Mario Götze: Zurückgekommen, um voran zu gehen!

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(Text für „ECHT“, Ausgabe 113)

Warschau. Mittwoch, 14. September. Der polnische Meister Legia empfängt am 1. Spieltag der Champions-League-Saison 2016/17 den deutschen Vizemeister Borussia Dortmund. Es läuft die siebte Spielminute. Ousmane Dembélé flankt den Ball vom linken Flügel zentral vor das Tor. Zwischen Guilherme und Vadis Odjidja-Ofoe schraubt sich Mario Götze in die Höhe. Der Dortmunder platziert den Kopfball zum 1:0 flach ins linke Eck. Götze dreht ab, läuft Arm in Arm mit Christian Pulisic in Richtung BVB-Fankurve, die Arme ausgebreitet, die rechte Hand zur Faust geballt, im Gesicht ein Strahlen wie aus einer Zahnpasta-Werbung. In derselben Sekunde läuft die Echtzeitmaschinerie der Online-Medien und Social-Media-Kanäle an. Götzes zwölftes Champions-League Tor. Das erste mit dem Kopf. Sein erster CL-Treffer für den BVB seit dem 2:0 gegen Donezk am 5. März 2013. Sein erstes Tor überhaupt für den BVB seit dem Doppelpack in Fürth vor exakt 1250 Tagen. Was man halt so wissen muss. ZDF-Reporter Boris Büchler möchte nach dem Spiel von Mario Götze wissen: „Auch ein Tor gegen die Kritiker?“ – „Nein, nein“, winkt der 24-Jährige amüsiert und lässig ab. „Ein Tor für die Mannschaft, für den Verein, für einen guten Start in die Champions-League. Das ist mir definitiv wichtiger!“

Zwei Tage zuvor in Hörde. Wir treffen Mario Götze am Phönix-See, einem der Vorzeigeprojekte für gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet. „Wahnsinn, was hier in den letzten drei Jahren entstanden ist“, sagt er mit staunendem Blick. Und meint: In den drei Jahren, in denen er nicht in Dortmund war. Als er 2013 ging, war der Phoenix-See schon ein See – aber drumherum war noch nicht viel. Lehmberge, Schotter und Schlammpfützen vornehmlich, dazwischen Bagger und Baukräne. Inzwischen ist hier ein attraktives Wohn-, Büro- und Naherholungsgebiet entstanden; mit Hafen, Bootsanleger, Uferpromenade und Gastronomie. Und immer noch wird weiter gebaut.

 

Ein bisschen ist es am Phoenix-See wie bei der Borussia. Auch die ist im Spätsommer 2016 „under construction“. Eine Baustelle. Die zentrale Achse hat den Klub verlassen. Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henryk Mkhitaryan sind Geschichte. Acht neue Spieler sind zum Kader von Trainer Thomas Tuchel gestoßen – allesamt mit großer Perspektive. Sie sind die Zukunft des BVB, so, wie der Phoenix-See die Zukunft Dortmunds ist. Und Mario Götze ist einer von ihnen. Der spektakulärste wahrscheinlich. Denn was ihn von den anderen sieben Neuzugängen unterscheidet: Götze ist auch ein Stück schwarzgelbe Vergangenheit. Ein starkes Stück. Meister 2011. Double-Sieger 2012. Aber darüber wollen wir heute gar nicht reden. Sondern über die Zukunft. Seine eigene und die des vielleicht spannendsten Projektes im europäischen Fußball – wie einige Experten den BVB 2016/17 nennen.

 

Mal angenommen, Mario, wir treffen uns in zehn Jahren wieder hier. Im September 2026. Du bist 34 Jahre alt, hast gerade Deine Laufbahn beendet – was sollen die Menschen über Dich sagen, was die Medien über Dich berichten?

 

Götze grübelt einen Moment. Aber nicht sehr lange. „Dass ich durch und durch ein professioneller Fußballer war. Ein gewissenhafter Sportler, der immer alles gegeben und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hat.“ Und klar, ein paar Titel sollen in der Aufzählung über seine Erfolge auch noch hinzukommen. „Dafür machst du letztlich Sport. Du willst gewinnen, jedes einzelne Spiel und am Ende der Saison natürlich die wichtigen.“ Die, in denen es um Schalen und um Pokale geht.

 

Aber Mario Götze wünscht sich durchaus mehr. Er wünscht sich, dass die Menschen ihn „als starke Persönlichkeit“ wahrnehmen und respektieren. Als jemand, „der Verantwortung übernimmt und vorweg geht“. Und in der Tat wirkt er, während wir um den Phoenix-See spazieren, über Dortmund, den Strukturwande, Fußball, das Leben und die Zukunft plaudern, nicht wie jemand, der erst noch erwachsen werden muss. Er ist es. Ein junger Mann, der denkt, bevor er redet – und der dann auch was zu sagen hat. Etwa über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

 

„Ich bin mit 17 Jahren ins kalte Wasser geworfen worden, habe in sehr jungen Jahren sehr schnell sehr viel erlebt.“ Vor allem aber steht er seit sieben Jahren unter Dauer-Beobachtung. So intensiv bisweilen, dass Thomas Tuchel sich unlängst den Hinweis erlaubte, da würden „Grenzen überschritten“. Man merke ja, „wie Mario immer wieder unter das Brennglas gelegt wird. Das tut nicht nur alles gut. Das beschäftigt einen Menschen. Niemand von uns kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt“. Niemand außer Götze selbst. Der sagt: „Jeder bildet sich seine Meinung über mich und darf sie öffentlich verbreiten.“ Als Vorwurf will er das aber gar nicht verstanden wissen. „Manchmal ist es anstrengend, manchmal auch ärgerlich, aber im Grunde ist es okay, denn man wächst ja auch an der Auseinandersetzung mit Kritik. Entscheidend ist doch, dass man solche Erfahrungen richtig ummünzt.“

 

Wir sind inzwischen auf der Kulturinsel am Kai angekommen. Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel. Bei diesem Wetter ist der Phoenix-See Dortmunds „Place to be“. Dutzende Radfahrer, Jogger und Inine-Skater sind unterwegs. Spaziergänger drehen sich um und tuscheln: „Guck mal, das ist doch Mario Götze!“ Einige trauen sich, ihn anzusprechen. Ein Vater, der seine kleine Tochter Huckepack trägt, bittet um ein Selfie mit dem BVB-Star. Ein behinderter Junge fährt mit dem Elektro-Rollstuhl auf ihn zu und sagt schüchtern: „Herr Götze, ich habe heute Geburtstag und wollte mal fragen, ob Sie Zeit für ein Foto hätten.“ Eigentlich hat er die nicht, die Zeit, denn wir brauchen noch Fotomotive für die Story, in 40 Minuten ist schon wieder Training, und für die Fahrt vom Phoenix-See nach Brackel muss man um diese Uhrzeit locker 20 Minuten einkalkulieren. Und doch nimmt er sie sich, die Zeit. Hat für jeden ein Lächeln, ein nettes Wort, erfüllt die Wünsche der Fans gerne.

 

Apropos Fans: Auch diesem Thema weicht Mario Götze nicht aus. Der BVB-Anhang war sauer, als der Jungstar den Klub 2013 verließ. Stinksauer. Schließlich war er das Gesicht des bezaubernden Vollgasfußballs. Die Projektionsfläche für schwarzgelbe Fußball-Träume. Der mit dem Ball tanzte. Die außergewöhnlich heftige Ablehnung, die Götze nach seinem Wechsel von einem Teil der Anhängerschaft entgegenschlug, war letztlich nichts anderes als Ausdruck der außergewöhnlichen Zuneigung, die er zuvor genossen hatte. Enttäuschte Liebe ruft die krassesten Emotionen hervor.

 

„Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Fans sauer waren“, sagt er. Und ja, natürlich habe er in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr das eine oder andere Mal „ein mulmiges Gefühl“ gehabt, weil er nicht einzuschätzen wusste, wie die Anhänger reagieren würden. „Ich konnte ja nicht im Ernst erwarten, dass mich alle mit offenen Armen aufnehmen würden.“ Inzwischen aber, sagt Götze, habe sich das mulmige Gefühl gelegt. Er hat Schritte auf die Fans zu gemacht. Und es sieht sehr danach aus, als bekomme er die faire Chance, die er sich erhofft hat.

 

Alles Weitere, das weiß er, liegt bei ihm. Er möchte die Zuneigung der Zuschauer durch Leistung zurückgewinnen. Möchte Integrationsfigur sein, gerade auch für die vielen jungen und neuen Spieler. Möchte das Vertrauen der Verantwortlichen rechtfertigen und weiter lernen. Von Thomas Tuchel und seinem Trainerstab, die „den Fußball so ganzheitlich verstehen, wie ich das überhaupt noch nie erlebt habe“. Taktik, Training, Ernährung, Sportwissenschaft, Psychologie – nichts werde dem Zufall überlassen. „Im Ernst“, sagt der Rückkehrer, „da ist so viel Professionalität im Spiel, dass das zwangsläufig zum Erfolg führen m u s s!“

 

Mit ihm, Mario Götze, als einer der Schlüsselfiguren.

 

Mario Götze. Zur Person.

Mario Götze wurde am 3. Juni 1992 in Memmingen (Allgäu) geboren. Über den Umweg Houston (Texas) kam er als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Dortmund. Götze spielte in der Jugend zunächst beim Hombrucher FV, ehe er in die Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund wechselte. Mit der U17-Nationlmannschaft wurde er 2009 Europameister, erhielt 2009 und 2010 jeweils die Fritz-Walter-Plakette in Gold für den besten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Noch mit 17 Jahren debütierte Mario Götze unter Trainer Jürgen Klopp in der Bundesliga. Bis heute hat er für den BVB und den FC Bayern München 157 BL-Spiele absolviert und dabei 44 Tore erzielt. Hinzu kommen 58 Länderspiele (14 Tore), 44 Champions-League- (11 Tore), 4 Europa-League- (2 Tore) und 18 DFB-Pokal-Einsätze (9 Tore). Götzes Titelsammlung umfasst u.a. 5 Deutsche Meisterschaften, 3 DFB-Pokalsiege sowie den Gewinn des UEFA-Supercups und der FIFA-Klub-WM. 2014 schoss Mario Götze Deutschland im WM-Finale gegen Argentinien zum Titel. Seither steht er in einer Reihe mit Legenden wie Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme, Zinedine Zidane, Ronaldo und Andres Iniesta, die ebenfalls „Game-winning goals“ in WM-Endspielen erzielten.

Mario Götze über . . . Heimat . . .

„Mit dem Heimatbegriff ist das so eine Sache. Fußballprofis sind ja fast das ganze Jahr unterwegs. Trainingslager, Asientour, Auswärtsspiele in der Bundesliga, Europapokal-Reisen, Reisen mit der Nationalmannschaft. Wirklich zu Hause bist du nur an ein paar Tagen im Jahr. Dann habe ich noch Großeltern im Allgäu, mein Bruder Felix spielt in München. Und doch ist Dortmund für mich der Ort, der mir am vertrautesten ist. Ich habe 16 meiner 24 Jahre hier in Dortmund verbracht, bin hier zur Schule gegangen, kenne hier mehr Menschen als irgendwo sonst. Der alles entscheidende Punkt aber ist: Ich fühle mich hier sehr wohl!“

Mario Götze. Unter Freunden.

Sepp Herberger. Der Geist von Spiez. „Elf Freunde müsst ihr sein!“ Fußball-Romantik anno 1954 – und ein Erfolgsrezept bis heute. Rosige Aussichten also für den BVB. Denn Mario Götze und Andre Schürrle sind gut befreundet. Götze und Marco Reus auch. Unvergessen, die Szene nach dem WM-Endspiel, als der Finaltorschütze das Trikot des verletzten Teamkollegen in die Kamera hielt. Reus wiederum scherzt gerne mit Pierre-Emerick Aubameyang, der hat Ousmane Dembele unter seine Fittiche genommen. Und so weiter… – „Das Teamgefüge passt. Wir unternehmen schon jetzt viel miteinander“, sagt Mario Götze. „Und das wird bestimmt noch mehr werden.“

 

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2 Kommentare zu “Mario Götze: Zurückgekommen, um voran zu gehen!

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