Buschmann & Dahlmann oder die QVCisierung des Fußballs

Hallo, Frank Buschmann, hallo, Jörg Dahlmann,

Sie haben gesagt: Kritik, okay – Schmähungen, Häme oder gar Hass aber gehen gar nicht. Volle Zustimmung. Deshalb hier 0,0 Schmähungen, 0,0 Häme und erst recht 0,0 Hass. Aber Kritik.

Kritik an einem Kommentar-Stil, für den Sie beide ja nicht erst seit Ihrer Sky-Konferenz-Premiere am vergangenen Wochenende verbal Keile beziehen. Sie, Jörg Dahlmann, werden für Ihre aufgedrehten und, mit Verlaub, bisweilen ins schwer Erträgliche überdrehten Kommentare ja schon seit einer gefühlten TV-Ewigkeit kritisiert. Und Sie, Frank Buschmann, schlagen sich über die sozialen Medien z.B. auch während und nach den NFL-Übertragungen mit Zuschauern herum, die es – sagen wir mal – verzichtbar finden, dass jeder halbwegs taugliche Pass über zehn Yards zur größten Sensation gehyped wird, seit der Gletscher den Ötzi ausgespuckt hat.

Warum aber gerade jetzt die Heftigkeit der Kritik? – Weil Ihr Kommentar-Stil, der auf manche Zuhörer wirken muss, als hätte der am Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom leidende Nachbarsjunge sein Ritalin nicht bekommen und werfe deshalb seit einer halben Stunde pausenlos die Frisbeescheibe gegen den Holzgartenzaun, genau das symbolisiert, was sehr vielen und zunehmend mehr Fußball-Fans extrem auf den Keks geht. Nennen wir es die Disneysierung oder auch QVCisierung des Fußballs. Was Sie dem Sport durch Ihre Art der Kommentierung antun, ist auch nicht so viel anders als eine DFB-Pokal-Pausenshow mit Helene Fischer.

Sie blasen den Fußball auf, indem sie ihn 90 Minuten lang künstlich unter Maximal-Emotion setzen. Alles ist Superlativ, alles ist so . . . WOW . . . und . . . BÄMMM . . . und . . . ALTAAAH, ICH WERD‘ VERRÜCKT!!! Sie benutzen den Fußball als Vehikel, um in 90 Minuten möglichst viele kunterbunte Sprachbilder abzusetzen. Sie machen aus einem ganz normalen Kick die ganz große Show – so als wäre es „The Wall“ oder „Schlag den Raab/den Star“. Sie wirken auf mich wie Amy Sedaris, die nervtötende Wäsche-Expertin aus der TV-Werbung,  die mir auf dem Verkaufskanal QVC ein Brillenputztuch als Seidengeschmeide anpreist. Oder wie eines dieser Clickbaiting-Portale im Internet. „100 Gründe, warum Hoffenheim gegen Augsburg das geilste Spiel aller Zeiten ist. Auf den 99. Grund wären Sie nie gekommen . . .“ HIIIIILFEEE!!!

Viele Fans – ich behaupte sogar: die meisten Fans – wollen das nicht. Sie wollen einen kompetenten Kommentar von Experten, die über beide Mannschaften bestens informiert sind, die Taktik und Strategie lesen und erkennen können, die Umstellungen bemerken und einordnen – kurz: Die eine fundierte Analyse liefern. Das Ganze gerne auch emotional. Aber bitte emotional an den Stellen, die das auch hergeben – und nicht 90 Minuten nonstop am Puls-Anschlag.

Zwischendurch einfach mal durchschnaufen. Nicht „Atemlos“ durch die Übertragung hetzen. „Atemlos“ ist ja schon Helene Fischer.

Drei Gründe, warum Ousmane Dembélé in Dortmund bleiben sollte

(Foto: Screenshot BVB-App)

Heute Abend also beginnt sie, die Fußball-Bundesliga-Saison 2017/18. Es ist die 55. seit der Premiere 1963/64. 55 – das ist eine Schnapszahl, und genau so gebärdet sich der Fußball derzeit auch: Als hätte er zu tief ins Schnapsglas geschaut. Als hätte er sich beim Komasaufen den letzten Rest von Anstand und Moral weggeschossen und taumele nun im dichten Promille-Nebel Richtung Abgrund. Glaubt man Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef des ruhmreichen FC Bayern, dann „fiebert die ganze Welt“ dem Auftaktduell zwischen seinen Münchnern und dem TSV Bayer 04 Leverkusen seit Tagen entgegen.

Nun ist Rummenigge zwar ziemlich nervig, aber nicht blöd. Daher weiß er selbst am besten, dass das schon deshalb Unfug ist, weil spätestens außerhalb Europas jeder fragt: „Bayer 04 . . . W-E-R?“ Vor allem aber ist es Unfug, weil die Fußballwelt auch heute, wie schon seit 14 Tagen, von nichts anderem spricht als von Neymars 222-Millionen-Euro-Wechsel und von dem, was dieser Irrsinns-Transfer in der Folge bereits ausgelöst hat bzw. mittel- und langfristig auslösen wird. Dieser Wechsel vom FC Barcelona, einem Klub, so groß und großartig, dass ihn eigentlich kein Spieler dieser Welt freiwillig verlassen sollte, zu Paris St. Germain, einem Klub, der mit katarischen Schurken-Milliarden künstlich zur Nummer eins in Europa und in der Welt hochgezüchtet werden soll. Ein weiteres Spielzeug in den Händen eines großen Kindes, das nicht weiß, wohin mit seinem ganzen Geld – wie City und United, wie Chelsea und Rasendingsbums Leipzig.

Worüber die Fußballwelt wirklich redet, ist nicht Bayern gegen Bayer, ein Spiel, das seine Spannung allein aus der Frage nach der Höhe des Bayern-Sieges bezieht. Sie redet vielmehr über Philippe Coutinho vom FC Liverpool und über Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Zwei Spieler, die Barca ins Visier genommen hat, um den Neymar-Verlust halbwegs zu kompensieren – und die nun schon seit zwei Wochen durch abenteuerliche Zickereien versuchen, ihren Wechsel zu forcieren. Die allerdings bei ihren aktuellen Arbeitgebern auf Granit beißen.

Unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe – bei der Bundeswehr wären längst die Feldjäger ausgerückt. Tagelanges Abtauchen. Gesprächsverweigerung. Trainingsboykott. Was Dembélé derzeit in Dortmund abzieht, spottet jeder Beschreibung. Und da hilft der verständnisvolle Hinweis, dass der Junge ja erst 20 Jahre alt ist und nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern auf Geheiß seines in der Branche hinlänglich für seine Eskapaden bekannten Agenten Moussa Sissoko, nur bedingt. „Agent“ ist übrigens eine passende Bezeichnung, denn Sissoko verfügt über die „Lizenz zum Nervtöten“.

Würde Dembélés Verhandlungsführer so etwas wie Verantwortungsbewusstsein haben und es ihm womöglich gar um eine weitsichtige Karriereplanung für seinen Schützling gehen, so hätte er ihm dringend dazu raten müssen, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben. Tatsächlich geht’s den Sissokos dieser Fußballwelt aber allein um Kohle, Zaster, Knatter, Moneten und Pinunsen – und dabei lassen sie gerne auch mal völlig außer Acht, dass sie dieselbe Summe oder sogar eine noch höhere und damit genau soviel oder sogar noch mehr Provision auch im nächsten Sommer bekommen würden. Dann, wenn Dembélé seiner ersten bemerkenswerten Saison als Bundesliga-Rookie eine zweite starke Spielzeit hätte folgen lassen und mit Frankreich womöglich auch noch eine erfolgreiche WM gespielt hätte. Aber lassen wir das . ..

Hier die drei Gründe, warum es für Ousmane Dembélé gut ist, dass er noch ein Jahr in Dortmund bleibt oder besser gewesen wäre, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben – je nachdem, wie dieses unwürdige Geschachere nun ausgeht.

Grund 1: Beim BVB kann Dembélé reifen

Keine Frage, der gerade 20-jährige Franzose ist schon heute ein außergewöhnlicher Fußballspieler. Einer, der mit Ball und Gegner tanzt. Der den berühmten Unterschied macht. Das hat er in seiner Dortmunder Premierensaison wiederholt auf spektakulärste Art und Weise bewiesen. Am nachhaltigsten wohl durch seinen 3:2-Siegtreffer im DFB-Pokal-Halbfinale beim FC Bayern München und durch sein Führungstor im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Dembélé hat zweifellos das Zeug dazu, in den nächsten Jahren zu einem der prägenden Fußballer zu werden. Bedenkt man, dass Lionel Messi und Cristiano Ronaldo nicht mehr die Jüngsten sind, gehört er sogar zum Kreise derer, die in Zukunft Weltfußballer werden können. Aber: Noch macht Ousmane Dembélé Fehler. Im Dribbling rennt er sich bisweilen fest, verpasst den richtigen Moment für das Abspiel auf den besser postierten Nebenmann, ist extrem fixiert auf seinen Kumpel Pierre-Emerick Aubameyang, schaltet nach Ballverlusten manchmal nicht schnell genug in den Rückwärtsgang um. Diese Fehler sind kein Drama. Sie sind Ausdruck fehlender Reife und damit völlig normal für einen 20-Jährigen. Entscheidend ist: In Dortmund verzeiht man ihm diese Fehler. Aber in Barcelona? In Dortmund kann er lernen. In Barcelona muss er funktionieren.

Grund 2: Bei Barca wäre Dembélé nicht Dembélé, sondern der Neymar-Ersatz

Lionel Messi – Luis Suarez – Neymar: Die offensive Dreierreihe des FC Barcelona war gefürchtet wie kaum eine andere auf der Welt. Allein Bale – Benzema – Ronaldo oder Ribery – Lewandowski – Robben erreichen in Topform ein vergleichbares Niveau. Nun ist Neymar weg. Und wen auch immer die Katalanen verpflichten, um die Lücke zu schließen, die der Brasilianer reißt: Er ist der Neymar-Ersatz. Er wird mit Neymar verglichen werden. Das kann man ungerecht nennen. Ändert aber nix. Und als wäre es nicht ohnehin schon schwer genug, in diese riesigen Fußstapfen zu treten, ist es für einen 20-jährigen, charakterlich labilen und tendenziell falsch-beratenen Newcomer umso schwerer. Neymar hat, obwohl selbst noch jung, schon einige Jahre in Folge seine Weltklasse nachgewiesen, hat Tiefschläge – wie die schwere Verletzung bei der WM 2014 im eigenen Land – verkraften müssen, hat sie weggesteckt, sich durchgeschüttelt. Neymar ist als Fußballer ein Mann, Dembélé ein Männchen. Welpenschutz aber wird er in Barcelona nicht genießen.

Grund 3: Pierre-Emerick Aubameyang, sein Buddie

In Dortmund war Pierre-Emerick Aubameyang vom ersten Tag an die Bezugsperson für Ousmane Dembélé. Der positiv-durchgeknallte, dabei jederzeit professionell arbeitende Gabuner spricht die gleiche Sprache. Er hat sich der damals noch 19-jährigen Ausnahmetalentes angenommen, ihn in die Mannschaft eingeführt, ihm den Wechwsel aus Frankreich nach Deutschland leicht gemacht. Aubameyang und Dembélédas ist die perfekte Symbiose. Beide profitieren auf dem Spielfeld enorm voneinander. Aubameyang wurde auch deshalb Torschützenkönig, weil Dembélé ihm viele Treffer mustergültig auflegte. Und Dembélés Stern strahlte auch deshalb gleich im ersten Jahr so hell, weil Auba seine fußballerischen Geistesblitze veredelte. In Barcelona gibt es ausnahmslos hell strahlende Sterne. Der Himmel über Camp Nou glitzert und kunkelt schon heute so hell, dass es gar nicht auffällt, ob da noch ein Sternchen mehr hinzu kommt. Es droht vielmehr die Gefahr, als Sternschnuppe vom Himmel zu fallen und zu verglühen.

Ganz gleich, wie das Transfer-Hickhack auch ausgeht: Wer den Fußball liebt, muss hoffen, dass Ousmane Dembélé sein Glück findet. Denn ihm zuzuschauen, gehört zum Großartigsten, was dieser Sport derzeit zu bieten hat. Ob Dembélé, wenn der Wechsel scheitert, dem BVB noch zuzumuten wäre – und zwar der Mannschaft wie auch den Fans – hängt wesentlich von Dembélé selbst ab. Er bräuchte dann wahrscheinlich mal jemanden, der ihn tatsächlich BERÄT. Dass er weiter schmollt und sich ein halbes oder ganzes Jahr trotzig auf der Tribüne verkrümelt, ist auszuschließen. Die Saison 2017/18 ist eine Weltmeisterschafts-Saison. Bei der WM 2018 in Russland ist der Franzose 21 Jahre alt. Es ist das Turnier, bei dem er erstmals eine Hauptrolle auf der Weltbühne des Sports spielen kann. So viele Gelegenheiten dazu bietet eine Laufbahn nicht. Andererseits: Die französische Nationalmannschaft ist gerade in der Offensive so unfassbar gut besetzt, dass es für eine zickige Diva mit dem Ruf, ein Egoist und kein Mannschaftsspieler zu sein, schwierig werden könnte, überhaupt nominiert zu werden.

Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

Vier Helden-Stories von B wie Blackout bis W wie Weltmeister

Sie waren tragende Säulen der schwarzgelben Wiederaufstiegsmannschaft von 1976: Peter Geyer und Hans-Joachim Wagner. Leistungsträger auch in den ersten Bundesligajahren danach. 185 Spiele hat der eine für den BVB bestritten, sogar 221 der andere. Zwei schillernde Figuren waren sie obendrein – jeder auf seine Weise. Komplettiert wird das Quartett, an das wir heute im Rahmen unserer „Helden“-Serie erinnern, durch Friedhelm Schwarze und Ernst Savkovic.
Stell dir vor, deine Mannschaft feiert endlich den ganz großen Erfolg – und du selbst liegst beim Abpfiff im Krankenhaus. Roman Weidenfeller wäre es 2012 um ein Haar so ergangen, als Borussia Dortmund den FC Bayern München mit 5:2 aus dem Berliner Olympiastadion ballerte und zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg gewann. Weidenfeller hatte sich in der ersten Halbzeit verletzt, musste ins Krankenhaus gebracht werden, war aber pünktlich zur Pokalübergabe wieder bei seinen Teamkollegen. Glück gehabt!

Peter Geyer war dieses versöhnliche Ende am 23. Juni 1976 nicht vergönnt. Der BVB-Stürmer, der mit 13 Saisontoren maßgeblichen Anteil an der langersehnten Rückkehr ins Oberhaus hatte, war bereits in der Anfangsphase des Qualifikations-Rückspiels gegen den 1. FC Nürnberg mit seinem Gegenspieler Manfred Rüsing zusammengerasselt – und zwar so heftig, dass Geyer buchstäblich Sternchen sah. Der damals 23-Jährige wurde vom Feld geführt, neben der Außenlinie behandelt. Er wankte zurück auf den Rasen, erzielte in der 23. Minute den 1:0-Führungstreffer und ging – es war brütend heiß im Westfalenstadion – nach einer halben Stunde endgültig k.o. Als Schiedsrichter Ferdinand Biwerski zur Pause pfiff, befand sich Geyer bereits auf dem Weg zur Unfallklinik, wo er – inzwischen wieder bei Bewusstsein – keinerlei Erinnerung hatte. „Tor? Ich weiß von nichts!“, soll Geyer gestammelt haben. Klassischer Fall von Blackout! Die medizinische Diagnose lautete: schwere Gehirnerschütterung. Derweil triumphierten die Mannschaftskameraden mit 3:2 über den „Club“, stürmten die Fans den Rasen, knallten die Sektkorken, floss das Aufstiegsbier in Strömen.

Es sind diese Anekdoten, die Spieler zu Helden machen, zu schwarzgelben Legenden für die Ewigkeit. Für Peter Geyer, der mit Hans-Werner Hartl (18 Treffer) und Gerd Kasperski (15) den 46-Tore-Sturm des BVB bildete, war der Aufstieg noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Der Gegner in den Entscheidungsspielen, der 1. FC Nürnberg, war sein Heimatverein. Geyer wurde 1952 in Nürnberg geboren, der „Club“ war von 1971 bis ’74 auch seine erste Station im Profibereich, ehe er zu Tennis Borussia Berlin in die Bundesliga wechselte. Nach dem Abstieg mit TeBe kam Geyer 1975 an die Strobelallee, wo er auf Anhieb zum Leistungsträger und Torjäger avancierte und insgesamt sechs Jahre spielte. In dieser Zeit absolvierte er auch sieben Einsätze für die deutsche B-Nationalmannschaft.

Für großes Aufsehen sorgte Geyer noch einmal Anfang der 90-er Jahre, als er gegenüber Medien einräumte, dass er und zahlreiche Profi-Kollegen regelmäßig das Aufputschmittel Captagon eingenommen hätten. Captagon steht auf der Dopingliste der verbotenen leistungsfördernden Präparate. Verständlich, dass Geyer sich mit seinem späten Geständnis keine Freunde machte . . .

FC Schalke 04 – Borussia Dortmund – Rot-Weiss Essen. Die drei großen Traditionsklubs im Ruhrgebiet. Es gibt nur ganz wenige Fußballer, die für alle drei gespielt haben. Hans-Joachim Wagner ist einer von ihnen. 1955 in Essen geboren, ging er in der Jugend von Kray 09 über die Stadtgrenze zu den Knappen. Als der Abwehr- und defensive Mittelfeldspieler 1974 der A-Jugend entwuchs, lockte der BVB ihn an die Strobelallee, wo man – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen – gerade auf der jugendlichen Welle ritt. Auch Spieler wie Lothar Huber und Mirko Votava wechselten zu jener Zeit als Rohdiamanten zu den Schwarzgelben.

In die Saison 1975/76 startete Wagner als 20-Jähriger. Und bereits als Stammspieler. 36 Einsätze absolvierte er in der Aufstiegssaison für den BVB; drei Tore erzielte er dabei. Eine Korsettstange in der Deckung, ein echter Stabilisator. Und der blieb er über Jahre hinweg auch in der Bundesliga, wo Wagner 149-mal für die Borussia auflief. Erst in der Saison 1981/82 unter Branko Zebec und später unter Kalli Feldkamp kam er nicht mehr regelmäßig zum Zuge. Und so folgte im Jahr darauf der Wechsel zum dritten Traditionsklub, zu Rot-Weiss Essen.

Friedhelm Schwarze und Ernst – eigentlich: August – Savkovic waren Nebenleute von Wagner im schwarzgelben Defensivverbund. Schwarze, Spitzname „Fitsche“, war bereits 1970 als 17-Jähriger von seinem Heimatverein SG Castrop zur Borussia gekommen und brachte es im Aufstiegsjahr 75/76 auf 20 Einsätze. In der Bundesliga kamen dann aber nur noch zwei hinzu. Sein Debüt im Oberhaus feierte er am 8. Spieltag der Saison 76/77 beim 3:3 gegen den FC Bayern München. Da Trainer Otto Rehhagel nicht mehr auf ihn baute, Schwarze aber eine relativ hohe Ablösesumme festgeschrieben hatte und lange keinen anderen Verein fand, verlor er zwei Jahre seiner Laufbahn durch unfreiwillige Untätigkeit, ehe er in die Schweiz zum FC Zug wechselte. Ein finanziell lukratives Angebot der San Diego Sockers musste Schwarze wegen einer Verletzung ausschlagen.

Für Ernst Savkovic war der BVB eine Zwischenstation – wiewohl eine ausgesprochen erfolgreiche. Beim FC Sportfreunde Heppenheim groß geworden, kam er 1974 über den MSV Duisburg, mit dem er Deutscher A-Jugendmeister geworden war, nach Dortmund. Von 1974 bis ’76 absolvierte Savkovic 52 Spiele für die Schwarzgelben. Er feierte nicht nur den Wiederaufstieg mit ihnen, sondern während seines BVB-Engagements 1975 auch Militär-Weltmeister – an der Seite so namhafter Profi-Kollegen wie Ronny Worm, Dieter Burdenski, Klaus Toppmöller, Ditmar Jakobs und Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel. Nach Stationen bei Tennis Borussia Berlin und Rot-Weiß Oberhausen beendete Savkovic bereits 1980 seine Laufbahn. Von 2010 bis 2012 trainierte er den Oberhausener Kreisligisten Grün-Weiß Holten.

Drei Aufstiegshelden, die viel zu früh gingen

Zoltan Varga, Gerd Kasperski und Willi Brock kehrten 1976 mit dem BVB in die Bundesliga zurück. Drei ganz unterschiedliche (Spieler-)Typen, die leider nicht mehr unter uns weilen. Ihr Teamkollege Horst Bertram erinnert (sich) an sie . . .

135 Pflichtspielminuten – das ist der, rein statistisch betrachtet, überschaubare Arbeitsnachweis von Willi Brock im Trikot des BVB. Zwei Einsätze absolvierte er: am 38. und letzten Spieltag der Spielzeit 1974/75 beim 3:1 gegen Wacker Berlin über 90 Minuten und am 29. Spieltag der Aufstiegssaison 1975/76 beim 2:1 gegen die SG Wattenscheid 09. Da wurde er zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Für Horst Bertram. Und damit ist dann auch das Rätsel der nur 135 Pflichtspielminuten gelöst. Brock war zweiter Torwart. Der Back-Up, wie es heute heißt, von Bertram. Und der war seinerzeit unangefochten die Nummer 1 zwischen den Pfosten der Schwarzgelben.

Natürlich erinnert sich Bertram besonders gut an seinen Konkurrenten, der 1995 im Alter von nur 43 Jahren nach schwerer Krankheit starb. Und besonders gern. „Weil wir kein Konkurrenzverhältnis hatten, sondern ein gut-kollegiales, fast freundschaftliches. Der Willi war ein toller Kumpel und ein sehr positiver Typ.“ Dass Horst Bertram seinerzeit so konstant und zuverlässig Topleistungen ablieferte, lag ebenfalls nicht zuletzt an seinem Kollegen, der 1974 von Teutonia Münster gekommen war und 1976 zu SuS Hüsten ins Sauerland weiterzog. „Willi Brock hat mich motiviert, angespornt und im Training angetrieben“, sagt Bertram. „Er war als Torwart so gut, dass ich wusste: Bringe ich meine Leistung nicht, wird er mir sehr schnell den Rang streitig machen.“

Anders als Brock war Zoltan Varga eine schillernde Figur. Beim BVB und darüber hinaus in der Fußball-Welt. Ein Mann mit außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten und einer mindestens so außergewöhnlichen Biographie.

Varga, an Neujahr 1945 in Ungarn geboren, spielt als Jugendlicher und Jungprofi für Ferencvaros Budapest. 1964 gewinnt er mit der ungarischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille. Vier Jahre später setzt Varga sich während einer Länderspielreise in Mexiko von der Mannschaft ab. Wir schreiben die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Der Fußballstar wird in der Heimat wegen Republikflucht zum Tode verurteilt. Der Fußball-Weltverband FIFA belegt ihn mit einer Sperre. Über Standard Lüttich, Hertha BSC – wo er in den Bundesliga-Skandal verwickelt war und erneut gesperrt wurde –, den FC Aberdeen und Ajax Amsterdam kommt er 1974 im Alter von bereits 29 Jahren zu Borussia Dortmund.

In zwei Spielzeiten bestreitet Zoltan Varga 53 Meisterschaftsspiele für den BVB, in denen er zehn Tore erzielt – und doch ist er vielen Fans tiefer in Erinnerung geblieben als andere Spieler, die weit mehr Einsätze absolviert haben. Horst Bertram weiß, warum das so ist: „Zoltan spielte in seiner eigenen Liga. Er war ein überragender Techniker und ein mit allen Wassern gewaschenes Schlitzohr.“ Das Problem, das die Mannschaft gelegentlich hatte: Sie war der Genialität seiner Ideen nicht immer gewachsen. Jedenfalls nicht in Echtzeit. „Zoltan war vermutlich auch der Erfinder des No-Look-Passes“, erinnert sich Bertram. „Er konnte mit dem Ball die unglaublichsten Dinge anstellen. Ein Typ zwischen Genie und Wahnsin“, der (Konditions-)Training und Defensivarbeit ungefähr so sehr mochte wie Zahnschmerzen.

So extrovertiert Varga auf dem Platz agierte, so introvertiert war er als Mensch. Zu Otto Rehagel, der den BVB vor den Aufstiegsspielen übernahm, fand er so recht keinen Draht. Das Hinspiel beim 1. FC Nürnberg erlebte er 90 Minuten lang von der Bank aus; im Rückspiel wurde er nach 35 Minuten eingewechselt, weil Peter Geyer nach einem Zusammenprall bemnommen vom Feld musste und das Spielende im Krankenhaus erlebte. Den großen Anteil, den Varga am Aufschwung und Wiederaufstieg der Borussia hatte, schmälert das aber nicht. Im April 2010 brach der Ungar in der Halbzeit eines Traditionsspiels in Budapest zusammen und stirbt. Er wurde 65 Jahre alt.

Als Gerd Kasperski über ETB Schwarz-Weiß Essen und Hannover 96 zum BVB kommt, tritt er in große Fußstapfen. Sein Vater Edmond, genannt „Ede“, hatte von 1945 bis 1953 für Borussia Dortmund gespielt. Er war 1949 Mitglied jener Mannschaft, die erstmals ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreichte (2:3 n.V. gegen den VfR Mannheim). Jener Mannschaft, die dem FC Schalke 04 den rang als Nr. 1 im Revier ablief.

Gerd Kasperski, sagt Horst Bertram, „war ein bulliger Spielertyp mit einem extrem starken Kopfballspiel und einem Mordschuss“. Einer, der mit dem Ball am Fuß gerne aus der zweiten Linie vorstieß und in den Strafraum durchbrach. 15 Tore steuerte er bei 29 Einsätzen in der Saison 1975/76 zum Wiederaufstieg bei und war damit ein maßgeblicher Faktor bei der Rückkehr der Schwarzgelben ins Oberhaus. Dort kam Kasperski nur viermal zum Einsatz – und wechselte schließlich für eine Ablösesumme in Höhe von 140.000 D-Mark in die Niederlande zum FC Zwolle.

Für Horst Bertram war Gerd Kasperski vor allem ein guter Freund. In der Traditionsmannschaft und auch später im Privatleben hielten sie engen Kontakt. Der Schock saß daher tief, als Bertram im März 2008 erfuhr, dass der frühere Teamkollege nach einem Spaziergang zu Hause einen Herzinfarkt erlitten hatte. Gerd Kasperski wurde nur 58 Jahre alt. Das Andenken an ihn, an Zoltan Varga und an Willi Brock aber lebt weiter in den Herzen der Fans von Borussia Dortmund.

Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Borussias zweite Gelbe Wand

Schon vor der Südtribüne türmt sich eine Mauer auf: Papa Sokratis! Doch der große Grieche hat auch eine nachdenkliche Seite . . .

Lange, sehr lange hatte er den Ärger in sich hineingefressen. Kurz vor Ablauf der Verlängerung im DFB-Pokal-Krimi gegen Hertha BSC platzte dem Papa dann der Kragen. Aus Verärgerung über die Zeitschinderei der Berliner holte er sich erst Gelb ab. Und weil er sich einfach nicht beruhigen konnte, gab’s Gelb-Rot gleich obendrauf. „Ich kann mich an wenige Platzverweise erinnern, die unnötiger waren“, befand Trainer Thomas Tuchel. Verständlicherweise! Und doch machte Sokratis Papastathopoulos mit dieser Szene einen weiteren Schritt in Richtung „Unsterblichkeit“. Denn genau für diese Emotionen und diese Authentizität lieben ihn die Fans. Papa ist, keine Frage, auf dem besten Weg zum nächsten Dortmunder Kult-Spieler.

„Klar“, sagt Sokratis mit ein wenig Abstand, „in der Situation habe ich überreagiert. Das darf gerade mir als erfahrenem Spieler nicht passieren.“ Andererseits: „In der Bundesliga gibt es Spieltag für Spieltag schlimmere Vergehen, die nicht einmal mit Gelb bestraft werden.“ Was er nicht sagt: Hätte Schiedsrichter Deniz Aytekin in dieser 118. Minute ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gehabt, wäre Papa mit einer Verwarnung zuzüglich einer letzten Ermahnung davongekommen . . .

Was den eigentlich so ruhigen, beherrschten, manchmal regelrecht unterkühlt wirkenden Griechen überhaupt so aufgeregt hat: „Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich Fußball spielen. Hertha aber wollte das Spiel nur unterbrechen. Die Nettospielzeit in der Verlängerung betrug fünf oder sechs Minuten. So etwas geht mir auf die Nerven! Und irgendwann muss es dann raus!“

Fußball spielen will er also. Fußball arbeiten meint er. Fußball kämpfen. Sokratis ist der Typ Spieler, der dafür nicht viel braucht. Eine Wiese. Einen Ball. Und zwei Tore. Die Tore braucht er aber nicht, um den Ball hinein zu schießen. Er braucht sie als Orientierung. Um den Gegenspieler fern zu halten. Wo ein Tor steht, da darf der Gegner nicht hin. So einfach ist Papa-Fußball.

Und Papa-Fußball ist Männerfußball. Kompromisslos interpretiert er seinen Sport. Seit Sokratis beim BVB spielt, seit 2013 also, gibt es im Signal Iduna Park zwei Gelbe Wände. Die eine ist aus Beton. Auf ihr finden 25.000 und ein paar Menschen Platz. Die Gegner fürchten diese Wand, weil sie furchterregend laut werden und die Energie eines ganzen Kraftwerks auf ihre schwarzgelbe Mannschaft übertragen kann. Die andere Wand ist aus Fleisch und Blut. Sie trägt die Rückennummer 25. Sie heißt Papa Sokratis, und die Gegner fürchten sie, weil es weh tun kann, gegen diese Wand zu laufen.

Mag sein, in vielen anderen Vereinen wäre Sokratis einfach Sokratis. Bei Borussia, wo Innenverteidiger – früher: Manndecker – stets einen ganz besonderen Status genossen haben, ist das anders. „Abräumen“ war in Dortmund schon immer ein Qualitätsmerkmal. Wolfgang „Stopper“ Paul war ein Abräumer, Julio Cesar ebenfalls – wenn auch ein technisch versierter. Jürgen Kohler stieg als Abräumer zum „Fußball-Gott“ auf. Und nun also Papa Sokratis. Einer, den die Fans irgendwann einmal mit Ovationen verabschieden werden. Und jedes Jahr, das er länger beim BVB bleibt, wird die Ovationen um mehrere Minuten verlängern. Dabei beruht die Begeisterung auf Gegenseitigkeit. „Ich fühle mich in Dortmund total wohl“, versichert Papa. Der Verein ist großartig, die Fans sind großartig. Ich habe hier alles, was ich brauche, um glücklich zu sein.“ Wenn jetzt noch der eine oder andere Titel hinzu kommt . . .

„Erfolg ist natürlich eine wichtige Komponente“, sagt Sokratis. „Und Titel sind letztlich der Lohn für all die Anstrengungen. Sie sind der Nachweis dafür, dass du als Sportler etwas erreicht hast.“ Seinem Arbeitgeber attestiert er nach dem personellen Umbruch dank einer Vielzahl hochtalentierter Spieler „herausragend gute“ Zukunftsperspektiven. Und für sich selbst hat er aus der Verjüngungskur im Kader eine zusätzliche Aufgabe definiert, die mit einem veränderten Rollenverständnis einhergeht: der „Papa“ als Papa-Ersatz.

„Ich war ja selbst noch ein Kind, als ich für den Fußball von zu Hause weggegangen bin. Mit 20 bin ich ins Ausland gewechselt. Ich weiß also, wie unsere jungen Talente sich fühlen. Deshalb suche ich die Nähe zu ihnen und versuche, ihnen zu helfen. Im Laufe meiner Karriere habe ich bei einem halben Dutzend Klubs gespielt, hatte mehr als Dutzend Trainer und wahrscheinlich um die 150 Teamkollegen. Das bedeutet in Summe einen ziemlichen Erfahrungsschatz, den ich gerne weitergeben möchte.“

Erfolge also sind Sokratis‘ Maßstab – Geld ist es eher nicht. Dass man als Fußballer viel Geld verdient, sagt er, sei ein Privileg. „Es ist für mich aber nicht das Wichtigste. Die Wertschätzung, die ich hier in Dortmund erfahre, bedeutet mir sehr viel mehr. Sie erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit. Deshalb wird Dortmund immer in meinem Herzen sein. In einem Punkt dürfen sich alle absolut sicher sein: Sollte ich den BVB irgendwann verlassen, wird Geld dabei keine Rolle spielen. Dann wird es allein um Herausforderung und Erfolg gehen.“

29 Jahre wird Papa Sokratis am Ende dieser Saison alt sein. Vier, fünf Jahre auf Top-Niveau sind dann immer noch drin. Und danach? „Mit 34, spätestens mit 35 ist Schluss. Definitiv werde ich dann nach Griechenland zurückkehren. Meine Familie und meine Heimat fehlen mir. Ich werde erst einmal eine Auszeit einlegen, relaxen, die Zeit mit Freunden genießen. Vielleicht kehre ich danach in den Fußball zurück – aber definitiv nicht als Trainer.“ Warum nicht? – „Als Trainer musst du den ganzen Tag über kommunizieren. Mit 25 oder 30 Spielern, mit der Klubführung, mit den Medien. Das ist der eine Grund. Der andere: Trainer machen zwangsläufig immer auch Spieler unglücklich. Und Menschen unglücklich machen – sorry, das kann ich einfach nicht!“

Der Papa spricht nicht viel – dafür aber vier Sprachen

Er ist kein Mann der vielen Worte. Sprache setzt Papa Sokratis – sagen wir mal: ökonomisch ein. So, als hätte er nur ein begrenztes Kontingent an Buchstaben zur Verfügung, um Wörter und Sätze daraus zu bilden. Dabei ist der „Schweiger“ ein echtes Sprachtalent. Neben seiner Muttersprache Griechisch spricht er ziemlich gut Englisch und viel besser Deutsch, als er’s erkennen lässt. Wenn das ein Trick ist, um Reporter-Mikrofonen gelegentlich aus dem Weg gehen zu können, funktioniert er perfekt.

Italienisch gehört außerdem zu Papas Repertoire – und zwar fließend. Der Grund: Im Alter von 20 Jahren wechselte Papa im Sommer 2008 von AEK Athen, wo er wenige Monate zuvor jüngster Kapitän der Klubgeschichte geworden war, zu CFC Genua in die Serie A. Drei Jahre lang spielte er in Italien, wurde 2010 mit dem AC Mailand sogar Meister – kam dabei über den Status des Ergänzungsspielers aber nicht hinaus. Statt nach Genua zurückzukehren, entschied sich der junge Grieche für Deutschland. Über Werder Bremen kam er 2013 schließlich zu Borussia Dortmund. Sein Vertrag beim BVB läuft bis zum 30. Juni 2019. Dann ist er 31 – bestes Verteidigeralter.

Als Messi in Papas Schatten verschwand

Wenn sich ein Hüne wie Papa Sokratis vor einem Zwerg wie Lionel Messi aufbaut, kann sich der Kleine im Schatten des Großen prima verstecken. Bei der WM 2010 in Südafrika kam es genau zu dieser Konstellation. Griechenland traf im letzten Gruppenspiel auf Argentinien. Trainer Otto Rehagel hatte sich in den Kopf gesetzt, ein 0:0 zu ermauern und auf nigerianische Schützenhilfe gegen Südkorea zu hoffen.

Mit der Aufgabe, den damals noch jungen Weltstar Lionel Messi auszuschalten, betraute „Rehhakles“ den damals noch jüngeren Sokratis Papastathopoulos. Und der machte seine Sache so brillant, dass Messi über weite Strecken der Partie unsichtbar blieb. 77 Minuten lang ging die Rechnung auf. Dann trafen Demichelis und Palermo doch noch zum 2:0 für die Südamerikaner.

Seinen größten internationalen Erfolg feierte Papa Sokratis übrigens bei der U19-EM 2007. Als Kapitän führte er das griechische Team bis ins Finale gegen Spanien (0:1). Dabei schaltete Griechenland im Halbfinale die DFB-Auswahl (u.a. mit Höwedes, J. Boateng, Özil) mit 3:2 aus. Gemeinsam mit Sotirios Ninis und Konstantinos Mitroglou wurde Papa ins All-Star-Team gewählt. Jener Mitroglou, der jetzt bei Benfica Lissabon spielt und im Hinspiel des CL-Achtelfinales das einzige Tor erzielte – gegen den BVB. Und gegen Papa.

 

Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!

Mario Götze: Zurückgekommen, um voran zu gehen!

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(Text für „ECHT“, Ausgabe 113)

Warschau. Mittwoch, 14. September. Der polnische Meister Legia empfängt am 1. Spieltag der Champions-League-Saison 2016/17 den deutschen Vizemeister Borussia Dortmund. Es läuft die siebte Spielminute. Ousmane Dembélé flankt den Ball vom linken Flügel zentral vor das Tor. Zwischen Guilherme und Vadis Odjidja-Ofoe schraubt sich Mario Götze in die Höhe. Der Dortmunder platziert den Kopfball zum 1:0 flach ins linke Eck. Götze dreht ab, läuft Arm in Arm mit Christian Pulisic in Richtung BVB-Fankurve, die Arme ausgebreitet, die rechte Hand zur Faust geballt, im Gesicht ein Strahlen wie aus einer Zahnpasta-Werbung. In derselben Sekunde läuft die Echtzeitmaschinerie der Online-Medien und Social-Media-Kanäle an. Götzes zwölftes Champions-League Tor. Das erste mit dem Kopf. Sein erster CL-Treffer für den BVB seit dem 2:0 gegen Donezk am 5. März 2013. Sein erstes Tor überhaupt für den BVB seit dem Doppelpack in Fürth vor exakt 1250 Tagen. Was man halt so wissen muss. ZDF-Reporter Boris Büchler möchte nach dem Spiel von Mario Götze wissen: „Auch ein Tor gegen die Kritiker?“ – „Nein, nein“, winkt der 24-Jährige amüsiert und lässig ab. „Ein Tor für die Mannschaft, für den Verein, für einen guten Start in die Champions-League. Das ist mir definitiv wichtiger!“

Zwei Tage zuvor in Hörde. Wir treffen Mario Götze am Phönix-See, einem der Vorzeigeprojekte für gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet. „Wahnsinn, was hier in den letzten drei Jahren entstanden ist“, sagt er mit staunendem Blick. Und meint: In den drei Jahren, in denen er nicht in Dortmund war. Als er 2013 ging, war der Phoenix-See schon ein See – aber drumherum war noch nicht viel. Lehmberge, Schotter und Schlammpfützen vornehmlich, dazwischen Bagger und Baukräne. Inzwischen ist hier ein attraktives Wohn-, Büro- und Naherholungsgebiet entstanden; mit Hafen, Bootsanleger, Uferpromenade und Gastronomie. Und immer noch wird weiter gebaut.

 

Ein bisschen ist es am Phoenix-See wie bei der Borussia. Auch die ist im Spätsommer 2016 „under construction“. Eine Baustelle. Die zentrale Achse hat den Klub verlassen. Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henryk Mkhitaryan sind Geschichte. Acht neue Spieler sind zum Kader von Trainer Thomas Tuchel gestoßen – allesamt mit großer Perspektive. Sie sind die Zukunft des BVB, so, wie der Phoenix-See die Zukunft Dortmunds ist. Und Mario Götze ist einer von ihnen. Der spektakulärste wahrscheinlich. Denn was ihn von den anderen sieben Neuzugängen unterscheidet: Götze ist auch ein Stück schwarzgelbe Vergangenheit. Ein starkes Stück. Meister 2011. Double-Sieger 2012. Aber darüber wollen wir heute gar nicht reden. Sondern über die Zukunft. Seine eigene und die des vielleicht spannendsten Projektes im europäischen Fußball – wie einige Experten den BVB 2016/17 nennen.

 

Mal angenommen, Mario, wir treffen uns in zehn Jahren wieder hier. Im September 2026. Du bist 34 Jahre alt, hast gerade Deine Laufbahn beendet – was sollen die Menschen über Dich sagen, was die Medien über Dich berichten?

 

Götze grübelt einen Moment. Aber nicht sehr lange. „Dass ich durch und durch ein professioneller Fußballer war. Ein gewissenhafter Sportler, der immer alles gegeben und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hat.“ Und klar, ein paar Titel sollen in der Aufzählung über seine Erfolge auch noch hinzukommen. „Dafür machst du letztlich Sport. Du willst gewinnen, jedes einzelne Spiel und am Ende der Saison natürlich die wichtigen.“ Die, in denen es um Schalen und um Pokale geht.

 

Aber Mario Götze wünscht sich durchaus mehr. Er wünscht sich, dass die Menschen ihn „als starke Persönlichkeit“ wahrnehmen und respektieren. Als jemand, „der Verantwortung übernimmt und vorweg geht“. Und in der Tat wirkt er, während wir um den Phoenix-See spazieren, über Dortmund, den Strukturwande, Fußball, das Leben und die Zukunft plaudern, nicht wie jemand, der erst noch erwachsen werden muss. Er ist es. Ein junger Mann, der denkt, bevor er redet – und der dann auch was zu sagen hat. Etwa über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

 

„Ich bin mit 17 Jahren ins kalte Wasser geworfen worden, habe in sehr jungen Jahren sehr schnell sehr viel erlebt.“ Vor allem aber steht er seit sieben Jahren unter Dauer-Beobachtung. So intensiv bisweilen, dass Thomas Tuchel sich unlängst den Hinweis erlaubte, da würden „Grenzen überschritten“. Man merke ja, „wie Mario immer wieder unter das Brennglas gelegt wird. Das tut nicht nur alles gut. Das beschäftigt einen Menschen. Niemand von uns kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt“. Niemand außer Götze selbst. Der sagt: „Jeder bildet sich seine Meinung über mich und darf sie öffentlich verbreiten.“ Als Vorwurf will er das aber gar nicht verstanden wissen. „Manchmal ist es anstrengend, manchmal auch ärgerlich, aber im Grunde ist es okay, denn man wächst ja auch an der Auseinandersetzung mit Kritik. Entscheidend ist doch, dass man solche Erfahrungen richtig ummünzt.“

 

Wir sind inzwischen auf der Kulturinsel am Kai angekommen. Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel. Bei diesem Wetter ist der Phoenix-See Dortmunds „Place to be“. Dutzende Radfahrer, Jogger und Inine-Skater sind unterwegs. Spaziergänger drehen sich um und tuscheln: „Guck mal, das ist doch Mario Götze!“ Einige trauen sich, ihn anzusprechen. Ein Vater, der seine kleine Tochter Huckepack trägt, bittet um ein Selfie mit dem BVB-Star. Ein behinderter Junge fährt mit dem Elektro-Rollstuhl auf ihn zu und sagt schüchtern: „Herr Götze, ich habe heute Geburtstag und wollte mal fragen, ob Sie Zeit für ein Foto hätten.“ Eigentlich hat er die nicht, die Zeit, denn wir brauchen noch Fotomotive für die Story, in 40 Minuten ist schon wieder Training, und für die Fahrt vom Phoenix-See nach Brackel muss man um diese Uhrzeit locker 20 Minuten einkalkulieren. Und doch nimmt er sie sich, die Zeit. Hat für jeden ein Lächeln, ein nettes Wort, erfüllt die Wünsche der Fans gerne.

 

Apropos Fans: Auch diesem Thema weicht Mario Götze nicht aus. Der BVB-Anhang war sauer, als der Jungstar den Klub 2013 verließ. Stinksauer. Schließlich war er das Gesicht des bezaubernden Vollgasfußballs. Die Projektionsfläche für schwarzgelbe Fußball-Träume. Der mit dem Ball tanzte. Die außergewöhnlich heftige Ablehnung, die Götze nach seinem Wechsel von einem Teil der Anhängerschaft entgegenschlug, war letztlich nichts anderes als Ausdruck der außergewöhnlichen Zuneigung, die er zuvor genossen hatte. Enttäuschte Liebe ruft die krassesten Emotionen hervor.

 

„Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Fans sauer waren“, sagt er. Und ja, natürlich habe er in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr das eine oder andere Mal „ein mulmiges Gefühl“ gehabt, weil er nicht einzuschätzen wusste, wie die Anhänger reagieren würden. „Ich konnte ja nicht im Ernst erwarten, dass mich alle mit offenen Armen aufnehmen würden.“ Inzwischen aber, sagt Götze, habe sich das mulmige Gefühl gelegt. Er hat Schritte auf die Fans zu gemacht. Und es sieht sehr danach aus, als bekomme er die faire Chance, die er sich erhofft hat.

 

Alles Weitere, das weiß er, liegt bei ihm. Er möchte die Zuneigung der Zuschauer durch Leistung zurückgewinnen. Möchte Integrationsfigur sein, gerade auch für die vielen jungen und neuen Spieler. Möchte das Vertrauen der Verantwortlichen rechtfertigen und weiter lernen. Von Thomas Tuchel und seinem Trainerstab, die „den Fußball so ganzheitlich verstehen, wie ich das überhaupt noch nie erlebt habe“. Taktik, Training, Ernährung, Sportwissenschaft, Psychologie – nichts werde dem Zufall überlassen. „Im Ernst“, sagt der Rückkehrer, „da ist so viel Professionalität im Spiel, dass das zwangsläufig zum Erfolg führen m u s s!“

 

Mit ihm, Mario Götze, als einer der Schlüsselfiguren.

 

Mario Götze. Zur Person.

Mario Götze wurde am 3. Juni 1992 in Memmingen (Allgäu) geboren. Über den Umweg Houston (Texas) kam er als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Dortmund. Götze spielte in der Jugend zunächst beim Hombrucher FV, ehe er in die Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund wechselte. Mit der U17-Nationlmannschaft wurde er 2009 Europameister, erhielt 2009 und 2010 jeweils die Fritz-Walter-Plakette in Gold für den besten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Noch mit 17 Jahren debütierte Mario Götze unter Trainer Jürgen Klopp in der Bundesliga. Bis heute hat er für den BVB und den FC Bayern München 157 BL-Spiele absolviert und dabei 44 Tore erzielt. Hinzu kommen 58 Länderspiele (14 Tore), 44 Champions-League- (11 Tore), 4 Europa-League- (2 Tore) und 18 DFB-Pokal-Einsätze (9 Tore). Götzes Titelsammlung umfasst u.a. 5 Deutsche Meisterschaften, 3 DFB-Pokalsiege sowie den Gewinn des UEFA-Supercups und der FIFA-Klub-WM. 2014 schoss Mario Götze Deutschland im WM-Finale gegen Argentinien zum Titel. Seither steht er in einer Reihe mit Legenden wie Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme, Zinedine Zidane, Ronaldo und Andres Iniesta, die ebenfalls „Game-winning goals“ in WM-Endspielen erzielten.

Mario Götze über . . . Heimat . . .

„Mit dem Heimatbegriff ist das so eine Sache. Fußballprofis sind ja fast das ganze Jahr unterwegs. Trainingslager, Asientour, Auswärtsspiele in der Bundesliga, Europapokal-Reisen, Reisen mit der Nationalmannschaft. Wirklich zu Hause bist du nur an ein paar Tagen im Jahr. Dann habe ich noch Großeltern im Allgäu, mein Bruder Felix spielt in München. Und doch ist Dortmund für mich der Ort, der mir am vertrautesten ist. Ich habe 16 meiner 24 Jahre hier in Dortmund verbracht, bin hier zur Schule gegangen, kenne hier mehr Menschen als irgendwo sonst. Der alles entscheidende Punkt aber ist: Ich fühle mich hier sehr wohl!“

Mario Götze. Unter Freunden.

Sepp Herberger. Der Geist von Spiez. „Elf Freunde müsst ihr sein!“ Fußball-Romantik anno 1954 – und ein Erfolgsrezept bis heute. Rosige Aussichten also für den BVB. Denn Mario Götze und Andre Schürrle sind gut befreundet. Götze und Marco Reus auch. Unvergessen, die Szene nach dem WM-Endspiel, als der Finaltorschütze das Trikot des verletzten Teamkollegen in die Kamera hielt. Reus wiederum scherzt gerne mit Pierre-Emerick Aubameyang, der hat Ousmane Dembele unter seine Fittiche genommen. Und so weiter… – „Das Teamgefüge passt. Wir unternehmen schon jetzt viel miteinander“, sagt Mario Götze. „Und das wird bestimmt noch mehr werden.“

 

Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“