Drei Gründe, warum Ousmane Dembélé in Dortmund bleiben sollte

(Foto: Screenshot BVB-App)

Heute Abend also beginnt sie, die Fußball-Bundesliga-Saison 2017/18. Es ist die 55. seit der Premiere 1963/64. 55 – das ist eine Schnapszahl, und genau so gebärdet sich der Fußball derzeit auch: Als hätte er zu tief ins Schnapsglas geschaut. Als hätte er sich beim Komasaufen den letzten Rest von Anstand und Moral weggeschossen und taumele nun im dichten Promille-Nebel Richtung Abgrund. Glaubt man Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef des ruhmreichen FC Bayern, dann „fiebert die ganze Welt“ dem Auftaktduell zwischen seinen Münchnern und dem TSV Bayer 04 Leverkusen seit Tagen entgegen.

Nun ist Rummenigge zwar ziemlich nervig, aber nicht blöd. Daher weiß er selbst am besten, dass das schon deshalb Unfug ist, weil spätestens außerhalb Europas jeder fragt: „Bayer 04 . . . W-E-R?“ Vor allem aber ist es Unfug, weil die Fußballwelt auch heute, wie schon seit 14 Tagen, von nichts anderem spricht als von Neymars 222-Millionen-Euro-Wechsel und von dem, was dieser Irrsinns-Transfer in der Folge bereits ausgelöst hat bzw. mittel- und langfristig auslösen wird. Dieser Wechsel vom FC Barcelona, einem Klub, so groß und großartig, dass ihn eigentlich kein Spieler dieser Welt freiwillig verlassen sollte, zu Paris St. Germain, einem Klub, der mit katarischen Schurken-Milliarden künstlich zur Nummer eins in Europa und in der Welt hochgezüchtet werden soll. Ein weiteres Spielzeug in den Händen eines großen Kindes, das nicht weiß, wohin mit seinem ganzen Geld – wie City und United, wie Chelsea und Rasendingsbums Leipzig.

Worüber die Fußballwelt wirklich redet, ist nicht Bayern gegen Bayer, ein Spiel, das seine Spannung allein aus der Frage nach der Höhe des Bayern-Sieges bezieht. Sie redet vielmehr über Philippe Coutinho vom FC Liverpool und über Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Zwei Spieler, die Barca ins Visier genommen hat, um den Neymar-Verlust halbwegs zu kompensieren – und die nun schon seit zwei Wochen durch abenteuerliche Zickereien versuchen, ihren Wechsel zu forcieren. Die allerdings bei ihren aktuellen Arbeitgebern auf Granit beißen.

Unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe – bei der Bundeswehr wären längst die Feldjäger ausgerückt. Tagelanges Abtauchen. Gesprächsverweigerung. Trainingsboykott. Was Dembélé derzeit in Dortmund abzieht, spottet jeder Beschreibung. Und da hilft der verständnisvolle Hinweis, dass der Junge ja erst 20 Jahre alt ist und nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern auf Geheiß seines in der Branche hinlänglich für seine Eskapaden bekannten Agenten Moussa Sissoko, nur bedingt. „Agent“ ist übrigens eine passende Bezeichnung, denn Sissoko verfügt über die „Lizenz zum Nervtöten“.

Würde Dembélés Verhandlungsführer so etwas wie Verantwortungsbewusstsein haben und es ihm womöglich gar um eine weitsichtige Karriereplanung für seinen Schützling gehen, so hätte er ihm dringend dazu raten müssen, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben. Tatsächlich geht’s den Sissokos dieser Fußballwelt aber allein um Kohle, Zaster, Knatter, Moneten und Pinunsen – und dabei lassen sie gerne auch mal völlig außer Acht, dass sie dieselbe Summe oder sogar eine noch höhere und damit genau soviel oder sogar noch mehr Provision auch im nächsten Sommer bekommen würden. Dann, wenn Dembélé seiner ersten bemerkenswerten Saison als Bundesliga-Rookie eine zweite starke Spielzeit hätte folgen lassen und mit Frankreich womöglich auch noch eine erfolgreiche WM gespielt hätte. Aber lassen wir das . ..

Hier die drei Gründe, warum es für Ousmane Dembélé gut ist, dass er noch ein Jahr in Dortmund bleibt oder besser gewesen wäre, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben – je nachdem, wie dieses unwürdige Geschachere nun ausgeht.

Grund 1: Beim BVB kann Dembélé reifen

Keine Frage, der gerade 20-jährige Franzose ist schon heute ein außergewöhnlicher Fußballspieler. Einer, der mit Ball und Gegner tanzt. Der den berühmten Unterschied macht. Das hat er in seiner Dortmunder Premierensaison wiederholt auf spektakulärste Art und Weise bewiesen. Am nachhaltigsten wohl durch seinen 3:2-Siegtreffer im DFB-Pokal-Halbfinale beim FC Bayern München und durch sein Führungstor im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Dembélé hat zweifellos das Zeug dazu, in den nächsten Jahren zu einem der prägenden Fußballer zu werden. Bedenkt man, dass Lionel Messi und Cristiano Ronaldo nicht mehr die Jüngsten sind, gehört er sogar zum Kreise derer, die in Zukunft Weltfußballer werden können. Aber: Noch macht Ousmane Dembélé Fehler. Im Dribbling rennt er sich bisweilen fest, verpasst den richtigen Moment für das Abspiel auf den besser postierten Nebenmann, ist extrem fixiert auf seinen Kumpel Pierre-Emerick Aubameyang, schaltet nach Ballverlusten manchmal nicht schnell genug in den Rückwärtsgang um. Diese Fehler sind kein Drama. Sie sind Ausdruck fehlender Reife und damit völlig normal für einen 20-Jährigen. Entscheidend ist: In Dortmund verzeiht man ihm diese Fehler. Aber in Barcelona? In Dortmund kann er lernen. In Barcelona muss er funktionieren.

Grund 2: Bei Barca wäre Dembélé nicht Dembélé, sondern der Neymar-Ersatz

Lionel Messi – Luis Suarez – Neymar: Die offensive Dreierreihe des FC Barcelona war gefürchtet wie kaum eine andere auf der Welt. Allein Bale – Benzema – Ronaldo oder Ribery – Lewandowski – Robben erreichen in Topform ein vergleichbares Niveau. Nun ist Neymar weg. Und wen auch immer die Katalanen verpflichten, um die Lücke zu schließen, die der Brasilianer reißt: Er ist der Neymar-Ersatz. Er wird mit Neymar verglichen werden. Das kann man ungerecht nennen. Ändert aber nix. Und als wäre es nicht ohnehin schon schwer genug, in diese riesigen Fußstapfen zu treten, ist es für einen 20-jährigen, charakterlich labilen und tendenziell falsch-beratenen Newcomer umso schwerer. Neymar hat, obwohl selbst noch jung, schon einige Jahre in Folge seine Weltklasse nachgewiesen, hat Tiefschläge – wie die schwere Verletzung bei der WM 2014 im eigenen Land – verkraften müssen, hat sie weggesteckt, sich durchgeschüttelt. Neymar ist als Fußballer ein Mann, Dembélé ein Männchen. Welpenschutz aber wird er in Barcelona nicht genießen.

Grund 3: Pierre-Emerick Aubameyang, sein Buddie

In Dortmund war Pierre-Emerick Aubameyang vom ersten Tag an die Bezugsperson für Ousmane Dembélé. Der positiv-durchgeknallte, dabei jederzeit professionell arbeitende Gabuner spricht die gleiche Sprache. Er hat sich der damals noch 19-jährigen Ausnahmetalentes angenommen, ihn in die Mannschaft eingeführt, ihm den Wechwsel aus Frankreich nach Deutschland leicht gemacht. Aubameyang und Dembélédas ist die perfekte Symbiose. Beide profitieren auf dem Spielfeld enorm voneinander. Aubameyang wurde auch deshalb Torschützenkönig, weil Dembélé ihm viele Treffer mustergültig auflegte. Und Dembélés Stern strahlte auch deshalb gleich im ersten Jahr so hell, weil Auba seine fußballerischen Geistesblitze veredelte. In Barcelona gibt es ausnahmslos hell strahlende Sterne. Der Himmel über Camp Nou glitzert und kunkelt schon heute so hell, dass es gar nicht auffällt, ob da noch ein Sternchen mehr hinzu kommt. Es droht vielmehr die Gefahr, als Sternschnuppe vom Himmel zu fallen und zu verglühen.

Ganz gleich, wie das Transfer-Hickhack auch ausgeht: Wer den Fußball liebt, muss hoffen, dass Ousmane Dembélé sein Glück findet. Denn ihm zuzuschauen, gehört zum Großartigsten, was dieser Sport derzeit zu bieten hat. Ob Dembélé, wenn der Wechsel scheitert, dem BVB noch zuzumuten wäre – und zwar der Mannschaft wie auch den Fans – hängt wesentlich von Dembélé selbst ab. Er bräuchte dann wahrscheinlich mal jemanden, der ihn tatsächlich BERÄT. Dass er weiter schmollt und sich ein halbes oder ganzes Jahr trotzig auf der Tribüne verkrümelt, ist auszuschließen. Die Saison 2017/18 ist eine Weltmeisterschafts-Saison. Bei der WM 2018 in Russland ist der Franzose 21 Jahre alt. Es ist das Turnier, bei dem er erstmals eine Hauptrolle auf der Weltbühne des Sports spielen kann. So viele Gelegenheiten dazu bietet eine Laufbahn nicht. Andererseits: Die französische Nationalmannschaft ist gerade in der Offensive so unfassbar gut besetzt, dass es für eine zickige Diva mit dem Ruf, ein Egoist und kein Mannschaftsspieler zu sein, schwierig werden könnte, überhaupt nominiert zu werden.

Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

Shinji Kagawa: Sein Traum-Tor ist das Brandenburger

Ein Japaner vor dem Brandenburger Tor!

Zugegeben, das klingt weder nach „Breaking News“ noch nach der ganz großen Geschichte, weil japanische Touristengruppen längst zum Berliner Wahrzeichen gehören wie der Florianturm zu Dortmund. Fast ist man geneigt, zu sagen:  K e i n  Japaner vor dem Brandenburger Tor – das wäre mal ‘ne Nachricht. Auf den folgenden Seiten beweisen wir das Gegenteil. Doch der Reihe nach.

Zunächst zurück vom Pariser Platz in 10117 Berlin zur Strobelallee in 44139 Dortmund. Wir stehen in der TV-Box im Nordwesten des Signal Iduna Parks. Diese kleine Kiste mit dem großen Panoramafenster, durch das der Blick auf die gigantische Südtribüne fällt. Die Gelbe Wand ist heute leer – sieht man von einer Handvoll Arbeitern ab, die Tätigkeiten nachgehen, deren Zweck sich aus 120 Metern Entfernung nicht erschließt. Dafür ist die TV-Box rappelvoll. Gefühlt: 20 Leute auf 12 Quadratmetern. Ganz großes Gewusel! Mittendrin statt nur dabei: Shinji Kagawa und Jumpei Yamamori, sein Längst-viel-mehr-als-nur-ein-Dolmetscher. Gerade eben hat Kagawa mit Norbert Dickel für BVB total! das „Feiertagsmagazin“ zum Augsburg-Spiel abgedreht. Offen blieb dabei allein die Frage, wer von beiden mehr Spaß an dem launigen Talk hatte – oder um es mit Marius Müller-Westernhagen zu sagen: „…es wurde viel gelacht!“

Aber nun komme ich und zeige Shinji dieses Foto – und was soll ich sagen, lieber Nobby, das Strahlen auf dem Gesicht des kleinen Japaners wird noch ein wenig breiter als es in Deiner Sendung war. Wären die Studio-Scheinwerfer nicht ohnehin eingeschaltet, Kagawas Gesicht würde die TV-Box locker ausleuchten.

Das Foto, das ihm solche Freude bereitet, zeigt: Einen jungen Japaner vor dem Brandenburger Tor. Es ist Nacht, das historische Gebäude wirkt im warmen Schein der Flutlichtstrahler noch ein wenig Erhabener als ohnehin. Der junge Japaner trägt ein hellgrau-weiß gestreiftes Hemd unter dem schwarzen Sakko und ein breites, sehr zufriedenes Lächeln im Gesicht. Doch er trägt noch viel mehr: den 5,7 Kilogramm leichten DFB-Pokal im rechten und die 11 Kilogramm schwere DFB-Meisterschale im linken Arm. Der junge Mann ist der 23-jährige Shinji Kagawa – oder wie man hier in Dortmund sagt: Kaaagaaawaaa Shinjiiie! Dribbelkönig, Spielgestalter, Vollstrecker, Senkrechtstarter, Emporkömmling, Publikumsliebling.

Wenige Stunden, bevor dieses Foto entstand, hatte Shinji Kagawa mit Borussia Dortmund den FC Bayern München aus einer anderen Berliner Sehenswürdigkeit geballert: dem Olympiastadion. 5:2 hieß es nach 90 Minuten. Zum ersten Mal in der 103-jährigen Vereinsgeschichte hatte der BVB das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen – und der kleine Japaner war mittendrin statt nur dabei gewesen. Das 1:0 in der dritten Minute hatte er selbst erzielt, zwei weitere Treffer vorbereitet und grandios Regie geführt. Der „Kicker“ gab ihm – wie dem dreifachen Torschützen Robert Lewandowski – die Traumnote 1.

„Das ist“, sagt Shinji Kagawa – und er wirkt fast ein wenig gerührt dabei – „ein schönes Foto. Wirklich ein sehr schönes Foto.“ Und dann setzen die Erinnerungen ein, ist es, als laufe der Film dieses 12. Mai 2012 noch einmal vor seinem inneren Auge ab. „Inzwischen spiele ich ja doch schon einige Jahre in Europa und kann die Dinge besser bewerten. Wenn ich dieses Bild betrachte, wird mir bewusst, wie schwer Erfolg damals wog und bis heute wiegt.“ Im doppelten Sinne: Da sind zum einen die knapp 19 kg, die beide Trophäen zusammen auf die Waage bringen. Und da ist die Bedeutung des Triumphes. „Wir haben“, sagt Kagawa, „damals etwas Bleibendes, sogar etwas Historisches geschaffen.“ Deshalb werde die Galavorstellung im 2012er Pokalfinale auch „umso wertvoller und ihr Stellenwert umso größer, je älter ich werde. Den FC Bayern schlägst du nicht jeden Tag, schon gar nicht mit 5:2 und noch seltener in einem Finale“. Dieses Spiel und das Final-Erlebnis mit dem ganzen Drum und Dran, auch mit dem Jubelkorso tags darauf in Dortmund, durch ein Spalier aus einer Viertelmillion oder noch mehr Fans, „war auf jeden Fall ein Höhepunkt in meiner Laufbahn“.

Deshalb kann er sich auch noch gut daran erinnern, was nach dem Fototermin am Brandenburger Tor passierte: „Wir haben ein paar Bier getrunken und es ordentlich krachen lassen. Das war unglaublich.“ Bei der Frage nach Details aus der Partynacht setzen dann allerdings erste Gedächtnislücken ein . . . Schade!

Feiern möchte Shinji Kagawa auch 2017 wieder. In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai. „Seit 2012 möchte ich das noch einmal erleben“, sagt Kagawa. Die letzten Finalniederlagen haben ihn, wie auch den Rest der Mannschaft, „natürlich geärgert. Aber aus der Enttäuschung erwachsen auch der Teamgeist und die Stärke, die uns diesmal hoffentlich triumphieren lassen“. Wobei der Japaner, der im Saisonverlauf immer stärker geworden und rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt auch körperlich topfit ist, ganz genau weiß: „So ein Endspiel ist immer eine Gratwanderung, ein Fifty-Fifty-Match, in das so viele verschiedene Faktoren hineinspielen.“ Will sagen: Es muss erst einmal gespielt werden, dieses Finale gegen Eintracht Frankfurt, und würde irgendjemand beim BVB glauben, man hätte schon gewonnen, dann hätte man vermutlich schon verloren.

Mit dem Pott im Arm noch einmal vor dem Brandenburger Tor posieren! Noch 90 Minuten trennen Kagawa und den BVB von der Erfüllung dieses Traumes. Vielleicht auch 120 und ein Elfmeterschießen. Hauptsache, diesmal geht es gut aus! – Und die Meisterschale? „Wir wissen, wie schwer es ist, Meister zu werden. Aber wir haben es 2011 und 2012 zweimal in Folge geschafft. Und wir können es wieder schaffen. Ich glaube, dass unsere junge Mannschaft, wenn sie sich so großartig weiterentwickelt, in naher Zukunft bereit dazu ist.“

Sein Stern ging am 19.09. im Derby auf

Shinji Kagawa wurde am 17. März 1989 in Köbe (Japan), einer 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt in der Osaka Bay geboren. Im Alter von 21 Jahren wechselte er für eine Ablösesumme von 350.000 Euro von Cerezo Osaka zu Borussia Dortmund. Ein Schnäppchen und einer der besten Transfers der jüngeren Vereinsgeschichte, wie sich alsbald herausstellen sollte. Genauer gesagt: am – man beachte das Datum! – 19.09.2010, als Kagawa beim 3:1-Derbysieg des BVB auf Schalke zwei Treffer erzielte und sich damit quasi aus dem Stand in die Herzen der Fans ballerte. Am Ende der Saison war Kloppos Rasselbande Deutscher Meister, ein Jahr später Doublegewinner – und Kagawa erfüllte sich einen Jugendtraum: den Wechsel zu Manchester United in die englische Premier League. Zwar gewann er mit dem Traditionsklub auf der Insel 2015 Meisterschaft und Ligapokal, doch wirklich durchsetzen konnte sich der offensive Mittelfeldspieler nicht. Und so kehrte er im August 2014 nach zwei Jahren zum BVB zurück – unter dem großen Applaus der Anhänger, die unter dem Hashtag #freeShinji sogar eine Twitter-Kampagne losgetreten hatten.

Du denkst, du kennst schon alles – und dann kommst du nach Dortmund!

Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel und die Quecksilbersäule im Thermometer wagt sich erstmals in 2017 über die 20-Grad-Markierung hinaus, als wir uns auf den Steinstufen des Trainingsplatzes in Brackel treffen. Es ist Gonzalo-Castro-Wetter.

„Ich mag Frühling und Sommer“, sagt er, „ich mag es, wenn die Temperaturen nach dem Winter wieder steigen.“ Da ist der 29-Jährige, der in Wuppertal geboren wurde, dann doch ganz Spanier. Da schlagen die elterlichen Gene durch. Spanien – das ist für Gonzalo Castro aber beileibe nicht nur die Erbmasse, es ist auch seine zweite Heimat und seine Leidenschaft. Die Familie lebt dort, die Eltern fliegen alle drei Monate „runter“, und auch Gonzalo Castro nutzt jede Gelegenheit, um Freunde und Verwandte zu besuchen. Mit Spanien verbindet sich auch ein sportlicher Traum. „Ich wollte immer einmal in Spanien spielen und möchte es immer noch. Aber das hat Zeit.“ Muss es auch haben, denn Castro hat gerade erst seinen Vertrag beim BVB vorzeitig verlängert. Bis 2020. Dann wird er 33 . . .

Es ist eine ungewöhnliche, vielleicht sogar eine außergewöhnliche Laufbahngestaltung, für die sich der vielseitige Mittelfeldspieler entschieden hat. Und an deren Ende trotz vieler Angebote und anderer Optionen vielleicht nur zwei Vereine stehen werden: Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund. 16 Jahre lang hat Castro unter dem Bayer-Kreuz gespielt; zwei Jahre sind es jetzt beim BVB, drei weitere sind vertraglich fixiert. Von seinem Geburtsort Wuppertal aus würde Castro sich dann einmal 30 Kilometer Luftlinie in Richtung Südwesten und einmal 40 Kilometer Luftlinie nach Nordosten bewegt haben. Anders als auf dem Spielfeld ist dieser Aktionsradius überschaubar. Deshalb reden wir zuallererst auch über . . .

. . . Kontinuität und Konstanz:

„Es ist ja offensichtlich, dass ich eher nicht der Typ Wandervogel bin. Ich habe so lange in Leverkusen gespielt, weil ich mich dort sehr wohl gefühlt habe. Der Wechsel nach Dortmund entsprang dann aus dem Impuls heraus, meinem Fußballleben einen neuen Kick geben zu wollen, noch einmal einen anderen Dreh. Aber auch bei dieser Entscheidung habe ich nicht zuletzt auf meinen Bauch gehört. Ganz wichtig war, dass ich beim BVB von vorneherein das Gefühl hatte: Das passt! Und so hat es sich ja dann auch herausgestellt.“

Wobei der Routinier in Dortmund keinen Kaltstart von 0 auf 100 hingelegt hat. Ein wenig Anlauf- und Anpassungszeit er benötigt. Grund dafür waren weniger der neue Klub, die neue Stadt, die neuen Teamkollegen, der neue Trainer. Grund war vielmehr . . .

„. . . dass der Wechsel von Leverkusen nach Dortmund eine Nummer größer war als ich selbst gedacht habe. Was ich sagen will, ist: Ich war 27, hatte jahrelange Bundesliga-Erfahrung, habe mit Leverkusen regelmäßig international gespielt, auch gegen die ganz großen Klubs. Ich hatte ja auch zig Mal gegen den BVB gespielt. Eigentlich kennt man das alles ja. Aber dann kommst du zur Borussia – und plötzlich spürst du, was dieser Begriff „Traditionsklub“ wirklich bedeutet. Hier in Dortmund ist nicht ein- oder zweimal in der Woche Fußball. Hier ist Fußball sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Diese Energie, die fließt, ganz egal wohin wir kommen – das ist der Wahnsinn, und das war auch für einen erfahrenen Spieler wie mich neu. Ich muss zugeben, dass ich das unterschätzt hatte. Ich musste das alles für mich selbst sortieren. Heute sage ich: Es ist eine Riesenerfahrung, bei diesem Verein spielen zu dürfen.“

Inzwischen hat sich Gonzalo Castro längst eingelebt. Sportlich hat er sich durchgesetzt. Castro ist Stammspieler. Wobei Stammspieler bei einem Klub Borussia Dortmund nicht bedeutet, dass man grundsätzlich in der Startelf steht und grundsätzlich 90 Minuten durchspielt.

Gonzalo Castro über den internen Konkurrenzkampf:

„Die Zeiten, in denen Spitzenteams 13 oder 14 Stammspieler hatten, sind vorbei. Bei uns sind es eher 20 oder 22 – und die brauchst du auch, wenn du in drei Wettbewerben um Titel mitspielen willst. Im Extremfall sind das in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal über 50 Partien. Bei vielen Spielern kommen Länderspielreisen und Turniere dazu. Natürlich möchtest du als Fußballer am liebsten jedes Spiel machen. Ich bin bis heute – Verletzungen ausgenommen – auch noch nie zum Trainer gegangen und habe gesagt, ich würde heute lieber mal zuschauen. Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn der Trainer es so entscheidet. Da steht der Erfolg der Mannschaft einfach im Vordergrund.“

Apropos Mannschaft: Castro sieht sich vor allem als Teamplayer:

„Ich versuche auf dem Platz immer, meine Kreativität einzubringen, um Spielsituationen aufzulösen, Lösungen zu finden und dann entweder selbst in torgefährliche Positionen zu kommen oder meine Nebenleute gut in Szene zu setzen und Assists zu geben. Da ich nach einem Spiel schlecht schlafen kann, gucke ich die meisten Spiele noch einmal an und analysiere, was ich hätte besser machen können. Die TV-Perspektive ist einfach eine völlig andere als die, die man unten auf dem Rasen hat. Und die Perspektive der Zuschauer ist – abhängig davon, wo sie stehen oder sitzen – noch einmal ganz anders.“

Und apropos Erfolge: Für einen Spieler seiner Qualität stehen definitiv zu wenig Titel auf der Visitenkarte von Gonzalo Castro. 2009 wurde er Europameister mit der U21. Im Finale gegen England, bei dem Marcel Schmelzer in den Schlussminuten eingewechselt wurde, erzielte Castro das Führungstor zum 1:0. Es folgten zwei Vize-Meisterschaften und zwei DFB-Pokal-Finalteilnahmen – je einmal im Trikot von Bayer 04 und dem BVB.

Diese Bilanz treibt Gonzalo Castro natürlich um. Zumal er in diesem Jahr 30 wird und die letzten Etappen seiner Laufbahn vor sich hat. Die Bilanz treibt ihn aber auch an:

„Am Ende sind es Erfolge, für die du Sport treibst. Erfolge muss man nicht zwingend in Titeln definieren. Wenn nach dem personellen Umbruch im vergangenen Sommer am Ende dieser Saison die Champions-League-Qualifikation stünde, wäre das für unsere stark verjüngte Mannschaft unbestritten ein Erfolg. Aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Aussicht auf Titel nicht auch ein Grund für meinen Wechsel nach Dortmund war. Der BVB ist ein Klub der potenziell in jedem Jahr in mehreren Wettbewerben ganz vorne mitspielt. Ich möchte hier gerne noch etwas gewinnen. Für mich – und für unsere großartigen Fans.“

Wenn noch nicht in dieser Saison, dann spätestens in der nächsten. Denn 2017/18, da ist sich Gonzalo Castro sicher, wird Borussia Dortmund noch stärker sein als jetzt schon. Warum? – Darum:

„Wir haben so unglaublich viel Talent in unserem Kader. Die vielen jungen Spieler haben in der laufenden Saison wichtige Erfahrungen gesammelt. Sie wissen jetzt, wie es ist, während der vielen englischen Wochen kaum trainieren zu können, dafür aber in drei verschiedenen Wettbewerben im drei Drei-Tage-Rhythmus Topleistungen abrufen zu müssen. Sie kennen das Umfeld, haben sich eingewöhnt, wissen, was der Trainer erwartet. Sie haben gelernt, mit dem internen Konkurrenzkampf umzugehen. Das alles wird selbstverständlicher; Automatismen greifen. Das sind wichtige Entwicklungsschritte, die dazu führen werden, dass unsere Leistungen konstanter werden. Für mich ist jedenfalls klar, dass wir in der nächsten Saison angreifen wollen.“

Vier Helden-Stories von B wie Blackout bis W wie Weltmeister

Sie waren tragende Säulen der schwarzgelben Wiederaufstiegsmannschaft von 1976: Peter Geyer und Hans-Joachim Wagner. Leistungsträger auch in den ersten Bundesligajahren danach. 185 Spiele hat der eine für den BVB bestritten, sogar 221 der andere. Zwei schillernde Figuren waren sie obendrein – jeder auf seine Weise. Komplettiert wird das Quartett, an das wir heute im Rahmen unserer „Helden“-Serie erinnern, durch Friedhelm Schwarze und Ernst Savkovic.
Stell dir vor, deine Mannschaft feiert endlich den ganz großen Erfolg – und du selbst liegst beim Abpfiff im Krankenhaus. Roman Weidenfeller wäre es 2012 um ein Haar so ergangen, als Borussia Dortmund den FC Bayern München mit 5:2 aus dem Berliner Olympiastadion ballerte und zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg gewann. Weidenfeller hatte sich in der ersten Halbzeit verletzt, musste ins Krankenhaus gebracht werden, war aber pünktlich zur Pokalübergabe wieder bei seinen Teamkollegen. Glück gehabt!

Peter Geyer war dieses versöhnliche Ende am 23. Juni 1976 nicht vergönnt. Der BVB-Stürmer, der mit 13 Saisontoren maßgeblichen Anteil an der langersehnten Rückkehr ins Oberhaus hatte, war bereits in der Anfangsphase des Qualifikations-Rückspiels gegen den 1. FC Nürnberg mit seinem Gegenspieler Manfred Rüsing zusammengerasselt – und zwar so heftig, dass Geyer buchstäblich Sternchen sah. Der damals 23-Jährige wurde vom Feld geführt, neben der Außenlinie behandelt. Er wankte zurück auf den Rasen, erzielte in der 23. Minute den 1:0-Führungstreffer und ging – es war brütend heiß im Westfalenstadion – nach einer halben Stunde endgültig k.o. Als Schiedsrichter Ferdinand Biwerski zur Pause pfiff, befand sich Geyer bereits auf dem Weg zur Unfallklinik, wo er – inzwischen wieder bei Bewusstsein – keinerlei Erinnerung hatte. „Tor? Ich weiß von nichts!“, soll Geyer gestammelt haben. Klassischer Fall von Blackout! Die medizinische Diagnose lautete: schwere Gehirnerschütterung. Derweil triumphierten die Mannschaftskameraden mit 3:2 über den „Club“, stürmten die Fans den Rasen, knallten die Sektkorken, floss das Aufstiegsbier in Strömen.

Es sind diese Anekdoten, die Spieler zu Helden machen, zu schwarzgelben Legenden für die Ewigkeit. Für Peter Geyer, der mit Hans-Werner Hartl (18 Treffer) und Gerd Kasperski (15) den 46-Tore-Sturm des BVB bildete, war der Aufstieg noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Der Gegner in den Entscheidungsspielen, der 1. FC Nürnberg, war sein Heimatverein. Geyer wurde 1952 in Nürnberg geboren, der „Club“ war von 1971 bis ’74 auch seine erste Station im Profibereich, ehe er zu Tennis Borussia Berlin in die Bundesliga wechselte. Nach dem Abstieg mit TeBe kam Geyer 1975 an die Strobelallee, wo er auf Anhieb zum Leistungsträger und Torjäger avancierte und insgesamt sechs Jahre spielte. In dieser Zeit absolvierte er auch sieben Einsätze für die deutsche B-Nationalmannschaft.

Für großes Aufsehen sorgte Geyer noch einmal Anfang der 90-er Jahre, als er gegenüber Medien einräumte, dass er und zahlreiche Profi-Kollegen regelmäßig das Aufputschmittel Captagon eingenommen hätten. Captagon steht auf der Dopingliste der verbotenen leistungsfördernden Präparate. Verständlich, dass Geyer sich mit seinem späten Geständnis keine Freunde machte . . .

FC Schalke 04 – Borussia Dortmund – Rot-Weiss Essen. Die drei großen Traditionsklubs im Ruhrgebiet. Es gibt nur ganz wenige Fußballer, die für alle drei gespielt haben. Hans-Joachim Wagner ist einer von ihnen. 1955 in Essen geboren, ging er in der Jugend von Kray 09 über die Stadtgrenze zu den Knappen. Als der Abwehr- und defensive Mittelfeldspieler 1974 der A-Jugend entwuchs, lockte der BVB ihn an die Strobelallee, wo man – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen – gerade auf der jugendlichen Welle ritt. Auch Spieler wie Lothar Huber und Mirko Votava wechselten zu jener Zeit als Rohdiamanten zu den Schwarzgelben.

In die Saison 1975/76 startete Wagner als 20-Jähriger. Und bereits als Stammspieler. 36 Einsätze absolvierte er in der Aufstiegssaison für den BVB; drei Tore erzielte er dabei. Eine Korsettstange in der Deckung, ein echter Stabilisator. Und der blieb er über Jahre hinweg auch in der Bundesliga, wo Wagner 149-mal für die Borussia auflief. Erst in der Saison 1981/82 unter Branko Zebec und später unter Kalli Feldkamp kam er nicht mehr regelmäßig zum Zuge. Und so folgte im Jahr darauf der Wechsel zum dritten Traditionsklub, zu Rot-Weiss Essen.

Friedhelm Schwarze und Ernst – eigentlich: August – Savkovic waren Nebenleute von Wagner im schwarzgelben Defensivverbund. Schwarze, Spitzname „Fitsche“, war bereits 1970 als 17-Jähriger von seinem Heimatverein SG Castrop zur Borussia gekommen und brachte es im Aufstiegsjahr 75/76 auf 20 Einsätze. In der Bundesliga kamen dann aber nur noch zwei hinzu. Sein Debüt im Oberhaus feierte er am 8. Spieltag der Saison 76/77 beim 3:3 gegen den FC Bayern München. Da Trainer Otto Rehhagel nicht mehr auf ihn baute, Schwarze aber eine relativ hohe Ablösesumme festgeschrieben hatte und lange keinen anderen Verein fand, verlor er zwei Jahre seiner Laufbahn durch unfreiwillige Untätigkeit, ehe er in die Schweiz zum FC Zug wechselte. Ein finanziell lukratives Angebot der San Diego Sockers musste Schwarze wegen einer Verletzung ausschlagen.

Für Ernst Savkovic war der BVB eine Zwischenstation – wiewohl eine ausgesprochen erfolgreiche. Beim FC Sportfreunde Heppenheim groß geworden, kam er 1974 über den MSV Duisburg, mit dem er Deutscher A-Jugendmeister geworden war, nach Dortmund. Von 1974 bis ’76 absolvierte Savkovic 52 Spiele für die Schwarzgelben. Er feierte nicht nur den Wiederaufstieg mit ihnen, sondern während seines BVB-Engagements 1975 auch Militär-Weltmeister – an der Seite so namhafter Profi-Kollegen wie Ronny Worm, Dieter Burdenski, Klaus Toppmöller, Ditmar Jakobs und Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel. Nach Stationen bei Tennis Borussia Berlin und Rot-Weiß Oberhausen beendete Savkovic bereits 1980 seine Laufbahn. Von 2010 bis 2012 trainierte er den Oberhausener Kreisligisten Grün-Weiß Holten.

Drei Aufstiegshelden, die viel zu früh gingen

Zoltan Varga, Gerd Kasperski und Willi Brock kehrten 1976 mit dem BVB in die Bundesliga zurück. Drei ganz unterschiedliche (Spieler-)Typen, die leider nicht mehr unter uns weilen. Ihr Teamkollege Horst Bertram erinnert (sich) an sie . . .

135 Pflichtspielminuten – das ist der, rein statistisch betrachtet, überschaubare Arbeitsnachweis von Willi Brock im Trikot des BVB. Zwei Einsätze absolvierte er: am 38. und letzten Spieltag der Spielzeit 1974/75 beim 3:1 gegen Wacker Berlin über 90 Minuten und am 29. Spieltag der Aufstiegssaison 1975/76 beim 2:1 gegen die SG Wattenscheid 09. Da wurde er zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Für Horst Bertram. Und damit ist dann auch das Rätsel der nur 135 Pflichtspielminuten gelöst. Brock war zweiter Torwart. Der Back-Up, wie es heute heißt, von Bertram. Und der war seinerzeit unangefochten die Nummer 1 zwischen den Pfosten der Schwarzgelben.

Natürlich erinnert sich Bertram besonders gut an seinen Konkurrenten, der 1995 im Alter von nur 43 Jahren nach schwerer Krankheit starb. Und besonders gern. „Weil wir kein Konkurrenzverhältnis hatten, sondern ein gut-kollegiales, fast freundschaftliches. Der Willi war ein toller Kumpel und ein sehr positiver Typ.“ Dass Horst Bertram seinerzeit so konstant und zuverlässig Topleistungen ablieferte, lag ebenfalls nicht zuletzt an seinem Kollegen, der 1974 von Teutonia Münster gekommen war und 1976 zu SuS Hüsten ins Sauerland weiterzog. „Willi Brock hat mich motiviert, angespornt und im Training angetrieben“, sagt Bertram. „Er war als Torwart so gut, dass ich wusste: Bringe ich meine Leistung nicht, wird er mir sehr schnell den Rang streitig machen.“

Anders als Brock war Zoltan Varga eine schillernde Figur. Beim BVB und darüber hinaus in der Fußball-Welt. Ein Mann mit außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten und einer mindestens so außergewöhnlichen Biographie.

Varga, an Neujahr 1945 in Ungarn geboren, spielt als Jugendlicher und Jungprofi für Ferencvaros Budapest. 1964 gewinnt er mit der ungarischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille. Vier Jahre später setzt Varga sich während einer Länderspielreise in Mexiko von der Mannschaft ab. Wir schreiben die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Der Fußballstar wird in der Heimat wegen Republikflucht zum Tode verurteilt. Der Fußball-Weltverband FIFA belegt ihn mit einer Sperre. Über Standard Lüttich, Hertha BSC – wo er in den Bundesliga-Skandal verwickelt war und erneut gesperrt wurde –, den FC Aberdeen und Ajax Amsterdam kommt er 1974 im Alter von bereits 29 Jahren zu Borussia Dortmund.

In zwei Spielzeiten bestreitet Zoltan Varga 53 Meisterschaftsspiele für den BVB, in denen er zehn Tore erzielt – und doch ist er vielen Fans tiefer in Erinnerung geblieben als andere Spieler, die weit mehr Einsätze absolviert haben. Horst Bertram weiß, warum das so ist: „Zoltan spielte in seiner eigenen Liga. Er war ein überragender Techniker und ein mit allen Wassern gewaschenes Schlitzohr.“ Das Problem, das die Mannschaft gelegentlich hatte: Sie war der Genialität seiner Ideen nicht immer gewachsen. Jedenfalls nicht in Echtzeit. „Zoltan war vermutlich auch der Erfinder des No-Look-Passes“, erinnert sich Bertram. „Er konnte mit dem Ball die unglaublichsten Dinge anstellen. Ein Typ zwischen Genie und Wahnsin“, der (Konditions-)Training und Defensivarbeit ungefähr so sehr mochte wie Zahnschmerzen.

So extrovertiert Varga auf dem Platz agierte, so introvertiert war er als Mensch. Zu Otto Rehagel, der den BVB vor den Aufstiegsspielen übernahm, fand er so recht keinen Draht. Das Hinspiel beim 1. FC Nürnberg erlebte er 90 Minuten lang von der Bank aus; im Rückspiel wurde er nach 35 Minuten eingewechselt, weil Peter Geyer nach einem Zusammenprall bemnommen vom Feld musste und das Spielende im Krankenhaus erlebte. Den großen Anteil, den Varga am Aufschwung und Wiederaufstieg der Borussia hatte, schmälert das aber nicht. Im April 2010 brach der Ungar in der Halbzeit eines Traditionsspiels in Budapest zusammen und stirbt. Er wurde 65 Jahre alt.

Als Gerd Kasperski über ETB Schwarz-Weiß Essen und Hannover 96 zum BVB kommt, tritt er in große Fußstapfen. Sein Vater Edmond, genannt „Ede“, hatte von 1945 bis 1953 für Borussia Dortmund gespielt. Er war 1949 Mitglied jener Mannschaft, die erstmals ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreichte (2:3 n.V. gegen den VfR Mannheim). Jener Mannschaft, die dem FC Schalke 04 den rang als Nr. 1 im Revier ablief.

Gerd Kasperski, sagt Horst Bertram, „war ein bulliger Spielertyp mit einem extrem starken Kopfballspiel und einem Mordschuss“. Einer, der mit dem Ball am Fuß gerne aus der zweiten Linie vorstieß und in den Strafraum durchbrach. 15 Tore steuerte er bei 29 Einsätzen in der Saison 1975/76 zum Wiederaufstieg bei und war damit ein maßgeblicher Faktor bei der Rückkehr der Schwarzgelben ins Oberhaus. Dort kam Kasperski nur viermal zum Einsatz – und wechselte schließlich für eine Ablösesumme in Höhe von 140.000 D-Mark in die Niederlande zum FC Zwolle.

Für Horst Bertram war Gerd Kasperski vor allem ein guter Freund. In der Traditionsmannschaft und auch später im Privatleben hielten sie engen Kontakt. Der Schock saß daher tief, als Bertram im März 2008 erfuhr, dass der frühere Teamkollege nach einem Spaziergang zu Hause einen Herzinfarkt erlitten hatte. Gerd Kasperski wurde nur 58 Jahre alt. Das Andenken an ihn, an Zoltan Varga und an Willi Brock aber lebt weiter in den Herzen der Fans von Borussia Dortmund.

. . . und es hat BÄMMM!!! gemacht

Am 4. Dezember 1963 erzielte Franz Brungs drei Tore gegen Benfica – und sicherte sich einen Logenplatz in der Geschichte von Borussia Dortmund

Machen wir uns nichts vor: Über jenen 4. Dezember 1963 ist alles geschrieben. Alles doppelt, dreifach, x-fach. Dass es lausig kalt war und der Rasen im Stadion Rote Erde hart gefroren . . . geschrieben! Dass das natürlich ein Vorteil für die Malochertruppe von Borussia Dortmund war und ein krasser Nachteil für die fußballerischen Feinmotoriker von Benfica Lissabon . . . geschrieben! Dutzendfach beschrieben wurden in den 53 Jahren, die seither vergangenen sind, die legendären goldgelb glänzenden Seidenhemden, die der BVB trug, damit die Spieler bei der Fernsehübertragung in der ARD trotz des eher schummrigen Flutlichts gut zu erkennen waren. Dass sich Präsident Dr. Werner Wilms im Prämienpoker mit Mannschaftskapitän Aki Schmidt breitschlagen ließ, für das Erreichen der nächsten Runde 500 statt 250 D-Mark zu zahlen – und später verriet, er habe eben nicht ans Weiterkommen geglaubt: Auch das hat man wieder und wieder gehört und gelesen. Und doch wird es nie langweilig; und doch liest man es immer wieder gerne – wie auch die Geschichte von Franz Brungs, der sich an diesem Abend unsterblich machte.

Pyrotechnik und Platzsturm
Natürlich könnte man investigativ an dieses „Jahrhundert-Spiel“ des BVB (für Benfica war’s eher eine Jahrhundert-Schmach) herangehen. Man könnte versuchen, herauszufinden, was seinerzeit die Stadion-Bratwurst kostete. Ob der Becher Bier noch im Pfennig-Bereich lag oder schon über einer Mark. Man könnte versuchen, zu ermitteln, wie viele Frauen und Kinder wohl im Stadion waren (Vermutung: sehr wenige). Oder wie viele der Männer im Stadion Mantel und Hut trugen (Vermutung: sehr viele). Man könnte die Geschichte auch an der Lautsprecher-Durchsage kurz vor dem 2:0 aufziehen: „Liebe Zuschauer, ich darf noch einmal wiederholen: Bitte unterlassen Sie das Abfeuern von Raketen. Sie gefährden die Zuschauer und die Spieler.“ Man könnte die Anhänger zählen, die nach jedem Tor jubelnd auf den Rasen liefen und die vielen Tausend, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten. Und dann könnte man ausrechnen, wie oft heute wohl die Südtribüne gesperrt werden würde . . . aber lassen wir das!

„Mein Durchbruch beim BVB“
Reden wir lieber über Franz Brungs. Das „Goldköpfchen“, wie die Fans ihn nannten, weil er erstens blond war und zweitens den Kopf nicht zuletzt zum Toreerzielen zwischen den Schultern trug. Jenen Franz Brungs, der im Sommer 1963 von der niederrheinischen zur westfälischen Borussia gewechselt war. Zum amtierenden Deutschen Meister. „Ich kam in eine intakte, eingespielte Mannschaft mit tollen Offensivspielern. Es war nicht einfach, mich durchzusetzen“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Das Spiel gegen Lissabon war dann praktisch mein Durchbruch beim BVB.“ Was für eine maßlose Untertreibung. Es war viel mehr als das. Es war ein Urknall, ein BÄÄÄM!!! mit drei Ausrufezeichen. Ein unsterbliches Kapitel schwarzgelbe Fußballgeschichte.

Das Hinspiel: Elf Portugiesen gegen Hans Tilkowski
Aber fangen wir von vorne an: Dieses Sport Lisboa e Benfica, auf das Borussia Dortmund im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister 1963/64 traf, war nichts weniger als die beste europäische Mannschaft ihrer Zeit. 1961 und ’62 hatte das Team um den genialen Eusebio den Wettbewerb gewonnen. „Ein Ausnahmeteam“, sagt Franz Brungs. Und genau so trumpften die Portugiesen im Hinspiel auch auf. „Das war ein Spiel auf ein Tor. Wir hätten uns über fünf oder sechs Gegentreffer nicht beschweren dürfen. Doch der Hans (Tilkowski/d. Red.) hat ein Riesenspiel gemacht. Was der alles gehalten hat, war unglaublich!“ Und weil Franz Brungs, der die einzige Aufgabe hatte, „gelegentlich für Entastung zu sorgen“, so viel rannte „wie nie zuvor und danach in meiner Laufbahn“; und weil Reinhold Wosab einen dieser Entlastungsangriffe mit einem Tor veredelte, hieß es nach 90 Minuten aus Dortmunder Sicht nur 1:2 – im Europapokal ein fast optimales Auswärtsergebnis.

Das Rückspiel: Dortmunder Vollgasfußball von Beginn an
Nur eben nicht gegen Benfica. Die Portugiesen galten auch vor dem Rückspiel in der Roten Erde als Favorit. Nur war dort der Boden hart gefroren. Und Eusebio war verletzungsbedingt nicht dabei. Dafür aber 42.000 anfangs erwartungsfrohe und von Minute zu Minute immer hemmungslosere Fans. Und eine Mannschaft von Borussia Dortmund, die Vollgas gab, als ob der Trainer schon damals Jürgen Klopp geheißen hätte und nicht Hermann Eppenhoff.

Gut eine halbe Stunde verteidigte Benfica das 0:0. Dann brach das schwarzgelbe Unheil über Lissabon herein.

  1. Minute: Flanke Willi Burgsmüller, Kopfball Timo Konietzka – 1:0.
  2. Minute: Steilpass Konietzka auf Franz Brungs – 2:0.
  3. Minute: Diesmal Reinhold Wosab auf Brungs – 3:0.

Drei Tore am 27. Geburtstag
Innerhalb von 180 Sekunden hatte der BVB die beste Mannschaft Europas in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei Minuten nach der Pause erzielte Franz Brungs dann seinen dritten Treffer an diesem Abend; Wosab ließ nach Pfostenschuss von Willi Sturm das 5:0 folgen. Der Wahnsinn! „Niemand, der damals dabei war – als Spieler oder als Zuschauer ,– wird diesen Abend jemals vergessen“, sagt Franz Brungs, der Hauptdarsteller dieses Jahrhundert-Spiels. Dass er am Tag des Spiels auch noch seinen 27. Geburtstag feierte, macht die Geschichte endgültig zum Märchen. „An meinen Geburtstag hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Erst das Ständchen beim Bankett mit Bundestrainer Sepp Herberger rief ihn Brungs in Erinnerung.

Ein Europapokal-Abend als ganz großes Gefühlskino.

Von den Fans auf Schultern getragen
Selbst TV-Kommentator Ernst Huberty ließ sich in seiner Abmoderation zu so etwas wie einem emotionalen Ausbruch hinreißen: „Alle Menschen stürmen in die Mitte, um ihre Borussen auf den Schultern vom Rasen zu tragen. Und ich glaube, das ist ein schönes Bild zum Abschied aus dem Stadion Rote Erde hier in Dortmund.“ Auch Brungs verließ den Rasen nicht auf seinen eigenen Beinen. Auch er wurde getragen von restlos begeisterten Fans.

Franz Brungs hat als Fußballer weitere Erfolge gefeiert: den DFB-Pokalsieg mit dem BVB (1965), die Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg (1968). Aber nie wieder hat er solche Emotionen erlebt wie am Abend des 4. Dezember 1963 in der Roten Erde. Er hat das abgespeichert auf der Festplatte in seinem Langzeitgedächtnis – und ruft es immer wieder gerne ab, wenn er nach seinen Erinnerungen gefragt wird.

„Der BVB ist in der europäischen Spitze angekommen!“
Inzwischen ist Franz Brungs 80 Jahre alt. Er ist in Nürnberg hängen geblieben, hat viele Jahrzehnte lang ein Lotto-Toto-Geschäft betrieben. Der Verlust seiner Ehefrau hat ihn vor einigen Jahren schwer getroffen. Aber seine beiden Söhne „kümmern sich toll um mich“; auch jetzt, da sein Herz manchmal unrund schlägt. Die beiden Enkel, sagt er, geben seinem Leben einen Sinn. Und natürlich der Fußball. Bei den Heimspielen des „Club“ ist er fast immer im Stadion. Und den BVB verfolgt er aus der Ferne mit Begeisterung. „Was in Dortmund in den letzten Jahren gewachsen ist, ist großartig. Der Klub ist in der europäischen Spitze angekommen.“ Noch nicht ganz dort, wo Benfica Lissabon Anfang der 60er stand – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Borussias zweite Gelbe Wand

Schon vor der Südtribüne türmt sich eine Mauer auf: Papa Sokratis! Doch der große Grieche hat auch eine nachdenkliche Seite . . .

Lange, sehr lange hatte er den Ärger in sich hineingefressen. Kurz vor Ablauf der Verlängerung im DFB-Pokal-Krimi gegen Hertha BSC platzte dem Papa dann der Kragen. Aus Verärgerung über die Zeitschinderei der Berliner holte er sich erst Gelb ab. Und weil er sich einfach nicht beruhigen konnte, gab’s Gelb-Rot gleich obendrauf. „Ich kann mich an wenige Platzverweise erinnern, die unnötiger waren“, befand Trainer Thomas Tuchel. Verständlicherweise! Und doch machte Sokratis Papastathopoulos mit dieser Szene einen weiteren Schritt in Richtung „Unsterblichkeit“. Denn genau für diese Emotionen und diese Authentizität lieben ihn die Fans. Papa ist, keine Frage, auf dem besten Weg zum nächsten Dortmunder Kult-Spieler.

„Klar“, sagt Sokratis mit ein wenig Abstand, „in der Situation habe ich überreagiert. Das darf gerade mir als erfahrenem Spieler nicht passieren.“ Andererseits: „In der Bundesliga gibt es Spieltag für Spieltag schlimmere Vergehen, die nicht einmal mit Gelb bestraft werden.“ Was er nicht sagt: Hätte Schiedsrichter Deniz Aytekin in dieser 118. Minute ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gehabt, wäre Papa mit einer Verwarnung zuzüglich einer letzten Ermahnung davongekommen . . .

Was den eigentlich so ruhigen, beherrschten, manchmal regelrecht unterkühlt wirkenden Griechen überhaupt so aufgeregt hat: „Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich Fußball spielen. Hertha aber wollte das Spiel nur unterbrechen. Die Nettospielzeit in der Verlängerung betrug fünf oder sechs Minuten. So etwas geht mir auf die Nerven! Und irgendwann muss es dann raus!“

Fußball spielen will er also. Fußball arbeiten meint er. Fußball kämpfen. Sokratis ist der Typ Spieler, der dafür nicht viel braucht. Eine Wiese. Einen Ball. Und zwei Tore. Die Tore braucht er aber nicht, um den Ball hinein zu schießen. Er braucht sie als Orientierung. Um den Gegenspieler fern zu halten. Wo ein Tor steht, da darf der Gegner nicht hin. So einfach ist Papa-Fußball.

Und Papa-Fußball ist Männerfußball. Kompromisslos interpretiert er seinen Sport. Seit Sokratis beim BVB spielt, seit 2013 also, gibt es im Signal Iduna Park zwei Gelbe Wände. Die eine ist aus Beton. Auf ihr finden 25.000 und ein paar Menschen Platz. Die Gegner fürchten diese Wand, weil sie furchterregend laut werden und die Energie eines ganzen Kraftwerks auf ihre schwarzgelbe Mannschaft übertragen kann. Die andere Wand ist aus Fleisch und Blut. Sie trägt die Rückennummer 25. Sie heißt Papa Sokratis, und die Gegner fürchten sie, weil es weh tun kann, gegen diese Wand zu laufen.

Mag sein, in vielen anderen Vereinen wäre Sokratis einfach Sokratis. Bei Borussia, wo Innenverteidiger – früher: Manndecker – stets einen ganz besonderen Status genossen haben, ist das anders. „Abräumen“ war in Dortmund schon immer ein Qualitätsmerkmal. Wolfgang „Stopper“ Paul war ein Abräumer, Julio Cesar ebenfalls – wenn auch ein technisch versierter. Jürgen Kohler stieg als Abräumer zum „Fußball-Gott“ auf. Und nun also Papa Sokratis. Einer, den die Fans irgendwann einmal mit Ovationen verabschieden werden. Und jedes Jahr, das er länger beim BVB bleibt, wird die Ovationen um mehrere Minuten verlängern. Dabei beruht die Begeisterung auf Gegenseitigkeit. „Ich fühle mich in Dortmund total wohl“, versichert Papa. Der Verein ist großartig, die Fans sind großartig. Ich habe hier alles, was ich brauche, um glücklich zu sein.“ Wenn jetzt noch der eine oder andere Titel hinzu kommt . . .

„Erfolg ist natürlich eine wichtige Komponente“, sagt Sokratis. „Und Titel sind letztlich der Lohn für all die Anstrengungen. Sie sind der Nachweis dafür, dass du als Sportler etwas erreicht hast.“ Seinem Arbeitgeber attestiert er nach dem personellen Umbruch dank einer Vielzahl hochtalentierter Spieler „herausragend gute“ Zukunftsperspektiven. Und für sich selbst hat er aus der Verjüngungskur im Kader eine zusätzliche Aufgabe definiert, die mit einem veränderten Rollenverständnis einhergeht: der „Papa“ als Papa-Ersatz.

„Ich war ja selbst noch ein Kind, als ich für den Fußball von zu Hause weggegangen bin. Mit 20 bin ich ins Ausland gewechselt. Ich weiß also, wie unsere jungen Talente sich fühlen. Deshalb suche ich die Nähe zu ihnen und versuche, ihnen zu helfen. Im Laufe meiner Karriere habe ich bei einem halben Dutzend Klubs gespielt, hatte mehr als Dutzend Trainer und wahrscheinlich um die 150 Teamkollegen. Das bedeutet in Summe einen ziemlichen Erfahrungsschatz, den ich gerne weitergeben möchte.“

Erfolge also sind Sokratis‘ Maßstab – Geld ist es eher nicht. Dass man als Fußballer viel Geld verdient, sagt er, sei ein Privileg. „Es ist für mich aber nicht das Wichtigste. Die Wertschätzung, die ich hier in Dortmund erfahre, bedeutet mir sehr viel mehr. Sie erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit. Deshalb wird Dortmund immer in meinem Herzen sein. In einem Punkt dürfen sich alle absolut sicher sein: Sollte ich den BVB irgendwann verlassen, wird Geld dabei keine Rolle spielen. Dann wird es allein um Herausforderung und Erfolg gehen.“

29 Jahre wird Papa Sokratis am Ende dieser Saison alt sein. Vier, fünf Jahre auf Top-Niveau sind dann immer noch drin. Und danach? „Mit 34, spätestens mit 35 ist Schluss. Definitiv werde ich dann nach Griechenland zurückkehren. Meine Familie und meine Heimat fehlen mir. Ich werde erst einmal eine Auszeit einlegen, relaxen, die Zeit mit Freunden genießen. Vielleicht kehre ich danach in den Fußball zurück – aber definitiv nicht als Trainer.“ Warum nicht? – „Als Trainer musst du den ganzen Tag über kommunizieren. Mit 25 oder 30 Spielern, mit der Klubführung, mit den Medien. Das ist der eine Grund. Der andere: Trainer machen zwangsläufig immer auch Spieler unglücklich. Und Menschen unglücklich machen – sorry, das kann ich einfach nicht!“

Der Papa spricht nicht viel – dafür aber vier Sprachen

Er ist kein Mann der vielen Worte. Sprache setzt Papa Sokratis – sagen wir mal: ökonomisch ein. So, als hätte er nur ein begrenztes Kontingent an Buchstaben zur Verfügung, um Wörter und Sätze daraus zu bilden. Dabei ist der „Schweiger“ ein echtes Sprachtalent. Neben seiner Muttersprache Griechisch spricht er ziemlich gut Englisch und viel besser Deutsch, als er’s erkennen lässt. Wenn das ein Trick ist, um Reporter-Mikrofonen gelegentlich aus dem Weg gehen zu können, funktioniert er perfekt.

Italienisch gehört außerdem zu Papas Repertoire – und zwar fließend. Der Grund: Im Alter von 20 Jahren wechselte Papa im Sommer 2008 von AEK Athen, wo er wenige Monate zuvor jüngster Kapitän der Klubgeschichte geworden war, zu CFC Genua in die Serie A. Drei Jahre lang spielte er in Italien, wurde 2010 mit dem AC Mailand sogar Meister – kam dabei über den Status des Ergänzungsspielers aber nicht hinaus. Statt nach Genua zurückzukehren, entschied sich der junge Grieche für Deutschland. Über Werder Bremen kam er 2013 schließlich zu Borussia Dortmund. Sein Vertrag beim BVB läuft bis zum 30. Juni 2019. Dann ist er 31 – bestes Verteidigeralter.

Als Messi in Papas Schatten verschwand

Wenn sich ein Hüne wie Papa Sokratis vor einem Zwerg wie Lionel Messi aufbaut, kann sich der Kleine im Schatten des Großen prima verstecken. Bei der WM 2010 in Südafrika kam es genau zu dieser Konstellation. Griechenland traf im letzten Gruppenspiel auf Argentinien. Trainer Otto Rehagel hatte sich in den Kopf gesetzt, ein 0:0 zu ermauern und auf nigerianische Schützenhilfe gegen Südkorea zu hoffen.

Mit der Aufgabe, den damals noch jungen Weltstar Lionel Messi auszuschalten, betraute „Rehhakles“ den damals noch jüngeren Sokratis Papastathopoulos. Und der machte seine Sache so brillant, dass Messi über weite Strecken der Partie unsichtbar blieb. 77 Minuten lang ging die Rechnung auf. Dann trafen Demichelis und Palermo doch noch zum 2:0 für die Südamerikaner.

Seinen größten internationalen Erfolg feierte Papa Sokratis übrigens bei der U19-EM 2007. Als Kapitän führte er das griechische Team bis ins Finale gegen Spanien (0:1). Dabei schaltete Griechenland im Halbfinale die DFB-Auswahl (u.a. mit Höwedes, J. Boateng, Özil) mit 3:2 aus. Gemeinsam mit Sotirios Ninis und Konstantinos Mitroglou wurde Papa ins All-Star-Team gewählt. Jener Mitroglou, der jetzt bei Benfica Lissabon spielt und im Hinspiel des CL-Achtelfinales das einzige Tor erzielte – gegen den BVB. Und gegen Papa.

 

Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!