben’s drauf!

Natürlich ist in der Erinnerung noch viel mehr hängen geblieben vom Triumphzug durch Europa. Die Wasserschlacht von Madrid auf einem Platz, „auf dem du prima schwimmen, aber eigentlich nicht Fußball spielen konntest“. Die großartigen Halbfinal-Duelle gegen Titelverteidiger West Ham United. Liverpools Führungstreffer im Endspiel. Der fiel über Theo Redders Seite – aber der Ball war vorher mindestens so deutlich im Toraus wie Mats Hummels‘ Kopfball im DFB-Pokalfinale 2014 hinter der Linie. „Ich bin sofort stehengeblieben, habe den Arm gehoben und reklamiert“, erinnert sich Theo Redder. Doch Schieds- und Linienrichter erkannten den Treffer an. Heute kann der Dortmunder darüber schmunzeln: „Na ja, das Flutlicht im Hampden Park war auch wirklich schlecht.“

Was auch hängen geblieben ist: Die tolle Harmonie in der Mannschaft, die zum Zeitpunkt des Endspiels im Kern schon drei Jahre zusammenspielte. Die DFB-Pokalsieger wurde, in der Liga noch auf Meisterkurs steuerte und obendrein auch international einiges an Erfahrung angesammelt hatte: gegen Dukla Prag, Inter Mailand, Benfica Lissabon. „Wir wussten, dass wir gegen Liverpool Außenseiter sind. Aber wir wussten auch, dass wir’s drauf haben. Wir waren selbstbewusst und locker.“

„Der Willi Sturm hat dasSpiel seines Lebens gemacht!“

Gut, selbstbewusst waren die Briten auch – aber vielleicht war es die Lockerheit, die ihnen abging. Jedenfalls verloren sie nach stürmischer Anfangsphase, in der Theo Redder einmal den Ball von der Linie kratzen musste, irgendwie den Zugriff. Borussias Defensive, die stets ein wenig im Schatten der überragenden Offensivabteilung um Siggi Held, Lothar Emmerich und Stan Libuda stand, gewann zunehmend die Kontrolle. „Und in der Verbindung zwischen Abwehr und Angriff machte Willi Sturm das Spiel seines Lebens“, lobt Theo Redder.

Am Ende reckten die Borussen den Pokal in die Höhe. Sie erhielten 6.000 D-Mark Prämie, eine Armbanduhr und wenige Tage später aus den Händen von Bundeskanzler Ludwig Erhard das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste Auszeichnung für deutsche Sportler – als erste Fußballmannschaft. Was sie nicht erhielten: ein Bier nach dem Spiel. Denn bei der Rückkehr ins Teamhotel hatte die Bar bereits geschlossen. Eine Feier oder gar ein Bankett hatte der Vorstand nicht vorbereitet. Die Helden von Glasgow gingen, vollgepumpt mit Glückshormonen, zum Schlafen aufs Zimmer. Ein trister Triumph. Entschädigt wurden sie tags darauf bei der Rückkehr nach Dortmund. Ein Autokorso durch Hunderttausende über die „Traumstraße“, die B54, hinein nach Dortmund. „Ein Wahnsinn“, schwärmt Theo Redder.

Für ihn selber markiert das Finale auch einen Wendepunkt in seiner Karriere. Nachdem er sich die Schmerzen in der Leiste häufig hatte wegspritzen lassen, ließ er sich in der Sommerpause 1966 operieren. Er begann zu früh wieder mit dem Training, erlitt einen Muskelriss, absolvierte 1966/67 keine einzige Partie und fand auch danach nie mehr zu seiner Topform zurück. „Mein Spiel war das Rennen und Grätschen, doch das funktionierte nicht mehr so.“ Wohl auch, weil der Kopf blockierte. Als dann auch noch sein Vater schwer erkrankte, beendete Theo Redder mit 28 Jahren seine Laufbahn und übernahm die elterliche Bäckerei.

Sein Wunsch für 2015/16:„Die Bayern mal wieder so richtig ärgern!“

Borusse ist er immer geblieben. Bis 2006 hat er 17 Jahre lang die Traditionsmannschaft gemanagt – und mit ihr die Welt bereist. In den USA und Kanada, in Dubai und Ägypten waren die Ehemaligen. Heute ist Theo Redder zweiter Vorsitzender des Ältestenrates. Den leichten Schlaganfall, den er vor zehn Jahren erlitt, markt man ihm nicht an. Theo Redder läuft viel, fährt gerne Fahrrad – und die vielen Stufen bis zur Wohnung an der Kaiserstraße halten ebenfalls fit. Mit Gattin Gerdi besucht er jedes Heimspiel und trifft die ehemaligen Mitspieler.

Der Zusammenhalt ist groß, das Miteinander so harmonisch wie 1966

Bei der Feier zu Theo Redders 70. Geburtstag kamen neben dem Vorstand auch Jürgen Klopp und Sebastian Kehl. „Der Jürgen hat sechs Jahre lang ein schwarzgelbes Märchen geschrieben. Im siebten war er platt – und die Mannschaft wohl auch“, sagt Theo Redder. „Ich rechne ihm ganz hoch an, dass er den richtigen Zeitpunkt erkannt hat, um Schluss zu machen.“ Jetzt wünscht der Europapokal-Held Thomas Tuchel ähnlich viel Erfolg wie seinem Vorgänger. „Ich will nicht so vermessen sein, in diesem Jahr schon das Wort ‘Titel‘ in den Mund zu nehmen, aber eine richtig gute Rolle sollten wir spielen und um die Champions-League-Plätze mitkämpfen können.“ Und vielleicht, daran hätte er richtig Spaß, „die Bayern ordentlich ärgern“. Sie wissen schon, die mit den „Kötteln in der Hose“.

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