Drei Aufstiegshelden, die viel zu früh gingen

Zoltan Varga, Gerd Kasperski und Willi Brock kehrten 1976 mit dem BVB in die Bundesliga zurück. Drei ganz unterschiedliche (Spieler-)Typen, die leider nicht mehr unter uns weilen. Ihr Teamkollege Horst Bertram erinnert (sich) an sie . . .

135 Pflichtspielminuten – das ist der, rein statistisch betrachtet, überschaubare Arbeitsnachweis von Willi Brock im Trikot des BVB. Zwei Einsätze absolvierte er: am 38. und letzten Spieltag der Spielzeit 1974/75 beim 3:1 gegen Wacker Berlin über 90 Minuten und am 29. Spieltag der Aufstiegssaison 1975/76 beim 2:1 gegen die SG Wattenscheid 09. Da wurde er zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Für Horst Bertram. Und damit ist dann auch das Rätsel der nur 135 Pflichtspielminuten gelöst. Brock war zweiter Torwart. Der Back-Up, wie es heute heißt, von Bertram. Und der war seinerzeit unangefochten die Nummer 1 zwischen den Pfosten der Schwarzgelben.

Natürlich erinnert sich Bertram besonders gut an seinen Konkurrenten, der 1995 im Alter von nur 43 Jahren nach schwerer Krankheit starb. Und besonders gern. „Weil wir kein Konkurrenzverhältnis hatten, sondern ein gut-kollegiales, fast freundschaftliches. Der Willi war ein toller Kumpel und ein sehr positiver Typ.“ Dass Horst Bertram seinerzeit so konstant und zuverlässig Topleistungen ablieferte, lag ebenfalls nicht zuletzt an seinem Kollegen, der 1974 von Teutonia Münster gekommen war und 1976 zu SuS Hüsten ins Sauerland weiterzog. „Willi Brock hat mich motiviert, angespornt und im Training angetrieben“, sagt Bertram. „Er war als Torwart so gut, dass ich wusste: Bringe ich meine Leistung nicht, wird er mir sehr schnell den Rang streitig machen.“

Anders als Brock war Zoltan Varga eine schillernde Figur. Beim BVB und darüber hinaus in der Fußball-Welt. Ein Mann mit außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten und einer mindestens so außergewöhnlichen Biographie.

Varga, an Neujahr 1945 in Ungarn geboren, spielt als Jugendlicher und Jungprofi für Ferencvaros Budapest. 1964 gewinnt er mit der ungarischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille. Vier Jahre später setzt Varga sich während einer Länderspielreise in Mexiko von der Mannschaft ab. Wir schreiben die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Der Fußballstar wird in der Heimat wegen Republikflucht zum Tode verurteilt. Der Fußball-Weltverband FIFA belegt ihn mit einer Sperre. Über Standard Lüttich, Hertha BSC – wo er in den Bundesliga-Skandal verwickelt war und erneut gesperrt wurde –, den FC Aberdeen und Ajax Amsterdam kommt er 1974 im Alter von bereits 29 Jahren zu Borussia Dortmund.

In zwei Spielzeiten bestreitet Zoltan Varga 53 Meisterschaftsspiele für den BVB, in denen er zehn Tore erzielt – und doch ist er vielen Fans tiefer in Erinnerung geblieben als andere Spieler, die weit mehr Einsätze absolviert haben. Horst Bertram weiß, warum das so ist: „Zoltan spielte in seiner eigenen Liga. Er war ein überragender Techniker und ein mit allen Wassern gewaschenes Schlitzohr.“ Das Problem, das die Mannschaft gelegentlich hatte: Sie war der Genialität seiner Ideen nicht immer gewachsen. Jedenfalls nicht in Echtzeit. „Zoltan war vermutlich auch der Erfinder des No-Look-Passes“, erinnert sich Bertram. „Er konnte mit dem Ball die unglaublichsten Dinge anstellen. Ein Typ zwischen Genie und Wahnsin“, der (Konditions-)Training und Defensivarbeit ungefähr so sehr mochte wie Zahnschmerzen.

So extrovertiert Varga auf dem Platz agierte, so introvertiert war er als Mensch. Zu Otto Rehagel, der den BVB vor den Aufstiegsspielen übernahm, fand er so recht keinen Draht. Das Hinspiel beim 1. FC Nürnberg erlebte er 90 Minuten lang von der Bank aus; im Rückspiel wurde er nach 35 Minuten eingewechselt, weil Peter Geyer nach einem Zusammenprall bemnommen vom Feld musste und das Spielende im Krankenhaus erlebte. Den großen Anteil, den Varga am Aufschwung und Wiederaufstieg der Borussia hatte, schmälert das aber nicht. Im April 2010 brach der Ungar in der Halbzeit eines Traditionsspiels in Budapest zusammen und stirbt. Er wurde 65 Jahre alt.

Als Gerd Kasperski über ETB Schwarz-Weiß Essen und Hannover 96 zum BVB kommt, tritt er in große Fußstapfen. Sein Vater Edmond, genannt „Ede“, hatte von 1945 bis 1953 für Borussia Dortmund gespielt. Er war 1949 Mitglied jener Mannschaft, die erstmals ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreichte (2:3 n.V. gegen den VfR Mannheim). Jener Mannschaft, die dem FC Schalke 04 den rang als Nr. 1 im Revier ablief.

Gerd Kasperski, sagt Horst Bertram, „war ein bulliger Spielertyp mit einem extrem starken Kopfballspiel und einem Mordschuss“. Einer, der mit dem Ball am Fuß gerne aus der zweiten Linie vorstieß und in den Strafraum durchbrach. 15 Tore steuerte er bei 29 Einsätzen in der Saison 1975/76 zum Wiederaufstieg bei und war damit ein maßgeblicher Faktor bei der Rückkehr der Schwarzgelben ins Oberhaus. Dort kam Kasperski nur viermal zum Einsatz – und wechselte schließlich für eine Ablösesumme in Höhe von 140.000 D-Mark in die Niederlande zum FC Zwolle.

Für Horst Bertram war Gerd Kasperski vor allem ein guter Freund. In der Traditionsmannschaft und auch später im Privatleben hielten sie engen Kontakt. Der Schock saß daher tief, als Bertram im März 2008 erfuhr, dass der frühere Teamkollege nach einem Spaziergang zu Hause einen Herzinfarkt erlitten hatte. Gerd Kasperski wurde nur 58 Jahre alt. Das Andenken an ihn, an Zoltan Varga und an Willi Brock aber lebt weiter in den Herzen der Fans von Borussia Dortmund.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s