Als Ewerthon kam, sah – und der Kessel explodierte

Wenn Borussia Dortmund am 34. Spieltag der Bundesliga-Saison 2014/15 den SV Werder Bremen empfängt, geht es für beide Teams um viel – die Qualiikation für die Europa League. Am letzten Spieltag der Saison 2001/02 ging es für den BVB sogar um noch viel mehr: die Deutsche Meisterschaft!

Die Partie BVB – Bremen vom 4. Mai 2002 ist zweifelsfrei eines der 25 größten Spiele aller Zeiten im Dortmunder Westfalenstadion. Das Kapitel aus meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her!“ (http://amzn.to/1jRvRhb) habe ich als Appetitanreger in voller Länge in den Blog gestellt. Viel Spaß beim Lesen. Viel Spaß am Samstag im Stadion. Und nehmt ausreichend Papiertaschentücher mit. Ihr wisst schon: Kehli, Klopp . . .

Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:1 (1:1)

(4. Mai 2002, 34. Bundesliga-Spieltag)

Nachdem der FC Bayern München 1999 mit 15 Punkten Vorsprung auf Bayer Leverkusen Deutscher Meister geworden war, erlebte die Fußball-Bundesliga zum Start in das dritte Jahrtausend drei Herzinfarkt-Entscheidungen in Folge.

Im Mai 2000 lag in Leverkusen bereits der Champagner im Kühlfach. Bayer musste am letzten Spieltag nur noch bei der Spielvereinigung Unterhaching gewinnen, um endlich den lange überfälligen ersten Titelgewinn perfekt zu machen. Doch die Rheinländer verkrampften, versagten, unterlagen mit 0:2 – nicht zuletzt aufgrund eines Eigentores von Michael Ballack zum 0:1. Bayern zog durch ein 3:1 bei Werder Bremen noch vorbei.

Die Steigerung der Dramatik folgte ein Jahr später. Diesmal gingen die Münchener als Spitzenreiter in die letzte Runde, benötigten aber, weil Schalke das bessere Torverhältnis hatte, einen Sieg in Hamburg. Als der HSV in der 89. Minute (!) durch Sergej Barbarez mit 1:0 in Führung ging, feierten sie im Gelsenkirchener Parkstadion nach dem eigenen 5:3 gegen Unterhaching bereits die Meisterschaft. Im Glauben, auch in Hamburg sei bereits Schluss. Eine Fehlinformation. Vier Minuten später das böse Erwachen. Bei 90 + 4 glich Patrik Andersson mit einem indirekten Freistoß aus zehn Metern Entfernung aus. Wieder waren die Bayern Meister.

Die Saison 2001/02 komplettierte schließlich die Trilogie der Last-Minute-Meisterschaften. Ein schier unglaublicher Krimi mit dem FC Bayern in einer tragenden Nebenrolle. Mit Bayer Leverkusen in der Rolle des tragischen Helden. Mit Borussia Dortmund als unverhofftem Triumphator und mit dem damals 36-jährigen Matthias Sammer als jüngstem Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte. „Kompliment an die Mannschaft. Sie hat in dieser Saison Moral, Charakter und Dinge gezeigt, die man ihr nicht zutrauen konnte.“

Was, bei allem Respekt, Unfug war. Zwar hatte Borussia, allen voran mit Christoph Metzelder und Wintereinkauf Sebastian Kehl, einige junge Spieler im Kader. Vor allem aber gestandene Akteure: Jens Lehmann, Jürgen Kohler, Christian Wörns, Dédé, Stefan Reuter, Tomas Rosicky, Jan Koller, Marcio Amoroso, Ewerthon, Jörg Heinrich und so weiter und so fort. Eine Luxustruppe, mit Millionen und Abermillionen hochgezüchtet, von der man einen Spitzenplatz nicht nur erwarten durfte. Sondern musste.

Entsprechend geriet der Saisonstart zu einer schwarz-gelben Demonstration: Vier Siege und 10:0 Tore aus den ersten vier Spielen. Platz eins. Insbesondere der Brasilianer Amoroso, vor der Saison für 50 Millionen D-Mark als bis dahin teuerster Transfer der Bundesliga-Geschichte vom AC Parma (Italien) geholt, verzückte die Liga mit Traumtoren.

Doch mit dem 0:2 bei den Bayern geriet der BVB-Motor ins Stottern. Es folgten eine Derbypleite auf Schalke, bei der ausgerechnet Dortmunds Ex-Held Andreas Möller das goldene Tor gelang, und ein 1:1 gegen Leverkusen. Vorneweg marschierte jetzt der 1. FC Kaiserslautern mit dem Startrekord von 21 Punkten aus den ersten sieben Spielen. Am 10. Spieltag übernahm der FC Bayern die Tabellenführung. Nach vier Spielen noch fünf Punkte vor den Münchenern, hatte Borussia nun schon sechs Zähler Rückstand.

Dann plötzlich schwächelten die Bayern, verloren u.a. in Bremen und Berlin. Leverkusen übernahm die Spitze, kassierte aber am 14. Spieltag in Bremen die erste Saisonniederlage. Und Dortmund? Drehte auf, feierte sechs Siege in Folge und lag nach dem 1:1 in Bremen zu Weihnachten nur einen Zähler hinter Herbstmeister Leverkusen (39) auf Platz zwei – schon fünf Punkte vor Titelverteidiger München.

Die irre Berg-und-Talfahrt sollte sich in der Rückrunde fortsetzen. Bayer blieb in den Startblöcken hängen: drei Niederlagen aus den ersten vier Spielen. So stand Dortmund am 20. Spieltag plötzlich auf Platz eins, hatte eine Runde später nach dem 2:0 gegen Rostock schon vier Punkte Vorsprung. Und geriet, wie schon in der Hinrunde, ins Trudeln, weil die Sammers Mannschaft in den Spitzenspielen versagte. Am Ende würde der BVB aus den direkten Duellen gegen Bayer, Bayern und Schalke bei null Siegen gerade drei von 18 möglichen Punkten geholt haben. Die Mär, nach der Meisterschaften in den so genannten Sechs-Punkte-Spielen entschieden werden – sie war ein für allemal widerlegt.

1:1 in München (Tore: Giovane Elber – Amoroso), 1:1 gegen Schalke (Tore: Ewerthon – Niels Oude Kamphuis) – so ging es weiter. Und dann folgte das Gipfeltreffen in Leverkusen. Ohne Rosicky, ohne Wörns, ohne Heinrich. Ohne Mumm. Ohne Esprit. Ohne Chance. Mit 0:4 kam der BVB unter die Räder; Michael Ballack, Carsten Ramelow, Oliver Neuville und Dimitar Berbatov schossen den Werksklub wieder auf den Platz an der Sonne. Einen weiteren Rückschlag mussten die Borussen am 27. Spieltag hinnehmen. Zwar gewannen sie in Freiburg mit 5:1, weil Dédé, Amoroso und zweimal Koller zwischen der 65. und 70. Minute vier Tore gelangen. Doch nach dem Spiel und der Auswertung der TV-Bilder wurde Torwart Jens Lehmann für vier Begegnungen gesperrt. Er hatte gegen Soumaila Coulibaly übel nachgetreten und anders als in der Hinrunde, als ein Ellenbogencheck gegen Bayerns Elber unbestraft geblieben war, musste er sein Fehlverhalten diesmal büßen.

Mit Ersatzmann Philipp Laux zwischen den Pfosten kassierte der BVB im Saisonschlussspurt weitere Niederlagen in Stuttgart (2:3) sowie am 31. Spieltag in Kaiserslautern (0:1).

Angesichts von fünf Punkten Rückstand bei nur noch drei Spielen, erklärte Borussia Dortmund die Meisterträume offiziell für beendet. Manager Michael Meier, der nach dem Titelgewinn („Wir haben immer daran geglaubt!“) diesbezüglich unter bemerkenswertem Gedächtnisverlust litt, gratulierte Leverkusen zur Meisterschaft und mahnte stattdessen: „Wir müssen nicht mehr nach vorne schauen, sondern nach hinten aufpassen, denn Bayern, Schalke und Hertha sind uns gefährlich dicht auf die Pelle gerückt.“ Auch für die Experten war die Entscheidung drei Runden vor Saisonschluss gefallen. Der „kicker“ titelte stellvertretend für die verbreitete Meinung: „Bye, bye, Borussia!“

Was dann folgte, ist Bundesliga-Geschichte.

32. Spieltag:

Bayern München schlägt Hertha im Verfolgerduell mit 3:0 – die Berliner sind damit aus dem Rennen. Schalke wahrt seine Chance durch ein 2:1 gegen Nürnberg. Leverkusen bekommt die große Flatter, Teil 1. Auf eigenem Platz unterliegen Ballack & Co. dem SV Werder mit 1:2 – auch deshalb, weil Bayer-Torwart Hans-Jörg Butt, sonst ein beinahe todsicherer Elfmeterschütze, mit einem Strafstoß an seinem Bremer Kollegen Frank Rost scheitert.

Doch der BVB scheint aus dem Patzer des designierten Meisters keinen Nutzen ziehen zu können. Im Westfalenstadion steht es gegen den 1. FC Köln nach 89 Minuten nur 1:1 (Tore: Rosicky/21. – Dirk Lottner/56.). Dann kommt es im Strafraum zu einem Dreikampf zwischen zwei Dortmundern und einem Kölner. Amoroso schiebt Mitspieler Kohler in Gegenspieler Jörg Reeb. Kohler fällt – Schiedsrichter Dr. Helmut Fleischer deutet zur allgemeinen Überraschung auf den Elfmeterpunkt. Amoroso verwandelt, der Rückstand schrumpft auf zwei Zähler. Trainer Sammer schwenkt um: „Lange Zeit wollten wir Meister werden, dann haben wir Leverkusen gratuliert, jetzt sind wir auf einmal wieder im Rennen. Das ist irre und es macht mich wahnsinnig!“ Derweil lässt sich Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge zu einer Stichelei hinreißen: „Wenn der BVB Meister wird, dann nur so eine Art Mogelmeister. Der DFB sollte für das letzte Spiel gegen Bremen einen Schiedsrichter ansetzen, der nicht auf die Fallsucht der Dortmunder Spieler hereinfällt.“ Später entschuldigt sich Rummenigge für diesen verbalen Fehlgriff.

33. Spieltag:

Schalke büßt seine kleine Titelchance durch ein 0:2 in Berlin ein. Bayern spielt in Wolfsburg wenig meisterlich, gewinnt aber durch ein Eigentor mit 1:0. Für Torwart Oliver Kahn der ersehnte Anlass, sich viele neue Freunde zu machen: „Wenn die anderen nicht wollen – wir sind bereit. Wenn wir’s auch diesmal wieder schaffen sollten, werden wir uns für diese vierte Meisterschaft in Folge selbstverständlich offiziell im Namen des FC Bayern München bei der deutschen Öffentlichkeit entschuldigen.“ – Die Sympathien fliegen ihm nach dieser Aussage nur so zu. Ähnlich wie Borussia Dortmund nach dem geschenkten Elfmeter gegen Köln. Mit Ausnahme der ausgewiesenen Bayern- und BVB-Fans drückt die Fußball-Nation Leverkusen die Daumen. Doch Bayer bekommt die große Flatter, Teil 2 – und verliert in Nürnberg mit 0:1.

Derweil entscheiden die Schwarz-Gelben eines der rasantesten Duelle der gesamten Saison beim HSV mit 4:3 für sich (Tore: Amoroso 2, Rosicky, Koller – Raphael Wicky, Nico-Jan Hoogma, Erik Meijer). Der Spielverlauf aus Dortmunder Sicht: 2:0 – 2:1 – 3:1 – 3:2 – 4:2 – 4:3. Eine Berg- und Talfahrt, sinnbildlich für den Saisonverlauf. Eines aber macht der BVB an diesem Tag im hohen Norden klar: dass er den sechsten Titel unbedingt will. Und dass er dort, wo Leverkusen rostigen Draht hat, Nerven aus Edelstahlseilen besitzt. So übernimmt Borussia am vorletzten Spieltag die Tabellenführung, einen Punkt vor Leverkusen, zwei vor München.

In Dortmund knistert es in den Tagen vor dem Saisonfinale. Die Atmosphäre ist positiv geladen, die Spannung förmlich mit Händen zu greifen. Zumal der BVB vier Tage nach dem Showdown in der Bundesliga auch noch im UEFA-Cup-Finale gegen Feyenoord Rotterdam steht (und 2:3 verliert).

34. Spieltag:

Die Ausgangslage stellt Mathematiker vor keine nennenswerte Herausforderung: Der BVB muss gegen Bremen gewinnen. Ein Remis reicht aufgrund des schlechtesten Torverhältnisses der drei Kontrahenten nur, wenn auch Leverkusen gegen Hertha und Bayern gegen Rostock nicht gewinnen würden. Bayern gewinnt gegen Rostock 3:2, rückt zwischenzeitlich in der Blitztabelle auf Platz zwei vor, hat dabei aber zu keinem Zeitpunkt des Spiels virtuell die Finger an der Schale.

Leverkusen schon. Und nicht nur die Finger, sondern mindestens eine Hand. Denn Teil 3 der großen Flatter bleibt jetzt, da der Druck auf Dortmund liegt, aus. Ballack bringt Bayer früh in Führung (10.), Borussia gerät nach Amorosos Aluminiumtreffer durch Paul Stalteri mit 0:1 in Rückstand (17.) Zu diesem Zeitpunkt sind die Rheinländer Meister, fehlen dem BVB zwei Tore. Das erste glückt Koller vier Minuten vor der Pause mit einem – allerdings platzierten – Verlegenheitsroller von der Strafraumgrenze.

Ballacks 2:0 für Leverkusen sieben Minuten nach Wiederbeginn macht klar: Schützenhilfe von Hertha hat der BVB nicht mehr zu erwarten. Er muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und er gibt Gas. Bei lausigen zehn Grad drehen die Gastgeber im strömenden Regen auf. Und laufen geradewegs in einen Konter. Bremens Razundara Tjikuzu eilt ganz allein auf Lehmann zu, hebt das Spielgerät über Dortmunds Torwart hinweg, hebt es an die Latte. Fast 70.000 Zuschauern stockt der Atem, denn sie alle wissen. Landet dieser Ball im Netz, ist Borussias Traum 19 Minuten vor dem Ende ausgeträumt.

Stattdessen fällt die Entscheidung auf der anderen Seite. Rosicky auf Dédé, der bringt den Ball per Seitfallzieher vor das Tor, findet am langen Pfosten den nicht einmal 50 Sekunden zuvor eingewechselten Ewerthon Henrique de Souza, kurz: Ewerthon. Der Brasilianer fliegt heran und drückt das Leder via Innenpfosten über die Linie. Für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen, dann entlädt sich die Anspannung der Fans in einer Jubel-Explosion, wie man sie nur ganz selten erlebt hat.

In der ARD-Hörfunkkonferenz kommentiert Manfred Breuckmann die entscheidende Szene so: „Die Dortmunder wollten gerade einen Elfmeter. Amoroso kam im Strafraum zu Fall – es war keiner. Jetzt der BVB mit Sebastian Kehl kurz hinter der Mittellinie . . . Was für ein Drehbuch heute Nachmittag . . . Oscar-verdächtig . . . sämtliche Dramatik, die wir brauchen und wollen im Fußball, ist drin . . . Jetzt die Möglichkeit für Dede und Tooooor! Und Tooooor für Borussia. Der gerade frisch eingewechselte Ewerthon . . . Jetzt geht hier die Post ab!“

In der BayArena in Leverkusen verlässt Bayer-Manager Rainer Calmund, als ihn die Nachricht von der Dortmunder Führung erreicht, die Tribüne und schließt sich weinend im Trainerbüro in den Stadionkatakomben ein. Wieder nicht Meister. Wieder nur Vize.

Und für die Mannschaft, die 2001/2002 zweifelsfrei den attraktivsten, offensivsten und spektakulärsten Fußball spielte, blieb es nicht bei dieser einen bitteren Niederlage. Eine Woche nach dem bitteren Ende im Meisterschaftsrennen verlor Bayer auch das DFB-Pokal-Finale gegen Schalke mit 2:4. Weitere vier Tage später bot das Team Real Madrid im Champions-League-Finale im Glasgower Hampden Park einen großen Kampf, zog aber auch hier den Kürzeren – 1:2 (Tore: Lucio – Raul, Zinedine Zidane). Dreimal Zweiter innerhalb von elf Tagen: Der Beiname „Vizekusen“ wurde in jener Saison für alle Zeiten zementiert. Und für Kapitän Ballack und einige Teamkollegen folgte bei der WM in Japan und Südkorea mit der Finalniederlage gegen Brasilien im Sommer der vierte Vizetitel.

Borussia Dortmund wiederum verschleierte der Erfolg den Blick für die Realitäten. Während Manager Meier laut tönte: „Wer den BVB angreift, der greift eine Macht an“, orakelte Präsident Niebaum: „Unsere junge Mannschaft hat die wichtige Erfahrung gemacht, dass sie siegen und erfolgreich sein kann. Das gibt Stärke für die Zukunft.“ Doch erstens war die Mannschaft nicht jung. Und zweitens endete die folgende Saison mit der verpassten Champions-League-Qualifikation und dem frühen UEFA-Cup-Aus sportlich in einem Fiasko, das wirtschaftlich eine Havarie nach sich zog.

Advertisements

„Was auch immer geschieht . . .“

Dies ist eine Geschichte über Fußball. Wie ich ihn erlebe. Gemeinsam mit meinen beiden Söhnen. Fußball, wie wir ihn leben. Warum er uns wichtig ist. Was an ihm uns wichtig ist. Es ist eine dieser Papa-Sohn-Geschichten, die ich schon längst mal aufgeschrieben haben wollte. Die ich genau jetzt aufschreibe, weil sie auch etwas mit der aktuellen Situation bei Borussia Dortmund zu tun hat.

Und wenn Du das Spiel gewinnst, ganz oben stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s läuft. Kann jeder! „You only sing when you’re winning!” – So machten sich britische Fußballfans viele Jahre lang über Erfolgsfans vom Kontinent lustig. Damals, als es auf der Insel noch echte Fankultur gab. Als „The Kop“, die legendäre Tribüne an der Liverpooler Anfield Road mit ihrem berüchtigten „Roaaar!“, noch das Maß aller Dinge für Atmosphäre in Fußballstadien war. „Ihr singt ja nur, wenn Ihr gewinnt!“

Inzwischen haben sich die Verhältnisse längst ins Gegenteil verkehrt. Im Mutterland des Fußballs ist die Fankultur tot. Aus den Stadien gedrängt von milliardenschweren Investoren und Oligarchen. Heute singen englische Fans nur noch, wenn ihr Team gewinnt. Und manchmal selbst dann nicht. Heute kommen Briten nach Dortmund, wenn sie mal wieder richtige Stadionatmosphäre erleben wollen. BBC Sports schwärmte in der vergangenen Woche von Borussia und vom Westfalenstadion – und machte den lesenswerten Beitrag

http://www.bbc.com/sport/0/football/29624410

fest an der Reaktion der Südtribüne nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV. Ein trostloses Spiel des Vizemeisters und Champions-League-Teilnehmers gegen den Fast-Absteiger und sieglosen Tabellenletzten. Eine weitere Enttäuschung statt der angekündigten Trendwende. Ein Spiel, nach dem sie 600 Kilometer weiter südlich, beim FC Bayern, alles und jeden in Frage gestellt hätten. Und in Dortmund: Ging beim Schlusspfiff keiner der 25.000 auf „Süd“ nach Hause. Alle blieben. Alle applaudierten ihrem Team, spendeten lautstarken Trost. Ein Schulterschluss, der Trainer Jürgen Klopp und die Profis beeindruckte. Von wegen „You only sing when you’re winning!“

Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier und singen Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Singen, wenn’s nicht läuft. Das will eben nicht jeder. Phasen wie jene, die Borussia Dortmund jetzt gerade durchlebt, trennen die wahren von den Schönwetter- und Erfolgsfans. Jene Anhänger, die schon immer dabei waren oder immer dabei wären – von jenen, die in den vergangenen Jahren hinzu stießen, weil der BVB zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, das CL-Finale erreichte, das jüngste Meisterteam hatte und den geilsten Trainer, der obendrein Fußball als Vollgasveranstaltung zelebrieren ließ. Spektakel und Drama als Alltagsphänomene. Die Zuschauer, die in dieser Zeit und nur deshalb die Fanshops leer kauften, sind die Zuschauer, die heute zur Halbzeit pfeifen, wenn ihr Team nicht zaubert und hoch führt. Die 90 Minuten an einem Stück meckern – wobei: Die 90. Minute erleben die meisten von ihnen ja gar nicht mehr im Stadion, weil sie nach 80 Minuten gehen. Um vor den anderen am Auto zu sein und nicht in den Stau zu geraten.

Diese Menschen sind Zuschauer und das ist auch okay so. Nur: Fans sind sie nicht!

Was auch immer geschieht, wir steh’n Dir bei, bis in den Tod, wir sing’ für Dich, für Dich Bo-rus-sia, Bo-rus-sia BVB!!!

Und die Papa-Sohn-Geschichte? – Fängt genau hier an. Wo Fußball aufhört, Spaß zu machen. Beim 1:2 auf Schalke, oben unter dem Dach der Dreifach-Turnhalle. Letzte Reihe. 120 Euro für eine Lkw-Ladung Frust. Du hast Dich kaum hingesetzt, da steht’s 0:2 – und um dich herum hüpfen die Schlümpfe. Oder beim 0:1 gegen den HSV. Gegen die kannst du ja gar nicht verlieren. Denkst du vorher. So schlecht wie die sind. Die können doch weniger als gar nix. Denkst du auch noch während des Spiels. Noch in der 88. Minute, der 89. . . . Und dann ist es vorbei, und in Köln passiert es wieder und du hast Sch…-Laune. Sohn 1, Jahrgang 1999, Dauerkarte auf der Südtribüne, redet nicht mehr. Weil er, wenn er sauer ist, nie redet. Sohn 2, Jahrgang 2001, Dauerkarte im Familienblock, ist den Tränen nah. Beide haben bewusst bisher nur die fetten Jahre erlebt. Wir waren bei zwei DFB-Pokal-Endspielen in Berlin und beim Champions-League-Finale in Wembley. Die ganzen Jahre hab’ ich ihnen erzählt, dass das etwas Besonderes ist. Keine Selbstverständlichkeit. Dass sie’s genießen und auf der Festplatte im Langzeitgedächtnis abspeichern sollen. Mit Sicherungskopie für schlechtere Zeiten.

Und trotzdem fängst du jetzt plötzlich an, ihnen zu erklären, dass sowas manchmal vorkommt. Schalke. Hamburg. Köln. Dass es früher NUR SO und NIE anders war. Jahr um Jahr, Saison um Saison. Dass es Zeiten gab, da Platz 14 eben Platz 14 war. Und keine Krise. Und nicht einmal schlimm.

Und dann merkst du, wie die Jungs ein paar Mal schlucken – und dann is‘ auch wieder gut. Weil Fan zu sein eben mehr ist als zu singen, wenn du gewinnst. Es ist mehr als nur zum Stadion zu fahren, das Spiel zu gucken und wieder nach Hause zu fahren. Fan zu sein, das heißt auch, andere Fans kennen zu lernen. Gemeinschaft zu erleben. Erfolge zu feiern, aber auch Niederlagen akzeptieren zu lernen. Man spricht ja nicht umsonst von Fan-Kultur.

In unserem Papa-Sohn-Ding ist Fußball auch ein Stück Erziehung. Es ist ein Stück Groß- und Erwachsenwerden.

Ich erinnere mich an ein Heimspiel gegen den FC St. Pauli. 23. Spieltag der Saison 2010/11. Südostecke. Ein vergleichsweise schmuckloses 2:0. Warum auch immer, hatte Peter Sippel Sohn 2 so sehr gegen sich aufgebracht, dass er plötzlich „Schiri, Du Arschloch!“ schrie und mich zu einem Moment der inneren Einkehr zwang. Sollte ich den Neunjährigen zur Ordnung rufen und mit erzieherischen Maßnahmen drohen? – Natürlich nicht! Er hatte schließlich nicht im Bus „Fahrer, Du Arschloch!“ oder im Laden „Verkäufer, Du Arschloch!“ gebrüllt. Wir waren schließlich im Stadion, und im Stadion gehört „Schiri, Du Arschloch!“ so selbstverständlich zum guten Ton wie in der Schule das „Guten Morgen, Frau Lehrerin!“ Ich legte also meine Hand auf seine Schulter. Wir verstanden uns.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen den FC Arsenal in der Saison 2013/14. Wir stiegen an der Reinoldikirche in die U-Bahn. Zusammen mit ein paar Dutzend englischen Fans. Die sangen ohne Unterlass. Nicht schön, aber laut. Schon an der Station und in der Bahn dann noch ein wenig lauter. BVB-Fans sangen nicht. Ich schaute meine Jungs an – und sagte: „Wir sind hier in Dortmund. Oder?“ Und dann fingen wir an zu singen: „Olé, olé, oleeé, nur der BVB, unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz!“ Und die ganze Bahn stimmte ein. Und die Engländer sangen weiter ihren englischen Kram. Und es war eine Mörderstimmung. Friedlich. Fröhlich. Auf dem Weg zum Stadion plauderten wir noch ein wenig mit den englischen Fans. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an das Champions-League-Heimspiel gegen Real Madrid im Jahr zuvor. Das Halbfinale. Wir sind vor dem Spiel noch in die City gefahren. Ein bisschen Atmosphäre aufnehmen auf dem Alten Markt. Dort sprach uns eine dänische Familie an. In sehr gebrochenem Deutsch. Ob wir ihnen erklären könnten, wie sie zum Stadion kommen. „Da wollen wir auch hin, kommt einfach mit“, sagte ich. Wir stiegen dann auf Englisch um. Es stellte sich heraus, dass sie BVB-Fans waren. Morgens losgefahren – und nach dem Spiel gleich wieder zurück, weil sie am nächsten Morgen arbeiten mussten. 1.200 Kilometer für ein Fußballspiel. Der Sohn war so alt wie meine beiden Jungs. Wir quatschten über Flemming Povlsen und „Danish Dynamite“ und trennten uns vor dem Stadion mit den besten Wünschen für „ein gutes Spiel“. Der BVB filetierte Real mit 4:1 – und diese kleine dänische Episode gehört für uns mit zu diesem großen Dortmunder Fußballabend. Das ist Fan-Sein.

Ich erinnere mich an Wembley. An 90 Minuten nonstop durchsingen. An den Schock in der 89. Minute, an die nur kurze Enttäuschung, der sich sofort dieses Gefühl von Stolz anschloss – und dann das dringende Bedürfnis, die Mannschaft trotz der Niederlage zu feiern. Ich erinnere mich an Berlin im Mai dieses Jahres. Der gestohlene Pokalsieg. Diese Mischung aus Ärger und Ohnmacht, als wir noch im Stadion via WhatsApp erfuhren, dass Hummels’ Kopfball NATÜRLICH drin war. Diese Sch…-Wut auf die großkopferten Bayern, deren Häme nach dem Spiel nicht auszuhalten war.

Und ich erinnere mich an den letzten Spieltag der Saison 2010/11. Dortmund war schon Meister. Es war Schale-Abholtag. Und Abschiedstag. Dede ging. Sohn 1 trug sein Dede-Trikot, und als der Brasilianer wenige Minuten vor dem Spiel verschiedet wurde, schluckte er schwer. „Alles klar bei Dir?“, fragte ich – und dann heulte er los. Und heulte. Und heulte. Er heulte immer wieder während des Spiels. Als Dede eingewechselt wurde. Als er kurz vor Schluss einen Elfmeter verschoss. Als er die Meisterschale hochstreckte. Am nächsten Tag heulte er weiter, als die Mannschaft die Bühne vor der Westfalenhalle betrat und Dede selbst auch heulte. Es war ein tränenreiches Wochenende. Wir haben viele Packungen Papiertaschentücher verbraucht. Aber DAS IST FAN-Sein. Das Dede-Trikot hängt heute an seiner Zimmer-Wand. Hinter Glas. Inzwischen ziert es ein Dede-Autogramm.

Fan-Sein, das ist für uns in diesem Papa-Sohn-Ding auch dieser gemeinsame Erinnerungsschatz. Diese Erlebnisse, die uns keiner mehr nimmt. Schöne. Und weniger schöne. Die genau deshalb aber auch wieder schön waren. Fan-Sein ist so viel mehr als zum Fußball zu fahren, das Spiel anzuschauen und wieder nach Hause zu fahren. Und Fußball ist so viel mehr als Spiele zu gewinnen und Titel zu feiern. Und deshalb ist das, was Borussia Dortmund gerade durchlebt, sportlich zweifelsfrei eine Krise. Der Untergang der Welt ist es nicht.