Plädoyer für die Fußball-Romantik

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.gibmich-diekirsche.de)

Eben nicht!

Es ist eben noch nicht alles gesagt in der Debatte über Retortenklubs wie RasenBallsport Leipzig. Oder VfL Golfsburg. Oder TSG 1899 Hoppenheim.

Gesagt ist, dass sie den Fußball kaputt machen. Den Fußball, so wie wir ihn lieben. Mit Tradition, Leidenschaft und Emotion. Mit sportlichen und wirtschaftlichen Aufs und Abs. Fußball mit glanzvollen Triumphen und grandiosem Scheitern. Fußball, der auf gewachsenen Strukturen aufsetzt und nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse eines einzelnen Sponsors oder Finanzinvestors begründet liegt. Fußball, der organisch gewachsen ist und nicht im Blitztempo bis an die Grenze zur Überdüngung künstlich hochgezüchtet wurde. So ein Produkt-Fußball, der zwar schnell Erfolge zeitigt, aber auch ganz schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn der großzügige Gönner den Spaß an seinem Marketing-Instrument verliert. Beispiele dafür gibt es viele – in Spanien, Italien, England. In Frankreich – siehe AS Monaco. Bald auch in Deutschland.

Das alles ist gesagt.

Was in der Diskussion bisher zu kurz kommt, ist ein ganz anderer Grund dafür, dass die Bundesliga den österreichischen Gummibärchenbrauseklub aus Leipzig nicht braucht. Warum sie auch ohne Hoffenheim und Wolfsburg ganz prima zurecht käme – nicht aber ohne den Hamburger SV, Werder Bremen, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln. Ein Grund dafür, dass es schade ist, dass Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum in der zweiten und viele andere Traditionsklubs sogar in der dritten oder vierten Liga verrotten.

Nun bin ich weit davon entfernt, übermäßige Sympathie für Stuttgart oder Frankfurt zu empfinden. Und im Gegensatz zu Kevin Großkreutz spüre ich auch keine gefühlsmäßige Nähe zu den Geißböcken.

Und doch empfinde ich für jeden dieser Klubs etwas. Jeder von uns Fußballfans empfindet für diese Klubs etwas, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erlebnisschatz haben. Wir teilen auf die eine oder andere Weise Freud’ und Leid miteinander, und genau das ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner, der uns in fußball-politischen Diskussionen wie jener über die Legitimation von Retortenklubs, über die Anstoßzeit 15:30 Uhr, über den Kampf gegen Rechts und den Protest gegen überhöhte Ticketpreise immer wieder zusammenführt.

Ein paar Beispiele, betrachtet durch die schwarzgelbe Brille

Beispiel HSV: Gegen die Hamburger gewann Borussia Dortmund 1957 den zweiten und 1995 – nach 32-jähriger Abstinenz – den vierten Meistertitel. Zwei Meilensteine im schwarzgelben Fußballgedächtnis. Nun haben die Hanseaten in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – HSV oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Bremen: Der Dortmunder Timo Konietzka erzielte gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. 1989 gewann der BVB gegen Werder völlig überraschend den DFB-Pokal – ein Urknall für die weitere Entwicklung der Borussia. Ein Urknall auch: Der Jubelschrei der Fans, als Henrique Ewerthon de Souza am 4. Mai 2002 den 2:1-Siegtreffer erzielte und damit die sechste Meisterschaft perfekt machte. Im Westfalenstadion. Gegen – genau: Werder Bremen! Nun haben die Norddeutschen in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – Werder oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Stuttgart: Ich habe den VfB verflucht, als Guido Buchwald 1992 in Leverkusen zum 2:1 traf und dem BVB vier Minuten vor Saisonende die Meisterschale aus den Händen riss. Aber ich habe den VfB gepriesen, als er 2007 im Schlussspurt noch am FC Schalke 04 vorbei zog. Ich habe meinen Augen nicht getraut als Borussia die Stuttgarter mit Elber, Bobic & Co. unter Ottmar Hitzfeld in Unterzahl mit 6:3 aus dem Stadion schoss. Und wir alle schwärmen heute noch vom 4:4 gegen die Schwaben in der BVB-Meistersaison 2011/12. Nun tun die Stuttgarter seit Jahren alles, aber auch wirklich alles dafür, endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – VfB oder RasenballSport . . .

Oder Eintracht Frankfurt: Zwei Tore besser als der BVB waren die Hessen 1985/86 als Fünfzehnter. Dortmund musste in die Relegation – dort folgte die Mutter aller Dramen gegen Fortuna Köln.

Oder der 1. FC Nürnberg: Die Franken waren unser Gegner in den Wiederaufstiegsspielen 1976. Und sie waren der Gegner, als der BVB 2011 im Fernduell mit Leverkusen vorzeitig den Titelgewinn perfekt machte.

Man könnte diese Liste fortsetzen. Man könnte den FC Bayern München, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach mit hinzu ziehen – wobei die aktuell nicht vom Abstieg bedroht sind und die Frage „Sie oder RasenBallsport?!“ sich nicht stellt. Man könnte die Liste auch umdrehen, denn natürlich verbinden jeden der genannten Vereine auch ein paar ganz besondere Erinnerungen mit dem BVB. Man kann es deshalb aber auch abkürzen – und feststellen: Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, es ist die bei allen Unterschieden und Differenzen eben doch auch gemeinsame Geschichte, die das Faszinosum Bundesliga ausmacht.

Wenn immer mehr Golfsburgs, Hoppenheims und RasenBallsports in der Bundesliga kicken, geht ihr das Faszinierende bald ab. Sie verliert Emotionen. Sie verliert ihren Reiz. In den Stadien sitzen dann Erfolgs- und Modefans, die Sponsorenfreikarten erhalten haben und in ihrer Sitzschale eine Klatschpappe nebst Gebrauchsanleitung vorfinden.

Ich will so einen Fußball nicht. Und die Bundesliga sollte ihn auch nicht wollen.

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@bastifuenf – der alte Mann und das Mehr

Reden wir nicht über den, der seit Sonntag, 19.25 Uhr, überall das Thema Nummer 1 ist. Wobei: Reden wir vielleicht doch ganz kurz über Christoph Kramer, den Gladbacher Gedächtnislücken-Weltmeister, der mit seinem 45-Meter-Traumeigentor die Niederlagenserie des Übernacht-Schlusslichts Borussia Dortmund auf so spektakuläre Weise beendet hat. Sollte also dieser Christoph Kramer ab der Saison 2015/16 für die andere, die einzig richtige Borussia spielen, die in Schwarzgelb also, wäre ich gerne der Erste, der gleich nach dem Schlusspfiff die Vermutung geäußert hat, dass die Rückpass-Bogenlampe zum 1:0-Sieg des BVB sein vorgezogenes Antrittsgeschenk an den neuen Arbeitgeber war. Womit dieser böse Verdacht schriftlich nieder- und im Langzeitgedächtnis des WorldWideWeb abgelegt wäre . . .

Als Schlusslicht ins 300. BVB-Spiel

Und damit zum eigentlichen Thema: Reden wir doch mal über @bastifuenf, bei Nicht-Twitterern als Sebastian Kehl bekannt. Reden wir nicht deshalb über ihn, weil er der Erste war, der Kramer, kaum dass der Ball die Linie überschritten hatte, Trost spendete – er stand halt zufällig gerade unmittelbar neben dem Unglücksschützen. Reden wir auch nicht darüber, dass Kehl gegen Gladbach sein 300. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte. Eines, das auf dem 18. Platz begann und auf einem Nicht-Abstiegsplatz endete.

Die Forderungen nach Rücktritt vom Rücktritt werden lauter . . .

Reden wir lieber deshalb über Sebastian Kehl, weil er im zarten Alter von 34einhalb Jahren gerade so gut spielt wie lange nicht und damit so wertvoll ist wie noch länger nicht. Und das auf seiner Abschiedstournee durch die Bundesligastadien, denn schließlich hat „Kehli“ bereits während der zurückliegenden Spielzeit beschlossen, dass die nun laufende definitiv seine letzte sein soll. Konsequenterweise hat er aus diesem Grund im Sommer die Kapitänsbinde abgegeben. Doch während Mats Hummels, dank seiner sportlichen Klasse, seiner Persönlichkeit und menschlichen Reife der „geborene“ Nachfolger, diese Rolle aufgrund vieler Verletzungsprobleme noch gar nicht übernehmen konnte, spielt Kehl sie heimlich und inoffiziell einfach weiter – und sorgt dafür, dass die Zahl derer, die einen Rücktritt vom Rücktritt fordern, wöchentlich wächst. Mittlerweile – und an der Stelle wird’s dann ja wirklich spannend – entwächst diese Diskussion den sozialen Medien und Internetforen und kommt bei den sportlich Verantwortlichen des BVB an.

. . . und sogar das Duo Klopp/Zorc stimmt ein

„Überragend, wie er im Moment spielt“, lobte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag nach dem 1:0 gegen Gladbach – und deutete an: „Sicherlich werden wir noch einmal reden. Aber ich sehe keinen Grund, jetzt etwas zu entscheiden.“ Trainer Jürgen Klopp wurde sehr viel deutlicher, wobei man schlecht einschätzen konnte, welche seiner Worte der Erleichterung über das Ende der Talfahrt geschuldet waren. Jedenfalls kündigte Klopp an: „Sollte Kehli im nächsten Sommer noch so rennen, ackern und fighten, sorge ich persönlich dafür, dass er weitermacht.“ Und der Gelobte selbst, was sagt der? – Er schweigt und genießt. Nur soviel: „Gut, dass ich solche Entscheidungen immer noch selber treffe.“

Im Kern dreht sich die Diskussion um Charakter und Persönlichkeit. Wer eine Mannschaft wirklich führen kann, bereit ist, auf dem Platz und außerhalb Verantwortung zu übernehmen und sich reinzuhauen, zeigt sich bekanntlich nicht, wenn’s sportlich super läuft. Sondern wenn’s super hakt. Dann tauchen die Feingeister und Mitschwimmer ab. Dann gehen die Ärmelhochkrempler und In-die-Hände-Spucker nach vorne. Und zu denen gehört Sebastian Kehl. Der alte Mann und das Mehr.

Kehl und Bender – eine Entscheidung für defensive Stabilität

Nun muss man natürlich der Wahrheit die Ehre geben. Wäre Ilkay Gündogan nicht so lange, wären Nuri Sahin und Oliver Kirch nicht seit Saisonbeginn und wäre nicht auch Sven Bender zwischendurch immer wieder ausgefallen; würde es insgesamt beim BVB runder laufen als es läuft, hätte @bastifuenf nicht die Einsatzzeiten, die er hat. Weil es aber ist wie es ist, konnte Klopp im gewohnten 4-2-3-1-System die defensive Mittelfeldzentrale seltenst mit einem Sechser (Bender oder Kehl) und einem Achter (Gündogan oder Sahin oder Jojic) besetzen. Und um Rhythmus und Stabilität ins Spiel zu bekommen, entschied er sich auch nach Gündogans Genesung zuletzt in Serie für die Doppel-Sechs mit Kehl UND Bender. Keine Lösung für alle Zeiten – aber allemal eine für Krisenzeiten.

@bastifuenf steht für physische Präsenz

Klar ist: Mit seinen demnächst 35 Jahren macht Sebastian Kehl das BVB-Spiel nicht mehr schnell. Er spielt auch eher selten den genialen Pass in die Tiefe. Ein Edeltechniker war er nie und wird auch keiner mehr werden. Aber Kehl macht Meter. Er ist – wie Bender – physisch präsent, geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg, sondern sucht sie. Bei Standards verbreitet er auch im gegnerischen Strafraum ein gewisses Unwohlsein. Zuletzt setzte er sich gegen Galatasaray Istanbul im Luftduell entschlossen durch und legte Papa Sokratis das 2:0 auf.

Zu alt? – Sind Totti, Olic, Gerrard & Co. doch auch nicht!

Typen wie Kehl braucht jede Mannschaft, und das Alter an sich ist kein Gegenargument – siehe Francesco Totti bei der Roma, Miro Klose bei der WM, Ivica Olic in Wolfsburg, Martin Stranzl in Gladbach, Steven Gerrard in Liverpool oder Didier Drogbá bei Chelsea. Das Alter wäre nur dann ein Argument, wenn der Spieler altersbedingt verletzungsanfälliger würde. Sebastian Kehl hat in seiner Laufbahn zahlreiche, auch schwere Verletzungen verkraften müssen. Er fiel auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal aufgrund von Blessuren aus. Aktuell aber wirkt er auch in dieser Hinsicht stabil.

Will sagen: Wenn Kehl sich vorstellen kann, 2015/16 die Rolle des Backup-Sechsers zu spielen, die ihm eigentlich schon für die laufende Saison zugedacht war: Warum dann nicht einfach noch ein Jahr dranhängen?!

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.sebastian-kehl.de)