Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

Shinji Kagawa: Sein Traum-Tor ist das Brandenburger

Ein Japaner vor dem Brandenburger Tor!

Zugegeben, das klingt weder nach „Breaking News“ noch nach der ganz großen Geschichte, weil japanische Touristengruppen längst zum Berliner Wahrzeichen gehören wie der Florianturm zu Dortmund. Fast ist man geneigt, zu sagen:  K e i n  Japaner vor dem Brandenburger Tor – das wäre mal ‘ne Nachricht. Auf den folgenden Seiten beweisen wir das Gegenteil. Doch der Reihe nach.

Zunächst zurück vom Pariser Platz in 10117 Berlin zur Strobelallee in 44139 Dortmund. Wir stehen in der TV-Box im Nordwesten des Signal Iduna Parks. Diese kleine Kiste mit dem großen Panoramafenster, durch das der Blick auf die gigantische Südtribüne fällt. Die Gelbe Wand ist heute leer – sieht man von einer Handvoll Arbeitern ab, die Tätigkeiten nachgehen, deren Zweck sich aus 120 Metern Entfernung nicht erschließt. Dafür ist die TV-Box rappelvoll. Gefühlt: 20 Leute auf 12 Quadratmetern. Ganz großes Gewusel! Mittendrin statt nur dabei: Shinji Kagawa und Jumpei Yamamori, sein Längst-viel-mehr-als-nur-ein-Dolmetscher. Gerade eben hat Kagawa mit Norbert Dickel für BVB total! das „Feiertagsmagazin“ zum Augsburg-Spiel abgedreht. Offen blieb dabei allein die Frage, wer von beiden mehr Spaß an dem launigen Talk hatte – oder um es mit Marius Müller-Westernhagen zu sagen: „…es wurde viel gelacht!“

Aber nun komme ich und zeige Shinji dieses Foto – und was soll ich sagen, lieber Nobby, das Strahlen auf dem Gesicht des kleinen Japaners wird noch ein wenig breiter als es in Deiner Sendung war. Wären die Studio-Scheinwerfer nicht ohnehin eingeschaltet, Kagawas Gesicht würde die TV-Box locker ausleuchten.

Das Foto, das ihm solche Freude bereitet, zeigt: Einen jungen Japaner vor dem Brandenburger Tor. Es ist Nacht, das historische Gebäude wirkt im warmen Schein der Flutlichtstrahler noch ein wenig Erhabener als ohnehin. Der junge Japaner trägt ein hellgrau-weiß gestreiftes Hemd unter dem schwarzen Sakko und ein breites, sehr zufriedenes Lächeln im Gesicht. Doch er trägt noch viel mehr: den 5,7 Kilogramm leichten DFB-Pokal im rechten und die 11 Kilogramm schwere DFB-Meisterschale im linken Arm. Der junge Mann ist der 23-jährige Shinji Kagawa – oder wie man hier in Dortmund sagt: Kaaagaaawaaa Shinjiiie! Dribbelkönig, Spielgestalter, Vollstrecker, Senkrechtstarter, Emporkömmling, Publikumsliebling.

Wenige Stunden, bevor dieses Foto entstand, hatte Shinji Kagawa mit Borussia Dortmund den FC Bayern München aus einer anderen Berliner Sehenswürdigkeit geballert: dem Olympiastadion. 5:2 hieß es nach 90 Minuten. Zum ersten Mal in der 103-jährigen Vereinsgeschichte hatte der BVB das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen – und der kleine Japaner war mittendrin statt nur dabei gewesen. Das 1:0 in der dritten Minute hatte er selbst erzielt, zwei weitere Treffer vorbereitet und grandios Regie geführt. Der „Kicker“ gab ihm – wie dem dreifachen Torschützen Robert Lewandowski – die Traumnote 1.

„Das ist“, sagt Shinji Kagawa – und er wirkt fast ein wenig gerührt dabei – „ein schönes Foto. Wirklich ein sehr schönes Foto.“ Und dann setzen die Erinnerungen ein, ist es, als laufe der Film dieses 12. Mai 2012 noch einmal vor seinem inneren Auge ab. „Inzwischen spiele ich ja doch schon einige Jahre in Europa und kann die Dinge besser bewerten. Wenn ich dieses Bild betrachte, wird mir bewusst, wie schwer Erfolg damals wog und bis heute wiegt.“ Im doppelten Sinne: Da sind zum einen die knapp 19 kg, die beide Trophäen zusammen auf die Waage bringen. Und da ist die Bedeutung des Triumphes. „Wir haben“, sagt Kagawa, „damals etwas Bleibendes, sogar etwas Historisches geschaffen.“ Deshalb werde die Galavorstellung im 2012er Pokalfinale auch „umso wertvoller und ihr Stellenwert umso größer, je älter ich werde. Den FC Bayern schlägst du nicht jeden Tag, schon gar nicht mit 5:2 und noch seltener in einem Finale“. Dieses Spiel und das Final-Erlebnis mit dem ganzen Drum und Dran, auch mit dem Jubelkorso tags darauf in Dortmund, durch ein Spalier aus einer Viertelmillion oder noch mehr Fans, „war auf jeden Fall ein Höhepunkt in meiner Laufbahn“.

Deshalb kann er sich auch noch gut daran erinnern, was nach dem Fototermin am Brandenburger Tor passierte: „Wir haben ein paar Bier getrunken und es ordentlich krachen lassen. Das war unglaublich.“ Bei der Frage nach Details aus der Partynacht setzen dann allerdings erste Gedächtnislücken ein . . . Schade!

Feiern möchte Shinji Kagawa auch 2017 wieder. In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai. „Seit 2012 möchte ich das noch einmal erleben“, sagt Kagawa. Die letzten Finalniederlagen haben ihn, wie auch den Rest der Mannschaft, „natürlich geärgert. Aber aus der Enttäuschung erwachsen auch der Teamgeist und die Stärke, die uns diesmal hoffentlich triumphieren lassen“. Wobei der Japaner, der im Saisonverlauf immer stärker geworden und rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt auch körperlich topfit ist, ganz genau weiß: „So ein Endspiel ist immer eine Gratwanderung, ein Fifty-Fifty-Match, in das so viele verschiedene Faktoren hineinspielen.“ Will sagen: Es muss erst einmal gespielt werden, dieses Finale gegen Eintracht Frankfurt, und würde irgendjemand beim BVB glauben, man hätte schon gewonnen, dann hätte man vermutlich schon verloren.

Mit dem Pott im Arm noch einmal vor dem Brandenburger Tor posieren! Noch 90 Minuten trennen Kagawa und den BVB von der Erfüllung dieses Traumes. Vielleicht auch 120 und ein Elfmeterschießen. Hauptsache, diesmal geht es gut aus! – Und die Meisterschale? „Wir wissen, wie schwer es ist, Meister zu werden. Aber wir haben es 2011 und 2012 zweimal in Folge geschafft. Und wir können es wieder schaffen. Ich glaube, dass unsere junge Mannschaft, wenn sie sich so großartig weiterentwickelt, in naher Zukunft bereit dazu ist.“

Sein Stern ging am 19.09. im Derby auf

Shinji Kagawa wurde am 17. März 1989 in Köbe (Japan), einer 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt in der Osaka Bay geboren. Im Alter von 21 Jahren wechselte er für eine Ablösesumme von 350.000 Euro von Cerezo Osaka zu Borussia Dortmund. Ein Schnäppchen und einer der besten Transfers der jüngeren Vereinsgeschichte, wie sich alsbald herausstellen sollte. Genauer gesagt: am – man beachte das Datum! – 19.09.2010, als Kagawa beim 3:1-Derbysieg des BVB auf Schalke zwei Treffer erzielte und sich damit quasi aus dem Stand in die Herzen der Fans ballerte. Am Ende der Saison war Kloppos Rasselbande Deutscher Meister, ein Jahr später Doublegewinner – und Kagawa erfüllte sich einen Jugendtraum: den Wechsel zu Manchester United in die englische Premier League. Zwar gewann er mit dem Traditionsklub auf der Insel 2015 Meisterschaft und Ligapokal, doch wirklich durchsetzen konnte sich der offensive Mittelfeldspieler nicht. Und so kehrte er im August 2014 nach zwei Jahren zum BVB zurück – unter dem großen Applaus der Anhänger, die unter dem Hashtag #freeShinji sogar eine Twitter-Kampagne losgetreten hatten.

Freistoß Sahin. Kopfball Hummels. TOOOR! Eigentlich.

Zwei Jahre nach dem Pokalfinale 2014 brechen der Ball und die Torlinie endlich ihr Schweigen

Der 17. Mai 2014 war schon tagsüber fies. Oben an der Spree. Es war ungemütlich kalt in Berlin. Nasskalt. Immer wieder schauerte es. Und als am Abend im Olympiastadion der BVB und Bayern München auf der letzten Rille um den DFB-Pokal kämpften, da kübelte es phasenweise sogar wie aus Eimern. Eines aber hatte das Wetter an diesem Endspielabend nicht im Repertoire: Nebel! Das Flutlicht schien hell und die Fernsicht war exzellent, als die 64. Spielminute anbrach. Als Mats Hummels den Ball im Flug artistisch aufs Tor und ins Tor hinein köpfte. 76.197 Zuschauer sahen das auch. Nur die beiden Zuschauer auf den besten Plätzen – die sahen es nicht: Schiedsrichter Florian Meyer und sein Assistent an der Linie. Jetzt, zwei Jahre später, melden sich erstmals zwei Kronzeugen zu Wort, die bislang beharrlich geschwiegen haben: Der Ball. Und die Torlinie.

Mal Hand aufs Herz, Ball, wie war das damals – wie hast Du die Szene gesehen?

Der Ball: Aus allernächster Nähe. Ich war ja quasi mittendrin. Also erst im Geschehen und dann im Tor.

Der Reihe nach . . .

Der Ball: Es gab Freistoß für Borussia. Ein ruhender Ball also. Wobei: Wer hat sich eigentlich diesen Begriff ausgedacht: ruhender Ball. Wisst Ihr, wie nervös ich war. . .?! Aber egal, ich schweife ab. Der Nuri Sahin streichelt mich also mit dem linken Fuß in den Strafraum. Herrlich! Wenn ich daran denke, krieg‘ ich heute noch ’ne Lederhaut. Dann fliegen Lewandowski und dieser Dante mit seiner Stromschlag-Frisur auf mich zu. Oder ich auf sie. Egal. Lewi lässt mich so gerade eben über den Scheitel rutschen. Dann geht alles sehr schnell. Ich faaaaalleeeee – plötzlich ist der Mats da, der Hummels. Bäääm!

Wie jetzt – bäääm?!

Der Ball: Ja, bäääm eben! Der Mats liegt waagerecht in der Luft. Ziemlich verdreht, wenn ihr mich fragt. Aber irgendwie erwischt er mich mit dem Kopf. Ich fliege also Richtung Tor, sehe unter mir die Torlinie vorbeirauschen, sehe vor mir das Netz. Ich denke noch: Genau da musst Du hin. Ins Netz! Ihr wisst ja, das Runde, ich also, muss ins Eckige. Alte Fußball-Weisheit.

Und dann?

Der Ball: Das Nächste, was ich spüre, ist der Fuß von diesem Dante. Der tritt mich mit voller Wucht aus dem Tor. Aber war ja wurscht. Ich war ja vorher schon drin. Ätschibätsch, du Dante! Dachte ich. Ich bin dann ja auch direkt im hohen Bogen Richtung Mittelkreis geflogen. Zum Anstoß. Aber als ich da ankam, nahm mich niemand, um mich auf den Anstoßpunkt zu legen. Das Spiel lief einfach weiter.

Und Du, Torlinie, wie hast Du den Treffer gesehen?

Die Torlinie: Eher zufällig, um ehrlich zu sein. Schlechte Sicht. Es hat ja Bindfäden geregnet. Von der Latte prasselten ständig Wassertropfen auf mich herab. Ich wollte mir gerade die Brille putzen, als plötzlich der Ball über mir auftaucht und über mich hinweg fliegt. „Tooor!“, will ich also pflichtgemäß rufen . . .

. . . aber?

Die Torlinie: Aber da latscht dieser Dante mit seinem rechten Fuß voll auf mich drauf, bohrt seine Eisenstollen in mich hinein und schlägt mit links den Ball aus der Kiste.

ECHT: Ein regulärer Treffer also?

Ball und Torlinie (irritiert): Ist die Erde rund?

Das Scheitern ist Baustein der BVB-DNA

Da sitzt du dann also im Berliner Olympiastadion. Genau genommen stehst du mehr als du sitzt, was völlig okay ist, weil du Sitzen sowieso für‘n Arsch findest. Noch schlimmer, als bei so einem Spiel zu sitzen, sind nur die Leute hinter Dir mit ihrem „Können Sie sich nicht mal hinsetzen; ich sehe nix!“-Genöle. Aber egal: Es läuft die 75 Minute, vielleicht auch schon die 76. Jedenfalls eine dieser Minuten, in denen dir allmählich aufgeht, dass das wohl nichts mehr wird mit dem Pokalsieg. Weil sich der ruhmreiche BVB zwar nach Kräften müht, den 1:3-Rückstand gegen den weit weniger ruhmreichen VfL Golfsburg noch zu drehen. Es aber einfach nicht schafft, die Murmel irgendwie über die Linie zu bringen. Was, blickt man auf die komplette Saison zurück, irgendwie nicht einmal verwunderlich ist. Aber eben trotzdem Schei…!

Nun sitzt oder stehst du da nicht alleine. Links neben dir sitzt oder steht dein 14-jähriger Sohn. Rechts neben dir sitzt oder steht dein 15-jähriger Sohn. Die beiden sind mindestens genau so enttäuscht wie du selbst – aber sie sind eben erst 14 und 15. Sie finden das nicht nur Schei…, sondern Oberschei… Sie finden, dass der VfL Golfsburg ein Drecksklub ist, weil er ja im Grunde gar kein Klub ist, sondern das Kunstprodukt einiger Fußball-verliebter und Marketing-begabter VW-Manager. Sie finden den Schiedsrichter Felix Brych schei…, weil er dem BVB kurz vor der Pause einen glasklaren Elfmeter verweigert hat, der das 2:3 und damit eine ganz andere zweite Halbzeit hätte bedeuten können.

Ich finde das auch. Das mit Golfsburg. Und das mit dem Schiri. Ich finde nach wie vor, dass schon Herr Rizzoli im Champions-League-Finale maßgeblichen Anteil an der BVB-Niederlage hatte. Ich finde, dass Herr Meyer uns 2014 den Pokalsieg schlicht gestohlen hat. Mir gehen diese Schiris zunehmend auf den Keks.

Meinen Söhnen auch.

Nach dem Spiel brauchten die beiden dann: erstens Trost und zweitens Erläuterungen. Das mit dem Trost war kompliziert, weil ich ja selber welchen hätte brauchen können. Das mit den Erläuterungen klappte besser, weil die beiden zwar einerseits ERST 14 und 15, andererseits aber SCHON 14 und 15 sind.

Und so erklärte ich ihnen auf dem Rückweg zum Hotel, dass man auch mit Niederlagen umgehen muss und es durchaus keine Lösung ist, den penetranten VfL-Anhänger mit seinem nervtötenden „Oohh, Keeeevin de Broooooooooinee“-Gesinge durch strafrechtlich relevante Handlungen zum Schweigen zu bringen. Ich erinnerte sie daran, dass wir Gewalt verabscheuen und sagte Sätze wie: „Es ist kein Misserfolg, ein Finale zu verlieren. Es ist ein Erfolg, ein Finale zu erreichen.“ Ich sagte: Versetzt Euch mal in die Fans anderer großer, traditionsreicher Vereine. Hamburger SV, 1. FC Köln, Hannover 96, Eintracht Frankfurt, 1. FC Kaiserslautern. Fragt die mal, wie viele Finals sie in den vergangenen Jahren gespielt haben. Oder Jahrzehnten. Oder fragt man einen Schalker, wie es ist, Deutscher Meister zu werden. Oder versucht überhaupt mal einen Schalker zu finden, der Euch diese Frage beantworten kann. Die meisten leben ja längst nicht mehr.

Borussia Dortmund hat in den vergangenen sieben Jahren fünf Endspiele erreicht. Viermal das DFB-Pokal-Finale in Berlin. Einmal das Champions-League-Finale in Wembley. Ich war bei allen fünf Spielen dabei. Meine Söhne bei vier der fünf. Ich habe vier Niederlagen miterlebt, drei davon gegen die Bayern. Meine Söhne haben drei Niederlagen miterlebt. Drei in Folge. Aber eben auch den 5:2-Triumph von 2012. Da war Sohn 1 gerade zwölf und Sohn 2 noch keine elf Jahre alt. Und überhaupt: Sie haben bereits VIER FINALS erlebt. Und zwei Meisterschaften gefeiert. Ein Double! Ich sagte deshalb am späten Samstagabend Sätze wie: Diese BVB-Geschichte der Klopp-Jahre miterlebt zu haben, ist ein Privileg. Bei den Finals im Stadion live dabei gewesen zu sein, ist ein Obermegagiga-Privileg.

Und dann, wir sind fast schon am Hotel, sagte ich den wohl entscheidenden Satz: „Das Scheitern gehört zur DNA von Borussia Dortmund!“ Schwere Niederlagen einzustecken, zu Boden zu gehen, sich durchzuschütteln und wieder aufzustehen, diese Rocky-Balboa-Mentalität: Das macht den BVB erst aus. Zwischen 1966 und 1972 ist Borussia von Europas Thron in die zweite Liga abgestürzt. Das Durchschütteln hat lange gedauert, aber 1976 war der BVB wieder da. Dann war er zweimal fast pleite; 1995 und ‘96 war er – nach zuvor 23 langen Jahren ohne jeden Titel – zweimal Meister, 1997 zurück auf Europas Thron und sieben Jahre später nicht nur fast, sondern ganz und gar pleite. Er hat sich durchgeschüttelt, ist wieder aufgestanden.

Dann kam Jürgen Klopp . . .

Ich erklärte meinen Jungs also: Ein Finale zu verlieren. Oder zwei. Oder drei. Gehört zu den kleineren Problemen, die der BVB in seiner Klubgeschichte zu meistern hatte. Ich erklärte ihnen: Nur weil wir immer wieder auch Misserfolge verkraften müssen, sind wir überhaupt in der Lage, beim nächsten Erfolg das Stadion aufs Neue abzureißen, die Stadt und die ganze Region explodieren zu lassen. Erfolge werden für Borussia Dortmund immer etwas Besonderes bleiben. Jeder einzelne Erfolg knallt maximal. Das, AUCH das, unterscheidet uns vom FC Bayern München.

Wir diskutierten dann noch über die Macht des Geldes, das den Fußball immer mehr regiert. Über die korrupte FIFA, über Rasendingsbums Leipzig/Salzburg und über das jüngste Comeback von Austria Salzburg im österreichischen Profifußball. Über Bayer Leverkusen, die TSG Hoppenheim und den VfL Golfsburg. Retortenklubs, Kunstprodukte. Konzerninteressengesteuert. Wir waren uns einig, dass es keine Lösung wäre, auch so zu werden. Als wir schließlich im Hotel ankamen, war ich mir ziemlich sicher, dass meine Jungs kein RedBull trinken und niemals einen VW fahren werden. Dass sie ganz ohne Bayer-Produkte durchs Leben kommen, bezweifle ich. Und ohne SAP wird’s möglicherweise auch nicht gehen. Das hat der Herr Hopp geschickt angestellt.

Wir sind dann noch zur BVB-Party ins Berliner „Kraftwerk“ gefahren. Auch so ein Privileg. Dort hat Jürgen Klopp seine allerallerallerletzte Rede als Trainer des BVB gehalten. Irgendwann in dieser Rede hat er den Satz gesagt: „Wichtig ist nicht, was man über dich denkt, wenn du kommst. Wichtig ist, was man über dich denkt, wenn du gehst. Danke für das, was Ihr über mich denkt!

Auf dem Weg ins Hotel haben meine Jungs mir verraten, dass sie an dieser Textstelle „fast geweint“ hätten. Schwarzgelbe Abschiedstränen. „Ich auch“, habe ich gesagt. „Aber wir werden auch wieder schwarzgelbe Freudentränen weinen.“ Das war immer so. Auch das gehört zur DNA von Borussia Dortmund

19,09 Gründe, warum der BVB ins Pokalfinale einzieht!

DFB-Pokal-Halbfinale, Part I: FC Bayern München – Borussia Dortmund. Manch einer sagt: der deutsche Clásico. Andere würden, wäre da nicht schon #MayweatherPacquiao in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai (schnell den Sky-Frühbucherrabatt sichern!!!), vom „Kampf des Jahrhunderts“ sprechen. Jedenfalls: Es kann nur einen geben. Den BVB!

1. Die Hose, die Jürgen Klopp heute Abend tragen wird, hat – kaum sichtbar, aber doch vorhanden – am linken Bein ein kleines Loch.

2. Für den – kaum zu erwartenden – Fall, dass der FC Bayern den BVB ins Elfmeterschießen zwingen sollte, hat Borussias Zeugwart einen hölzernen Klappstuhl mitgenommen.

3. Batman und Robin.

4. Sämtliche zehn Pokalspiele mit Mitch Langerak im Tor hat Borussia Dortmund gewonnen.

5. Mit Mitch Langerak im Tor ist der BVB gegen den FC Bayern München ungeschlagen.

6. Der kleine Philipp muss um 22 Uhr aus dem Bälleparadies abgeholt werden.

7. Der kleine Mario muss um 22 Uhr aus dem . . .

8. Die Blumen, die Kalle Rummenigge eigentlich für den Abschied von Jürgen Klopp gedacht hat, finden so als Glückwunsch-Strauß zum Finaleinzug doch noch Verwendung.

9. Den Pokal braucht Borussia als Blumenvase.

10. Ein Endspiel zwischen dem FC Audi München und dem VfL Golfsburg würde die Krise im VW-Konzern weiter verschärfen.

11. Dante.

12. Ein Schuss, kein Tor – die Bayern. DIE BAYERN!

13. Ulla liebt Jürgen, aber niemand mag Matthias.

14. Robben können gar nicht Fußball spielen.

15. Die Vitrine von Bastian Schweinsteiger ist voll – in der von Marco Reus ist noch reichlich Platz.

16. FC Bayern 2012/13 = 3 Titel. FC Bayern 2013/14 = 2 Titel. FC Bayern 2014/15 = 1 Titel (und der steht schon fest).

17. Nur ein Pokalsieg des BVB gewährleistet, dass der FC Bayern auch 2015 wieder den Supercup verdaddelt.

18. Nur ein BVB-Erfolg in München garantiert, dass Markus Lanz in seiner Talkrunde komplett durchdreht.

19,09. Der Ball ist rund und der Pokal hat seine eigenen Gesetze!

Rückblende: Als Mats Hummels den BVB zum Pokalsieg 2014 köpfte

17. Mai 2014

Berlin. Borussia Dortmund hat zum vierten Mal in der Klubgeschichte den Deutschen Fußball-Pokal gewonnen. Im Endspiel vor 74.907 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzte sich der Vizemeister wie schon 2012 gegen den FC Bayern durch. Schütze des goldenen Tores war Nationalspieler Mats Hummels in der 65. Minute. Ein Jahr nach dem Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions-League-Triumph bleibt den Münchenern somit am Ende der ersten Saison unter Startrainer Pep Guardiola allein die Meisterschale.

Es war eine Neuauflage des Finals von 2012. Eine Neuauflage des CL-Endspiels von 2013 – aber das Spiel bot nicht annähernd so viel Spektakel und Rasanz wie die beiden großartigen Duelle in den Vorjahren, als der BVB die großen Bayern einmal nach allen Regeln der Kochkunst filetiert und einmal erst in letzter Minute unglücklich verloren hatte.

Im Mittelpunkt: Robert Lewandowski. Der Dortmunder Weltklasse-Torjäger, 2012 beim 5:2 noch dreifacher Torschütze, bestritt sein letztes Spiel im BVB-Trikot, bevor er ausgerechnet zum FC Bayern wechselt. Doch der Pole trat diesmal kaum in Erscheinung; ihm blieb nur die Nebenrolle.

Beide Mannschaften krochen gewissermaßen auf dem Zahnfleisch ins Olympiastadion. Bei den Bayern fiel nach Bastian Schweinsteiger und Thiago (verletzt) sowie dem ausgemusterten Mario Mandzukic kurzfristig auch noch David Alaba aus. Nach gut einer halben Stunde humpelte obendrein Kapitän Philipp Lahm nach einem Zweikampf mit Nuri Sahin vom Platz; für ihn kam der angeschlagene Franck Ribery. Beim BVB fehlten die Langzeitverletzten Neven Subotic, Jakub Blaszczykowski und Ilkay Gündogan.

Und so hatten sich beide Trainer taktisch etwas einfallen lassen. Pep Guardiola schickte sein Team erstmals in einer 3-4-2-1-Formation aufs Feld; Klopp rückte zugunsten eines 4-3-3 vom eingeübten 4-2-3-1 ab. Besser bekam das zunächst den favorisierten Münchnern, die in einer an Höhepunkten armen ersten Halbzeit ein klares Ballbesitz-Übergewicht hatten.

Erst nach dem Wechsel wurde es munterer, denn nun machten auch die Borussen mit. Erst scheiterte noch Thomas Müller an BVB-Keeper Roman Weidenfeller (56.), dann senkte sich auf der Gegenseite ein abgefälschter Freistoß von Marco Reus gefährlich auf die Latte. Nationalkeeper Manual Neuer hatte den Ball falsch eingeschätzt – und irrte auch in der nächsten Szene durch den Strafraum: Freistoß Nuri Sahin, Kopfballverlängerung Lewandowski – und Mats Hummels köpfte das Spielgerät mit einer akrobatischen Flugeinlage ins Tor. Die Bayern reklamierten doppelt, wollten Hummels im Abseits und den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben. Beides falsch. der Torschütze stand auf gleicher Höhe und Dantes Rettungsversuch erfolgte klar hinter der Linie. Schiedsrichter Florian Meyer zögerte denn auch keine Sekunde und entschied nach einem kurzen Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie auf Tor – 1:0 (65.).

Der FC Bayern mobilisierte nun noch einmal alles, erhöhte den Druck. Doch mehr als eine klare Chance durch Ribery, die erneut Weidenfeller zunichte machte, sprang während der Schlussoffensive nicht heraus. Der Rest war Jubel in Schwarz und Gelb. Wie 2012. Anders als 2013. Die Geschichte des deutschen „Clásico“ ist um ein weiteres Kapitel länger.