Freistoß Sahin. Kopfball Hummels. TOOOR! Eigentlich.

Zwei Jahre nach dem Pokalfinale 2014 brechen der Ball und die Torlinie endlich ihr Schweigen

Der 17. Mai 2014 war schon tagsüber fies. Oben an der Spree. Es war ungemütlich kalt in Berlin. Nasskalt. Immer wieder schauerte es. Und als am Abend im Olympiastadion der BVB und Bayern München auf der letzten Rille um den DFB-Pokal kämpften, da kübelte es phasenweise sogar wie aus Eimern. Eines aber hatte das Wetter an diesem Endspielabend nicht im Repertoire: Nebel! Das Flutlicht schien hell und die Fernsicht war exzellent, als die 64. Spielminute anbrach. Als Mats Hummels den Ball im Flug artistisch aufs Tor und ins Tor hinein köpfte. 76.197 Zuschauer sahen das auch. Nur die beiden Zuschauer auf den besten Plätzen – die sahen es nicht: Schiedsrichter Florian Meyer und sein Assistent an der Linie. Jetzt, zwei Jahre später, melden sich erstmals zwei Kronzeugen zu Wort, die bislang beharrlich geschwiegen haben: Der Ball. Und die Torlinie.

Mal Hand aufs Herz, Ball, wie war das damals – wie hast Du die Szene gesehen?

Der Ball: Aus allernächster Nähe. Ich war ja quasi mittendrin. Also erst im Geschehen und dann im Tor.

Der Reihe nach . . .

Der Ball: Es gab Freistoß für Borussia. Ein ruhender Ball also. Wobei: Wer hat sich eigentlich diesen Begriff ausgedacht: ruhender Ball. Wisst Ihr, wie nervös ich war. . .?! Aber egal, ich schweife ab. Der Nuri Sahin streichelt mich also mit dem linken Fuß in den Strafraum. Herrlich! Wenn ich daran denke, krieg‘ ich heute noch ’ne Lederhaut. Dann fliegen Lewandowski und dieser Dante mit seiner Stromschlag-Frisur auf mich zu. Oder ich auf sie. Egal. Lewi lässt mich so gerade eben über den Scheitel rutschen. Dann geht alles sehr schnell. Ich faaaaalleeeee – plötzlich ist der Mats da, der Hummels. Bäääm!

Wie jetzt – bäääm?!

Der Ball: Ja, bäääm eben! Der Mats liegt waagerecht in der Luft. Ziemlich verdreht, wenn ihr mich fragt. Aber irgendwie erwischt er mich mit dem Kopf. Ich fliege also Richtung Tor, sehe unter mir die Torlinie vorbeirauschen, sehe vor mir das Netz. Ich denke noch: Genau da musst Du hin. Ins Netz! Ihr wisst ja, das Runde, ich also, muss ins Eckige. Alte Fußball-Weisheit.

Und dann?

Der Ball: Das Nächste, was ich spüre, ist der Fuß von diesem Dante. Der tritt mich mit voller Wucht aus dem Tor. Aber war ja wurscht. Ich war ja vorher schon drin. Ätschibätsch, du Dante! Dachte ich. Ich bin dann ja auch direkt im hohen Bogen Richtung Mittelkreis geflogen. Zum Anstoß. Aber als ich da ankam, nahm mich niemand, um mich auf den Anstoßpunkt zu legen. Das Spiel lief einfach weiter.

Und Du, Torlinie, wie hast Du den Treffer gesehen?

Die Torlinie: Eher zufällig, um ehrlich zu sein. Schlechte Sicht. Es hat ja Bindfäden geregnet. Von der Latte prasselten ständig Wassertropfen auf mich herab. Ich wollte mir gerade die Brille putzen, als plötzlich der Ball über mir auftaucht und über mich hinweg fliegt. „Tooor!“, will ich also pflichtgemäß rufen . . .

. . . aber?

Die Torlinie: Aber da latscht dieser Dante mit seinem rechten Fuß voll auf mich drauf, bohrt seine Eisenstollen in mich hinein und schlägt mit links den Ball aus der Kiste.

ECHT: Ein regulärer Treffer also?

Ball und Torlinie (irritiert): Ist die Erde rund?

Advertisements

Wie VW die Bundesliga gefährdet und RedBull den DFB vorführt

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ein Problem.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat ein Problem.

Und damit hat: der deutsche Fußball ein Problem!

Das Problem ist: Der zunehmende Einfluss großer Konzerne auf den Sport. Auf die strategische Ausrichtung von Fußball-Klubs. Auf ihre Transferpolitik. Auf ihre Eigentümerstruktur. Am Beispiel von FC Bayern München und VfL Wolfsburg wird das gerade überdeutlich. Und auch über RB Leipzig ist zu reden. Der mit österreichischer Dosenlimonade künstlich hochgezüchtete Retortenklub droht gerade die WM-Chancen der U20- und die EM-Chancen der U21-Nationalmannschaft zu schmälern, indem er seine Neuzugänge Davie Selke (Werder Bremen) und Willi Orban (1. FC Kaiserslautern) von der Teilnahme abhält. Offiziell verzichten beide natürlich freiwillig und „aus persönlichen Gründen“.

Aufgeweichte Schutzwälle

Noch verschließt die Deutsche Fußball-Liga die Augen vor dem Dilemma, in das sie immer tiefer hinein schliddert. Sie verweist auf die 50+1-Regelung, nach der – anders als u.a. in England – kein Kapitalanleger die Stimmenmehrheit in einem Profiklub übernehmen kann. Damit, sagt die DFL weiter, sei man vor Übergriffen geschützt. Doch erstens wurde 50+1 längst durch Ausnahmen aufgeweicht. So muss der Mutterverein keine Mehrheit mehr halten, wenn ein Unternehmen/Sponsor „den Fußballsport seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. Durch dieses Hintertürchen, auch „Lex Leverkusen“ genannt, schlüpften bereits Bayer 04 Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG 1899 Hoffenheim. Hannovers bei den Fans umstrittener Präsident Martin Kind erwirkte die Streichung des Stichtages 1. Januar 1999.

Zweitens sieht auch die am 26. März 2015 von der Mitgliederversammlung der DFL beschlossene Beschränkung von Mehrfachbeteiligungen, nach der ein Investor maximal an drei Betreibergesellschaften beteiligt sein darf und an zwei davon mit höchstens zehn Prozent, einen prominenten Sonderfall vor: die Volkswagen AG. Deren Beteiligungen genießen „Bestandsschutz“ und bergen erhebliche Brisanz. Weniger deshalb, weil mit dem FC Ingolstadt ein weiterer Klub in die Bundesliga aufgestiegen ist, bei dem VW über Audi Karten im Spiel hat. Vielmehr deshalb, weil der aktuelle Meister FC Bayern und sein Vize und frischgebackener DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg durch Audi/VW mitgelenkt werden. Und das sogar in Personaleinheit!

Der doppelte Herr Winterkorn

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns mit Sitz in Wolfsburg, ist nicht nur VfL-Boss, sondern auch Bayern-Aufsichtsrat. Als solcher muss er natürlich maximales Interesse daran haben, dass die Münchener die bestmögliche Mannschaft auf den Platz bringen, um ihrem Anspruch, nicht nur national, sondern auch in Europa die erste Geige zu spielen, gerecht werden zu können. Er muss also beispielsweise ein Interesse daran haben, dass Kevin de Bruyne, Topscorer der abgelaufenen Bundesliga-Saison und zurzeit einer der interessantesten Akteure auf dem weltweiten Spielermarkt, von Wolfsburg nach München wechselt. Schließlich befiehlt das „Mia san mia“ der Bayern geradezu, auf jeder Position die stärksten Akteure zur Verfügung zu haben. Und in der Liga gibt es gerade keinen Besseren als de Bruyne.

Blöd nur: Als Boss der 100-prozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg kann Winterkorn natürlich überhaupt kein Interesse daran haben, dass ihm seine mit unfassbar großem Geldeinsatz zusammengebastelte Mannschaft, kaum, dass sie sich anschickt, den immensen Aufwand durch erste sportliche Erfolge wieder einzuspielen, prompt auseinander bröselt. Schließlich hat sich Wolfsburg für die Champions League qualifiziert und will auch dort bestehen. Andererseits hat der VfL in den vergangenen Jahren eine negative Transferbilanz in deutlich dreistelliger Millionenhöhe in den Büchern stehen. Eine 70-Millionen-Euro-Einnahme aus einem de-Bruyne-Verkauf an den FC Bayern würde die Zahlen erheblich schönen.

Über die Spannung in der Bundesliga entscheidet der VW-Konzern

Die Frage, ob der FC Bayern München künftig im Wettbewerb mit Branchengrößen wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea und den Manchester-Klubs United bzw. City konkurrenzfähig sein kann, entscheidet also auch Herr Winterkorn. Ebenso entscheidet Herr Winterkorn, ob der VfL Wolfsburg künftig konkurrenzfähig mit dem FC Bayern München sein kann und die Bundesliga im Titelkampf auf mehr Spannung als zuletzt hoffen darf; eben weil den Wolfsburgern erspart bleibt, was in der Vergangenheit Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen, dem VfB Stuttgart und zuletzt dem BVB ereilte: Dass nämlich die Bayern dem jeweils ärgsten Konkurrenten die besten Spieler wegkauften und sich so die lästige Konkurrenz vom Hals hielten.

Gar nicht auszudenken: Was, wenn der FC Bayern oder der VfL Wolfsburg am letzten Spieltag Meister werden und der eine Klub den Erfolg des anderen beeinflussen kann?! Oder beide können Meister werden und spielen auch noch gegeneinander. Oder einer spielt gegen den Audi-Klub Ingolstadt, der seinerseits die Punkte für den Klassenerhalt braucht. Gibt es dann womöglich VW-intern eine Stallorder? Wie in der Formel1? – Ach, stimmt: Dort gibt es ja gar keine Stallorder. Und jeder hält sich selbstverständlich daran . . . Eine überaus bedenkliche Entwicklung.

Was ist schon ein WM-Titel gegen einen Bundesliga-Aufstieg?!

Nicht nur bedenklich, sondern fast schon perfide ist das Spielchen, das Rasendingsbums Leipzig gerade mit dem Deutschen Fußball-Bund treibt. Die Leipziger verpflichteten für die kommende Saison zunächst Bremens Sturmtalent Davie Selke (8 Mio. €) und unlängst auch den Kaiserslauterer Willi Orban (2,5 Mio. €). Das Geld kommt vom österreichischen EnergyDrink-Hersteller Red Bull, der sich den Standort in Ostdeutschland ausgeguckt hat, um ihn im Rahmen einer großangelegten Investitions- und Marketingstrategie in die Bundesliga zu pushen. Kaum hatte Selke in Leipzig unterschrieben, sagte er seine Teilnahme an der derzeit laufenden U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland ab. Und Orban gab Bundestrainer Horst Hrubesch nun einen Korb für die U21-Europameisterschaft vom 17. Bis 30. Juni in Tschechien – „aus persönlichen Gründen“ wie es heißt.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass ein Talent wie Selke, der die U19 im vergangenen Jahr zum EM-Titel schoss, freiwillig auf die Chance verzichtet, Weltmeister zu werden? Bremens Ex-Stürmer Wynton Rufer, Botschafter des Turniers in seiner Heimat Neuseeland, hat dazu jedenfalls eine glasklare Meinung: „Das kann mir niemand erzählen – es sei denn, Selke wäre bescheuert!“

Plausibler als Grund für den Doppelverzicht ist diese Erklärung: Selke und Orban würden, nähmen sie an den Turnieren teil, Leipzigs Sportdirektor und neuem Trainer Ralf Rangnick in der Saisonvorbereitung nicht von Anfang an zur Verfügung stehen. Und Rangnick ist 2015/16 zum Bundesliga-Aufstieg verdammt. Konzerninteressen gehen also offensichtlich vor DFB-Interessen. Wie konsequent RedBull seine Linie durchzieht, wissen viele Extremsportler zu berichten, die von der Brausemarke zu immer waghalsigeren und immer öfter lebensgefährlichen Stunts angetrieben werden. Die ARD hat dieses Vorgehen, das fast an den Science-Fiction-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1978 erinnert (https://m.youtube.com/watch?v=aVUxK1mNups), vor einiger Zeit in der Reportage „Die dunkle Seite von RedBull“ beleuchtet (https://www.youtube.com/watch?v=5I2mrD-PEFE).

Man darf gespannt sein, ob und wie lange sich der DFB von RedBull-Braumeister Dietrich Mateschitz am Nasenring durch die Manege führen lässt.

Das Scheitern ist Baustein der BVB-DNA

Da sitzt du dann also im Berliner Olympiastadion. Genau genommen stehst du mehr als du sitzt, was völlig okay ist, weil du Sitzen sowieso für‘n Arsch findest. Noch schlimmer, als bei so einem Spiel zu sitzen, sind nur die Leute hinter Dir mit ihrem „Können Sie sich nicht mal hinsetzen; ich sehe nix!“-Genöle. Aber egal: Es läuft die 75 Minute, vielleicht auch schon die 76. Jedenfalls eine dieser Minuten, in denen dir allmählich aufgeht, dass das wohl nichts mehr wird mit dem Pokalsieg. Weil sich der ruhmreiche BVB zwar nach Kräften müht, den 1:3-Rückstand gegen den weit weniger ruhmreichen VfL Golfsburg noch zu drehen. Es aber einfach nicht schafft, die Murmel irgendwie über die Linie zu bringen. Was, blickt man auf die komplette Saison zurück, irgendwie nicht einmal verwunderlich ist. Aber eben trotzdem Schei…!

Nun sitzt oder stehst du da nicht alleine. Links neben dir sitzt oder steht dein 14-jähriger Sohn. Rechts neben dir sitzt oder steht dein 15-jähriger Sohn. Die beiden sind mindestens genau so enttäuscht wie du selbst – aber sie sind eben erst 14 und 15. Sie finden das nicht nur Schei…, sondern Oberschei… Sie finden, dass der VfL Golfsburg ein Drecksklub ist, weil er ja im Grunde gar kein Klub ist, sondern das Kunstprodukt einiger Fußball-verliebter und Marketing-begabter VW-Manager. Sie finden den Schiedsrichter Felix Brych schei…, weil er dem BVB kurz vor der Pause einen glasklaren Elfmeter verweigert hat, der das 2:3 und damit eine ganz andere zweite Halbzeit hätte bedeuten können.

Ich finde das auch. Das mit Golfsburg. Und das mit dem Schiri. Ich finde nach wie vor, dass schon Herr Rizzoli im Champions-League-Finale maßgeblichen Anteil an der BVB-Niederlage hatte. Ich finde, dass Herr Meyer uns 2014 den Pokalsieg schlicht gestohlen hat. Mir gehen diese Schiris zunehmend auf den Keks.

Meinen Söhnen auch.

Nach dem Spiel brauchten die beiden dann: erstens Trost und zweitens Erläuterungen. Das mit dem Trost war kompliziert, weil ich ja selber welchen hätte brauchen können. Das mit den Erläuterungen klappte besser, weil die beiden zwar einerseits ERST 14 und 15, andererseits aber SCHON 14 und 15 sind.

Und so erklärte ich ihnen auf dem Rückweg zum Hotel, dass man auch mit Niederlagen umgehen muss und es durchaus keine Lösung ist, den penetranten VfL-Anhänger mit seinem nervtötenden „Oohh, Keeeevin de Broooooooooinee“-Gesinge durch strafrechtlich relevante Handlungen zum Schweigen zu bringen. Ich erinnerte sie daran, dass wir Gewalt verabscheuen und sagte Sätze wie: „Es ist kein Misserfolg, ein Finale zu verlieren. Es ist ein Erfolg, ein Finale zu erreichen.“ Ich sagte: Versetzt Euch mal in die Fans anderer großer, traditionsreicher Vereine. Hamburger SV, 1. FC Köln, Hannover 96, Eintracht Frankfurt, 1. FC Kaiserslautern. Fragt die mal, wie viele Finals sie in den vergangenen Jahren gespielt haben. Oder Jahrzehnten. Oder fragt man einen Schalker, wie es ist, Deutscher Meister zu werden. Oder versucht überhaupt mal einen Schalker zu finden, der Euch diese Frage beantworten kann. Die meisten leben ja längst nicht mehr.

Borussia Dortmund hat in den vergangenen sieben Jahren fünf Endspiele erreicht. Viermal das DFB-Pokal-Finale in Berlin. Einmal das Champions-League-Finale in Wembley. Ich war bei allen fünf Spielen dabei. Meine Söhne bei vier der fünf. Ich habe vier Niederlagen miterlebt, drei davon gegen die Bayern. Meine Söhne haben drei Niederlagen miterlebt. Drei in Folge. Aber eben auch den 5:2-Triumph von 2012. Da war Sohn 1 gerade zwölf und Sohn 2 noch keine elf Jahre alt. Und überhaupt: Sie haben bereits VIER FINALS erlebt. Und zwei Meisterschaften gefeiert. Ein Double! Ich sagte deshalb am späten Samstagabend Sätze wie: Diese BVB-Geschichte der Klopp-Jahre miterlebt zu haben, ist ein Privileg. Bei den Finals im Stadion live dabei gewesen zu sein, ist ein Obermegagiga-Privileg.

Und dann, wir sind fast schon am Hotel, sagte ich den wohl entscheidenden Satz: „Das Scheitern gehört zur DNA von Borussia Dortmund!“ Schwere Niederlagen einzustecken, zu Boden zu gehen, sich durchzuschütteln und wieder aufzustehen, diese Rocky-Balboa-Mentalität: Das macht den BVB erst aus. Zwischen 1966 und 1972 ist Borussia von Europas Thron in die zweite Liga abgestürzt. Das Durchschütteln hat lange gedauert, aber 1976 war der BVB wieder da. Dann war er zweimal fast pleite; 1995 und ‘96 war er – nach zuvor 23 langen Jahren ohne jeden Titel – zweimal Meister, 1997 zurück auf Europas Thron und sieben Jahre später nicht nur fast, sondern ganz und gar pleite. Er hat sich durchgeschüttelt, ist wieder aufgestanden.

Dann kam Jürgen Klopp . . .

Ich erklärte meinen Jungs also: Ein Finale zu verlieren. Oder zwei. Oder drei. Gehört zu den kleineren Problemen, die der BVB in seiner Klubgeschichte zu meistern hatte. Ich erklärte ihnen: Nur weil wir immer wieder auch Misserfolge verkraften müssen, sind wir überhaupt in der Lage, beim nächsten Erfolg das Stadion aufs Neue abzureißen, die Stadt und die ganze Region explodieren zu lassen. Erfolge werden für Borussia Dortmund immer etwas Besonderes bleiben. Jeder einzelne Erfolg knallt maximal. Das, AUCH das, unterscheidet uns vom FC Bayern München.

Wir diskutierten dann noch über die Macht des Geldes, das den Fußball immer mehr regiert. Über die korrupte FIFA, über Rasendingsbums Leipzig/Salzburg und über das jüngste Comeback von Austria Salzburg im österreichischen Profifußball. Über Bayer Leverkusen, die TSG Hoppenheim und den VfL Golfsburg. Retortenklubs, Kunstprodukte. Konzerninteressengesteuert. Wir waren uns einig, dass es keine Lösung wäre, auch so zu werden. Als wir schließlich im Hotel ankamen, war ich mir ziemlich sicher, dass meine Jungs kein RedBull trinken und niemals einen VW fahren werden. Dass sie ganz ohne Bayer-Produkte durchs Leben kommen, bezweifle ich. Und ohne SAP wird’s möglicherweise auch nicht gehen. Das hat der Herr Hopp geschickt angestellt.

Wir sind dann noch zur BVB-Party ins Berliner „Kraftwerk“ gefahren. Auch so ein Privileg. Dort hat Jürgen Klopp seine allerallerallerletzte Rede als Trainer des BVB gehalten. Irgendwann in dieser Rede hat er den Satz gesagt: „Wichtig ist nicht, was man über dich denkt, wenn du kommst. Wichtig ist, was man über dich denkt, wenn du gehst. Danke für das, was Ihr über mich denkt!

Auf dem Weg ins Hotel haben meine Jungs mir verraten, dass sie an dieser Textstelle „fast geweint“ hätten. Schwarzgelbe Abschiedstränen. „Ich auch“, habe ich gesagt. „Aber wir werden auch wieder schwarzgelbe Freudentränen weinen.“ Das war immer so. Auch das gehört zur DNA von Borussia Dortmund

19,09 Gründe, warum der BVB ins Pokalfinale einzieht!

DFB-Pokal-Halbfinale, Part I: FC Bayern München – Borussia Dortmund. Manch einer sagt: der deutsche Clásico. Andere würden, wäre da nicht schon #MayweatherPacquiao in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai (schnell den Sky-Frühbucherrabatt sichern!!!), vom „Kampf des Jahrhunderts“ sprechen. Jedenfalls: Es kann nur einen geben. Den BVB!

1. Die Hose, die Jürgen Klopp heute Abend tragen wird, hat – kaum sichtbar, aber doch vorhanden – am linken Bein ein kleines Loch.

2. Für den – kaum zu erwartenden – Fall, dass der FC Bayern den BVB ins Elfmeterschießen zwingen sollte, hat Borussias Zeugwart einen hölzernen Klappstuhl mitgenommen.

3. Batman und Robin.

4. Sämtliche zehn Pokalspiele mit Mitch Langerak im Tor hat Borussia Dortmund gewonnen.

5. Mit Mitch Langerak im Tor ist der BVB gegen den FC Bayern München ungeschlagen.

6. Der kleine Philipp muss um 22 Uhr aus dem Bälleparadies abgeholt werden.

7. Der kleine Mario muss um 22 Uhr aus dem . . .

8. Die Blumen, die Kalle Rummenigge eigentlich für den Abschied von Jürgen Klopp gedacht hat, finden so als Glückwunsch-Strauß zum Finaleinzug doch noch Verwendung.

9. Den Pokal braucht Borussia als Blumenvase.

10. Ein Endspiel zwischen dem FC Audi München und dem VfL Golfsburg würde die Krise im VW-Konzern weiter verschärfen.

11. Dante.

12. Ein Schuss, kein Tor – die Bayern. DIE BAYERN!

13. Ulla liebt Jürgen, aber niemand mag Matthias.

14. Robben können gar nicht Fußball spielen.

15. Die Vitrine von Bastian Schweinsteiger ist voll – in der von Marco Reus ist noch reichlich Platz.

16. FC Bayern 2012/13 = 3 Titel. FC Bayern 2013/14 = 2 Titel. FC Bayern 2014/15 = 1 Titel (und der steht schon fest).

17. Nur ein Pokalsieg des BVB gewährleistet, dass der FC Bayern auch 2015 wieder den Supercup verdaddelt.

18. Nur ein BVB-Erfolg in München garantiert, dass Markus Lanz in seiner Talkrunde komplett durchdreht.

19,09. Der Ball ist rund und der Pokal hat seine eigenen Gesetze!

BVB, Wolfsburg und der Angriff der Kohle-Krieger

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Borussia Dortmund hat es bereits hinter sich.

Der VfL Wolfsburg hat es noch vor sich.

Nun ist es aber nicht etwa so, als dürfte die VW-Betriebssportmannschaft sich darauf freuen, es noch vor sich zu haben. Denn die Rede wird hier nicht von sportlichen Erfolgen sein.

Sondern von der Folge solcher Erfolge: dem Leerkauf durch den FC Bayern München und andere europäische Spitzenklubs.

Nuri Sahin war der Erste. Dortmunds Mittelfeld-Organisator folgte nach der rauschhaften Meistersaison 2010/11, an deren Ende die Profi-Kollegen ihn zum Bundesligaspieler der Saison wählten, dem Lockruf von Real Madrid. Verständlich, denn die Königlichen galten und gelten zu Recht als der größte Klub unter der Sonne. Sahin vervielfachte sein Nettojahreseinkommen. Dumm nur: Er kam in der spanischen Hauptstadt schon verletzt an, und ehe er überhaupt zum ersten Mal fit war, galt er schon als Fehleinkauf. Via Liverpool führte sein Weg zurück zum BVB, wo er gut spielt. Aber längst nicht mehr so brillant wie ehedem.

Shinji Kagawa war der Nächste. Dortmunds torgefährlicher Offensiv-Quirl folgte nach der noch viel rauschhafteren Double-Saison 2011/12 dem Lockruf von Manchester United. Verständlich, denn die Premiere League gilt bei japanischen Kickern als das gelobte Land. Kagawa hatte schon als Kind davon geträumt, einmal für ManU aufzulaufen. Dumm nur: Über-Trainer Sir Alex Ferguson setzte ihn positionsfremd ein. Immerhin aber setzte er ihn gelegentlich ein. Denn Nachfolger David Moyes setzte ihn so gut wie gar nicht mehr ein. Inzwischen spielt Kagawa wieder beim BVB. Wenn er denn spielt. Denn auch Jürgen Klopp setzt ihn seltener ein als gedacht.

Mario Götze war der Nächste. Mit dem Eigengewächs ging nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2013 nicht nur ein begnadeter Kicker. Es verabschiedete sich auch die Fußball-Romantik aus Dortmund. Ausgerechnet Götze, der wenige Wochen zuvor noch erklärt hatte, er könne sich durchaus vorstellen, bis ans Ende seiner Profitage beim BVB zu spielen. Und ausgerechnet zum FC Bayern – für 37 Millionen Euro. Weil, so Götze, er unbedingt unter Trainer Pep Guardiola spielen wolle. Und weil er, ganz nebenbei, sein schon in Dortmund nicht ganz übles Gehalt vermehrfachte. Dass Götze bei den Bayern oft nicht spielt und leistungsmäßig seit dem wechsel ziemlich auf der Stelle tritt: geschenkt!

Robert Lewandowski war der Nächste und vorläufig Letzte. Der Torjäger zog sein Ding bei der Borussia bis zur letzten Spielsekunde sauber durch. Dem Lockruf der bayerischen Euronen aber war auch er längst erlegen. Gehalt verdreifacht. Dass der Pole bei den Bayern nur einer von vielen Stars und das Spiel keineswegs auf ihn zugeschnitten ist, weshalb er nur auf einen Bruchteil seiner Dortmunder Trefferausbeute kommt: geschenkt!

Sahin war weg. Kagawa war weg. Götze ist weg. Lewandowski ist weg. Damit hat Dortmund das Gröbste wohl hinter sich. Aus dem aktuellen Kader sind allein Marco Reus und Mats Hummels für internationale Topklubs von Interesse. Hummels allerdings auch nur, wenn er zur Form vor und während der WM zurück findet. Und Reus? – Will bis März entscheiden, ob er bleibt oder geht. Dass er zu den Bayern geht, scheint eher unwahrscheinlich, bei Hummels darf man es sogar getrost ausschließen.

Kurzum: Die Bayern-Methode, mit Transfers nicht nur sich selbst zu stärken, sondern stets auch den gerade aktuellen Hauptkonkurrenten zu schwächen, hat funktioniert. Der BVB ist als nationaler Herausforderer Nr. 1 vorerst einmal aus dem Rennen.

Diese Rolle reklamiert aktuell der VfL Wolfsburg für sich. Mit dem 4:1 zum Rückrundenauftakt über die Bayern und mit der insgesamt rund 60 Millionen Euro teuren Verpflichtung von Weltmeister Andre Schürrle (FC Chelsea) haben die Wölfe ihren Anspruch in den vergangenen Tagen noch einmal sehr nachdrücklich unterstrichen. Die Kohle von VW verleiht dem Meister von 2009 neuerlich Flügel. Dass die Sportlichen Leitungen in unterschiedlicher Besetzung in den vergangenen Jahren ein Transfer-Defizit in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet haben: geschenkt! Manager Klaus Allofs, der aus seiner Zeit bei Werder Bremen eher in Mangelverwaltung geübt ist, war in den vergangenen Tagen anzusehen, wie groß seine Freude ist, endlich einmal mit Geld um sich werfen zu dürfen.

Keine Frage: Wolfsburg wird bis zum Ende der Saison oben mitspielen und sich mutmaßlich für die Champions-League qualifizieren. Und keine Frage: Der VfL wird im Sommer, um in der CL konkurrenzfähig zu sein, den Kader in der Spitze non einmal verbreitern. Also: ordentlich Geld ausgeben. Und überhaupt gar keine Frage: In München werden sie das alles sehr aufmerksam beobachten. Matthias Sammer. Kalle Rummenigge. Uli Hoeneß. Und wenn sie dann irgendwann das Gefühl haben, dass ein Wolfsburger Spieler sie selbst besser machen und gleichzeitig den aufmüpfigen Konkurrenten schwächen könnte, dann werden sie ihr Scheckbuch zücken.

Ganz oben auf dem Block dürfte schon jetzt Kevin de Bruyne stehen. Der 23-jährige Belgier, den transfermarkt.de auf einen Marktwert von 20 Millionen Euro taxiert und damit eher untertreibt, ist ein Mann der Zukunft. Die Bayern hingegen haben im Kader einige Männer der Vergangenheit: Franck Ribery, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Dante haben ihre beste Zeit jedenfalls nicht mehr vor sich. Das macht dann auch Robin Knoche (22, 9 Mio. €), Ricardo Rodriguez (22, 28 Mio. €), Josuha Guilavogue (24, 10 Mio. €) und Maximilian Arnold (20, 10 Mio. €) interessant. Für die Münchener, aber nicht nur für sie. Spätestens wenn sich die Wolfsburger 2015/16 auf der ganz großen Bühne der Königsklasse zeigen dürfen, werden sie die Blicke aus Spanien und England auf sich ziehen.

Nun ist es nicht ganz so einfach, Wolfsburger Spieler mit Geld wegzulocken, weil Wolfsburg genau davon dank VW selbst genug hat. Doch erstens ist die UEFA dem Werksklub auf den Fersen. Stichwort: Financial Fair-Play. Und zweitens: Wer die Wahl hat, entweder in München, Madrid, Manchester, Barcelona, London zu spielen – oder eben in Wolfsburg, der entscheidet sich womöglich doch eher für . . . – Genau!

Borussia Dortmund hat ihn hinter sich, den Angriff der Kohle-Krieger. Eine Zeit lang hat der BVB die Verluste seiner Leistungsträger sogar kompensieren können. Aktuell kann er’s nicht mehr, die Lewandowski-Lücke ist zu groß. Der VfL Wolfsburg hat den Angriff noch vor sich – und dabei er ist noch nicht einmal Deutscher Meister geworden.

Die Rückrunde 2014/15 – ein schwarzgelber Ausblick

Mit dem Trainingsauftakt startet bei Borussia Dortmund heute das „Unternehmen Klassenerhalt“. Högschte Zeit für einen Ausblick auf die Rückrunde 2014/15.

18. Spieltag: Bayer Leverkusen – Borussia Dortmund 0:1 (0:1). Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, ACHT Sekunden sind gespielt, da trifft Neuzugang Kevin Kampl zum 1:0 für den BVB. Das schnellste Tor der Bundesliga-Geschichte. Leverkusen drängt fortan auf den Ausgleich und schneidet in der Halbzeitpause sogar seitliche Löcher ins Tornetz. Vergeblich!

19. Spieltag: Borussia Dortmund – FC Augsburg 5:0 (0:0). Das Team von Jürgen Klopp tut sich lange Zeit schwer gegen die starken Gäste. Als sich die Zuschauer bereits mit einem 0:0 abgefunden haben, wechselt der Trainer den Sieg ein: Henrikh Mkhitaryan erzielt bei seinem Kurz-Comeback zwischen der 82. und 87. Minute den schnellsten Viererpack der Bundesliga-Geschichte und bereitet Kampls 5:0 vor.

20. Spieltag: SC Freiburg – Borussia Dortmund 0:2 (0:1). Die Partie beginnt denkbar unglücklich für den BVB. Jakub Blaszczykowski verfehlt in der Anfangsviertelstunde dreimal freistehend das leere Tor – einmal links vorbei, einmal rechts vorbei, einmal drüber. Wie’s besser geht, zeigen ihm: Mkhitaryan und Kampl.

21. Spieltag: Borussia Dortmund – FSV Mainz 05 11:0 (1:0). Es ist das Karnevalswochenende – und der BVB setzt den Mainzer Narren die gleichnamige Kappe auf. Bis zur Pause halten die Gäste noch mit, dann müssen sie dem Promillegehalt im Blut Tribut zollen. Die Borussia bittet zur Prunksitzung und feiert ihren Bundesliga-Rekordsieg. Es ist das erste zweistellige Ergebnis überhaupt in der Bundesliga seit 1984. Herausragend: der neunfache Torschütze Henrikh Mkhitaryan. Die beiden weiteren Treffer erzielt Kevin Kampl.

22. Spieltag: VfB Stuttgart – Borussia Dortmund 0:3 (0:2). Die Schwaben, inzwischen auf einem Abstiegsplatz, mit Helmut Benthaus als Trainer, Giovane Elber im Angriffs- und den Förster-Zwillingen im Abwehrzentrum, werden von Dortmunds magischem Dreieck mit Mkhitaryan, Kampl und Mkhitaryan phasenweise schwindelig gespielt.

23. Spieltag: Borussia Dortmund – FC Schalke 03+1 3+1:0 (3:0). Schalke reist nach fünf Niederlagen zum Rückrundenbeginn mit Mirko Slomka und Ralf Rangnick als neuem Trainerduo zum Derby an. Hilft nix! Schon zur Pause hat Kevin dreimal zugeschlagen. Kevin Großkreutz, nicht Kevin Kampl. Den vierten Treffer markiert Felipe Santana bei 90+4 per Eigentor, dreht vor der Südtribüne jubelnd ab – ehe er seinen Fauxpas bemerkt.

24. Spieltag: Hamburger SV – Borussia Dortmund 0:6 (0:3). Seit Trainer Joe Zinnbauer seine Kicker um 7.30 Uhr zum Dienstantritt bittet, ist irgendwie der Wurm drin beim Bundesliga-Dino. Klar, die tarifliche Arbeitszeit von acht Stunden ist bei Anpfiff um 15.30 Uhr bereits um. Und das Überstundenkonto der Hanseaten quillt längst über. Entsprechend kraft- und lustlos agieren sie gegen den BVB, für den Mkhitaryan und Kampl jeweils drei Tore erzielen.

25. Spieltag: Borussia Dortmund – 1. FC Köln 1:0 (0:0). Zähe Partie. Die Geißböcke stehen mit zehn Mann am eigenen 16er, der BVB prallt 89 Minuten lang immer wieder von dieser Gummiwand ab. Dann trifft Kevin. Großkreutz, nicht Kampl. Beim Torjubel zieht er sein Trikot über den Kopf – und trägt darunter ein FC-Dress. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff gibt er bekannt, dass er zur neuen Saison zu den Domstädtern wechselt.

26. Spieltag: Hannover 96 – Borussia Dortmund 0:4 (0:2). Erneut teilen sich Henrikh Mkhitaryan, der neue Führende in der Bundesliga-Torschützenliste, und Kevin – Kampl, nicht Großkreutz – den Torreigen. Beide stehen allerdings im Schatten von Torwart Zlatan Alomerovic, der nun seit 900 Minuten ohne Gegentor ist und damit Timo Hildebrand als Rekordhalter ablöst.

27. Spieltag: Borussia Dortmund – FC Bayern München 7:0 (7:0). Es ist Ostern – und die Bayern ziehen in der Woche vor dem Spiel alle Register, um dem BVB ein Ei ins Nest zu legen. Kalle #rummeniggeisso kündigt an, Henrikh Mkhitaryan und Kevin – Kampl, nicht Großkreutz – nach der Saison zum Rekordmeister zu holen. Im Gespräch ist eine Paket-Ablöse von 137 Millionen Euro und ein Netto-Jahresgehalt von 17 Mio. € für den Armenier und 15,5 Mio. € für den Slowenen. Marco Reus, der nach diversen knöchernen Ausrissen in verschiedensten Körperteilen sein Comeback feiert und stinksauer ist, dass der FC Bayern an ihm kein Interesse mehr hat, spielt groß auf und trifft in der ersten Halbzeit sechsmal. Bundesliga-Rekord. Das siebte Tor erzielt Tammo Harder; einem klaren Kopfballtreffer von Mats Hummels verweigert Schiedsrichter Florian Meyer die Anerkennung. Der Ball sei nicht hinter der Torlinie gewesen. Bayern-Trainer Pep Guardiola, der nach der Saison als Sportdirektor zum FC Barcelona zurückkehren wird, erklärt: „Das war eine super-super Leistung des BVB und kacke-kacke von uns.“

28. Spieltag: Borussia Mönchengladbach – Borussia Dortmund 0:1 (0:0). Es ist zum Verzweifeln: Der BVB spielt auf ein Tor, doch der Ball will nicht rein. Dann die 79. Minute: Ecke für Gladbach, Christoph Kramer legt sich den Ball zurecht, er rutscht ihm über den Spann – und fliegt auf der anderen Seite des Spielfeldes zum 0:1 ins Netz. Beim Field-Interview nach Spielende kann sich der Weltmeister an nichts mehr erinnern.

29. Spieltag: Borussia Dortmund – SC Paderborn 5:0 (0:0). Schiedsrichter Wolfgang Stark verweigert fünf regulären Dortmunder Toren durch Immobile, Ramos, Kagawa, Gündogan und Kevin – Großkreutz, nicht Kampl – die Anerkennung. Weil Großkreutz daraufhin einen BVB-Fan auffordert, Stark mit einem Döner zu bewerfen, fliegt er vom Platz. Ihm folgen Sokratis und Subotic. In dreifacher Unterzahl geht die Borussia durch Kampl in Führung. Mkhitaryan erzielt die weiteren BVB-Tore.

30. Spieltag: Borussia Dortmund – Eintracht Frankfurt 2:0 (1:0). Klopp rotiert. Mkhitaryan und Kampl werden geschont. Die Edelreservisten Reus (wechselt nach der Saison zum TSV Winsen) und Immobile dürfen mal wieder von Beginn an ran. Und treffen je einmal. Pflichtsieg. Ach so, der Klassenerhalt ist übrigens längst gesichert.

31. Spieltag: TSG 1899 Hoppenheim – Borussia Dortmund 0:6 (0:4). BVB-Kapitän Mats Hummels, der in der Rückrunde bisher nur zu einem Kurzeinsatz gegen die Bayern gekommen war, feiert nach diversen muskulären Problemen in diversen Körperteilen sein Startelf-Comeback und bringt den BVB per Kopfball in Führung. Blöd für die Gastgeber: Der Ball rutscht durch ein Loch im Netz von außen ins Tor. Danach treffen Mkhitaryan, Kampl, Kampl, Mkhitaryan und Harder.

32. Spieltag: Borussia Dortmund – Hertha BSC 1:0 (1:0). Die irre Aufholjagd in der Rückrunde zeigt allmählich Wirkung. Der BVB schwächelt. Nur gut, dass er sich auf Julian Schieber verlassen kann. Der Ex-Dortmunder erzielt bei 90+4 direkt vor der Südtribüne ein wunderschönes Eigentor. „Endlich habe ich mir den Treffer zurück geholt, den mir Felipe Santana gegen Malaga geklaut hat“, sagt er nach dem Spiel. Michael Zorc bietet Schieber noch am selben Abend einen Drei-Jahres-Vertrag an.

33. Spieltag: VfL Golfsburg – Borussia Dortmund 0:3 (0:1). Es geht um die direkte Champions-League-Qualifikation. Golfsburg ist Dritter, der BVB inzwischen Vierter. Durch die Tore von Mkhitaryan (2) und Kampl schieben sich die Schwarzgelben an den Gölfen vorbei.

34. Spieltag: Borussia Dortmund – Werder Bremen 1:0 (0:0). Vier Teams kämpfen beim Saisonfinale um die Plätze 2 bis 5. Und der BVB zeigt Nerven. Erst als Klopp den reaktivierten Henrique Ewerthon de Souza – kurz: Ewerthon – einwechselt, fluppt’s. Kaum eine Minute auf Platz, drückt der Brasilianer eine Hereingabe des ebenfalls reaktivierten Dédé zum Siegtor über die Linie. Der BVB wird noch Vizemeister, Leverkusen Dritter; Golfsburg muss in die CL-Qualifikation – Schalke rutscht in die Europa League und meldet daraufhin gleich am Montagmorgen Insolvenz an. Ebenfalls am Montagmorgen wird am Borsigplatz eine überlebensgroße Jürgen-Klopp-Statue aus Bronze enthüllt.

P.S. (1): Die 51 von 51 möglichen Punkten bei 63:0 Toren sind Bundesliga-Rekord.

P.S. (2): Der in der Hinrunde erfolglose Henrikh Mkhitaryan wird mit ziemlich vielen Treffern (die genaue Anzahl müsst ihr selbst nachzählen) noch Torschützenkönig.

P.S. (3): In Berlin gewinnt Borussia Dortmund in den folgenden Wochen zunächst den DFB-Pokal gegen den VfR Aalen mit 1:0 n.V. und die Champions League gegen den FC Basel mit 7:0.

Plädoyer für die Fußball-Romantik

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.gibmich-diekirsche.de)

Eben nicht!

Es ist eben noch nicht alles gesagt in der Debatte über Retortenklubs wie RasenBallsport Leipzig. Oder VfL Golfsburg. Oder TSG 1899 Hoppenheim.

Gesagt ist, dass sie den Fußball kaputt machen. Den Fußball, so wie wir ihn lieben. Mit Tradition, Leidenschaft und Emotion. Mit sportlichen und wirtschaftlichen Aufs und Abs. Fußball mit glanzvollen Triumphen und grandiosem Scheitern. Fußball, der auf gewachsenen Strukturen aufsetzt und nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse eines einzelnen Sponsors oder Finanzinvestors begründet liegt. Fußball, der organisch gewachsen ist und nicht im Blitztempo bis an die Grenze zur Überdüngung künstlich hochgezüchtet wurde. So ein Produkt-Fußball, der zwar schnell Erfolge zeitigt, aber auch ganz schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn der großzügige Gönner den Spaß an seinem Marketing-Instrument verliert. Beispiele dafür gibt es viele – in Spanien, Italien, England. In Frankreich – siehe AS Monaco. Bald auch in Deutschland.

Das alles ist gesagt.

Was in der Diskussion bisher zu kurz kommt, ist ein ganz anderer Grund dafür, dass die Bundesliga den österreichischen Gummibärchenbrauseklub aus Leipzig nicht braucht. Warum sie auch ohne Hoffenheim und Wolfsburg ganz prima zurecht käme – nicht aber ohne den Hamburger SV, Werder Bremen, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln. Ein Grund dafür, dass es schade ist, dass Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum in der zweiten und viele andere Traditionsklubs sogar in der dritten oder vierten Liga verrotten.

Nun bin ich weit davon entfernt, übermäßige Sympathie für Stuttgart oder Frankfurt zu empfinden. Und im Gegensatz zu Kevin Großkreutz spüre ich auch keine gefühlsmäßige Nähe zu den Geißböcken.

Und doch empfinde ich für jeden dieser Klubs etwas. Jeder von uns Fußballfans empfindet für diese Klubs etwas, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erlebnisschatz haben. Wir teilen auf die eine oder andere Weise Freud’ und Leid miteinander, und genau das ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner, der uns in fußball-politischen Diskussionen wie jener über die Legitimation von Retortenklubs, über die Anstoßzeit 15:30 Uhr, über den Kampf gegen Rechts und den Protest gegen überhöhte Ticketpreise immer wieder zusammenführt.

Ein paar Beispiele, betrachtet durch die schwarzgelbe Brille

Beispiel HSV: Gegen die Hamburger gewann Borussia Dortmund 1957 den zweiten und 1995 – nach 32-jähriger Abstinenz – den vierten Meistertitel. Zwei Meilensteine im schwarzgelben Fußballgedächtnis. Nun haben die Hanseaten in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – HSV oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Bremen: Der Dortmunder Timo Konietzka erzielte gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. 1989 gewann der BVB gegen Werder völlig überraschend den DFB-Pokal – ein Urknall für die weitere Entwicklung der Borussia. Ein Urknall auch: Der Jubelschrei der Fans, als Henrique Ewerthon de Souza am 4. Mai 2002 den 2:1-Siegtreffer erzielte und damit die sechste Meisterschaft perfekt machte. Im Westfalenstadion. Gegen – genau: Werder Bremen! Nun haben die Norddeutschen in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – Werder oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Stuttgart: Ich habe den VfB verflucht, als Guido Buchwald 1992 in Leverkusen zum 2:1 traf und dem BVB vier Minuten vor Saisonende die Meisterschale aus den Händen riss. Aber ich habe den VfB gepriesen, als er 2007 im Schlussspurt noch am FC Schalke 04 vorbei zog. Ich habe meinen Augen nicht getraut als Borussia die Stuttgarter mit Elber, Bobic & Co. unter Ottmar Hitzfeld in Unterzahl mit 6:3 aus dem Stadion schoss. Und wir alle schwärmen heute noch vom 4:4 gegen die Schwaben in der BVB-Meistersaison 2011/12. Nun tun die Stuttgarter seit Jahren alles, aber auch wirklich alles dafür, endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – VfB oder RasenballSport . . .

Oder Eintracht Frankfurt: Zwei Tore besser als der BVB waren die Hessen 1985/86 als Fünfzehnter. Dortmund musste in die Relegation – dort folgte die Mutter aller Dramen gegen Fortuna Köln.

Oder der 1. FC Nürnberg: Die Franken waren unser Gegner in den Wiederaufstiegsspielen 1976. Und sie waren der Gegner, als der BVB 2011 im Fernduell mit Leverkusen vorzeitig den Titelgewinn perfekt machte.

Man könnte diese Liste fortsetzen. Man könnte den FC Bayern München, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach mit hinzu ziehen – wobei die aktuell nicht vom Abstieg bedroht sind und die Frage „Sie oder RasenBallsport?!“ sich nicht stellt. Man könnte die Liste auch umdrehen, denn natürlich verbinden jeden der genannten Vereine auch ein paar ganz besondere Erinnerungen mit dem BVB. Man kann es deshalb aber auch abkürzen – und feststellen: Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, es ist die bei allen Unterschieden und Differenzen eben doch auch gemeinsame Geschichte, die das Faszinosum Bundesliga ausmacht.

Wenn immer mehr Golfsburgs, Hoppenheims und RasenBallsports in der Bundesliga kicken, geht ihr das Faszinierende bald ab. Sie verliert Emotionen. Sie verliert ihren Reiz. In den Stadien sitzen dann Erfolgs- und Modefans, die Sponsorenfreikarten erhalten haben und in ihrer Sitzschale eine Klatschpappe nebst Gebrauchsanleitung vorfinden.

Ich will so einen Fußball nicht. Und die Bundesliga sollte ihn auch nicht wollen.

10 + 1 Gründe, warum der BVB in München gewinnt

Dreimal haben Borussia Dortmund und der FC Bayern München 2014 bereits gegeneinander gespielt. Dreimal gewann der BVB:

– in der Bundesliga in München mit 3:0 (Tore: Mkhitaryan, Reus, Hofmann)

– im DFB-Pokalfinale in Berlin mit 1:0 (Tor: Hummels)

– im Supercup in Dortmund mit 2:0 (Tore: Mkhitaryan, Aubameyang)

(Anm. d. Autors: Wer bezüglich des Pokalfinals Zweifel hegt – hier werden sie ausgeräumthttp://fliggwerk.com/2014/10/28/ruckblende-als-mats-hummels-den-bvb-zum-pokalsieg-2014-kopfte/)

Am Samstag (1.11., 18.30 Uhr) steigt der vierte deutsche „Clásico“ in diesem Jahr. Grob geschätzt 1000 Gründe sprechen dafür, dass Borussia Dortmund auch diesmal wieder die Oberhand behalten wird.

Hier sind nur die zehn wichtigsten:

Erstens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Thomas Müller verzichten. Das rosarote Dirndl des Stürmers verstößt gegen die Spielordnung. Ein Trachtenkleid in den Trikotfarben (rot-blau gestreift) ist auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Das Schiedsrichtergespann streicht Müller daraufhin vom Spielberichtsbogen.

Zweitens: Sportlich läuft es bei den Bayern nun schon im dritten Jahr in Folge so perfekt, dass Matthias Sammer, der fleischgewordene Bluthochdruck, praktisch nichts mehr zu meckern hat. Der Sportdirektor ist in den vergangenen Wochen in einen Wachkoma ähnlichen Zustand gefallen – und das ausgerechnet jetzt, da seine Vertragsverlängerung ansteht. Die Mannschaft beschließt daher, mal richtige Grütze zu spielen, damit Sammer seinem Spitznamen „Motzki“ endlich wieder Ehre machen und Argumente für die Gespräche mit dem Vorstand sammeln kann.

Drittens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Franck Ribéry verzichten. Der Franzose wird auf dem Weg zum Stadion aus dem Mannschaftsbus heraus festgenommen. Später stellt sich heraus: Die bayerische Polizei hat ihn mit einem international gesuchten Radikalislamisten verwechselt.

Viertens: Das Spiel findet unter Flutlicht statt – und da ist der BVB quasi unschlagbar oder jedenfalls in dieser Saison noch ungeschlagen. Klugscheißern, die an dieser Stelle einwenden wollen, dass die mit 0:2 verlorene Partie in Mainz doch auch im Dunkeln endete, sei gesagt: Ja, aber beim Anpfiff war’s noch hell. Basta!

Fünftens: Der FC Bayern muss bereits nach drei Minuten auf Arjen Robben verzichten. Nachdem er zweimal im Tiefflug durch den Dortmunder Strafraum gesegelt ist, zwingt ihn eine Fliegerstaffel der Luftwaffe zur Landung.

Sechstens: Das Spiel wird weder von Nicola Rizzoli noch von Florian Meyer geleitet.

Siebtens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Mario Götze verzichten. Weil der Ex-Dortmunder zum Treffpunkt mit einem Mercedes und im Puma-Shirt erscheint, erzwingen die Bayern-Sponsoren Audi und Adidas seine fristlose Kündigung. Dem Vernehmen nach wird Götze in der Winterpause zum BVB zurückkehren.

Achtens: #rummeniggeisso verrät der BILD kurz vor dem Spiel, er habe das Interesse der Bayern an Marco Reus nur vorgetäuscht, um bei der Borussia Unruhe zu schüren und ein wenig auf dem am Boden liegenden Gegner herum zu trampeln. Blöderweise verrät die BILD das im Kabinengang Marco Reus. Der BVB-Star macht daraufhin das Spiel seines Lebens und erzielt sämtliche sieben Dortmunder Tore.

Neuntens: Der FC Bayern muss langfristig auf Uli Hoeneß verzichten.

Zehntens: Bayern-Siege sind stinklaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig! Die Bundesliga ist stinklaaaaaaaaaangweilig!

Zehntens + 1:

http://www.bundesliga.de/de/bundesliga-tv/partner/fifa-15-ea-prognose-fc-bayern-muenchen-gegen-borussia-dortmund.php

(Bildquelle des Beitragsbildes: Trailer „Die Mannschaft“, Constantin-Film, youtube.com)

Rückblende: Als Mats Hummels den BVB zum Pokalsieg 2014 köpfte

17. Mai 2014

Berlin. Borussia Dortmund hat zum vierten Mal in der Klubgeschichte den Deutschen Fußball-Pokal gewonnen. Im Endspiel vor 74.907 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzte sich der Vizemeister wie schon 2012 gegen den FC Bayern durch. Schütze des goldenen Tores war Nationalspieler Mats Hummels in der 65. Minute. Ein Jahr nach dem Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions-League-Triumph bleibt den Münchenern somit am Ende der ersten Saison unter Startrainer Pep Guardiola allein die Meisterschale.

Es war eine Neuauflage des Finals von 2012. Eine Neuauflage des CL-Endspiels von 2013 – aber das Spiel bot nicht annähernd so viel Spektakel und Rasanz wie die beiden großartigen Duelle in den Vorjahren, als der BVB die großen Bayern einmal nach allen Regeln der Kochkunst filetiert und einmal erst in letzter Minute unglücklich verloren hatte.

Im Mittelpunkt: Robert Lewandowski. Der Dortmunder Weltklasse-Torjäger, 2012 beim 5:2 noch dreifacher Torschütze, bestritt sein letztes Spiel im BVB-Trikot, bevor er ausgerechnet zum FC Bayern wechselt. Doch der Pole trat diesmal kaum in Erscheinung; ihm blieb nur die Nebenrolle.

Beide Mannschaften krochen gewissermaßen auf dem Zahnfleisch ins Olympiastadion. Bei den Bayern fiel nach Bastian Schweinsteiger und Thiago (verletzt) sowie dem ausgemusterten Mario Mandzukic kurzfristig auch noch David Alaba aus. Nach gut einer halben Stunde humpelte obendrein Kapitän Philipp Lahm nach einem Zweikampf mit Nuri Sahin vom Platz; für ihn kam der angeschlagene Franck Ribery. Beim BVB fehlten die Langzeitverletzten Neven Subotic, Jakub Blaszczykowski und Ilkay Gündogan.

Und so hatten sich beide Trainer taktisch etwas einfallen lassen. Pep Guardiola schickte sein Team erstmals in einer 3-4-2-1-Formation aufs Feld; Klopp rückte zugunsten eines 4-3-3 vom eingeübten 4-2-3-1 ab. Besser bekam das zunächst den favorisierten Münchnern, die in einer an Höhepunkten armen ersten Halbzeit ein klares Ballbesitz-Übergewicht hatten.

Erst nach dem Wechsel wurde es munterer, denn nun machten auch die Borussen mit. Erst scheiterte noch Thomas Müller an BVB-Keeper Roman Weidenfeller (56.), dann senkte sich auf der Gegenseite ein abgefälschter Freistoß von Marco Reus gefährlich auf die Latte. Nationalkeeper Manual Neuer hatte den Ball falsch eingeschätzt – und irrte auch in der nächsten Szene durch den Strafraum: Freistoß Nuri Sahin, Kopfballverlängerung Lewandowski – und Mats Hummels köpfte das Spielgerät mit einer akrobatischen Flugeinlage ins Tor. Die Bayern reklamierten doppelt, wollten Hummels im Abseits und den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben. Beides falsch. der Torschütze stand auf gleicher Höhe und Dantes Rettungsversuch erfolgte klar hinter der Linie. Schiedsrichter Florian Meyer zögerte denn auch keine Sekunde und entschied nach einem kurzen Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie auf Tor – 1:0 (65.).

Der FC Bayern mobilisierte nun noch einmal alles, erhöhte den Druck. Doch mehr als eine klare Chance durch Ribery, die erneut Weidenfeller zunichte machte, sprang während der Schlussoffensive nicht heraus. Der Rest war Jubel in Schwarz und Gelb. Wie 2012. Anders als 2013. Die Geschichte des deutschen „Clásico“ ist um ein weiteres Kapitel länger.

Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803