BVB, Wolfsburg und der Angriff der Kohle-Krieger

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Borussia Dortmund hat es bereits hinter sich.

Der VfL Wolfsburg hat es noch vor sich.

Nun ist es aber nicht etwa so, als dürfte die VW-Betriebssportmannschaft sich darauf freuen, es noch vor sich zu haben. Denn die Rede wird hier nicht von sportlichen Erfolgen sein.

Sondern von der Folge solcher Erfolge: dem Leerkauf durch den FC Bayern München und andere europäische Spitzenklubs.

Nuri Sahin war der Erste. Dortmunds Mittelfeld-Organisator folgte nach der rauschhaften Meistersaison 2010/11, an deren Ende die Profi-Kollegen ihn zum Bundesligaspieler der Saison wählten, dem Lockruf von Real Madrid. Verständlich, denn die Königlichen galten und gelten zu Recht als der größte Klub unter der Sonne. Sahin vervielfachte sein Nettojahreseinkommen. Dumm nur: Er kam in der spanischen Hauptstadt schon verletzt an, und ehe er überhaupt zum ersten Mal fit war, galt er schon als Fehleinkauf. Via Liverpool führte sein Weg zurück zum BVB, wo er gut spielt. Aber längst nicht mehr so brillant wie ehedem.

Shinji Kagawa war der Nächste. Dortmunds torgefährlicher Offensiv-Quirl folgte nach der noch viel rauschhafteren Double-Saison 2011/12 dem Lockruf von Manchester United. Verständlich, denn die Premiere League gilt bei japanischen Kickern als das gelobte Land. Kagawa hatte schon als Kind davon geträumt, einmal für ManU aufzulaufen. Dumm nur: Über-Trainer Sir Alex Ferguson setzte ihn positionsfremd ein. Immerhin aber setzte er ihn gelegentlich ein. Denn Nachfolger David Moyes setzte ihn so gut wie gar nicht mehr ein. Inzwischen spielt Kagawa wieder beim BVB. Wenn er denn spielt. Denn auch Jürgen Klopp setzt ihn seltener ein als gedacht.

Mario Götze war der Nächste. Mit dem Eigengewächs ging nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2013 nicht nur ein begnadeter Kicker. Es verabschiedete sich auch die Fußball-Romantik aus Dortmund. Ausgerechnet Götze, der wenige Wochen zuvor noch erklärt hatte, er könne sich durchaus vorstellen, bis ans Ende seiner Profitage beim BVB zu spielen. Und ausgerechnet zum FC Bayern – für 37 Millionen Euro. Weil, so Götze, er unbedingt unter Trainer Pep Guardiola spielen wolle. Und weil er, ganz nebenbei, sein schon in Dortmund nicht ganz übles Gehalt vermehrfachte. Dass Götze bei den Bayern oft nicht spielt und leistungsmäßig seit dem wechsel ziemlich auf der Stelle tritt: geschenkt!

Robert Lewandowski war der Nächste und vorläufig Letzte. Der Torjäger zog sein Ding bei der Borussia bis zur letzten Spielsekunde sauber durch. Dem Lockruf der bayerischen Euronen aber war auch er längst erlegen. Gehalt verdreifacht. Dass der Pole bei den Bayern nur einer von vielen Stars und das Spiel keineswegs auf ihn zugeschnitten ist, weshalb er nur auf einen Bruchteil seiner Dortmunder Trefferausbeute kommt: geschenkt!

Sahin war weg. Kagawa war weg. Götze ist weg. Lewandowski ist weg. Damit hat Dortmund das Gröbste wohl hinter sich. Aus dem aktuellen Kader sind allein Marco Reus und Mats Hummels für internationale Topklubs von Interesse. Hummels allerdings auch nur, wenn er zur Form vor und während der WM zurück findet. Und Reus? – Will bis März entscheiden, ob er bleibt oder geht. Dass er zu den Bayern geht, scheint eher unwahrscheinlich, bei Hummels darf man es sogar getrost ausschließen.

Kurzum: Die Bayern-Methode, mit Transfers nicht nur sich selbst zu stärken, sondern stets auch den gerade aktuellen Hauptkonkurrenten zu schwächen, hat funktioniert. Der BVB ist als nationaler Herausforderer Nr. 1 vorerst einmal aus dem Rennen.

Diese Rolle reklamiert aktuell der VfL Wolfsburg für sich. Mit dem 4:1 zum Rückrundenauftakt über die Bayern und mit der insgesamt rund 60 Millionen Euro teuren Verpflichtung von Weltmeister Andre Schürrle (FC Chelsea) haben die Wölfe ihren Anspruch in den vergangenen Tagen noch einmal sehr nachdrücklich unterstrichen. Die Kohle von VW verleiht dem Meister von 2009 neuerlich Flügel. Dass die Sportlichen Leitungen in unterschiedlicher Besetzung in den vergangenen Jahren ein Transfer-Defizit in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet haben: geschenkt! Manager Klaus Allofs, der aus seiner Zeit bei Werder Bremen eher in Mangelverwaltung geübt ist, war in den vergangenen Tagen anzusehen, wie groß seine Freude ist, endlich einmal mit Geld um sich werfen zu dürfen.

Keine Frage: Wolfsburg wird bis zum Ende der Saison oben mitspielen und sich mutmaßlich für die Champions-League qualifizieren. Und keine Frage: Der VfL wird im Sommer, um in der CL konkurrenzfähig zu sein, den Kader in der Spitze non einmal verbreitern. Also: ordentlich Geld ausgeben. Und überhaupt gar keine Frage: In München werden sie das alles sehr aufmerksam beobachten. Matthias Sammer. Kalle Rummenigge. Uli Hoeneß. Und wenn sie dann irgendwann das Gefühl haben, dass ein Wolfsburger Spieler sie selbst besser machen und gleichzeitig den aufmüpfigen Konkurrenten schwächen könnte, dann werden sie ihr Scheckbuch zücken.

Ganz oben auf dem Block dürfte schon jetzt Kevin de Bruyne stehen. Der 23-jährige Belgier, den transfermarkt.de auf einen Marktwert von 20 Millionen Euro taxiert und damit eher untertreibt, ist ein Mann der Zukunft. Die Bayern hingegen haben im Kader einige Männer der Vergangenheit: Franck Ribery, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Dante haben ihre beste Zeit jedenfalls nicht mehr vor sich. Das macht dann auch Robin Knoche (22, 9 Mio. €), Ricardo Rodriguez (22, 28 Mio. €), Josuha Guilavogue (24, 10 Mio. €) und Maximilian Arnold (20, 10 Mio. €) interessant. Für die Münchener, aber nicht nur für sie. Spätestens wenn sich die Wolfsburger 2015/16 auf der ganz großen Bühne der Königsklasse zeigen dürfen, werden sie die Blicke aus Spanien und England auf sich ziehen.

Nun ist es nicht ganz so einfach, Wolfsburger Spieler mit Geld wegzulocken, weil Wolfsburg genau davon dank VW selbst genug hat. Doch erstens ist die UEFA dem Werksklub auf den Fersen. Stichwort: Financial Fair-Play. Und zweitens: Wer die Wahl hat, entweder in München, Madrid, Manchester, Barcelona, London zu spielen – oder eben in Wolfsburg, der entscheidet sich womöglich doch eher für . . . – Genau!

Borussia Dortmund hat ihn hinter sich, den Angriff der Kohle-Krieger. Eine Zeit lang hat der BVB die Verluste seiner Leistungsträger sogar kompensieren können. Aktuell kann er’s nicht mehr, die Lewandowski-Lücke ist zu groß. Der VfL Wolfsburg hat den Angriff noch vor sich – und dabei er ist noch nicht einmal Deutscher Meister geworden.

Advertisements

FC Schalke 04: Mit di Matteo aus dem Keller?!

Derbysiege sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Gerade zehn Tage ist es her, da besiegte der FC Schalke 04 den BVB in der Dreifach-Turnhalle am Berger Feld mit 2:1 und feierte sich als „Die Nr. 1 im Pott!“. Zwei Spiele später – ein tristes 1:1 in der Champions League gegen NK Maribor und ein fast schon erwartetes 1:2 in der Bundesliga bei der TSG 1899 Hoffenheim – war die Geduld der Klubführung am Ende. Vorstandschef Clemens Tönnies und Sportdirektor Horst Heldt setzten Trainer Jens Keller den Stuhl vor die Tür. Die Entwertung eines Derbysieges und der vorläufige Schlusspunkt unter ein letztlich unwürdiges Hick-Hack über Wochen und Monate hinweg. Dass der Entscheidung die branchenüblichen Beteuerungen („Wir führen keine Trainerdiskussion“ – „Wir stehen hinter Jens Keller“) vorausgegangen waren, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Was derlei Sätze wert sind, weiß man längst: nicht einmal die drei Euro fürs Phrasenschwein.

Keller wirkte stets wie „Jesus reloaded“

Noch am Sonntagabend hatte sich Jens Keller der Diskussion bei Sky90 gestellt. Vermutlich hatte er seinen Besuch nach dem Derbysieg zugesagt. In Erwartung eines Erfolges gegen Maribor und einer sportlich entspannten bis tendenziell erfreulichen Lage. Es kam anders. Die „Experten“-Runde nahm ihn ins Kreuzverhör; insbesondere die BILD, die ihn mit Detailkenntnissen aus internen Sitzungen konfrontierte. Keller leistete nur überschaubaren Widerstand. Bei jedem anderen Trainer hätte man nachher festgestellt: Das war ein vitaminarmer Auftritt. Bei Keller hieß es: Er war doch wie immer. Ruhig. Sachlich. Zurückhaltend. – Souverän und authentisch nennen das die einen. Die anderen werfen ihm seit jeher vor, ihm fehle es an Temperament, an Esprit, an Strahlkraft. Keller selbst sagt:  Er sei eben kein Kasper und werde sich nie, niemals verstellen.  Fakt aber ist: Der Trainer und Fußballlehrer, der fachlich womöglich exzellent ist, scheiterte auch an seiner fehlenden Bereitschaft, im Show-Biz Bundesliga angemessen mitzuspielen. Zumal in unmittelbarer Nachbarschaft, beim Erzrivalen BVB, mit Jürgen Klopp einer arbeitet, der genau diese Klaviatur perfekt beherrscht und mit seiner Hemdsärmeligkeit ins Revier passt als sei er genau hier und nicht im Schwarzwald geboren worden. Bei Jens Keller hingegen hatte man – und das bleibt das einzige Wortspiel mit seinem Namen – stets den Eindruck, er gehe zum Lachen in denselben. Meist wirkte er wie ein „Jesus reloaded“, auf dessen Schultern die gesamten Leiden und Beschwernisse Gelsenkirchens abgeladen wurden. Jürgen Klopp in der tiefsten Depression und Niedergeschlagenheit klingt noch zuversichtlicher und begeisterungsfähiger als Jens Keller im Siegestaumel.

Hier Keller – dort Klopp. Der Eine im Vorjahr nach der besten Rückrunde der Klubgeschichte mit Schalke Dritter – der Andere mit dem BVB Zweiter. Beide direkt für die Champions League qualifiziert. Beide mit dem Anspruch in die laufende Saison gestartet, dies erneut zu schaffen. Keller mit Schalke nach sieben Spieltagen Elfter (8 Punkte) – Klopp mit Borussia sogar nur 13. (7 Punkte). Und doch sitzt der eine so sicher im Sattel wie man in diesem Job nur sitzen kann, während der andere beim JobCenter sitzt und sich arbeitssuchend meldet. Das sagt viel. Über Keller. Über Klopp. Über den BVB – vor allem aber über den FC Schalke 04.

Schalke hat einen ganzen Haufen weiterer Probleme

Denn der hatte nicht bloß ein Keller-Problem. Er hat vielmehr einen ganzen Haufen Probleme. Das nächste heißt Horst Heldt. Der Sportdirektor ist für die Zusammensetzung des Kaders mindestens so verantwortlich wie der nun gefeuerte Coach. In Wahrheit, weil länger im Amt, trägt Heldt noch größere Verantwortung. Und dieser Kader passt eben nicht. Schalke ist, das wurde durch die Erfolge während der starken Rückrunde 2013/14 kaschiert, eine Ansammlung passabler bis sehr guter Einzelspieler, aber keine Mannschaft. Während Borussia Dortmund – was die aktuelle sportliche Situation ein wenig erträglicher macht – zumindest fightet, gegen Stuttgart nach 0:2-Rückstand noch einen Punkt rettete und auch beim kläglichen 0:1 gegen den HSV unermüdlich anrannte; obendrein in der CL mit sechs Punkten und 5:0 Toren aus zwei schweren Spielen voll auf Achtelfinalkurs liegt, wirken die Auftritte der Königsblauen bisweilen merkwürdig leblos. Starken Leistungen gegen Bayern (1:1) und in Chelsea (1:1) folgen in unschöner Regelmäßigkeit Auftritte, die man letztlich nur als Kollektivversagen bezeichnen kann.

Eine Ansammlung von Einzelspielern, aber keine Mannschaft

Es gibt einen Leader, der dauerverletzt ist (Benedikt Höwedes); einen, der stets und ständig fordert, aber selbst kaum etwas zeigt (Klaas-Jan Huntelaar); einen, der sich als Leader sieht, aber keine entsprechenden Leistungen zeigt (Kevin-Prince Boateng). Es gibt zwei, die die zentrale Position 10 für sich beanspruchen (Boateng und Julian Draxler) und mindestens einen (Draxler), der vielleicht auch deshalb in seiner Entwicklung stagniert. Es gibt viele ungesund große Diskrepanzen im Gehaltsgefüge. Es gibt eine Vielzahl von Mitläufern im Team und es gibt, das sei zur Ehrenrettung der sportlich verantwortlichen als mildernder Umstand angeführt, einen Haufen verletzter Leistungsträger.

Das Resultat sind schlechte Resultate – und während der Nachbar BVB nach dem 0:1 gegen den HSV von der Südtribüne als Zeichen des maximalen Schulterschlusses minutenlang lautstark getröstet und aufgemuntert wurde, gab es auf Schalke nach dem 1:1 gegen Maribor Pfiffe.

Der wirtschaftliche Druck ist groß

Die sportliche Situation ist gleichwohl nicht die einzige Baustelle am Berger Feld. Auch wirtschaftlich hat Schalke Druck. Bei rund 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten und angesichts eines der teuersten Kaders der Liga sind das Überwintern in der Champions League und die erneute CL-Qualifikation beinahe Pflicht. Zumal der DFB-Pokal als zusätzliche Einnahmequelle für diese Saison nach dem Erstrunden-Aus in Dresden bereits versiegt ist. Und auch das Verhältnis zwischen Klubführung und Fans hat in den vergangenen Jahren gelitten. Der Streit um den Vertrag mit den Ticket-Abzockern von „viagogo“. Die zum Teil heftig geführten Diskussionen um eine Satzungsänderung für mehr Transparenz und Demokratie im Klub. Der Offene Brief von Fans gegen einen Besuch beim russischen Präsidenten Vladimir Putin. der umstrittene und ungeliebte Hauptsponsor „Gazprom“. Das alles trägt nicht dazu bei, das Klubmotto „Wir leben Dich“ wirklich zu leben. Was Schalke fehlt, ist ein Fantribun – wie Rudi Assauer einst einer war. Wie Jürgen Klopp es beim BVB ist. Und auch Michael Zorc, der zwar als Typ auch nicht den Vortänzer spielt, ob seiner sportlichen Erfolge mit Borussia Dortmund und seiner über jeden Zweifel erhabenen Verbundenheit zum Klub aber dennoch als Identifikationsfigur dient. Oder Lars Ricken. Nobbie Dickel . . .

Und nun: Von wegen Thomas Tuchel . . .

Und nun also Roberto di Matteo. Nicht der Ex-Mainzer Thomas Tuchel. Über den so viel diskutiert wurde in den vergangenen Monaten. Der wie ein Schattenmann im Hintergrund auf Kellers Demission zu lauern schien. Der auf Schalke angeblich schon einen Vertrag ab Sommer 2015 unterzeichnet haben sollte. Alles Quatsch – weiß man jetzt. Denn di Matteo hat bis 2017 unterschrieben und würde sich als Zwischenlösung für ein paar Monate ganz sicher auch nicht hergeben. Immerhin war er mit dem FC Chelsea 2012 Champions-League-Sieger. In München. Gegen München. Seither war er im Wartestand und auf den ersten Blick passt der gebürtige Schweizer mit italienischem Pass nach Gelsenkirchen wie Pep Guardiola nach Berlin-Marzahn. Das aber sind Äußerlichkeiten. Es gibt keinen Grund für eine Vorverurteilung. Soll er erst einmal arbeiten, der neue Mann. Leicht wird’s nicht.