. . . und es hat BÄMMM!!! gemacht

Am 4. Dezember 1963 erzielte Franz Brungs drei Tore gegen Benfica – und sicherte sich einen Logenplatz in der Geschichte von Borussia Dortmund

Machen wir uns nichts vor: Über jenen 4. Dezember 1963 ist alles geschrieben. Alles doppelt, dreifach, x-fach. Dass es lausig kalt war und der Rasen im Stadion Rote Erde hart gefroren . . . geschrieben! Dass das natürlich ein Vorteil für die Malochertruppe von Borussia Dortmund war und ein krasser Nachteil für die fußballerischen Feinmotoriker von Benfica Lissabon . . . geschrieben! Dutzendfach beschrieben wurden in den 53 Jahren, die seither vergangenen sind, die legendären goldgelb glänzenden Seidenhemden, die der BVB trug, damit die Spieler bei der Fernsehübertragung in der ARD trotz des eher schummrigen Flutlichts gut zu erkennen waren. Dass sich Präsident Dr. Werner Wilms im Prämienpoker mit Mannschaftskapitän Aki Schmidt breitschlagen ließ, für das Erreichen der nächsten Runde 500 statt 250 D-Mark zu zahlen – und später verriet, er habe eben nicht ans Weiterkommen geglaubt: Auch das hat man wieder und wieder gehört und gelesen. Und doch wird es nie langweilig; und doch liest man es immer wieder gerne – wie auch die Geschichte von Franz Brungs, der sich an diesem Abend unsterblich machte.

Pyrotechnik und Platzsturm
Natürlich könnte man investigativ an dieses „Jahrhundert-Spiel“ des BVB (für Benfica war’s eher eine Jahrhundert-Schmach) herangehen. Man könnte versuchen, herauszufinden, was seinerzeit die Stadion-Bratwurst kostete. Ob der Becher Bier noch im Pfennig-Bereich lag oder schon über einer Mark. Man könnte versuchen, zu ermitteln, wie viele Frauen und Kinder wohl im Stadion waren (Vermutung: sehr wenige). Oder wie viele der Männer im Stadion Mantel und Hut trugen (Vermutung: sehr viele). Man könnte die Geschichte auch an der Lautsprecher-Durchsage kurz vor dem 2:0 aufziehen: „Liebe Zuschauer, ich darf noch einmal wiederholen: Bitte unterlassen Sie das Abfeuern von Raketen. Sie gefährden die Zuschauer und die Spieler.“ Man könnte die Anhänger zählen, die nach jedem Tor jubelnd auf den Rasen liefen und die vielen Tausend, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten. Und dann könnte man ausrechnen, wie oft heute wohl die Südtribüne gesperrt werden würde . . . aber lassen wir das!

„Mein Durchbruch beim BVB“
Reden wir lieber über Franz Brungs. Das „Goldköpfchen“, wie die Fans ihn nannten, weil er erstens blond war und zweitens den Kopf nicht zuletzt zum Toreerzielen zwischen den Schultern trug. Jenen Franz Brungs, der im Sommer 1963 von der niederrheinischen zur westfälischen Borussia gewechselt war. Zum amtierenden Deutschen Meister. „Ich kam in eine intakte, eingespielte Mannschaft mit tollen Offensivspielern. Es war nicht einfach, mich durchzusetzen“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Das Spiel gegen Lissabon war dann praktisch mein Durchbruch beim BVB.“ Was für eine maßlose Untertreibung. Es war viel mehr als das. Es war ein Urknall, ein BÄÄÄM!!! mit drei Ausrufezeichen. Ein unsterbliches Kapitel schwarzgelbe Fußballgeschichte.

Das Hinspiel: Elf Portugiesen gegen Hans Tilkowski
Aber fangen wir von vorne an: Dieses Sport Lisboa e Benfica, auf das Borussia Dortmund im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister 1963/64 traf, war nichts weniger als die beste europäische Mannschaft ihrer Zeit. 1961 und ’62 hatte das Team um den genialen Eusebio den Wettbewerb gewonnen. „Ein Ausnahmeteam“, sagt Franz Brungs. Und genau so trumpften die Portugiesen im Hinspiel auch auf. „Das war ein Spiel auf ein Tor. Wir hätten uns über fünf oder sechs Gegentreffer nicht beschweren dürfen. Doch der Hans (Tilkowski/d. Red.) hat ein Riesenspiel gemacht. Was der alles gehalten hat, war unglaublich!“ Und weil Franz Brungs, der die einzige Aufgabe hatte, „gelegentlich für Entastung zu sorgen“, so viel rannte „wie nie zuvor und danach in meiner Laufbahn“; und weil Reinhold Wosab einen dieser Entlastungsangriffe mit einem Tor veredelte, hieß es nach 90 Minuten aus Dortmunder Sicht nur 1:2 – im Europapokal ein fast optimales Auswärtsergebnis.

Das Rückspiel: Dortmunder Vollgasfußball von Beginn an
Nur eben nicht gegen Benfica. Die Portugiesen galten auch vor dem Rückspiel in der Roten Erde als Favorit. Nur war dort der Boden hart gefroren. Und Eusebio war verletzungsbedingt nicht dabei. Dafür aber 42.000 anfangs erwartungsfrohe und von Minute zu Minute immer hemmungslosere Fans. Und eine Mannschaft von Borussia Dortmund, die Vollgas gab, als ob der Trainer schon damals Jürgen Klopp geheißen hätte und nicht Hermann Eppenhoff.

Gut eine halbe Stunde verteidigte Benfica das 0:0. Dann brach das schwarzgelbe Unheil über Lissabon herein.

  1. Minute: Flanke Willi Burgsmüller, Kopfball Timo Konietzka – 1:0.
  2. Minute: Steilpass Konietzka auf Franz Brungs – 2:0.
  3. Minute: Diesmal Reinhold Wosab auf Brungs – 3:0.

Drei Tore am 27. Geburtstag
Innerhalb von 180 Sekunden hatte der BVB die beste Mannschaft Europas in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei Minuten nach der Pause erzielte Franz Brungs dann seinen dritten Treffer an diesem Abend; Wosab ließ nach Pfostenschuss von Willi Sturm das 5:0 folgen. Der Wahnsinn! „Niemand, der damals dabei war – als Spieler oder als Zuschauer ,– wird diesen Abend jemals vergessen“, sagt Franz Brungs, der Hauptdarsteller dieses Jahrhundert-Spiels. Dass er am Tag des Spiels auch noch seinen 27. Geburtstag feierte, macht die Geschichte endgültig zum Märchen. „An meinen Geburtstag hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Erst das Ständchen beim Bankett mit Bundestrainer Sepp Herberger rief ihn Brungs in Erinnerung.

Ein Europapokal-Abend als ganz großes Gefühlskino.

Von den Fans auf Schultern getragen
Selbst TV-Kommentator Ernst Huberty ließ sich in seiner Abmoderation zu so etwas wie einem emotionalen Ausbruch hinreißen: „Alle Menschen stürmen in die Mitte, um ihre Borussen auf den Schultern vom Rasen zu tragen. Und ich glaube, das ist ein schönes Bild zum Abschied aus dem Stadion Rote Erde hier in Dortmund.“ Auch Brungs verließ den Rasen nicht auf seinen eigenen Beinen. Auch er wurde getragen von restlos begeisterten Fans.

Franz Brungs hat als Fußballer weitere Erfolge gefeiert: den DFB-Pokalsieg mit dem BVB (1965), die Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg (1968). Aber nie wieder hat er solche Emotionen erlebt wie am Abend des 4. Dezember 1963 in der Roten Erde. Er hat das abgespeichert auf der Festplatte in seinem Langzeitgedächtnis – und ruft es immer wieder gerne ab, wenn er nach seinen Erinnerungen gefragt wird.

„Der BVB ist in der europäischen Spitze angekommen!“
Inzwischen ist Franz Brungs 80 Jahre alt. Er ist in Nürnberg hängen geblieben, hat viele Jahrzehnte lang ein Lotto-Toto-Geschäft betrieben. Der Verlust seiner Ehefrau hat ihn vor einigen Jahren schwer getroffen. Aber seine beiden Söhne „kümmern sich toll um mich“; auch jetzt, da sein Herz manchmal unrund schlägt. Die beiden Enkel, sagt er, geben seinem Leben einen Sinn. Und natürlich der Fußball. Bei den Heimspielen des „Club“ ist er fast immer im Stadion. Und den BVB verfolgt er aus der Ferne mit Begeisterung. „Was in Dortmund in den letzten Jahren gewachsen ist, ist großartig. Der Klub ist in der europäischen Spitze angekommen.“ Noch nicht ganz dort, wo Benfica Lissabon Anfang der 60er stand – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

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Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Borussias zweite Gelbe Wand

Schon vor der Südtribüne türmt sich eine Mauer auf: Papa Sokratis! Doch der große Grieche hat auch eine nachdenkliche Seite . . .

Lange, sehr lange hatte er den Ärger in sich hineingefressen. Kurz vor Ablauf der Verlängerung im DFB-Pokal-Krimi gegen Hertha BSC platzte dem Papa dann der Kragen. Aus Verärgerung über die Zeitschinderei der Berliner holte er sich erst Gelb ab. Und weil er sich einfach nicht beruhigen konnte, gab’s Gelb-Rot gleich obendrauf. „Ich kann mich an wenige Platzverweise erinnern, die unnötiger waren“, befand Trainer Thomas Tuchel. Verständlicherweise! Und doch machte Sokratis Papastathopoulos mit dieser Szene einen weiteren Schritt in Richtung „Unsterblichkeit“. Denn genau für diese Emotionen und diese Authentizität lieben ihn die Fans. Papa ist, keine Frage, auf dem besten Weg zum nächsten Dortmunder Kult-Spieler.

„Klar“, sagt Sokratis mit ein wenig Abstand, „in der Situation habe ich überreagiert. Das darf gerade mir als erfahrenem Spieler nicht passieren.“ Andererseits: „In der Bundesliga gibt es Spieltag für Spieltag schlimmere Vergehen, die nicht einmal mit Gelb bestraft werden.“ Was er nicht sagt: Hätte Schiedsrichter Deniz Aytekin in dieser 118. Minute ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gehabt, wäre Papa mit einer Verwarnung zuzüglich einer letzten Ermahnung davongekommen . . .

Was den eigentlich so ruhigen, beherrschten, manchmal regelrecht unterkühlt wirkenden Griechen überhaupt so aufgeregt hat: „Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich Fußball spielen. Hertha aber wollte das Spiel nur unterbrechen. Die Nettospielzeit in der Verlängerung betrug fünf oder sechs Minuten. So etwas geht mir auf die Nerven! Und irgendwann muss es dann raus!“

Fußball spielen will er also. Fußball arbeiten meint er. Fußball kämpfen. Sokratis ist der Typ Spieler, der dafür nicht viel braucht. Eine Wiese. Einen Ball. Und zwei Tore. Die Tore braucht er aber nicht, um den Ball hinein zu schießen. Er braucht sie als Orientierung. Um den Gegenspieler fern zu halten. Wo ein Tor steht, da darf der Gegner nicht hin. So einfach ist Papa-Fußball.

Und Papa-Fußball ist Männerfußball. Kompromisslos interpretiert er seinen Sport. Seit Sokratis beim BVB spielt, seit 2013 also, gibt es im Signal Iduna Park zwei Gelbe Wände. Die eine ist aus Beton. Auf ihr finden 25.000 und ein paar Menschen Platz. Die Gegner fürchten diese Wand, weil sie furchterregend laut werden und die Energie eines ganzen Kraftwerks auf ihre schwarzgelbe Mannschaft übertragen kann. Die andere Wand ist aus Fleisch und Blut. Sie trägt die Rückennummer 25. Sie heißt Papa Sokratis, und die Gegner fürchten sie, weil es weh tun kann, gegen diese Wand zu laufen.

Mag sein, in vielen anderen Vereinen wäre Sokratis einfach Sokratis. Bei Borussia, wo Innenverteidiger – früher: Manndecker – stets einen ganz besonderen Status genossen haben, ist das anders. „Abräumen“ war in Dortmund schon immer ein Qualitätsmerkmal. Wolfgang „Stopper“ Paul war ein Abräumer, Julio Cesar ebenfalls – wenn auch ein technisch versierter. Jürgen Kohler stieg als Abräumer zum „Fußball-Gott“ auf. Und nun also Papa Sokratis. Einer, den die Fans irgendwann einmal mit Ovationen verabschieden werden. Und jedes Jahr, das er länger beim BVB bleibt, wird die Ovationen um mehrere Minuten verlängern. Dabei beruht die Begeisterung auf Gegenseitigkeit. „Ich fühle mich in Dortmund total wohl“, versichert Papa. Der Verein ist großartig, die Fans sind großartig. Ich habe hier alles, was ich brauche, um glücklich zu sein.“ Wenn jetzt noch der eine oder andere Titel hinzu kommt . . .

„Erfolg ist natürlich eine wichtige Komponente“, sagt Sokratis. „Und Titel sind letztlich der Lohn für all die Anstrengungen. Sie sind der Nachweis dafür, dass du als Sportler etwas erreicht hast.“ Seinem Arbeitgeber attestiert er nach dem personellen Umbruch dank einer Vielzahl hochtalentierter Spieler „herausragend gute“ Zukunftsperspektiven. Und für sich selbst hat er aus der Verjüngungskur im Kader eine zusätzliche Aufgabe definiert, die mit einem veränderten Rollenverständnis einhergeht: der „Papa“ als Papa-Ersatz.

„Ich war ja selbst noch ein Kind, als ich für den Fußball von zu Hause weggegangen bin. Mit 20 bin ich ins Ausland gewechselt. Ich weiß also, wie unsere jungen Talente sich fühlen. Deshalb suche ich die Nähe zu ihnen und versuche, ihnen zu helfen. Im Laufe meiner Karriere habe ich bei einem halben Dutzend Klubs gespielt, hatte mehr als Dutzend Trainer und wahrscheinlich um die 150 Teamkollegen. Das bedeutet in Summe einen ziemlichen Erfahrungsschatz, den ich gerne weitergeben möchte.“

Erfolge also sind Sokratis‘ Maßstab – Geld ist es eher nicht. Dass man als Fußballer viel Geld verdient, sagt er, sei ein Privileg. „Es ist für mich aber nicht das Wichtigste. Die Wertschätzung, die ich hier in Dortmund erfahre, bedeutet mir sehr viel mehr. Sie erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit. Deshalb wird Dortmund immer in meinem Herzen sein. In einem Punkt dürfen sich alle absolut sicher sein: Sollte ich den BVB irgendwann verlassen, wird Geld dabei keine Rolle spielen. Dann wird es allein um Herausforderung und Erfolg gehen.“

29 Jahre wird Papa Sokratis am Ende dieser Saison alt sein. Vier, fünf Jahre auf Top-Niveau sind dann immer noch drin. Und danach? „Mit 34, spätestens mit 35 ist Schluss. Definitiv werde ich dann nach Griechenland zurückkehren. Meine Familie und meine Heimat fehlen mir. Ich werde erst einmal eine Auszeit einlegen, relaxen, die Zeit mit Freunden genießen. Vielleicht kehre ich danach in den Fußball zurück – aber definitiv nicht als Trainer.“ Warum nicht? – „Als Trainer musst du den ganzen Tag über kommunizieren. Mit 25 oder 30 Spielern, mit der Klubführung, mit den Medien. Das ist der eine Grund. Der andere: Trainer machen zwangsläufig immer auch Spieler unglücklich. Und Menschen unglücklich machen – sorry, das kann ich einfach nicht!“

Der Papa spricht nicht viel – dafür aber vier Sprachen

Er ist kein Mann der vielen Worte. Sprache setzt Papa Sokratis – sagen wir mal: ökonomisch ein. So, als hätte er nur ein begrenztes Kontingent an Buchstaben zur Verfügung, um Wörter und Sätze daraus zu bilden. Dabei ist der „Schweiger“ ein echtes Sprachtalent. Neben seiner Muttersprache Griechisch spricht er ziemlich gut Englisch und viel besser Deutsch, als er’s erkennen lässt. Wenn das ein Trick ist, um Reporter-Mikrofonen gelegentlich aus dem Weg gehen zu können, funktioniert er perfekt.

Italienisch gehört außerdem zu Papas Repertoire – und zwar fließend. Der Grund: Im Alter von 20 Jahren wechselte Papa im Sommer 2008 von AEK Athen, wo er wenige Monate zuvor jüngster Kapitän der Klubgeschichte geworden war, zu CFC Genua in die Serie A. Drei Jahre lang spielte er in Italien, wurde 2010 mit dem AC Mailand sogar Meister – kam dabei über den Status des Ergänzungsspielers aber nicht hinaus. Statt nach Genua zurückzukehren, entschied sich der junge Grieche für Deutschland. Über Werder Bremen kam er 2013 schließlich zu Borussia Dortmund. Sein Vertrag beim BVB läuft bis zum 30. Juni 2019. Dann ist er 31 – bestes Verteidigeralter.

Als Messi in Papas Schatten verschwand

Wenn sich ein Hüne wie Papa Sokratis vor einem Zwerg wie Lionel Messi aufbaut, kann sich der Kleine im Schatten des Großen prima verstecken. Bei der WM 2010 in Südafrika kam es genau zu dieser Konstellation. Griechenland traf im letzten Gruppenspiel auf Argentinien. Trainer Otto Rehagel hatte sich in den Kopf gesetzt, ein 0:0 zu ermauern und auf nigerianische Schützenhilfe gegen Südkorea zu hoffen.

Mit der Aufgabe, den damals noch jungen Weltstar Lionel Messi auszuschalten, betraute „Rehhakles“ den damals noch jüngeren Sokratis Papastathopoulos. Und der machte seine Sache so brillant, dass Messi über weite Strecken der Partie unsichtbar blieb. 77 Minuten lang ging die Rechnung auf. Dann trafen Demichelis und Palermo doch noch zum 2:0 für die Südamerikaner.

Seinen größten internationalen Erfolg feierte Papa Sokratis übrigens bei der U19-EM 2007. Als Kapitän führte er das griechische Team bis ins Finale gegen Spanien (0:1). Dabei schaltete Griechenland im Halbfinale die DFB-Auswahl (u.a. mit Höwedes, J. Boateng, Özil) mit 3:2 aus. Gemeinsam mit Sotirios Ninis und Konstantinos Mitroglou wurde Papa ins All-Star-Team gewählt. Jener Mitroglou, der jetzt bei Benfica Lissabon spielt und im Hinspiel des CL-Achtelfinales das einzige Tor erzielte – gegen den BVB. Und gegen Papa.