Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

Shinji Kagawa: Sein Traum-Tor ist das Brandenburger

Ein Japaner vor dem Brandenburger Tor!

Zugegeben, das klingt weder nach „Breaking News“ noch nach der ganz großen Geschichte, weil japanische Touristengruppen längst zum Berliner Wahrzeichen gehören wie der Florianturm zu Dortmund. Fast ist man geneigt, zu sagen:  K e i n  Japaner vor dem Brandenburger Tor – das wäre mal ‘ne Nachricht. Auf den folgenden Seiten beweisen wir das Gegenteil. Doch der Reihe nach.

Zunächst zurück vom Pariser Platz in 10117 Berlin zur Strobelallee in 44139 Dortmund. Wir stehen in der TV-Box im Nordwesten des Signal Iduna Parks. Diese kleine Kiste mit dem großen Panoramafenster, durch das der Blick auf die gigantische Südtribüne fällt. Die Gelbe Wand ist heute leer – sieht man von einer Handvoll Arbeitern ab, die Tätigkeiten nachgehen, deren Zweck sich aus 120 Metern Entfernung nicht erschließt. Dafür ist die TV-Box rappelvoll. Gefühlt: 20 Leute auf 12 Quadratmetern. Ganz großes Gewusel! Mittendrin statt nur dabei: Shinji Kagawa und Jumpei Yamamori, sein Längst-viel-mehr-als-nur-ein-Dolmetscher. Gerade eben hat Kagawa mit Norbert Dickel für BVB total! das „Feiertagsmagazin“ zum Augsburg-Spiel abgedreht. Offen blieb dabei allein die Frage, wer von beiden mehr Spaß an dem launigen Talk hatte – oder um es mit Marius Müller-Westernhagen zu sagen: „…es wurde viel gelacht!“

Aber nun komme ich und zeige Shinji dieses Foto – und was soll ich sagen, lieber Nobby, das Strahlen auf dem Gesicht des kleinen Japaners wird noch ein wenig breiter als es in Deiner Sendung war. Wären die Studio-Scheinwerfer nicht ohnehin eingeschaltet, Kagawas Gesicht würde die TV-Box locker ausleuchten.

Das Foto, das ihm solche Freude bereitet, zeigt: Einen jungen Japaner vor dem Brandenburger Tor. Es ist Nacht, das historische Gebäude wirkt im warmen Schein der Flutlichtstrahler noch ein wenig Erhabener als ohnehin. Der junge Japaner trägt ein hellgrau-weiß gestreiftes Hemd unter dem schwarzen Sakko und ein breites, sehr zufriedenes Lächeln im Gesicht. Doch er trägt noch viel mehr: den 5,7 Kilogramm leichten DFB-Pokal im rechten und die 11 Kilogramm schwere DFB-Meisterschale im linken Arm. Der junge Mann ist der 23-jährige Shinji Kagawa – oder wie man hier in Dortmund sagt: Kaaagaaawaaa Shinjiiie! Dribbelkönig, Spielgestalter, Vollstrecker, Senkrechtstarter, Emporkömmling, Publikumsliebling.

Wenige Stunden, bevor dieses Foto entstand, hatte Shinji Kagawa mit Borussia Dortmund den FC Bayern München aus einer anderen Berliner Sehenswürdigkeit geballert: dem Olympiastadion. 5:2 hieß es nach 90 Minuten. Zum ersten Mal in der 103-jährigen Vereinsgeschichte hatte der BVB das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen – und der kleine Japaner war mittendrin statt nur dabei gewesen. Das 1:0 in der dritten Minute hatte er selbst erzielt, zwei weitere Treffer vorbereitet und grandios Regie geführt. Der „Kicker“ gab ihm – wie dem dreifachen Torschützen Robert Lewandowski – die Traumnote 1.

„Das ist“, sagt Shinji Kagawa – und er wirkt fast ein wenig gerührt dabei – „ein schönes Foto. Wirklich ein sehr schönes Foto.“ Und dann setzen die Erinnerungen ein, ist es, als laufe der Film dieses 12. Mai 2012 noch einmal vor seinem inneren Auge ab. „Inzwischen spiele ich ja doch schon einige Jahre in Europa und kann die Dinge besser bewerten. Wenn ich dieses Bild betrachte, wird mir bewusst, wie schwer Erfolg damals wog und bis heute wiegt.“ Im doppelten Sinne: Da sind zum einen die knapp 19 kg, die beide Trophäen zusammen auf die Waage bringen. Und da ist die Bedeutung des Triumphes. „Wir haben“, sagt Kagawa, „damals etwas Bleibendes, sogar etwas Historisches geschaffen.“ Deshalb werde die Galavorstellung im 2012er Pokalfinale auch „umso wertvoller und ihr Stellenwert umso größer, je älter ich werde. Den FC Bayern schlägst du nicht jeden Tag, schon gar nicht mit 5:2 und noch seltener in einem Finale“. Dieses Spiel und das Final-Erlebnis mit dem ganzen Drum und Dran, auch mit dem Jubelkorso tags darauf in Dortmund, durch ein Spalier aus einer Viertelmillion oder noch mehr Fans, „war auf jeden Fall ein Höhepunkt in meiner Laufbahn“.

Deshalb kann er sich auch noch gut daran erinnern, was nach dem Fototermin am Brandenburger Tor passierte: „Wir haben ein paar Bier getrunken und es ordentlich krachen lassen. Das war unglaublich.“ Bei der Frage nach Details aus der Partynacht setzen dann allerdings erste Gedächtnislücken ein . . . Schade!

Feiern möchte Shinji Kagawa auch 2017 wieder. In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai. „Seit 2012 möchte ich das noch einmal erleben“, sagt Kagawa. Die letzten Finalniederlagen haben ihn, wie auch den Rest der Mannschaft, „natürlich geärgert. Aber aus der Enttäuschung erwachsen auch der Teamgeist und die Stärke, die uns diesmal hoffentlich triumphieren lassen“. Wobei der Japaner, der im Saisonverlauf immer stärker geworden und rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt auch körperlich topfit ist, ganz genau weiß: „So ein Endspiel ist immer eine Gratwanderung, ein Fifty-Fifty-Match, in das so viele verschiedene Faktoren hineinspielen.“ Will sagen: Es muss erst einmal gespielt werden, dieses Finale gegen Eintracht Frankfurt, und würde irgendjemand beim BVB glauben, man hätte schon gewonnen, dann hätte man vermutlich schon verloren.

Mit dem Pott im Arm noch einmal vor dem Brandenburger Tor posieren! Noch 90 Minuten trennen Kagawa und den BVB von der Erfüllung dieses Traumes. Vielleicht auch 120 und ein Elfmeterschießen. Hauptsache, diesmal geht es gut aus! – Und die Meisterschale? „Wir wissen, wie schwer es ist, Meister zu werden. Aber wir haben es 2011 und 2012 zweimal in Folge geschafft. Und wir können es wieder schaffen. Ich glaube, dass unsere junge Mannschaft, wenn sie sich so großartig weiterentwickelt, in naher Zukunft bereit dazu ist.“

Sein Stern ging am 19.09. im Derby auf

Shinji Kagawa wurde am 17. März 1989 in Köbe (Japan), einer 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt in der Osaka Bay geboren. Im Alter von 21 Jahren wechselte er für eine Ablösesumme von 350.000 Euro von Cerezo Osaka zu Borussia Dortmund. Ein Schnäppchen und einer der besten Transfers der jüngeren Vereinsgeschichte, wie sich alsbald herausstellen sollte. Genauer gesagt: am – man beachte das Datum! – 19.09.2010, als Kagawa beim 3:1-Derbysieg des BVB auf Schalke zwei Treffer erzielte und sich damit quasi aus dem Stand in die Herzen der Fans ballerte. Am Ende der Saison war Kloppos Rasselbande Deutscher Meister, ein Jahr später Doublegewinner – und Kagawa erfüllte sich einen Jugendtraum: den Wechsel zu Manchester United in die englische Premier League. Zwar gewann er mit dem Traditionsklub auf der Insel 2015 Meisterschaft und Ligapokal, doch wirklich durchsetzen konnte sich der offensive Mittelfeldspieler nicht. Und so kehrte er im August 2014 nach zwei Jahren zum BVB zurück – unter dem großen Applaus der Anhänger, die unter dem Hashtag #freeShinji sogar eine Twitter-Kampagne losgetreten hatten.

Du denkst, du kennst schon alles – und dann kommst du nach Dortmund!

Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel und die Quecksilbersäule im Thermometer wagt sich erstmals in 2017 über die 20-Grad-Markierung hinaus, als wir uns auf den Steinstufen des Trainingsplatzes in Brackel treffen. Es ist Gonzalo-Castro-Wetter.

„Ich mag Frühling und Sommer“, sagt er, „ich mag es, wenn die Temperaturen nach dem Winter wieder steigen.“ Da ist der 29-Jährige, der in Wuppertal geboren wurde, dann doch ganz Spanier. Da schlagen die elterlichen Gene durch. Spanien – das ist für Gonzalo Castro aber beileibe nicht nur die Erbmasse, es ist auch seine zweite Heimat und seine Leidenschaft. Die Familie lebt dort, die Eltern fliegen alle drei Monate „runter“, und auch Gonzalo Castro nutzt jede Gelegenheit, um Freunde und Verwandte zu besuchen. Mit Spanien verbindet sich auch ein sportlicher Traum. „Ich wollte immer einmal in Spanien spielen und möchte es immer noch. Aber das hat Zeit.“ Muss es auch haben, denn Castro hat gerade erst seinen Vertrag beim BVB vorzeitig verlängert. Bis 2020. Dann wird er 33 . . .

Es ist eine ungewöhnliche, vielleicht sogar eine außergewöhnliche Laufbahngestaltung, für die sich der vielseitige Mittelfeldspieler entschieden hat. Und an deren Ende trotz vieler Angebote und anderer Optionen vielleicht nur zwei Vereine stehen werden: Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund. 16 Jahre lang hat Castro unter dem Bayer-Kreuz gespielt; zwei Jahre sind es jetzt beim BVB, drei weitere sind vertraglich fixiert. Von seinem Geburtsort Wuppertal aus würde Castro sich dann einmal 30 Kilometer Luftlinie in Richtung Südwesten und einmal 40 Kilometer Luftlinie nach Nordosten bewegt haben. Anders als auf dem Spielfeld ist dieser Aktionsradius überschaubar. Deshalb reden wir zuallererst auch über . . .

. . . Kontinuität und Konstanz:

„Es ist ja offensichtlich, dass ich eher nicht der Typ Wandervogel bin. Ich habe so lange in Leverkusen gespielt, weil ich mich dort sehr wohl gefühlt habe. Der Wechsel nach Dortmund entsprang dann aus dem Impuls heraus, meinem Fußballleben einen neuen Kick geben zu wollen, noch einmal einen anderen Dreh. Aber auch bei dieser Entscheidung habe ich nicht zuletzt auf meinen Bauch gehört. Ganz wichtig war, dass ich beim BVB von vorneherein das Gefühl hatte: Das passt! Und so hat es sich ja dann auch herausgestellt.“

Wobei der Routinier in Dortmund keinen Kaltstart von 0 auf 100 hingelegt hat. Ein wenig Anlauf- und Anpassungszeit er benötigt. Grund dafür waren weniger der neue Klub, die neue Stadt, die neuen Teamkollegen, der neue Trainer. Grund war vielmehr . . .

„. . . dass der Wechsel von Leverkusen nach Dortmund eine Nummer größer war als ich selbst gedacht habe. Was ich sagen will, ist: Ich war 27, hatte jahrelange Bundesliga-Erfahrung, habe mit Leverkusen regelmäßig international gespielt, auch gegen die ganz großen Klubs. Ich hatte ja auch zig Mal gegen den BVB gespielt. Eigentlich kennt man das alles ja. Aber dann kommst du zur Borussia – und plötzlich spürst du, was dieser Begriff „Traditionsklub“ wirklich bedeutet. Hier in Dortmund ist nicht ein- oder zweimal in der Woche Fußball. Hier ist Fußball sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Diese Energie, die fließt, ganz egal wohin wir kommen – das ist der Wahnsinn, und das war auch für einen erfahrenen Spieler wie mich neu. Ich muss zugeben, dass ich das unterschätzt hatte. Ich musste das alles für mich selbst sortieren. Heute sage ich: Es ist eine Riesenerfahrung, bei diesem Verein spielen zu dürfen.“

Inzwischen hat sich Gonzalo Castro längst eingelebt. Sportlich hat er sich durchgesetzt. Castro ist Stammspieler. Wobei Stammspieler bei einem Klub Borussia Dortmund nicht bedeutet, dass man grundsätzlich in der Startelf steht und grundsätzlich 90 Minuten durchspielt.

Gonzalo Castro über den internen Konkurrenzkampf:

„Die Zeiten, in denen Spitzenteams 13 oder 14 Stammspieler hatten, sind vorbei. Bei uns sind es eher 20 oder 22 – und die brauchst du auch, wenn du in drei Wettbewerben um Titel mitspielen willst. Im Extremfall sind das in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal über 50 Partien. Bei vielen Spielern kommen Länderspielreisen und Turniere dazu. Natürlich möchtest du als Fußballer am liebsten jedes Spiel machen. Ich bin bis heute – Verletzungen ausgenommen – auch noch nie zum Trainer gegangen und habe gesagt, ich würde heute lieber mal zuschauen. Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn der Trainer es so entscheidet. Da steht der Erfolg der Mannschaft einfach im Vordergrund.“

Apropos Mannschaft: Castro sieht sich vor allem als Teamplayer:

„Ich versuche auf dem Platz immer, meine Kreativität einzubringen, um Spielsituationen aufzulösen, Lösungen zu finden und dann entweder selbst in torgefährliche Positionen zu kommen oder meine Nebenleute gut in Szene zu setzen und Assists zu geben. Da ich nach einem Spiel schlecht schlafen kann, gucke ich die meisten Spiele noch einmal an und analysiere, was ich hätte besser machen können. Die TV-Perspektive ist einfach eine völlig andere als die, die man unten auf dem Rasen hat. Und die Perspektive der Zuschauer ist – abhängig davon, wo sie stehen oder sitzen – noch einmal ganz anders.“

Und apropos Erfolge: Für einen Spieler seiner Qualität stehen definitiv zu wenig Titel auf der Visitenkarte von Gonzalo Castro. 2009 wurde er Europameister mit der U21. Im Finale gegen England, bei dem Marcel Schmelzer in den Schlussminuten eingewechselt wurde, erzielte Castro das Führungstor zum 1:0. Es folgten zwei Vize-Meisterschaften und zwei DFB-Pokal-Finalteilnahmen – je einmal im Trikot von Bayer 04 und dem BVB.

Diese Bilanz treibt Gonzalo Castro natürlich um. Zumal er in diesem Jahr 30 wird und die letzten Etappen seiner Laufbahn vor sich hat. Die Bilanz treibt ihn aber auch an:

„Am Ende sind es Erfolge, für die du Sport treibst. Erfolge muss man nicht zwingend in Titeln definieren. Wenn nach dem personellen Umbruch im vergangenen Sommer am Ende dieser Saison die Champions-League-Qualifikation stünde, wäre das für unsere stark verjüngte Mannschaft unbestritten ein Erfolg. Aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Aussicht auf Titel nicht auch ein Grund für meinen Wechsel nach Dortmund war. Der BVB ist ein Klub der potenziell in jedem Jahr in mehreren Wettbewerben ganz vorne mitspielt. Ich möchte hier gerne noch etwas gewinnen. Für mich – und für unsere großartigen Fans.“

Wenn noch nicht in dieser Saison, dann spätestens in der nächsten. Denn 2017/18, da ist sich Gonzalo Castro sicher, wird Borussia Dortmund noch stärker sein als jetzt schon. Warum? – Darum:

„Wir haben so unglaublich viel Talent in unserem Kader. Die vielen jungen Spieler haben in der laufenden Saison wichtige Erfahrungen gesammelt. Sie wissen jetzt, wie es ist, während der vielen englischen Wochen kaum trainieren zu können, dafür aber in drei verschiedenen Wettbewerben im drei Drei-Tage-Rhythmus Topleistungen abrufen zu müssen. Sie kennen das Umfeld, haben sich eingewöhnt, wissen, was der Trainer erwartet. Sie haben gelernt, mit dem internen Konkurrenzkampf umzugehen. Das alles wird selbstverständlicher; Automatismen greifen. Das sind wichtige Entwicklungsschritte, die dazu führen werden, dass unsere Leistungen konstanter werden. Für mich ist jedenfalls klar, dass wir in der nächsten Saison angreifen wollen.“

. . . und es hat BÄMMM!!! gemacht

Am 4. Dezember 1963 erzielte Franz Brungs drei Tore gegen Benfica – und sicherte sich einen Logenplatz in der Geschichte von Borussia Dortmund

Machen wir uns nichts vor: Über jenen 4. Dezember 1963 ist alles geschrieben. Alles doppelt, dreifach, x-fach. Dass es lausig kalt war und der Rasen im Stadion Rote Erde hart gefroren . . . geschrieben! Dass das natürlich ein Vorteil für die Malochertruppe von Borussia Dortmund war und ein krasser Nachteil für die fußballerischen Feinmotoriker von Benfica Lissabon . . . geschrieben! Dutzendfach beschrieben wurden in den 53 Jahren, die seither vergangenen sind, die legendären goldgelb glänzenden Seidenhemden, die der BVB trug, damit die Spieler bei der Fernsehübertragung in der ARD trotz des eher schummrigen Flutlichts gut zu erkennen waren. Dass sich Präsident Dr. Werner Wilms im Prämienpoker mit Mannschaftskapitän Aki Schmidt breitschlagen ließ, für das Erreichen der nächsten Runde 500 statt 250 D-Mark zu zahlen – und später verriet, er habe eben nicht ans Weiterkommen geglaubt: Auch das hat man wieder und wieder gehört und gelesen. Und doch wird es nie langweilig; und doch liest man es immer wieder gerne – wie auch die Geschichte von Franz Brungs, der sich an diesem Abend unsterblich machte.

Pyrotechnik und Platzsturm
Natürlich könnte man investigativ an dieses „Jahrhundert-Spiel“ des BVB (für Benfica war’s eher eine Jahrhundert-Schmach) herangehen. Man könnte versuchen, herauszufinden, was seinerzeit die Stadion-Bratwurst kostete. Ob der Becher Bier noch im Pfennig-Bereich lag oder schon über einer Mark. Man könnte versuchen, zu ermitteln, wie viele Frauen und Kinder wohl im Stadion waren (Vermutung: sehr wenige). Oder wie viele der Männer im Stadion Mantel und Hut trugen (Vermutung: sehr viele). Man könnte die Geschichte auch an der Lautsprecher-Durchsage kurz vor dem 2:0 aufziehen: „Liebe Zuschauer, ich darf noch einmal wiederholen: Bitte unterlassen Sie das Abfeuern von Raketen. Sie gefährden die Zuschauer und die Spieler.“ Man könnte die Anhänger zählen, die nach jedem Tor jubelnd auf den Rasen liefen und die vielen Tausend, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten. Und dann könnte man ausrechnen, wie oft heute wohl die Südtribüne gesperrt werden würde . . . aber lassen wir das!

„Mein Durchbruch beim BVB“
Reden wir lieber über Franz Brungs. Das „Goldköpfchen“, wie die Fans ihn nannten, weil er erstens blond war und zweitens den Kopf nicht zuletzt zum Toreerzielen zwischen den Schultern trug. Jenen Franz Brungs, der im Sommer 1963 von der niederrheinischen zur westfälischen Borussia gewechselt war. Zum amtierenden Deutschen Meister. „Ich kam in eine intakte, eingespielte Mannschaft mit tollen Offensivspielern. Es war nicht einfach, mich durchzusetzen“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Das Spiel gegen Lissabon war dann praktisch mein Durchbruch beim BVB.“ Was für eine maßlose Untertreibung. Es war viel mehr als das. Es war ein Urknall, ein BÄÄÄM!!! mit drei Ausrufezeichen. Ein unsterbliches Kapitel schwarzgelbe Fußballgeschichte.

Das Hinspiel: Elf Portugiesen gegen Hans Tilkowski
Aber fangen wir von vorne an: Dieses Sport Lisboa e Benfica, auf das Borussia Dortmund im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister 1963/64 traf, war nichts weniger als die beste europäische Mannschaft ihrer Zeit. 1961 und ’62 hatte das Team um den genialen Eusebio den Wettbewerb gewonnen. „Ein Ausnahmeteam“, sagt Franz Brungs. Und genau so trumpften die Portugiesen im Hinspiel auch auf. „Das war ein Spiel auf ein Tor. Wir hätten uns über fünf oder sechs Gegentreffer nicht beschweren dürfen. Doch der Hans (Tilkowski/d. Red.) hat ein Riesenspiel gemacht. Was der alles gehalten hat, war unglaublich!“ Und weil Franz Brungs, der die einzige Aufgabe hatte, „gelegentlich für Entastung zu sorgen“, so viel rannte „wie nie zuvor und danach in meiner Laufbahn“; und weil Reinhold Wosab einen dieser Entlastungsangriffe mit einem Tor veredelte, hieß es nach 90 Minuten aus Dortmunder Sicht nur 1:2 – im Europapokal ein fast optimales Auswärtsergebnis.

Das Rückspiel: Dortmunder Vollgasfußball von Beginn an
Nur eben nicht gegen Benfica. Die Portugiesen galten auch vor dem Rückspiel in der Roten Erde als Favorit. Nur war dort der Boden hart gefroren. Und Eusebio war verletzungsbedingt nicht dabei. Dafür aber 42.000 anfangs erwartungsfrohe und von Minute zu Minute immer hemmungslosere Fans. Und eine Mannschaft von Borussia Dortmund, die Vollgas gab, als ob der Trainer schon damals Jürgen Klopp geheißen hätte und nicht Hermann Eppenhoff.

Gut eine halbe Stunde verteidigte Benfica das 0:0. Dann brach das schwarzgelbe Unheil über Lissabon herein.

  1. Minute: Flanke Willi Burgsmüller, Kopfball Timo Konietzka – 1:0.
  2. Minute: Steilpass Konietzka auf Franz Brungs – 2:0.
  3. Minute: Diesmal Reinhold Wosab auf Brungs – 3:0.

Drei Tore am 27. Geburtstag
Innerhalb von 180 Sekunden hatte der BVB die beste Mannschaft Europas in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei Minuten nach der Pause erzielte Franz Brungs dann seinen dritten Treffer an diesem Abend; Wosab ließ nach Pfostenschuss von Willi Sturm das 5:0 folgen. Der Wahnsinn! „Niemand, der damals dabei war – als Spieler oder als Zuschauer ,– wird diesen Abend jemals vergessen“, sagt Franz Brungs, der Hauptdarsteller dieses Jahrhundert-Spiels. Dass er am Tag des Spiels auch noch seinen 27. Geburtstag feierte, macht die Geschichte endgültig zum Märchen. „An meinen Geburtstag hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Erst das Ständchen beim Bankett mit Bundestrainer Sepp Herberger rief ihn Brungs in Erinnerung.

Ein Europapokal-Abend als ganz großes Gefühlskino.

Von den Fans auf Schultern getragen
Selbst TV-Kommentator Ernst Huberty ließ sich in seiner Abmoderation zu so etwas wie einem emotionalen Ausbruch hinreißen: „Alle Menschen stürmen in die Mitte, um ihre Borussen auf den Schultern vom Rasen zu tragen. Und ich glaube, das ist ein schönes Bild zum Abschied aus dem Stadion Rote Erde hier in Dortmund.“ Auch Brungs verließ den Rasen nicht auf seinen eigenen Beinen. Auch er wurde getragen von restlos begeisterten Fans.

Franz Brungs hat als Fußballer weitere Erfolge gefeiert: den DFB-Pokalsieg mit dem BVB (1965), die Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg (1968). Aber nie wieder hat er solche Emotionen erlebt wie am Abend des 4. Dezember 1963 in der Roten Erde. Er hat das abgespeichert auf der Festplatte in seinem Langzeitgedächtnis – und ruft es immer wieder gerne ab, wenn er nach seinen Erinnerungen gefragt wird.

„Der BVB ist in der europäischen Spitze angekommen!“
Inzwischen ist Franz Brungs 80 Jahre alt. Er ist in Nürnberg hängen geblieben, hat viele Jahrzehnte lang ein Lotto-Toto-Geschäft betrieben. Der Verlust seiner Ehefrau hat ihn vor einigen Jahren schwer getroffen. Aber seine beiden Söhne „kümmern sich toll um mich“; auch jetzt, da sein Herz manchmal unrund schlägt. Die beiden Enkel, sagt er, geben seinem Leben einen Sinn. Und natürlich der Fußball. Bei den Heimspielen des „Club“ ist er fast immer im Stadion. Und den BVB verfolgt er aus der Ferne mit Begeisterung. „Was in Dortmund in den letzten Jahren gewachsen ist, ist großartig. Der Klub ist in der europäischen Spitze angekommen.“ Noch nicht ganz dort, wo Benfica Lissabon Anfang der 60er stand – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Borussias zweite Gelbe Wand

Schon vor der Südtribüne türmt sich eine Mauer auf: Papa Sokratis! Doch der große Grieche hat auch eine nachdenkliche Seite . . .

Lange, sehr lange hatte er den Ärger in sich hineingefressen. Kurz vor Ablauf der Verlängerung im DFB-Pokal-Krimi gegen Hertha BSC platzte dem Papa dann der Kragen. Aus Verärgerung über die Zeitschinderei der Berliner holte er sich erst Gelb ab. Und weil er sich einfach nicht beruhigen konnte, gab’s Gelb-Rot gleich obendrauf. „Ich kann mich an wenige Platzverweise erinnern, die unnötiger waren“, befand Trainer Thomas Tuchel. Verständlicherweise! Und doch machte Sokratis Papastathopoulos mit dieser Szene einen weiteren Schritt in Richtung „Unsterblichkeit“. Denn genau für diese Emotionen und diese Authentizität lieben ihn die Fans. Papa ist, keine Frage, auf dem besten Weg zum nächsten Dortmunder Kult-Spieler.

„Klar“, sagt Sokratis mit ein wenig Abstand, „in der Situation habe ich überreagiert. Das darf gerade mir als erfahrenem Spieler nicht passieren.“ Andererseits: „In der Bundesliga gibt es Spieltag für Spieltag schlimmere Vergehen, die nicht einmal mit Gelb bestraft werden.“ Was er nicht sagt: Hätte Schiedsrichter Deniz Aytekin in dieser 118. Minute ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gehabt, wäre Papa mit einer Verwarnung zuzüglich einer letzten Ermahnung davongekommen . . .

Was den eigentlich so ruhigen, beherrschten, manchmal regelrecht unterkühlt wirkenden Griechen überhaupt so aufgeregt hat: „Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich Fußball spielen. Hertha aber wollte das Spiel nur unterbrechen. Die Nettospielzeit in der Verlängerung betrug fünf oder sechs Minuten. So etwas geht mir auf die Nerven! Und irgendwann muss es dann raus!“

Fußball spielen will er also. Fußball arbeiten meint er. Fußball kämpfen. Sokratis ist der Typ Spieler, der dafür nicht viel braucht. Eine Wiese. Einen Ball. Und zwei Tore. Die Tore braucht er aber nicht, um den Ball hinein zu schießen. Er braucht sie als Orientierung. Um den Gegenspieler fern zu halten. Wo ein Tor steht, da darf der Gegner nicht hin. So einfach ist Papa-Fußball.

Und Papa-Fußball ist Männerfußball. Kompromisslos interpretiert er seinen Sport. Seit Sokratis beim BVB spielt, seit 2013 also, gibt es im Signal Iduna Park zwei Gelbe Wände. Die eine ist aus Beton. Auf ihr finden 25.000 und ein paar Menschen Platz. Die Gegner fürchten diese Wand, weil sie furchterregend laut werden und die Energie eines ganzen Kraftwerks auf ihre schwarzgelbe Mannschaft übertragen kann. Die andere Wand ist aus Fleisch und Blut. Sie trägt die Rückennummer 25. Sie heißt Papa Sokratis, und die Gegner fürchten sie, weil es weh tun kann, gegen diese Wand zu laufen.

Mag sein, in vielen anderen Vereinen wäre Sokratis einfach Sokratis. Bei Borussia, wo Innenverteidiger – früher: Manndecker – stets einen ganz besonderen Status genossen haben, ist das anders. „Abräumen“ war in Dortmund schon immer ein Qualitätsmerkmal. Wolfgang „Stopper“ Paul war ein Abräumer, Julio Cesar ebenfalls – wenn auch ein technisch versierter. Jürgen Kohler stieg als Abräumer zum „Fußball-Gott“ auf. Und nun also Papa Sokratis. Einer, den die Fans irgendwann einmal mit Ovationen verabschieden werden. Und jedes Jahr, das er länger beim BVB bleibt, wird die Ovationen um mehrere Minuten verlängern. Dabei beruht die Begeisterung auf Gegenseitigkeit. „Ich fühle mich in Dortmund total wohl“, versichert Papa. Der Verein ist großartig, die Fans sind großartig. Ich habe hier alles, was ich brauche, um glücklich zu sein.“ Wenn jetzt noch der eine oder andere Titel hinzu kommt . . .

„Erfolg ist natürlich eine wichtige Komponente“, sagt Sokratis. „Und Titel sind letztlich der Lohn für all die Anstrengungen. Sie sind der Nachweis dafür, dass du als Sportler etwas erreicht hast.“ Seinem Arbeitgeber attestiert er nach dem personellen Umbruch dank einer Vielzahl hochtalentierter Spieler „herausragend gute“ Zukunftsperspektiven. Und für sich selbst hat er aus der Verjüngungskur im Kader eine zusätzliche Aufgabe definiert, die mit einem veränderten Rollenverständnis einhergeht: der „Papa“ als Papa-Ersatz.

„Ich war ja selbst noch ein Kind, als ich für den Fußball von zu Hause weggegangen bin. Mit 20 bin ich ins Ausland gewechselt. Ich weiß also, wie unsere jungen Talente sich fühlen. Deshalb suche ich die Nähe zu ihnen und versuche, ihnen zu helfen. Im Laufe meiner Karriere habe ich bei einem halben Dutzend Klubs gespielt, hatte mehr als Dutzend Trainer und wahrscheinlich um die 150 Teamkollegen. Das bedeutet in Summe einen ziemlichen Erfahrungsschatz, den ich gerne weitergeben möchte.“

Erfolge also sind Sokratis‘ Maßstab – Geld ist es eher nicht. Dass man als Fußballer viel Geld verdient, sagt er, sei ein Privileg. „Es ist für mich aber nicht das Wichtigste. Die Wertschätzung, die ich hier in Dortmund erfahre, bedeutet mir sehr viel mehr. Sie erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit. Deshalb wird Dortmund immer in meinem Herzen sein. In einem Punkt dürfen sich alle absolut sicher sein: Sollte ich den BVB irgendwann verlassen, wird Geld dabei keine Rolle spielen. Dann wird es allein um Herausforderung und Erfolg gehen.“

29 Jahre wird Papa Sokratis am Ende dieser Saison alt sein. Vier, fünf Jahre auf Top-Niveau sind dann immer noch drin. Und danach? „Mit 34, spätestens mit 35 ist Schluss. Definitiv werde ich dann nach Griechenland zurückkehren. Meine Familie und meine Heimat fehlen mir. Ich werde erst einmal eine Auszeit einlegen, relaxen, die Zeit mit Freunden genießen. Vielleicht kehre ich danach in den Fußball zurück – aber definitiv nicht als Trainer.“ Warum nicht? – „Als Trainer musst du den ganzen Tag über kommunizieren. Mit 25 oder 30 Spielern, mit der Klubführung, mit den Medien. Das ist der eine Grund. Der andere: Trainer machen zwangsläufig immer auch Spieler unglücklich. Und Menschen unglücklich machen – sorry, das kann ich einfach nicht!“

Der Papa spricht nicht viel – dafür aber vier Sprachen

Er ist kein Mann der vielen Worte. Sprache setzt Papa Sokratis – sagen wir mal: ökonomisch ein. So, als hätte er nur ein begrenztes Kontingent an Buchstaben zur Verfügung, um Wörter und Sätze daraus zu bilden. Dabei ist der „Schweiger“ ein echtes Sprachtalent. Neben seiner Muttersprache Griechisch spricht er ziemlich gut Englisch und viel besser Deutsch, als er’s erkennen lässt. Wenn das ein Trick ist, um Reporter-Mikrofonen gelegentlich aus dem Weg gehen zu können, funktioniert er perfekt.

Italienisch gehört außerdem zu Papas Repertoire – und zwar fließend. Der Grund: Im Alter von 20 Jahren wechselte Papa im Sommer 2008 von AEK Athen, wo er wenige Monate zuvor jüngster Kapitän der Klubgeschichte geworden war, zu CFC Genua in die Serie A. Drei Jahre lang spielte er in Italien, wurde 2010 mit dem AC Mailand sogar Meister – kam dabei über den Status des Ergänzungsspielers aber nicht hinaus. Statt nach Genua zurückzukehren, entschied sich der junge Grieche für Deutschland. Über Werder Bremen kam er 2013 schließlich zu Borussia Dortmund. Sein Vertrag beim BVB läuft bis zum 30. Juni 2019. Dann ist er 31 – bestes Verteidigeralter.

Als Messi in Papas Schatten verschwand

Wenn sich ein Hüne wie Papa Sokratis vor einem Zwerg wie Lionel Messi aufbaut, kann sich der Kleine im Schatten des Großen prima verstecken. Bei der WM 2010 in Südafrika kam es genau zu dieser Konstellation. Griechenland traf im letzten Gruppenspiel auf Argentinien. Trainer Otto Rehagel hatte sich in den Kopf gesetzt, ein 0:0 zu ermauern und auf nigerianische Schützenhilfe gegen Südkorea zu hoffen.

Mit der Aufgabe, den damals noch jungen Weltstar Lionel Messi auszuschalten, betraute „Rehhakles“ den damals noch jüngeren Sokratis Papastathopoulos. Und der machte seine Sache so brillant, dass Messi über weite Strecken der Partie unsichtbar blieb. 77 Minuten lang ging die Rechnung auf. Dann trafen Demichelis und Palermo doch noch zum 2:0 für die Südamerikaner.

Seinen größten internationalen Erfolg feierte Papa Sokratis übrigens bei der U19-EM 2007. Als Kapitän führte er das griechische Team bis ins Finale gegen Spanien (0:1). Dabei schaltete Griechenland im Halbfinale die DFB-Auswahl (u.a. mit Höwedes, J. Boateng, Özil) mit 3:2 aus. Gemeinsam mit Sotirios Ninis und Konstantinos Mitroglou wurde Papa ins All-Star-Team gewählt. Jener Mitroglou, der jetzt bei Benfica Lissabon spielt und im Hinspiel des CL-Achtelfinales das einzige Tor erzielte – gegen den BVB. Und gegen Papa.

 

Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!

Der BVB und die Emotionen: Ein Plädoyer für mehr Personenkult

Gerade eben haben Sprachwissenschaftler „Volksverräter“, eine Vokabel, die der rechte Mob gerne verwendet, um demokratisch denkende und handelnde Menschen zu diffamieren, zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Wie in jedem Jahr kann man über die Wahl trefflich diskutieren, zumal jedem von uns auch noch eine Reihe weiterer Begriffe einfallen, die das „Unwort“-Prädikat verdient hätten. Mir als Anhänger der schwarzgelben Borussia zum Beispiel: „Entemotionalisierung“.

Diese merkwürdige Borussia-Müdigkeit
Entemotionalisierung beklagen viele und gefühlt immer mehr BVB-Fans im zwischenmenschlichen Verhältnis zum Klub ihrer Wahl. Größere Teile des vergangenen Wochenendes habe ich im Kreise von knapp zwei Dutzend Leuten verbracht, die von sich selbst mit Fug und Recht behaupten dürfen, genau das zu sein, was man landläufig unter „eingefleischten“ Fans versteht. Nicht nur Dauerkarteninhaber. Nicht nur Auswärts-Vielfahrer. Sondern darüber hinaus in ihrer Freizeit ehrenamtlich rund um Borussia Dortmund engagierte Menschen, für die Schwarzgelb neben ihren Familien und oft noch vor ihren Berufen DER zentrale Lebensinhalt ist. Fast unisono schilderten sie eine irgendwie merkwürdige, latente BVB-Müdigkeit und machten dieses mit Worten schwer zu beschreibende Phänomen daran fest, dass sich Borussia aktuell nicht mehr so intensiv anfühlt wie noch vor zwei, drei, vier Jahren.

Kommerzialisierung und Übersättigung
Nun sind die Gründe dafür vielfältig. Natürlich hat das etwas zu tun mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs. Selbst wenn sich die Klubführung des BVB noch so große Mühe gibt, die „Nähe zum Borsigplatz“ über die Annäherung an Märkte in Asien und Übersee zu stellen, nimmt die Distanz zwischen der 400-plus-x-Umsatzmillionen schweren Kommanditgesellschaft auf Aktien und der Fan-Basis doch zu. Natürlich hat das auch etwas zu tun mit einer zunehmenden Übersättigung der Anhänger mit dem Grundnahrungsmittel Fußball. Immer mehr und immer aufgeblähtere Wettbewerbe senken das Fieber und killen die Vorfreude – ganz aktuell: Die aberwitzige Entscheidung der komplett entrückten, geld- und machtgeilen FIFA-Bosse, die Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Nationen aufzustocken und uns auf diese Weise Vorrunden-Highlights zwischen Burkina-Faso und den Galapagos-Inseln oder zwischen Tibet und Katar zu bescheren. Oder der Wahnsinn, dass Sender wie Sport 1, Online-Portale per Livestream oder sogar die Vereine selbst auf ihren Websites inzwischen jeden noch so müden Test-Kick in Echtzeit übertragen. Wenn ein mittelmäßig spannender Bundesligist in seinem Trainingslager irgendwo in Asien ein freundschaftliches Bewegungsspielchen gegen den FC Kartoffelacker Kathmandu aus der ersten nepalesischen Profiliga austrägt, ist garantiert irgendein Anbieter mit einem Kamerateam vor Ort.

Braucht man das? Braucht man nicht!

Und dann machen viele Fans die Entemotionalisierung natürlich auch am Weggang von Jürgen Klopp fest, der fleischgewordenen Emotion. Klopp hat uns Borussen, zugegeben, sieben Jahre lang verwöhnt. Mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Humor und Esprit, seinen Wutausbrüchen, seinem Jubel, seiner Hyperaktivität, seinen emotionalen Ausbrüchen, seiner Authentizität. Kurzum: mit seinem Menschsein! Nun ist er weg. Das kann man beklagen. Er ist nun allerdings auch schon seit eineinhalb Jahren weg. Und er wird, ziemlich sicher, so schnell auch nicht zurückkehren. Vielleicht – und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch als gering – wird er überhaupt nie mehr als Trainer an die Strobelallee zurückkehren. Deshalb könnte man jetzt auch allmählich mal aufhören, Klopps Abhandenkommen zu beklagen. Zumal, meine Meinung: Der Trainer muss im Sport durchaus nicht der emotionale Vorturner sein.

Wir Fans sind verwöhnt und dekadent geworden
Vielleicht, und darüber denke ich in letzter Zeit häufig nach, tragen wir Fans auch selber ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Phänomen der Entemotionalisierung. Wir gebärden uns bisweilen wie verwöhnte und verhätschelte Millionärskinder in US-amerikanischen College-Filmen. Weil wir 2011 Meister waren, 2012 das Double gewonnen haben, 2013 im Champions-League-Finale standen und 2014, 2015, 2016 im DFB-Pokal-Endspiel, sind Titel das Maß der Dinge und Finalteilnahmen normal geworden. Manch ein Fan hat inzwischen „keinen Bock mehr, schon wieder nach Berlin zu fahren“. Wie dekadent ist das denn?! Merken wir eigentlich noch was?! Sind wir eigentlich noch Borussen oder schon Bauern? Ein Finale ist IMMER etwas Besonderes. Es ist NIEMALS normal. NIEMALS Alltag. Für die da unten in München vielleicht, aber doch nicht für uns hier oben in Dortmund.

Jürgen Klopp hat in seinem Gastbeitrag für eines meiner Bücher („Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“) geschrieben, was ihn am Westfalenstadion und den BVB-Fans am meisten fasziniere, sei die einzigartige atmosphärische Wechselwirkung zwischen dem Geschehen auf dem Spielfeld und der Stimmung auf den Rängen. In Dortmunds Tempel herrsche eben nicht per se eine tolle Atmosphäre, sondern stets in Abhängigkeit vom Spiel. Das sei, so Klopp, in besonderer Weise ehrlich und authentisch. Was er meinte ist: Manchmal spielt die Mannschaft spektakulär gut – und die Stimmung schwappt über vom Feld auf die Fans. Manchmal aber spielt die Mannschaft auch spektakulär schlecht, wie bisweilen im letzten Klopp-Jahr – und die Stimmung schwappt dann trotzdem über, nur umgekehrt von den Tribünen auf den Rasen, weil die Fans spüren, dass ihr Team sie gerade jetzt braucht. Und manchmal schweigt ein ganzes, mit 81.357 Menschen gefülltes Stadion, weil die Nachricht eines dramatischen Todesfalls auf einer der Tribünen die Runde macht und die Sensibilität und der Respekt der Zuschauer ihren Drang zur Anfeuerung überlagern.

Wann sind wir eigentlich zuletzt richtig steil gegangen?
Aber seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Wann haben wir Fans von Borussia Dortmund die Hütte letztmals so richtig gerockt? Wann waren wir letztmals so laut, dass dem Gegner schon im Spielertunnel der Darminhalt flüssig geworden ist?
Beim Derby? – Eher nicht!
Beim Sieg über die Bauern? – So richtig steil gegangen sind wir da doch auch nicht.
Gegen Real? – War okay. War aber auch schon einmal anders.

Blöderweise werden wir Trends wie die Kommerzialisierung und die Übersättigung nicht zurückdrehen. Und Klopp ist in Liverpool gerade auch nicht ganz so unglücklich. Die Frage stellt sich also: Was können wir selbst tun, um Spiele von Borussia Dortmund wieder zum emotionalen Orgasmus zu treiben? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Personenkult! Das löst das Problem nicht in Gänze, wirkt aber gegen einige Symptome.

Spieler und Trainer kommen und gehen . . . Ja, aber!
Nun ist Personenkult unter BVB-Fans und gerade in der aktiven Fanszene blöderweise einigermaßen verpönt. Viel mehr übrigens als bei den allermeisten anderen Klubs. Nicht etwa, dass die Anhänger hier nicht auch ihre Lieblinge hätten. Äußerst selten aber, dass sie einzelne Akteure, etwa durch Anfeuerung oder individuelle Fangesänge während des laufenden Spiels, herausheben. Wenn überhaupt, dann allenfalls bei ihrer Ein- oder Auswechslung. Und Ikonen wie Jürgen Kohler eine war und Dédé immer noch eine ist, sind die absolute Ausnahme. Selbst Sebastian Kehl reichte da, bei aller Wertschätzung, nicht heran. Hinter alledem steckt eine grundsätzliche Haltung: Niemand ist größer als der Verein! Spieler und Trainer kommen und gehen – doch Borussia Dortmund bleibt bestehen! Diese Maxime ist gewissermaßen unsichtbar in den Beton der Stadiontribünen gemeißelt.

Ich kann dieser Einstellung viel abgewinnen. Zumal das einzige mir bekannte Abrücken, die irrationale Überhöhung der Figur Jürgen Klopp, am Ende ungesunde Ausmaße angenommen hatte. Manche hielten Klopp für größer als den BVB. Was natürlich völliger Unfug ist. Und dennoch: In einer Phase, in der Fans aufgrund anderer Effekte, auf die sie wenig oder keinen Einfluss haben, eine Entemotionalisierung beklagen, stehen sie sich mit diesem Anti-Personenkult selbst im Weg. Klar, Fußball ist ein Vereinssport, ist ein Mannschaftssport. Fußball ist aber auch ein Spielersport. Und es ist ja nicht so, als hätte der BVB keine Spieler mehr im Kader, die sich der besonderen Zuneigung der Anhängerschaft erfreuen. Die sich diese Zuneigung auch redlich verdient haben. Etwa, weil sie in schweren Zeiten zum Klub gehalten und/oder mit Borussia Erfolge gefeiert haben. Weil sie nach Experimenten bei anderen Vereinen geläutert zurückgekehrt sind. Weil sie durch langjährige Klubzugehörigkeit Treue nachgewiesen haben. Oder einfach nur deshalb, weil sie sich Spiel für Spiel bedingungslos reinhauen . . .

Es gibt viele Gründe.

Ich meine, Ihr ahnt es, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin, Manni Bender und Neven Subotic, Papa Sokratis und Lukasz Piszczek. Ich meine Marco Reus, und ganz besonders meine ich Marcel Schmelzer, der durch seine Körpersprache signalisiert, dass er auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die 90 Minuten um sind und der BVB zum Weiterkommen noch zwei Tore benötigt. Schmelzer gegen Malaga: Mehr Borussia Dortmund geht nicht!

Erobern wir uns doch die emotionalen Momente zurück!
Nun werdet Ihr möglicherweise sogar sagen: Stimmt! Aber einige der genannten Akteure spielen bei Thomas Tuchel aktuell und vielleicht auch in Zukunft keine große Rolle. Sie bekommen, wenn überhaupt, nur geringe Einsatzzeiten. Und ich sage: Na und?!!! Dann genießen und feiern wir eben jede einzelne Minute mit ihnen und erobern uns über diese – Achtung, Unwort! – „Gänsehaut“-Sequenzen das zurück, was uns offenbar ein Stück weit abhanden gekommen ist: die Identifikation und die hoch emotionalen Momente. Und wenn Weidenfeller aufhört? Und Neven den Klub wechselt? Dann wachsen andere nach. Warum soll nicht Roman Bürki ein Fanliebling der Zukunft werden? Oder Julian Weigl, der es eigentlich ja heute schon ist? Ich glaube – und meinetwegen verprügelt mich dafür –, dass sogar Mario Götze mittelfristig wieder in eine solche Rolle hineinwachsen kann.

Also:

Wenn der Fußball es – hoffentlich nur vorübergehend – nicht (mehr) schafft, uns anzufixen, ist das die eine Sache. Wenn es aber auch die Fußballer nicht mehr schaffen, uns zu emotionalisieren; und wenn wir es umgekehrt nicht mehr schaffen, über die Fußballer den Fußball zu emotionalisieren: Dann erst hätten wir ein wirklich ernsthaftes Problem.

André Schürrle: Der Mann für die besonderen Momente

 

(Text für „ECHT“, Ausgabe 117)

Eckfahne möchte man auch nicht sein!

86 Minuten und 21 Sekunden waren gespielt im Champions-League-Klassiker zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid, als Christian Pulisic den Ball vom rechten Strafraumeck gefühlvoll in die Mitte löffelte. Vier Sekunden später, bei 86:25, zappelte das Leder im Netz. André Schürrle hatte den Ball mit der linken Klebe buchstäblich in den Winkel genagelt, war Richtung Südost-Eckfahne gerannt und hatte die bedauernswerte Kunststoffstange mit einem Kung-Fu-Tritt umgelegt. Es war ein typischer André-Schürrle-Moment. Also nicht der Tritt – sondern das Tor!

„Ganz ehrlich“, sagt Schürrle, „von so einem Moment hatte ich geträumt, seit ich im Sommer beim BVB unterschrieben habe. Wenn du zum ersten Mal in dieses Stadion einläufst, die Südtribüne hinaufblickst und einfach nur noch Gelb siehst, dann denkst du: Was muss das für ein geiles Gefühl sein, vor dieser Wand ein wichtiges Tor zu schießen!“ Sein Tor gegen Real war zweifelsfrei ein ganz wichtiges. Es war das 2:2. Es war das schwarzgelbe Signal an die Königsklasse: Wir sind wieder da! Nach einem Jahr Tingeltangel-Tour nach Wolfsberg, Odds, Qäbäla und Krasnodar spielen wieder im Konzert der Top-Klubs mit. Und wir sind auf diesem Top-Niveau konkurrenzfähig!

Dass ausgerechnet André Schürrle – Spitzname „Schü“ – den Ausgleich gegen den Champions-League-Rekordsieger und -Titelverteidiger erzielte, war alles andere als überraschend. Denn wer die Laufbahn des gebürtigen Ludwigshafeners verfolgt, der weiß: Schürrle ist ein Mann für entscheidende Situationen, für die „Magic Moments“. Während andere, gleichfalls hochveranlagte Profis immer wieder abtauchen, wenn’s wirklich wichtig wird, macht er in solchen Spielen häufig den Unterschied.

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2014 im Achtelfinale gegen Algerien von einer Verlegenheit in die nächste stolperte, war es André Schürrle, der das Spiel in der Verlängerung mit einem Zaubertor auf Sieg stellte. Und als beim Endspiel gegen Argentinien alle schon die Salzstangen als Nervennahrung fürs Elfmeterschießen griffbereit stellten, war es wiederum Schürrle, der auf der linken Seite Fernando Gago stehen ließ, Javier Mascherano abhängte, Pablo Zabaleta gar nicht mehr in den Zweikampf kommen ließ und den Ball mit links millimetergenau auf Mario Götze schaufelte.

Der Rest ist Fußball-Geschichte.

BVB-Trainer Thomas Tuchel weiß um diese ganz besondere Qualität von André Schürrle. Deshalb wollte er ihn im Sommer 2016 unbedingt von Wolfsburg nach Dortmund locken. Schürrle ist eben nicht nur schnell. Er hat nicht nur einen exzellenten linken Fuß und einen formidablen Wumms. Er ist nicht nur vielseitig einsetzbar – rechts wie links und auch zentral in der Spitze. Er ist nicht nur torgefährlich. Er ist vor allem dann torgefährlich, wenn’s drauf ankommt. Woran das liegt: „Vielleicht gelingt es mir einfach besonders gut, mich auf solche Momente zu konzentrieren“, sagt Schürrle. „Ich freue mich auf diese Spiele, bei denen du vorher schon weißt, dass sie durch Kleinigkeiten entschieden werden. Und ich vertraue mir da auch selbst, weil ich weiß, dass es in mir steckt, in entscheidenden Situationen eine entscheidende Aktion zu initiieren.“ Schon mit seinen beiden allerersten Bundesliga-Toren drehte er 2009 für Mainz 05 einen 1:2-Halbzeitrückstand beim VfL Bochum in einen 3:2-Sieg.

Hinzu kommt: Schürrle ist ein Kaltstarter. Die geschilderten Tore gegen Real, Algerien und Argentinien erzielte er allesamt als Einwechselspieler. Auch das ist eine außergewöhnliche Fähigkeit – und die kann Schürrle sehr gut erklären: „Natürlich“, sagt er, „möchte ich grundsätzlich immer von Anfang an spielen. Ich sehe mich nicht als ‚Joker‘. Aber ich gehöre auch nicht zu den Spielern, die in ihrer Ehre gekränkt sind und Frust schieben, wenn sie mal nicht in der Start-Elf stehen.“ Sein Credo lautet vielmehr: „Wenn du 20 oder auch erst 15 Minuten vor dem Ende eingewechselt wirst, musst du eben versuchen, in diesen 20 oder 15 Minuten etwas zu bewegen. Denn es geht hier nicht um dich persönlich, sondern um den Erfolg der Mannschaft und des Vereins.“

Nicht zaudern. Zupacken! Nicht lamentieren. Loslegen! Positiv sein. Ein Mix aus „Carpe Diem!“ und „Think pink!“ Mit dieser Einstellung wird André Schürrle in Dortmund den Nerv der Fans treffen. Dortmund und die Fans haben seinen Nerv längst getroffen. Im Grunde auf Anhieb. „Ich hatte ja schon viel über den BVB gehört – von Marco Reus und Mario Götze, auch von Mats Hummels. Und als sich die Möglichkeit ergab, nach Dortmund zu wechseln, haben alle in meinem Umfeld gesagt: Wahnsinn, das musst Du auf jeden Fall machen!“

Die Realität hat ihn dann aber doch noch einmal mehr geflasht, als er es für möglich gehalten hat. „Alles in dieser Stadt ist auf Borussia ausgerichtet. Die Menschen leben den BVB, sie laufen selbst im Alltag im Trikot herum. Bei Auswärtsspielen erwarten uns hunderte Menschen vor den Hotels, selbst in Asien drehen die Leute im positiven Sine durch. Das alles habe ich doch etwas unterschätzt.“ Klar, auch der FC Chelsea sei ein großer Klub mit langer Tradition, „aber die Fankultur hier in Dortmund – das ist noch einmal eine ganz andere Nummer“, sagt er.

André Schürrle ist im Pott angekommen. Die Mannschaft habe ihn „toll aufgenommen“. Dass er mit Marco Reus und Mario Götze eng befreundet ist, hat natürlich geholfen. Dass er mit beiden auch um die Positionen in der Offensive konkurriert, mit Reus mehr noch als mit Götze, findet er „überhaupt nicht problematisch, weil das im Fußball das Normalste auf der Welt“ sei. Dass er unter Trainer Thomas Tuchel mit der Mainzer U19 Deutscher Meister wurde und den Sprung in die Bundesliga schaffte: Ja, auch das sei ein Argument für den Wechsel nach Dortmund gewesen. Aber eben, und das ist ihm wichtig, nur  e i n  Argument. Eines von vielen. „Eine solche Entscheidung, die auf Jahre angelegt ist, fällst du ja nicht nur, weil du mit dem Trainer gut klarkommst.“ Da gehört schon mehr dazu. Insbesondere die sportliche Perspektive. Der Kick, den Duelle wie das gegen Real Madrid vermitteln. Das mit nichts zu vergleichende Gefühl, vor der Gelben Wand ein wichtiges Tor zu erzielen. „Davon bekommst du nie genug“, sagt André Schürrle. „Wenn du das einmal erlebt hast, dann willst du es wieder und wieder erleben.“

Nur zu. Die Fans des BVB haben ganz sicher nichts dagegen!

Schon zwei Titelgewinne  g e g e n  den BVB

André Schürrle hat als Fünfjähriger beim Ludwigshafener SC mit dem Fußballspielen begonnen. Mit 15 Jahren wechselte er zum 1. FSV Mainz 05, mit dem er 2009 Deutscher Meister wurde – unter Trainer Thomas Tuchel und gegen den BVB. Noch im selben Jahr feierte er sein Debüt in der Fußball-Bundesliga. Über Bayer Leverkusen kam der Offensivspieler 2013 zum englischen Topklub FC Chelsea, für den er gleich in seiner ersten Saison acht Treffer erzielte. Als die Londoner 2015 Meister wurden und den Liga-Pokal gewannen, war André Schürrle allerdings schon in Wolfsburg. Zur Titelfeier lud Chelseas Trainer José Mourinho in dennoch ein. Schürrle musste absagen – wegen des DFB-Pokalfinals, das er mit dem VfL Wolfsburg gewann. Gegen den BVB.

Übrigens: Seit seinem 2:2 gegen Real Madrid ist André Schürrle der einzige deutsche Fußballer, der in der Champions League für vier Klubs getroffen hat: Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, FC Chelsea und Borussia Dortmund.

Das neue Ziel: Titelgewinne  m i t  dem BVB!

Weltmeister ist er schon. Deutscher Meister noch nicht. Deutscher Meister will er werden. „Das ist der Traum jedes Fußballers“, sagt André Schürrle. Das steht auch auf seiner persönlichen Wunsch- und Prioritätenliste ganz weit oben. Und „Schü“ ist überzeugt: „Hier in Dortmund geht das. Der Klub und die Mannschaft haben das Potenzial, Großes zu erreichen.“ Er habe, sagt der Neuzugang, „vom ersten Training an ein gutes Gefühl gehabt. In unserem Kader ist unglaublich viel Talent vereint, alle Positionen sind doppelt besetzt“. Zwar habe man „in den ersten Saisonspielen ein bisschen was liegen lassen“, nicht zuletzt aufgrund des personellen Umbruchs und etlicher Verletzungen, von denen auch er selbst betroffen war. „Aber wenn wir jetzt unsere Top-Form finden und Konstanz entwickeln“, sagt André Schürrle, dann sei mit diesem Team einiges möglich. „Auch schon in dieser Saison!“

Mario Götze: Zurückgekommen, um voran zu gehen!

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(Text für „ECHT“, Ausgabe 113)

Warschau. Mittwoch, 14. September. Der polnische Meister Legia empfängt am 1. Spieltag der Champions-League-Saison 2016/17 den deutschen Vizemeister Borussia Dortmund. Es läuft die siebte Spielminute. Ousmane Dembélé flankt den Ball vom linken Flügel zentral vor das Tor. Zwischen Guilherme und Vadis Odjidja-Ofoe schraubt sich Mario Götze in die Höhe. Der Dortmunder platziert den Kopfball zum 1:0 flach ins linke Eck. Götze dreht ab, läuft Arm in Arm mit Christian Pulisic in Richtung BVB-Fankurve, die Arme ausgebreitet, die rechte Hand zur Faust geballt, im Gesicht ein Strahlen wie aus einer Zahnpasta-Werbung. In derselben Sekunde läuft die Echtzeitmaschinerie der Online-Medien und Social-Media-Kanäle an. Götzes zwölftes Champions-League Tor. Das erste mit dem Kopf. Sein erster CL-Treffer für den BVB seit dem 2:0 gegen Donezk am 5. März 2013. Sein erstes Tor überhaupt für den BVB seit dem Doppelpack in Fürth vor exakt 1250 Tagen. Was man halt so wissen muss. ZDF-Reporter Boris Büchler möchte nach dem Spiel von Mario Götze wissen: „Auch ein Tor gegen die Kritiker?“ – „Nein, nein“, winkt der 24-Jährige amüsiert und lässig ab. „Ein Tor für die Mannschaft, für den Verein, für einen guten Start in die Champions-League. Das ist mir definitiv wichtiger!“

Zwei Tage zuvor in Hörde. Wir treffen Mario Götze am Phönix-See, einem der Vorzeigeprojekte für gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet. „Wahnsinn, was hier in den letzten drei Jahren entstanden ist“, sagt er mit staunendem Blick. Und meint: In den drei Jahren, in denen er nicht in Dortmund war. Als er 2013 ging, war der Phoenix-See schon ein See – aber drumherum war noch nicht viel. Lehmberge, Schotter und Schlammpfützen vornehmlich, dazwischen Bagger und Baukräne. Inzwischen ist hier ein attraktives Wohn-, Büro- und Naherholungsgebiet entstanden; mit Hafen, Bootsanleger, Uferpromenade und Gastronomie. Und immer noch wird weiter gebaut.

 

Ein bisschen ist es am Phoenix-See wie bei der Borussia. Auch die ist im Spätsommer 2016 „under construction“. Eine Baustelle. Die zentrale Achse hat den Klub verlassen. Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henryk Mkhitaryan sind Geschichte. Acht neue Spieler sind zum Kader von Trainer Thomas Tuchel gestoßen – allesamt mit großer Perspektive. Sie sind die Zukunft des BVB, so, wie der Phoenix-See die Zukunft Dortmunds ist. Und Mario Götze ist einer von ihnen. Der spektakulärste wahrscheinlich. Denn was ihn von den anderen sieben Neuzugängen unterscheidet: Götze ist auch ein Stück schwarzgelbe Vergangenheit. Ein starkes Stück. Meister 2011. Double-Sieger 2012. Aber darüber wollen wir heute gar nicht reden. Sondern über die Zukunft. Seine eigene und die des vielleicht spannendsten Projektes im europäischen Fußball – wie einige Experten den BVB 2016/17 nennen.

 

Mal angenommen, Mario, wir treffen uns in zehn Jahren wieder hier. Im September 2026. Du bist 34 Jahre alt, hast gerade Deine Laufbahn beendet – was sollen die Menschen über Dich sagen, was die Medien über Dich berichten?

 

Götze grübelt einen Moment. Aber nicht sehr lange. „Dass ich durch und durch ein professioneller Fußballer war. Ein gewissenhafter Sportler, der immer alles gegeben und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hat.“ Und klar, ein paar Titel sollen in der Aufzählung über seine Erfolge auch noch hinzukommen. „Dafür machst du letztlich Sport. Du willst gewinnen, jedes einzelne Spiel und am Ende der Saison natürlich die wichtigen.“ Die, in denen es um Schalen und um Pokale geht.

 

Aber Mario Götze wünscht sich durchaus mehr. Er wünscht sich, dass die Menschen ihn „als starke Persönlichkeit“ wahrnehmen und respektieren. Als jemand, „der Verantwortung übernimmt und vorweg geht“. Und in der Tat wirkt er, während wir um den Phoenix-See spazieren, über Dortmund, den Strukturwande, Fußball, das Leben und die Zukunft plaudern, nicht wie jemand, der erst noch erwachsen werden muss. Er ist es. Ein junger Mann, der denkt, bevor er redet – und der dann auch was zu sagen hat. Etwa über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

 

„Ich bin mit 17 Jahren ins kalte Wasser geworfen worden, habe in sehr jungen Jahren sehr schnell sehr viel erlebt.“ Vor allem aber steht er seit sieben Jahren unter Dauer-Beobachtung. So intensiv bisweilen, dass Thomas Tuchel sich unlängst den Hinweis erlaubte, da würden „Grenzen überschritten“. Man merke ja, „wie Mario immer wieder unter das Brennglas gelegt wird. Das tut nicht nur alles gut. Das beschäftigt einen Menschen. Niemand von uns kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt“. Niemand außer Götze selbst. Der sagt: „Jeder bildet sich seine Meinung über mich und darf sie öffentlich verbreiten.“ Als Vorwurf will er das aber gar nicht verstanden wissen. „Manchmal ist es anstrengend, manchmal auch ärgerlich, aber im Grunde ist es okay, denn man wächst ja auch an der Auseinandersetzung mit Kritik. Entscheidend ist doch, dass man solche Erfahrungen richtig ummünzt.“

 

Wir sind inzwischen auf der Kulturinsel am Kai angekommen. Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel. Bei diesem Wetter ist der Phoenix-See Dortmunds „Place to be“. Dutzende Radfahrer, Jogger und Inine-Skater sind unterwegs. Spaziergänger drehen sich um und tuscheln: „Guck mal, das ist doch Mario Götze!“ Einige trauen sich, ihn anzusprechen. Ein Vater, der seine kleine Tochter Huckepack trägt, bittet um ein Selfie mit dem BVB-Star. Ein behinderter Junge fährt mit dem Elektro-Rollstuhl auf ihn zu und sagt schüchtern: „Herr Götze, ich habe heute Geburtstag und wollte mal fragen, ob Sie Zeit für ein Foto hätten.“ Eigentlich hat er die nicht, die Zeit, denn wir brauchen noch Fotomotive für die Story, in 40 Minuten ist schon wieder Training, und für die Fahrt vom Phoenix-See nach Brackel muss man um diese Uhrzeit locker 20 Minuten einkalkulieren. Und doch nimmt er sie sich, die Zeit. Hat für jeden ein Lächeln, ein nettes Wort, erfüllt die Wünsche der Fans gerne.

 

Apropos Fans: Auch diesem Thema weicht Mario Götze nicht aus. Der BVB-Anhang war sauer, als der Jungstar den Klub 2013 verließ. Stinksauer. Schließlich war er das Gesicht des bezaubernden Vollgasfußballs. Die Projektionsfläche für schwarzgelbe Fußball-Träume. Der mit dem Ball tanzte. Die außergewöhnlich heftige Ablehnung, die Götze nach seinem Wechsel von einem Teil der Anhängerschaft entgegenschlug, war letztlich nichts anderes als Ausdruck der außergewöhnlichen Zuneigung, die er zuvor genossen hatte. Enttäuschte Liebe ruft die krassesten Emotionen hervor.

 

„Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Fans sauer waren“, sagt er. Und ja, natürlich habe er in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr das eine oder andere Mal „ein mulmiges Gefühl“ gehabt, weil er nicht einzuschätzen wusste, wie die Anhänger reagieren würden. „Ich konnte ja nicht im Ernst erwarten, dass mich alle mit offenen Armen aufnehmen würden.“ Inzwischen aber, sagt Götze, habe sich das mulmige Gefühl gelegt. Er hat Schritte auf die Fans zu gemacht. Und es sieht sehr danach aus, als bekomme er die faire Chance, die er sich erhofft hat.

 

Alles Weitere, das weiß er, liegt bei ihm. Er möchte die Zuneigung der Zuschauer durch Leistung zurückgewinnen. Möchte Integrationsfigur sein, gerade auch für die vielen jungen und neuen Spieler. Möchte das Vertrauen der Verantwortlichen rechtfertigen und weiter lernen. Von Thomas Tuchel und seinem Trainerstab, die „den Fußball so ganzheitlich verstehen, wie ich das überhaupt noch nie erlebt habe“. Taktik, Training, Ernährung, Sportwissenschaft, Psychologie – nichts werde dem Zufall überlassen. „Im Ernst“, sagt der Rückkehrer, „da ist so viel Professionalität im Spiel, dass das zwangsläufig zum Erfolg führen m u s s!“

 

Mit ihm, Mario Götze, als einer der Schlüsselfiguren.

 

Mario Götze. Zur Person.

Mario Götze wurde am 3. Juni 1992 in Memmingen (Allgäu) geboren. Über den Umweg Houston (Texas) kam er als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Dortmund. Götze spielte in der Jugend zunächst beim Hombrucher FV, ehe er in die Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund wechselte. Mit der U17-Nationlmannschaft wurde er 2009 Europameister, erhielt 2009 und 2010 jeweils die Fritz-Walter-Plakette in Gold für den besten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Noch mit 17 Jahren debütierte Mario Götze unter Trainer Jürgen Klopp in der Bundesliga. Bis heute hat er für den BVB und den FC Bayern München 157 BL-Spiele absolviert und dabei 44 Tore erzielt. Hinzu kommen 58 Länderspiele (14 Tore), 44 Champions-League- (11 Tore), 4 Europa-League- (2 Tore) und 18 DFB-Pokal-Einsätze (9 Tore). Götzes Titelsammlung umfasst u.a. 5 Deutsche Meisterschaften, 3 DFB-Pokalsiege sowie den Gewinn des UEFA-Supercups und der FIFA-Klub-WM. 2014 schoss Mario Götze Deutschland im WM-Finale gegen Argentinien zum Titel. Seither steht er in einer Reihe mit Legenden wie Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme, Zinedine Zidane, Ronaldo und Andres Iniesta, die ebenfalls „Game-winning goals“ in WM-Endspielen erzielten.

Mario Götze über . . . Heimat . . .

„Mit dem Heimatbegriff ist das so eine Sache. Fußballprofis sind ja fast das ganze Jahr unterwegs. Trainingslager, Asientour, Auswärtsspiele in der Bundesliga, Europapokal-Reisen, Reisen mit der Nationalmannschaft. Wirklich zu Hause bist du nur an ein paar Tagen im Jahr. Dann habe ich noch Großeltern im Allgäu, mein Bruder Felix spielt in München. Und doch ist Dortmund für mich der Ort, der mir am vertrautesten ist. Ich habe 16 meiner 24 Jahre hier in Dortmund verbracht, bin hier zur Schule gegangen, kenne hier mehr Menschen als irgendwo sonst. Der alles entscheidende Punkt aber ist: Ich fühle mich hier sehr wohl!“

Mario Götze. Unter Freunden.

Sepp Herberger. Der Geist von Spiez. „Elf Freunde müsst ihr sein!“ Fußball-Romantik anno 1954 – und ein Erfolgsrezept bis heute. Rosige Aussichten also für den BVB. Denn Mario Götze und Andre Schürrle sind gut befreundet. Götze und Marco Reus auch. Unvergessen, die Szene nach dem WM-Endspiel, als der Finaltorschütze das Trikot des verletzten Teamkollegen in die Kamera hielt. Reus wiederum scherzt gerne mit Pierre-Emerick Aubameyang, der hat Ousmane Dembele unter seine Fittiche genommen. Und so weiter… – „Das Teamgefüge passt. Wir unternehmen schon jetzt viel miteinander“, sagt Mario Götze. „Und das wird bestimmt noch mehr werden.“